mini|Domorgel im Barockgehäuse von 1718 Die Hauptorgel des Domes zu Halberstadt hat eine Geschichte, die bis um das Jahr 1000 zurückreicht. Aufgrund der ausführlichen Beschreibung und den Abbildungen bei Michael Praetorius ist die spätgotische Orgel von 1495 für die Musikwissenschaft von besonderer Bedeutung. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach ersetzt.

Die heutige große Domorgel wurde 1965 von Orgelbauwerkstatt Eule erbaut. Sie verfügt über 66 Register auf vier Manualen und Pedal.

Weiterhin steht eine zweimanualige Orgel mit 22 Registern von 2001/2002 von Reinhard Hüfken in der Winterkirche des Domes.

Baugeschichte Die erste bekannte Orgel der Bischofskirche wurde bereits um das Jahr 1000 erbaut und beim Dombrand im Jahr 1060 zerstört.Felix Friedrich, Vitus Froesch: Orgeln in Sachsen-Anhalt. 2014, S. 11. Ein neues Instrument wurde in den Jahren 1357(?)–1361 von Nicolaus Faber ohne Pedal erbaut. Das Pedal wurde im Rahmen einer Umsetzung auf die Südempore und einer Überholung durch Gregor Kleng im Jahre 1495 hinzugefügt oder erneuert, und auch die drei vorhandenen Klaviaturen wurden erweitert. Sie war zu diesem Zeitpunkt wohl die größte europäische Blockwerkorgel. Michael Praetorius beschreibt die Orgel in seinem Syntagma musicum II (1619).Michael Praetorius: Syntagma musicum. Band 2: De Organographia. 1619. (Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-7618-1527-1, S. 97–101. Abbildungen der Klaviaturen und Balganlage auf Tafeln XXIV–XXVI.)

Gotische Orgel von 1361/1495 Oberes Diskantklavier H1–g0a0Blockwerk XXXII–LVI 8′ Unteres Diskantklavier H1–g0a0Prinzipal 16′ Bassklavier H1–AHPrinzipal 32′ Pedal H1–AHBlockwerk XVI–XXIV 16′

Praetorius gibt die Länge der größten Pfeife (Prinzipal 32′ auf der Taste H1) mit 31′ an. Bezogen auf die heutige Normalstimmung mit a1 = 440 Hz ließ diese Pfeife etwa den Ton Subkontra-Cis erklingen. Damit lag die absolute Stimmung der Orgel etwa anderthalb Halbtöne über der heutigen Normalstimmung.

Die Angaben bei Praetorius werden dadurch erschwert, dass er zwischen den Zuständen von 1361 und 1495 nicht unterscheidet, dass sie zu den Klaviaturumfängen widersprüchlich sind und zu den Abbildungen nicht passen, dass von Druckfehlern im Text auszugehen ist.Klotz: Über die Orgelkunst der Gotik, der Renaissance und des Barock. 1986, S. 14.

Hans Klotz errechnete, von Maß Braunschweiger Fuß ausgehend, eine Länge von 8,91 m (ohne Stiefel) und einen Durchmesser von 31,5 cm für diese Pfeife. Klotz hält den von ihr erzeugten Ton als, von a1 = 440 Hz ausgehend, zwischen Cis und D liegend. Die Halberstädter Orgel war demnach die erste, die Töne am unteren Ende des vom Menschen hörbaren Frequenzbereichs erzeugte. Ihr Klang wird der Überlieferung nach so geschildert: ‘‘Dieses Pedal Clavir hat ... wegen der grösse der praestanten ... ein solch tieffes grobes brausen und grewliches grümmeln....‘‘‘Een trotsche en allerheerlykste vertooning’ Een onderzoek naar de geschiedenis, de aard en het gebruik van het 32-voets orgelregister tot 1800, S. 5. Siehe: http://www.pleijsier.net/scriptie.pdf (Text auf Niederländisch)

Technik und Erläuterungen mini|Klaviere der Orgel, Abbildung bei Praetorius – die Untertasten im Diskantklavier sind ca. 6 cm breit. Die oben angegebene Disposition ist, da das Instrument nicht mehr existiert, mit entsprechenden Unsicherheiten behaftet. So ist es möglich, dass die beiden einzeln spielbaren Prinzipale mehrere Pfeifenreihen im Einklang, in der Oktave und der Superoktave enthielten. Die Orgel verfügte nicht über Register im heutigen Sinn. Jedes Werk stand auf einer eigenen, ungeteilten Windlade.

Die Untertasten der beiden Diskantklaviere können ursprünglich Zugtasten für Tonschleifen gewesen sein, wie es die Abbildung bei Praetorius nahelegt.Friedrich Jakob u. a.: Die Valeria-Orgel. Zürich 1991, S. 30, Bildunterschrift Deren Obertasten und die Tasten der anderen Klaviaturen hingegen müssen von vorneherein Drucktasten gewesen sein. Das Bassklavier wurde laut Praetorius mit den Händen oder mit den Knien gespielt. Es setzte das Untere Diskantklavier in der Tiefe fort, das vermutlich für leisere Stücke und der Gesangsbegleitung diente. Für die beiden Blockwerke nimmt Praetorius die folgenden Besetzungen mit entsprechenden progressiven Verstärkungen vor allem in den höheren Lagen an:

Oberes Diskantklavier: 8′ + 4′ + ′ + 2′ + ′ + 1′ + ′

Pedal: 16′ + 8′ + ′ + 4′ + ...

Die Orgel besaß 20 Bälge, von denen jeweils zwei von einem Kalkanten getreten wurden.

16.–19. Jahrhundert Der Orgelbauer David Beck baute um 1590 eine zweite Orgel auf der Westempore, die über zwei Manuale und Pedal verfügte. Vermutlich war die gotische Orgel zu diesem Zeitpunkt nicht mehr spielbar; um 1680 galt sie als defekt. Im Jahre 1685 ist eine Renovation der alten Orgel bezeugt, danach verliert sich ihre Spur. Im Jahr 1717 erfolgte die Umsetzung der Beck-Orgel in die Andreas-Kirche des Franziskanerklosters Halberstadt. Ernst Röver baute 1913 ein neues Orgelwerk hinter dem barocken Prospekt, die Orgel mit dem Beck-Prospekt wurde mitsamt der Klosterkirche am 8. April 1945 zerstört.

Heinrich Herbst (Magdeburg) baute 1718 mit seinem Sohn Heinrich Gottfried eine neue dreimanualige Orgel, deren barocker Orgelprospekt noch erhalten ist. Das Werk hatte 66 Register mit drei Spielanlagen für das Hauptwerk und zwei Seitenwerke. Eines der Seitenwerke war für das Continuospiel im niedrigeren Kammerton gestimmt, das andere im Chorton. Die Prospektgestaltung nahm auf eine Fensterrosette in der Westfassade Rücksicht, indem ein Tunnel für den Lichteinfall durch dieses Fenster ins Langhaus in den Prospekt eingearbeitet wurde.Kurze Orgelchronik des Halberstädter Doms. Abgerufen am 11. September 2019. Die Orgel gehörte damit zu den größten in Deutschland und kostete 12.000 Taler.Felix Friedrich, Vitus Froesch: Orgeln in Sachsen-Anhalt. 2014, S. 12. Umbauten 1837/1838 durch Johann Friedrich Schulze und 1861 durch Carl August Buchholz und seinen Sohn Carl Friedrich Buchholz führten zu einem symphonisch-romantisch klingenden Instrument. Verbunden mit dem Einbau einer neogotischen Steinempore 1866 wurde der Prospekt nach oben versetzt und nach vorn ausgedehnt, wodurch der Lichteinfall durch den Tunnel abnahm.

Neubau 1901 durch Röver 40 Jahre nach der eingreifenden Umgestaltung durch Buchholz errichtete Ernst Röver (Hausneindorf) 1901 einen kompletten Neubau mit pneumatischen Kastenladen hinter dem Prospekt von Herbst. Nach einem Umbau durch Ernst Palandt & Wilhelm Sohnle (beide Halberstadt) im Jahr 1942 wies die Orgel folgende Disposition mit 63 Registern auf: I Manual C– Prinzipal 16' Bordun 16′ Prinzipal 8′ Rohrgedackt 8′ Quintade 8′ Gambe 8′ Quintflöte ′ Oktave 4′ Querflöte 4′ Quinte ′ Oktave 2′ Waldflöte 2′ Hintersatz VI Mixtur VI–VIII Trompete 16′ Trompete 8′ II Manual C– Quintade 16′ Prinzipal 8′ Holzflöte 8′ Gedackt 8′ Streichflöte 8′ Oktave 4′ Rohrflöte 4′ Nasat ′ Oktave 2′ Klein Gedackt 2′ Terz ′ Sifflöte 1′ Scharff IV Trompete 8′ Krummhorn 8′ Trompete 4′ III Schwellwerk C– Flauto Amabile 8′ Gedackt 8′ Salizional 8′ Prinzipal 4′ Nachthorn 4′ Geigenschwebung 4′ Schwiegel 2′ Spillflöte 2′ Spitzquinte ′ Sesquialter II Quintzimbel III Rankett 16′ Vox Humana 8′ Tremulant Pedal C– Untersatz 32′ Prinzipalbaß 16′ Subbaß 16′ Salizetbaß 16′ Oktavbaß 8′ Gedacktbaß 8′ Cello 8′ Oktave 4′ Gedackt 4′ Nachthorn 2′ Rauschpfeife IV Mixtur V Posaune 32′ Posaune 16′ Dulzian 16′ Trompete 8′ Trompete 4′ Singend Kornett 2′

Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P, Superoktavkoppel I/I, Suboktavkoppel II/I

Die Orgel wurde 1945 zwar von direkten Schäden durch Bombentreffer verschont, jedoch durch die in den zerbombten Dom eindringende Feuchtigkeit stark geschädigt.

Eine kleine Orgel Rövers (op. 91, Baujahr 1900) diente während des Neubaus des großen Orgelwerk als Behelfsinstrument, bis es 1904 in den Magdeburger Dom umgesetzt wurde. Nach einer weiteren Station ab 1908 im Mädchengymnasium Lüneburg steht es seit dem Jahr 2000, vom Halberstädter Orgelbauer Reinhard Hüfken restauriert, im Domgymnasium Magdeburg.

I Hauptwerk C–f3 Bordun 16′ Principal 8′ Hohlflöte 8′ Zartgedackt 8′ Gambe 8′ Octave 4′ Mixtur II ′ + 2′ II Manual C–f3 Gedackt 8′ Salicional 8′ Aeoline 8′ Voix céleste 8′ Flauto dolce 4′ Pedal C–d1 Subbass 16′ Offenbass 8′ Gedacktbass 8′ Koppeln: I/I Super, II/I, I/P, II/P Spielhilfen: 5 feste Kombinationen (p, mf, f, ff, Tutti) Calcantenzug

Neubau 1965 durch Eule Die jetzige Orgel wurde 1962–1965 von Eule erbaut und 1985 überarbeitet. Der Prospekt von Herbst sowie mehrere Register (Principal 16′ des HW und einige Pedalregister), Prospektpfeifen sowie der Hauptbalg von Röver waren erhalten und wurden in den Neubau einbezogen.https://fk.kirchenmusik-halberstadt.de/wp-content/uploads/2022/11/Disposition-EHDomorgel-Website-1801-1.pdf Jedoch wurde der Lichttunnel geschlossen, und auch die Freiräume beidseits des Prospektes sind seither zugebaut. Durch die Firma Reinhard Hüfken wurden zur klanglichen Verbesserung im Jahr 2000 Koppeln ergänzt, die Manualkoppeln elektrifiziert und eine Setzeranlage eingebaut.Felix Friedrich, Vitus Froesch: Orgeln in Sachsen-Anhalt. 2014, S. 13. Die Registerzüge der beiden Seitenspieltische sind bis heute erhalten.

Ehrgeizige Pläne sehen einen weitgehenden Neubau eines Orgelwerks mit etwa 80 Registern hinter dem inzwischen restaurations- und reparaturbedürftigen Herbst-Prospekt vor. Das Werk von Eule, mit Nachkriegsmaterial gebaut, gilt inzwischen als mangelhaft. Dabei soll der Prospekt so rück-positioniert werden, dass das Tageslicht wieder wie 1718 ins Innere fällt. Die beiden Seitenspieltische sollen wieder eine Funktion bekommen, indem sie je ein kleines Orgelwerk mit je 8 Registern (eines im Chor- und eines im Kammerton) anspielen. Die Kosten für das ganze Projekt wurden 2022 mit knapp 5 Millionen Euro veranschlagt.

Disposition seit 1965

I Hauptwerk C–g3 1. Principal 16′ 2. Octave 8′ 3. Rohrpommer 8′ 4. Octave 4′ 5. Spillflöte 4′ 6. Waldflöte 2′ 7. Terz ′ 8. Großsesquialtera III 9. Großmixtur V–VIII 10. Scharf IV–VI 11. Fagott 16′ 12. Trompete 8′ II Unterwerk C–g3 13. Quintatön 16′ 14. Principal 8′ 15. Holzflöte 8′ 16. Spitzgambe 8′ 17. Octave 4′ 18. Rohrflöte 4′ 19. Nasard ′ 20. Octave 2′ 21. Nachthorn 2′ 22. Schwiegel 1′ 23. Kornett II–IV 24. Kleinmixtur IV–VI 25. Krummhorn 8′ 26. Clairon 4′ Tremulant III Schwellwerk C–g3 27. Principal 8′ 28. Weitgedackt 8′ 29. Weitprincipal 4′ 30. Quintade 4′ 31. Flachflöte 2′ 32. Scharfquinte ′ 33. Sesquialtera II 34. Tonus fabri II 35. Rauschwerk V 36. Dulzian 16′ 37. Hautbois 8′ Tremulant IV Positiv C–g3 38. Quintade 8′ 39. Spitzgedackt 8′ 40. Blockflöte 4′ 41. Principal 2′ 42. Terzian II 43. Sept-Non II 44. Zimbel III 45. Trichterregal 8′ 46. Rohrschalmey 4′ Tremulant Glockenspiel Pedal C–f1 47. Untersatz 32′ 48. Principalbass 16′ 49. Subbass 16′ 50. Zartbass 16′ 52. Octavbass 8′ 53. Gedacktbass 8′ 54. Octave 4′ 55. Rohrflöte 4′ 56. Dolkan 2′ 57. Großzink III 58. Rauschwerk III 59. Choralmixtur IV 60. Bombarde 32′ 61. Posaune 16′ 62. Dulzian 16′ 63. Trompete 8′ 64. Trompete 4′ 65. Schalmey 2′

Koppeln: Normalkoppeln: II/I, III/I, IV/I, III/II, IV/II, IV/III, III/IV Suboktavkoppeln: I/I, II/I, III/I, II/II, III/II, III/III, IV/III, IV/IV Superoktavkoppeln: I/I, II/I, III/I, II/II, III/II, III/III, IV/IV Spielhilfen: Zungenabsteller, Setzeranlage

Technische Daten 66 Register 5184 Pfeifen Traktur: Tontraktur: Mechanisch Registertraktur: elektropneumatisch Koppeln: elektrisch

Winterkirchenorgeln

Knauf-/Sohnle-Orgel