Der Keirsey Temperament Sorter ist ein von David Keirsey 1978 entwickelter psychologischer Test, der Menschen in vier Basistemperamente mit je vier Subtemperamenten kategorisiert. Keirseys Temperament Sorter basiert im Wesentlichen auf dem Myers-Briggs type indicator (MBTI) von 1958. In der neueren Psychologie ist der Begriff des Temperaments umstritten.

Nach Keirsey bzw. dem MBTI-Modell bestimmen vier Charaktereigenschaften in ihrer polaren Ausprägung das Temperament (I/E, N/S, F/T und J/P), zum Beispiel Introversion versus Extraversion etc. Die Kombinationen der verschiedenen Paarungen ergeben insgesamt 16 Temperamente, die auf vier Grundtemperamenten basieren.

Man kann sich einem Temperament entweder anhand der Beschreibungen durch Selbstbeobachtung zuordnen oder einen Testbogen ausfüllen, der in Keirseys beiden Büchern Please understand me (1984) und Please understand me II (1998) zu finden ist und auch im Internet verfügbar ist. Bei dem Test handelt es sich um 70 dichotome Fragen.

Die vier Dimensionen I vs. E Introversion vs. Extraversion

Dies beschreibt die Motivation zur Sinneserfahrung. Diese Unterscheidung ist weit geläufig, wird aber umgangssprachlich oft falsch angewandt, denn ein introvertierter Mensch muss weder schüchtern, noch ein extrovertierter redefreudig sein (auch wenn es oft so zutrifft). Stattdessen ist ein außenorienter Mensch kontaktfreudiger, handlungsbereiter und eher auf seine Umwelt fixiert, ein innenorientierter Mensch konzentrierter, intensiver, territorialer und auf sich fixiert (nicht im egoistischen Sinne). Extravertierte Menschen schöpfen Energie aus dem Zusammensein mit anderen Personen, introvertierte schöpfen Energie aus dem Alleinsein. Man spricht auch von der Tendenz zur Weite (E) bis Tiefe (I) der Sinneserfahrung. Dennoch liegen in dieser Paarung nur geringe Missverständnisse vor. Extraversion kommt laut Keirsey zu etwa 75 % vor, Introversion demnach nur zu 25 %.

N vs. S Intuition vs. Sensorik

Dies beschreibt die Filterung der Sinneseindrücke. Der sensorische Geist wichtet die „Rohdaten“ und reinen Eindrücke am höchsten, der intuitive Geist kann auch auf einen „sechsten Sinn“ zurückgreifen und Stimmungen erfassen, die mehr aus der Erfahrung als aus realen Informationen stammen. Diese Charaktereigenschaft ist eine der großen Differenzen zwischen Menschen. Sensorische Menschen fokussieren „haben“, greifbare Dinge, Details, breites Wissen und denken eher reduktionistisch. Intuitive Menschen möchten „sein“, streben nach tiefem Wissen und denken eher holistisch, theoretisch und abstrakt. Auch hier sind sensorische Personen mit ungefähr 75 % weiter verbreitet als die intuitiven mit 25 % der Bevölkerung.

F vs. T Fühlen (Feeling) vs. Denken (Thinking)

Dies beschreibt die Strukturierung der Eindrücke zu einem Handlungsmodell. Der Denker (thinking) kategorisiert stark und führt auf wenige Grundelemente zurück, von denen gesicherte Handlungsvorschläge existieren und deren stärkstes verwendet wird. Der Fühlende (feeling) aktiviert weit mehr Erinnerung und bezieht auch Seitenbedingungen mit ein, die in komplexen sozialen Situationen wichtig sein können. Wenn T-Typen eine Entscheidung treffen, treten sie im übertragenen Sinne einen Schritt zurück und distanzieren sich vom Objekt, um es zu analysieren; F-Typen treten einen Schritt vor und können sich besser in das Problem hineinversetzen. Dies ist der einzige Bereich, bei dem sich Unterschiede zwischen Männern und Frauen feststellen lassen. Laut Myers sind etwa 60 % der gefühlsorientierten Personen Frauen.

J vs. P Urteilen/Folgern (Judging) vs. Wahrnehmen/Gewahrwerden (Perceiving)

Dies beschreibt die Sicherheit über das erkannte Modell, das in Aktionen umgesetzt wird. Wenn das erkannte (perceived) Modell als weitgehend korrekt angesehen wird, wird es viel straffer umgesetzt, oder aber Entscheidungen werden herausgezögert oder vernachlässigt, wenn das Modell als unpassend eingestuft wird. Pläne werden dynamisch an Informationen angepasst und flexibel umgesetzt. Dies erfordert ein spontaneres und unregelmäßigeres Vorgehen. Urteiler (judging) sind entschiedener und entwerfen ihr Modell bereits, bevor alle Informationen verfügbar sind. Dieses Modell wird auch bei schwierigen Umständen beibehalten und korrigiert, jedoch nur ungern verworfen. Bevorzugt handeln sie systematisch und planmäßig. Ps scheinen „verspielter“, spontaner und weniger ernsthafte Naturen als die organisierten und routinierten Js zu sein. Man könnte sagen, Ps sind verfahrenorientiert, während Js ergebnisorientiert sind. P-Typen hinterfragen eher Autoritäten, J-Typen eher Werte und Normen. Hier ist in der Bevölkerung von einer Gleichverteilung auszugehen.

Des Weiteren kann der Buchstabe „X“ verwendet werden, falls keine eindeutige Tendenz in einer Paarung erkennbar ist. Somit können theoretisch auch Mischtypen auftreten. In der Regel kommt dies aber nicht vor, und es sollte überlegt werden, welche Neigung dominiert.

Übersicht Zusammenfassung der Unterschiede zwischen den acht Ausprägungen:

+ Motivation Extraversion (E) Introversion (I) Geselligkeit Territorialität Interaktion Konzentration extern intern extensiv intensiv viele Beziehungen begrenzte Beziehungen Verbrauch von Energie Konservierung von Energie Interesse am Äußeren Interesse am Inneren Geschehnisse innere Reaktionen

+ Aufmerksamkeit Sensing (S) Intuition (N) Erfahrung Ahnung Vergangenheit Zukunft realistisch spekulativ Perspiration Inspiration Tatsächliches Mögliches sachlich träumerisch Nützlichkeit Phantasie Wahrheit Dichtung praktisch erfinderisch vernünftig einfallsreich + Entscheidung Thinking (T) Feeling (F) Objektivität Subjektivität Prinzipien Individuum Richtlinien gesellschaftliche Werte Gesetze mildernd Umstände Kriterien Intimität Standfestigkeit Überzeugung unpersönlich persönlich Gerechtigkeit Humanität Kategorie Harmonie Normen gut oder schlecht Kritik Anerkennung Analyse Anteilnahme

+ Lebensstil Judgement (J) Perception (P) entschieden unentschieden beschlossen zusätzliche Datenbeschaffung feststehend flexibel vorausplanend Anpassung geschehen machen geschehen lassen abschließen freie Wahl lassen Entscheidungen treffen Entscheidungen herauszögern planmäßig offen und beweglich vollendet entstehend endgültig vorläufig zum Abschluss bringen ergeben lassen Zeitdruck Zeit lassen in die Tat umsetzen abwarten

Keirseys Temperamentsbegriff Klassifizierungen des Temperaments und Charakters sind fast so alt wie die Menschheit selbst. Eine der ersten Überlieferung diesbezüglich geht auf den griechischen Philosophen Platon zurück.

+ Temperamentbezeichnungen SP SJ NF NT Platon (340 v. Chr.) Luft Erde Feuer Wasser Aristoteles (325 v. Chr.) Hedonist Eigentümer Moralist Dialektiker Galenus (190) Sanguiniker Melancholiker Choleriker Phlegmatiker Paracelsus (1550) wandelbar fleißig inspiriert kurios Adickes (1905) innovativ traditionell doktrinär skeptisch Spranger (1914) ästhetisch ökonomisch religiös theoretisch Kretschmer (1920) hyperaktiv depressiv hypersensibel empfindungslos Fromm (1947) ausbeutend hortend empfänglich vermarktend Myers (1958) erforschend planend freundlich denkend Keirsey (1978) Artisans Guardians Idealists Rationals

Nach Keirsey bestimmt das Temperament die Neigung zur Lebensführung, während der Charakter die Lebensgewohnheiten bestimmt. Charakter beschreibt die verliehenen Merkmale, Temperament ist veranlagt. Vergleiche man das Gehirn mit einem Computer, so wäre das Temperament die Hardware und der Charakter die Software.

Keirsey behauptet, dass Eigenschaften des Temperaments vordisponiert seien. Das Erkennen ermöglicht den Eltern von Kindern, die Erkenntnisse zur typgerechten Erziehung zu nutzen. Eltern sollten ihre Aufmerksamkeit auf das Wie, nicht auf das Was lenken, also auf Erfahrungen und nicht auf Handlungen. Kinder sind von Anfang an unterschiedlich und sollten dementsprechend behandelt werden. Kein Erziehen, 'Formen' oder gar traumatisches Erlebnis könne diesen Unterschied ändern. Bei der Erziehung sollte nicht versucht werden, die Kinder in das Temperament der Eltern zu pressen, sondern sie sollten individuell gefördert werden.

Cooperator, Helfer abstrakt+ HauptklassenIdealisten NFBeschützer(Guardians) SJNT RationalistenSP Kunsthandwerker (Artisans)konkret Utilitaristen

Die Verbreitung in der Bevölkerung ist sehr verschieden und lässt sich nur grob schätzen. Keirsey geht bei NTs mit sieben Prozent vom geringsten Verbreitungsgrad aus, gefolgt von NFs mit etwa zehn Prozent. Die sensorischen Temperamente dominieren, wobei SJs mit etwa 40 bis 45 % etwas weiter verbreitet sein sollen als SPs mit 35 bis 40 %.

Die Basistemperamente Kern der Temperamententypisierung Keirseys ist das Gegensatzpaar Sensorik (S) vs. Intuition (N). Die Kombinationen aus Intuition (N) mit Fühlen (F) bzw. Denken (T), sowie aus Sensorik (S) mit Urteilen (J) bzw. Wahrnehmen (P) bestimmt demnach das Basistemperament.

SP Sensorisches Wahrnehmen Basistemperament Artisans Subtemperamente Composer, Crafter, Performer, Promoter

SPs suchen nach Handlungsfreiheit und Abwechslung und möchten ihre Umgebung beeinflussen und mit ihr interagieren. Ihre größte Stärke ist ihre taktische Intelligenz, d. h., dass sie herausragend im Erschaffen, Zusammenstellen und Handeln sind. Ressourcen sind für SPs etwas, das verbraucht werden sollte. Für sie zählt der heutige Tag, das Hier und Jetzt. Häufig mögen sie es, im Rampenlicht zu stehen, und zeichnen sich durch Großzügigkeit, Toleranz und Ausdauer aus. SPs neigen dazu, nur etwas zu machen, wenn sie es wollen. Dann allerdings sind sie von größerer Ausdauer als andere Temperamente und können besser mit Rückschlägen umgehen. Aufgrund ihrer impulsiven Art neigen sie zur Übertreibung. SP-Kinder gelten manchmal als ungehorsam, weil sie Grenzen erproben und schon früh Erfahrungen aus erster Hand suchen. In der heutigen Zivilisation können männliche SPs ihre Interessen besser verfolgen als weibliche, was mitunter zu Klischees führen kann. SPs bevorzugen außergewöhnliche oder handlungsorientierte Berufe, wie Künstler, Pilot, Chirurg, Rennfahrer, Schauspieler, Söldner oder Bauarbeiter von großen Projekten.

SJ Sensorisches Urteilen Basistemperament Guardians Subtemperamente Protector, Inspector, Provider, Supervisor

SJs suchen nach Zugehörigkeit und Mitgliedschaft und fühlen sich für sich und ihre Mitmenschen verantwortlich. 'Wenn ich es nicht mache, wer sollte es dann tun?', fragt der SJ. Ihre große Stärke ist die logistische Intelligenz, d. h., ihre Stärke liegt in der Überprüfung und Planung. Die Nützlichkeit der Dinge steht für sie im Vordergrund. Ein strukturiertes Leben ist für sie wichtig, weswegen Regeln, Verantwortung und wiederholende Ereignisse wie Traditionen oder Jahrestage bei ihnen mehr Anklang findet als bei anderen Temperamenten. Dementsprechend verrichten sie stetig und genau ihre Aufgaben. Als Eltern kümmern sich SJs aufrichtig um ihre Kinder, können aber sehr streng sein, sofern sich ihr Nachwuchs nicht sozial verhält. Des Weiteren ist anzumerken, dass SJs aufgrund ihrer pessimistischen Einstellung dazu neigen, Ressourcen zu sparen um sich ein Polster anzulegen. SJs überwachen, um Sicherheit und ein zyklisches Leben zu gewähren. Sie gelten als Verteidiger der Sanktion. Beruflich fühlen sie sich im Dienstleistungsbereich wie Bankwesen, mittleres Management, Rechnungswesen, Beamtentum, Sekundarstufen-Lehrertum, Pflegedienst oder Verwaltungstum wohl.

NF Intuitives Fühlen Basistemperament Idealists Subtemperamente Healer, Counselor, Champion, Teacher