mini|hochkant=1.45|Barockorgel von 2019 Die Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis im hannoverschen Stadtteil Calenberger Neustadt verfügt über zwei Orgeln: Die Spanische Orgel aus dem Jahr 2001 von Patrick Collon aus Belgien mit 18 geteilten Registern und die im Jahr 2019 vom belgischen Orgelbauer Dominique Thomas geschaffene Barockorgel, die über 51 Register auf drei Manualen und Pedal verfügt.Irmgard Knüppel: Das Orgelabenteuer. In: Christiane Buddenberg-Hertel, Irmgard Knüppel: Unser Kirchenmusikdirektor – Die gemeinsamen Jahre 1991–2020 mit Lothar Mohn. Selbstverlag, Herstellung: Christiane Buddenberg-Hertel und Peter Hertel, Hannover 2021, S. 201–211. Sie ersetzt die 2010 verkaufte Hauptorgel von Detlef Kleuker mit 38 Registern.
Hauptorgel (Barockorgel) mini|Orgel bis 1945 Für das Jahr 1575 ist die Tätigkeit des Orgelbauers Christoff Kahren im Vorgängerbau nachgewiesen. Der hannoversche Hoforgelbauer Hermann Willenbrock (Wullenbrock) schuf für die neue Kirche eine neue Orgel, die am 25. Mai 1702 eingeweiht wurde.Skupnik: Der hannoversche Orgelbauer Christian Vater. 1976, S. 28.Christiane Buddenberg-Hertel: Orgeln seit 1702. In: Christiane Buddenberg-Hertel, Irmgard Knüppel: Unser Kirchenmusikdirektor – Die gemeinsamen Jahre 1991–2020 mit Lothar Mohn. Selbstverlag, Herstellung: Christiane Buddenberg-Hertel und Peter Hertel, Hannover 2021, S. 199 f. Von seinem verstorbenen Schwiegervater Johann Anton Coberg übernahm der Orgelbauer Christian Vater, der am 11. November 1679 in der Neustädter Kirche getauft wurde, 1708/1709 das Organistenamt. Von 1706 bis 1756 war Vater, der anfänglich in Konkurrenz zu Wullenbrock stand,Dirk Böttcher (Hrsg.): Hannoversches biographisches Lexikon. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2002, ISBN 3-87706-706-9, S. 368. für die Wartung und Stimmung der Orgel zuständig und erhielt zusammen für die Pflegearbeiten der Orgel in der Schlosskapelle jährlich 50 Reichstaler. Für eine größere Reparatur der Neustädter Orgel im Jahr 1719 erhielt Vater zusätzliche 50 Rthlr.Skupnik: Der hannoversche Orgelbauer Christian Vater. 1976, S. 29. Die Brüder Carl Wilhelm und Eduard Meyer errichteten 1857/1858 eine neue Orgel im barocken Gehäuse, die mit 44 Registern auf drei Manualen und Pedal ausgestattet war. Dieses Instrument wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.Christiane Buddenberg-Hertel: Orgeln seit 1702. In: Christiane Buddenberg-Hertel, Irmgard Knüppel: Unser Kirchenmusikdirektor – Die gemeinsamen Jahre 1991–2020 mit Lothar Mohn. Selbstverlag, Herstellung: Christiane Buddenberg-Hertel und Peter Hertel. Hannover 2021, S. 199.
Orgel nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Wiederaufbau der Kirche baute Detlef Kleuker 1963 auf der Westempore eine neue Hauptorgel, die über 38 Register verfügte, die auf drei Manuale und Pedale verteilt waren. Stilistisch war das Instrument mit den zahlreichen Zungenregistern und gemischten Stimmen in allen vier Werken stark neobarock geprägt. Die Orgel wurde aufgrund irreparabler Materialfehler außer Dienst gestellt und im Juni 2010 in die Niederlande verkauft. In stark umgebauter Form wurde die Orgel 2013/2014 von Ide Boogaard unter Verwendung von Pfeifenwerk und der Windladen von Kleuker in der Ichthuskerk in Urk aufgestellt.Irmgard Knüppel: Das Orgelabenteuer. In: Christiane Buddenberg-Hertel, Irmgard Knüppel. Unser Kirchenmusikdirektor – Die gemeinsamen Jahre 1991–2020 mit Lothar Mohn. Selbstverlag, Herstellung: Christiane Buddenberg-Hertel und Peter Hertel, Hannover 2021, S. 208 f. Das Instrument verfügte in der Neustädter Kirche über folgende Disposition:Kleuker-Orgel, abgerufen am 1. November 2019. I Hauptwerk C–g3 Quintade 16′ Prinzipal 8′ Spillflöte 8′ Oktave 4′ Gedackt 4′ Nasat ′ Oktave 2′ Mixtur VI Scharffzimbel III Trompete 16′ Trompete 8′ II Schwellwerk C–g3 Rohrflöte 8′ Viola da Gamba 8′ Prinzipal 4′ Gemshorn 4′ Waldflöte 2′ Sesquialtera II Scharff V Dulzian 16′ Oboe 8′ III Brustwerk C–g3 Gedackt 8′ Rohrflöte 4′ Prinzipal 2′ Quinte ′ Terzian II Zimbel III Regal 8′ Tremolo Pedal C–f1 Prinzipal 16′ Subbaß 16′ Oktave 8′ Gedackt 8′ Oktave 4′ Hohlflöte 4′ Bauernflöte 2′ Mixtur VI Posaune 16′ Trompete 8′ Clairon 4′ Koppeln: II/I, III/I, I/P, II/P Spielhilfen: 2 freie Kombinationen, Pleno, Zungen ab
Die Aufstellung einer Orgel der englischen Werkstatt Forster & Andrews aus dem Jahr 1902 als neue Hauptorgel auf der Westempore war für das Jahr 2011 vorgesehen, wurde aber nicht ausgeführt.Pfeifenorgeln in Hannover, abgerufen am 1. Januar 2020. Stattdessen wurde die englische Orgel 2018 durch Orgelbau Reinhard Hüfken in der Nazareth-Kirche aufgestellt.Irmgard Knüppel: Das Orgelabenteuer. In: Christiane Buddenberg-Hertel, Irmgard Knüppel: Unser Kirchenmusikdirektor – Die gemeinsamen Jahre 1991–2020 mit Lothar Mohn. Selbstverlag, Herstellung: Christiane Buddenberg-Hertel und Peter Hertel, Hannover 2021, S. 204–210.
Neue Barockorgel mini|Spieltisch der Thomas-Orgel Im Jahr 2019 erhielt die Kirche nach 112 Monaten ohne Hauptorgel eine neue Orgel an Stelle der 2010 verkauften Kleuker-Orgel.Lothar Mohn in: Die Brücke. Gemeindebrief, August bis Oktober 2019, S. 8. Die belgische Werkstatt Manufacture d’Orgues Thomas aus Stavelot baute eine Barockorgel mit 51 Registern auf drei Manualen und Pedal für eine adäquate Wiedergabe deutscher barocker Orgelmusik, insbesondere der Werke Johann Sebastian Bachs.
Am 27. Oktober 2019 wurde die Barockorgel eingeweiht. Eigentümerin ist die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, die sie zu Ausbildungs- und Übezwecken nutzt. Die Finanzierung erfolgte durch das Land Niedersachsen mit 1,2 Mio. Euro und die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers mit 76.000 Euro. Die Kirchengemeinde finanzierte den rund 150.000 Euro teuren Umbau der Orgelempore.
Die Disposition lautet:
I Hinterwerk C–f3 Gedackt 8′Holz Spitzflöt 8′ Quintadena 8′ Salicional 8′C–H aus Gedackt 8′ Traversflöt 4′ Fugara 4′ Gemshorn 2′ Quinta ′ Cornet IIIab c1 Dulcian 16′ Schalmey 8′ Tremulant II Hauptwerk C–f3 Principal 16′Prospekt Principal 8′ Rohrflöt 8′ Gemshorn 8′ Viola di Gamba 8′ Octava 4′ Spitzflöt 4′ Quinta 3′ Octava 2′ Sesquialtera I ′ Mixtur IV–VIzwei Positionen (erste Position 8′-Lage, zweite Position 16′-Lage mit Terz) Cymbel III Fagott 16′ Trompete 8′ III Oberwerk C–f3 Quintadena 16′ Principal 8′ Gedackt 8′ Traversflöt 8′Holz, C–H aus Gedackt 8′ Unda Maris 8′Schwebung, ab c0 Octava 4′ Rohrflöt 4′ Nasat 3′ Octava 2′ Tertia ′ Sifflöt 1′ Mixtur III Cromhorn 8′ Vox Humana 8′ SchwebungTremulant Pedal C–f1 Untersatz 32′ab c0 aus Subbass 16′ Principalbass 16′ Subbass 16′ Violonbass 16′ Octavbass 8′C–H aus Principalbass 16′ Gedacktbass 8′Metall Violon 8′C–H aus Violonbass 16′ Octava 4′ Mixtur IVzwei Positionen (erste Position Quinte ′, zweite Position alle vier Chöre) Posaunbass 16′ Trompetbass 8′ Clarinbass 4′
Koppeln: Manualkoppeln: I/II, III/II (als Schiebekoppeln) Pedalkoppeln: I/P, II/P, III/P (als Registerzüge) Cymbelstern Stimmung: wohltemperiert Le Divellec nach Neidhardt „für eine große Stadt“ 1724 (6 Terzen besser als rein, Es-Dur-Terz wie gleichschwebend) Tonhöhe: a1 = 440 Hz bei 16 °C Ein Registerzug mit Namen „Vakant“ aus Gründen der Symmetrie der Anordnung der Registerzüge
Anmerkungen
Spanische Orgel mini|links|Spanische Orgel von 2001 mini|Spieltisch der Collon-Orgel mini|Horizontalzungen Die Orgel wurde 1998–2001 von Patrick Collon (Belgien) erbaut. Das Instrument ist auf der nördlichen Seitenempore, in Längsrichtung etwa mittig auf der Empore, aufgestellt.Christiane Buddenberg-Hertel: Orgeln seit 1702. In: Christiane Buddenberg-Hertel, Irmgard Knüppel: Unser Kirchenmusikdirektor – Die gemeinsamen Jahre 1991–2020 mit Lothar Mohn. Selbstverlag, Herstellung: Christiane Buddenberg-Hertel und Peter Hertel, Hannover 2021, S. 200.
Die Orgel ist kein Nachbau einer bestimmten spanischen Barockorgel. Vielmehr handelt es sich um einen Neubau nach den Gestaltungsprinzipien der spanischen Barockorgel. Die Konstruktion lehnt sich an die aus dem 17. Jahrhundert stammende Orgel in der Iglesia Colegial zu Lerma (Kastilien/Nähe Burgos) an. Weitere Vorbilder sind die Orgeln aus Covarrubias (Provinz Burgos) und aus Lietor (Provinz Albacete).Patrick Collon: Die spanische Orgel der Musikhochschule Hannover. In: Ars Organi. 51, 2003, S. 43–45.
Eigentümerin der Orgel ist die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover,Patrick Collon: Was ist eine spanische Orgel? Erklärungen zur Spanischen Orgel der Hochschule für Musik und Theater Hannover in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis, in: Kirchenvorstand der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis Hannover (Hrsg.): Informationsschrift zur Spanischen Orgel (ohne Titel), Hannover (ohne Jahr, Ende 2001), S. 5. deren Studierende im Rahmen des Unterrichts und bei Konzerten darauf spielen. Die Orgel gehört zusammen mit der 2002 errichteten Orgel der Evangelischen Kirche in Züsch und der 2014 für die Hochschule für Musik in Mainz gebauten stilgetreuen Kopie zu den sehr seltenen Instrumenten in der Bauart einer spanischen Barockorgel in Deutschland.
Das Instrument besitzt eine kurze Oktave, seine Register sind zwischen c1 und cis1 geteilt, der Winddruck beträgt 64 mmWS und die Stimmung ist mitteltönig im niedrigen Kammerton (a1 = 415 Hz).
Die Orgel besitzt Schleifladen und eine rein mechanische Spiel- und Registertraktur. Die Windversorgung erfolgt wahlweise über ein elektrisches Gebläse oder rein mechanisch durch eine zweite Person (Kalkant), die zwei Bälge abwechselnd per Hand mit zwei hinter dem Gehäuse geführten Kordeln aufzieht.
Die Registerbezeichnung Violon wird bei diesem Instrument sowohl für das Register Gedackt 16′ als auch für das Register Gedackt 8′ verwendet. Die Register Lleno und Cimbala enthalten nur Quint- und Oktavchöre. Das Instrument verfügt über zwei horizontal im Prospekt angebrachte Zungenregister: Die obere Pfeifenreihe, eine konische Horizontaltrompete (Spanische Trompete), setzt sich im Bass aus dem Register Bajoncillo in 4′-Lage und im Diskant aus dem Clarin in 8′-Lage zusammen. Das Orlos darunter ist ein mit kurzen, teilgedeckten zylindrischen Bechern ausgestattetes Horizontalregal. Die anderen Trompetenregister sind im Inneren des Orgelgehäuses aufgestellt.
Die Disposition lautet:
Manual CDEFGA–c3 Violon B/DHolz 16' Flautado B/D 8' Violon B/D 8' Octava B/D 4' Octava Nasarda B/D 4' Docena B/D ' Quincena B/D 2' Diezisetena B/D ' Diezinovena B/D ' Lleno III B/D Cimbala II B/D Corneta VI Dhochgebänkt Trompeta magna D 16' Trompeta real B/D 8' Clarin B 4' Clarin Dhorizontal im Prospekt 8' Orlos B/Dhorizontal im Prospekt 8' Bajoncillo Bhorizontal im Prospekt 4' TremblanteRegisterzug unterhalb der Manualklaviatur Pedal CDEFGA–gis0Angehängt, Stummelpedal
Bass/Diskantteilung zwischen c1 und cis1 Stimmung: mitteltönig Tonhöhe: a1 = 415 Hz bei 16 °C Windversorgung: Elektrisches Gebläse 2 Bälge (händischer Betrieb durch Kalkant möglich) Winddruck 64 mmWS
Anmerkungen
Aufnahmen/Tonträger Roland Götz: Roland Götz spielt Francisco Correa de Arauxo. CD. Studio XVII Augsburg, 2003. Pier Damiano Peretti: Unter der spanischen Krone (Orgelmusik aus dem „siglo de oro“ von Bruna, Cornet, Correa de Arauxo, Froberger, Palero und Salvatore). CD. Motette, 2006. Emmanuel Le Divellec, Kirchenmusikchor und Instrumentalensemble der HMTMH: Johann Sebastian Bach. Die Orgelchoräle der Leipziger Handschrift, CD, 2023. (→ Erhältlich über HMTMH)
Literatur Christiane Buddenberg-Hertel, Irmgard Knüppel: Unser Kirchenmusikdirektor – Die gemeinsamen Jahre 1991–2020 mit Lothar Mohn. Selbstverlag, Herstellung: Christiane Buddenberg-Hertel und Peter Hertel, Hannover 2021. Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover – Kirchenmusikabteilung (Hrsg.): Einweihung der neuen Barock-Orgel. Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis. Hannover 2019. Patrick Collon: Die spanische Orgel der Musikhochschule Hannover. In: Ars Organi. 51, 2003, S. 43–45,