Der ausgestorbene Europäische Waldelefant oder Eurasische Altelefant (Palaeoloxodon antiquus, früher auch Elephas antiquus) lebte im mittleren und oberen Pleistozän in Europa und Vorderasien. Oft wird die Art auch nur als Waldelefant bezeichnet, was allerdings zu Verwechslungen mit dem heutigen, afrikanischen Waldelefanten (Loxodonta cyclotis) führen kann. Der Europäische Waldelefant gehört zu den echten Elefanten (Elephantidae), die sich durch die Reduktion der unteren Schneidezähne, die Bildung von langen Stoßzähnen aus den oberen Schneidezähnen und die Lamellenstruktur der Backenzähne auszeichnen.

Habitat und Klimaanspruch mini|links|Mögliches Verbreitungsgebiet des Palaeoloxodon antiquus. Dargestellt ist die maximale Ausdehnung des Verbreitungsgebietes des Europäischen Waldelefanten während der Warmzeiten. Die schwarzen Punkte stellen wichtige Fundplätze dar, die Ellipse das hypothetische Verbreitungsgebiet.

Der Europäische Waldelefant bevorzugte parkähnliche Landschaften und Laubwälder und war mit seinem klimatischen Anspruch vermutlich an submediterranes und mediterranes Klima angepasst. Sein Hauptverbreitungsgebiet umfasste daher Europa südlich der Alpen und Vorderasien. In den Interglazialen des Cromer-Komplexes (vor 850.000 bis 475.000 Jahren), der Holstein-Warmzeit (vor 340.000 bis 325.000 Jahren) und der Eem-Warmzeit (vor 126.000 bis 115.000 Jahren) waren diese Bedingungen auch für weite Gebiete nördlich der Alpen gegeben. Teilweise war es in diesen Zeitabschnitten während des Klimaoptimums durchschnittlich sogar um bis zu 3 °C wärmer als heute. Da der Europäische Waldelefant aber während der gesamten Dauer dieser Warmzeiten in Europa nördlich der Alpen präsent war, muss er zumindest auch mit kühl-gemäßigtem Klima zurechtgekommen sein.

Während der Warmzeiten, vor allem der Eem- und Cromer-Warmzeit, breitete sich der Europäische Waldelefant auch in West-, Mittel- und Osteuropa aus, wobei er aber Irland und Fennoskandinavien nicht erreichte. Weit nördlich gelegene Fundstellen in Mitteleuropa befinden sich bei Raalte (Niederlande), Verden (Niedersachsen) und auf der dänischen Insel Fünen. Im Osteuropäischen Flachland (Polen, Westrussland) drang er noch weiter nach Norden vor. Als Obergrenze wird hier der 55. Breitengrad genannt (Fundort bei Moskau).Diana Pushkina: The Pleistocene easternmost distribution in Eurasia of the species associated with the Eemian Palaeoloxodon antiquus assemblage. Mammal Review 37, 2007, S. 224–245 Die östlichste Verbreitung der Tierart ist nicht geklärt, da es hier zu Überschneidungen mit Palaeoloxodon namadicus kommen kann. Der Waldelefant ist Namensgeber des sogenannten Palaeoloxodon-antiquus-Faunenkomplexes, der vor allem in den mittel- und jungpleistozänen Warmzeiten das Europa nördlich der Alpen beherrscht und dem außerdem auch das Waldnashorn, der Rot- und Damhirsch, das Reh, das Wildschwein, der Auerochse und gelegentlich auch das Flusspferd angehören.Wighart von Koenigswald: Lebendige Eiszeit. Klima und Tierwelt im Wandel. Stuttgart, 2002, S. 153–155

Bei der klimatischen Abkühlung am Ende der jeweiligen Warmzeiten zogen sich diese nördlichen Palaeoloxodon antiquus-Populationen nach Südwesten und Südosten in das wärmere Mittelmeergebiet zurück oder starben lokal aus. In den frei gewordenen Arealen wurden sie dann jeweils in den frühen Kaltzeiten durch Steppen- und späteren Kaltzeiten durch Wollhaarmammuts des Mammuthus-Coelodonta-Faunenkomplexes ersetzt. Diese Kältesteppenfauna zog sich während der Warmzeiten jeweils nach Nordosteuropa und Nordasien zurück.Ralf-Dietrich Kahke: Die Entstehungs-, Entwicklungs- und Verbreitungsgeschichte des oberpleistozönen Mammuthus-Coelodonta-Faunenkomplexes in Eurasien (Großsäuger). Abhandlungen der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft 546, Frankfurt am Main, 1994 Nach dem Ende der Eem-Warmzeit gab es noch eine schwindende Population des Europäischen Waldelefanten im Mittelmeergebiet, deren letzte Vertreter während der Weichsel-Kaltzeit (vor 115.000 bis 11.700 Jahren) ausstarben bzw. ausgerottet wurden.

Aussehen und Lebensweise mini|links|Die Rekonstruktion eines europäischen Waldelefanten, dessen 200.000 Jahre alte Überreste 1986 am heutigen Geiseltalsee (Sachsen-Anhalt) entdeckt wurden (Dauerausstellung in der Pfännerhall, Braunsbedra) mini|Schädel und Miniatur-Modell eines Europäischen Waldelefanten im Archäologischen Museum in Madrid mini|Reste des Europäischen Waldelefanten im Naturkundemuseum von Rotonda, Italien mini|Konservierter Stoßzahn eines Waldelefanten mini|Lebendrekonstruktion (Zeichnung) Häufig werden vom Europäischen Waldelefanten, wie bei fast allen fossilen Wirbeltieren, vor allem einzelne Knochen und besonders Zähne – als härteste Bestandteile des Skeletts – gefunden, Funde ganzer Skelette sind selten. Aufgrund der allerdings zahlreichen Funde und des Vergleichs mit rezenten Vertretern der Elephantidae-Gruppe können hier doch einige genauere Aussagen gemacht werden.

Der Europäische Waldelefant war nicht nur größer als das Wollhaarmammut (Mammuthus primigenius), sondern im Durchschnitt auch etwas größer als der heutige Afrikanische Steppenelefant (Loxodonta africana). Er gehört damit zu den größten Rüsseltieren, die je auf der Erde gelebt haben. Die Art besaß jedoch, vergleichbar mit den rezenten Elefanten, einen deutlich ausgeprägten Sexualdimorphismus. Bullen erreichten eine Schulterhöhe von bis zu 4,2 m bei einem Lebendgewicht von 6 bis maximal 11 t, während Kühe bis zu 3 m groß wurden und im Maximum 6 t wogen. Die Körperform entsprach in etwa der der heutigen Asiatischen Elefanten (Elephas maximus) mit einer steilen Stirnpartie und zwei Höckern auf dem Kopf (Kranialdom), die manchmal auch einen Querwulst bildeten. Typischerweise nehmen bei extrem großen Elefantenarten die Vorderbeine im Verhältnis zu den Hinterbeinen an Länge zu. Beim Europäischen Waldelefanten war der Oberarmknochen daher im Vergleich zum Afrikanischen Elefanten bei einem etwa gleichgroßen Oberschenkelknochen deutlich länger. Die Rumpflinie fiel dadurch bei ersterem deutlich stärker vom Kopf Richtung Hinterteil ab, jedoch nicht so auffallend wie beim Wollhaarmammut. Zudem lud aber auch das Becken markant weiter aus.Asier Larramendi, Maria Rita Palombo und Federica Marano: Reconstructing the life appearance of a Pleistocene giant: size, shape, sexual dimorphism and ontogeny of Palaeoloxodon antiquus (Proboscidea:Elephantidae) from Neumark-Nord 1 (Germany). Bollettino della Società Paleontologica Italians 56 (3), 2017, S. 299–317 Markant sind vor allem die bis zu 3 m langen Stoßzähne, die durchgehend, nur leicht, teilweise aber in sich gebogen und dadurch seitlich weit ausladend waren.Maria Rita Palombo, Ebru Albayrak und Federica Marano: The straight-tusked Elephants from Neumar-Nord. A glance into a lost world. In: Harald Meller (Hrsg.): Elefantenreich – Eine Fossilwelt in Europa. Halle/Saale, 2010, S. 219–251Wighart von Koenigswald: Lebendige Eiszeit. Klima und Tierwelt im Wandel. Stuttgart, 2002, 51–53Die in der Literatur häufige vorkommende Beschreibung, die Stoßzähne des Europäischen Waldelefanten wären besonders gerade und nur im letzten Drittel leicht gekrümmt, woher auch der englische Name straight-tusked elephant für diese Tierart herrührt, ist weitgehend nicht korrekt und geht nach Aussage vom M. R. Palombo auf die Funde von Riano (Italien) zurück. Diese waren aber durch Sedimentauflast stark deformiert und teilweise gebrochen. Das jetzige Aussehen der Stoßzähne von Riano ist dabei ein Resultat der Konservierung. Siehe auch Karol Schauer 2010.

Da im Gegensatz zum ebenfalls pleistozänen Wollhaarmammut keine konservierten Weichteile vorliegen, kann über das weitere Aussehen des Europäischen Waldelefanten nur wenig gesagt werden. Der in der Nasenregion ansetzende Rüssel muss aufgrund der erhaltenen Muskelansatzstellen im Vergleich zum Asiatischen Elefanten sehr muskulös gewesen sein und wird auf eine Länge von bis zu 280 cm rekonstruiert.Karol Schauer: Wie sahen sie aus? Zur Rekonstruktion des Elephas (Palaeoloxodon) antiquus aus den Seeablagerungen von Neumark-Nord. In: Harald Meller (Hrsg.): Elefantenreich – Eine Fossilwelt in Europa. Halle/Saale, 2010, S. 296–313 Über den Aufbau des Rüsselendes ist allerdings nichts bekannt. Ob diese Tierart ein Fell hatte, ist spekulativ, da aber auch rezente Elefanten nicht völlig nackt sind, ist zumindest eine leichte Behaarung anzunehmen. Das Auftreten des Rüsseltiers in den zwar warmzeitlich geprägten, aber immer noch winterkalten Landschaften Europas nördlich der Alpen macht eine zumindest stärkere Behaarung des Europäischen Waldelefanten gegenüber den heutigen Vertretern der Elefanten wahrscheinlich.Die überwiegende Darstellung des Europäischen Waldelefanten in Lebendrekonstruktionen als nackt geht sicher auf einen psychologischen Effekt zurück, der verdeutlichen soll, dass das Rüsseltier in einer warmen Umgebung lebte. Siehe auch Karol Schauer 2010. Die Größe der Ohrmuschel ist ebenfalls unbekannt, könnte hier aber aufgrund der Verwandtschaftsverhältnisse und wiederum der klimatischen Anpassung eher in der Variationsbreite zwischen den Asiatischen Elefanten und den Mammuten als in der der Afrikanischen Elefanten liegen.Karol Schauer: Wie sahen sie aus? Zur Rekonstruktion des Elephas (Palaeoloxodon) antiquus aus den Seeablagerungen von Neumark-Nord. In: Harald Meller (Hrsg.): Elefantenreich – Eine Fossilwelt in Europa. Halle/Saale, 2010, S. 296–313

Wie die rezenten Elefanten war der Europäische Waldelefant vermutlich ein Herdentier, das in Verbänden von Mütter- und Jungtieren lebte, während die erwachsenen Bullen weitgehend einzelgängerisch waren oder sich in eigenen Gruppen zusammenschlossen. Auch die Gruppengröße und das Territorialverhalten dürften sich nicht sehr von den heutigen Elefanten unterschieden haben. Ebenso wird er wie die rezenten Verwandten stark von Frischwasser abhängig gewesen sein, was sicherlich seine Wanderungsbewegungen stark beeinflusste.Ulrich Joger: Lebensweise und Ökologie moderner Elefanten: Sind Rückschlüsse auf den Waldelefanten und seine Umwelt möglich? In: Harald Meller (Hrsg.): Elefantenreich – Eine Fossilwelt in Europa. Halle/Saale, 2010, S. 314–321 Auf die Lebensweise in matriarchalischen Familienverbänden deuten unter anderem Ichnofossilien aus Matalascañas im südwestlichen Spanien hin. In der einst dünenreichen Landschaft wurden zahlreiche Trittsiegel des Europäischen Waldelefanten mit variablen Größen entdeckt. Anhand der Ausmaße kann auf einen größeren Anteil an Jungtieren geschlossen werden. Hinzu kommen ausgewachsene weibliche Tiere, während große Bullen nur rar in Erscheinung treten. Es wird vermutet, dass die Region ein einst bevorzugtes Fortpflanzungsrefugium darstellte.Carlos Neto de Carvalho, Zain Belaústegui, Antonio Toscano, Fernando Muñiz, João Belo, Jose María Galán, Paula Gómez, Luis M. Cáceres, Joaquín Rodríguez-Vidal, Pedro Proença Cunha, Mario Cachão, Francisco Ruiz, Samuel Ramirez-Cruzado, Francisco Giles-Guzmán, Geraldine Finlayson, Stewart Finlayson und Clive Finlayson: First tracks of newborn straight-tusked elephants (Palaeoloxodon antiquus). Scientific Reports 11, 2021, S. 17311, doi:10.1038/s41598-021-96754-1 Ein sehr seltenes Skelett eines Kalbes von rund fünf Jahren stammt wiederum aus der Cova del Rinoceront im Nordwesten der Iberischen Halbinsel. Für das Individuum wird eine Schulterhöhe von 1,78 bis 1,87 m und ein Gewicht von 1,45 bis 1,5 t rekonstruiert. Sowohl die Trittsiegel als auch das Skelett stammen aus Ablagerungen der letzten Warmzeit.Maria Rita Palombo, Montserrat Sanz und Joan Daura: The complete skeleton of a straight-tusked elephant calf from Cova del Rinoceront (Late Pleistocene, NE Iberian Peninsula): New insights into ontogenetic growth in Palaeoloxodon antiquus. Quaternary Science Reviews 274, 2021, S. 107257, doi:10.1016/j.quascirev.2021.107257