mini|Heinrich Maier, 1932 am Ende seiner Primizmesse hunderte Menschen vor der Kirche segnend Heinrich Maier (* 16. Februar 1908 in Großweikersdorf; † 22. März 1945 in Wien) war ein österreichischer römisch-katholischer Priester, Pädagoge, Philosoph sowie Widerstandskämpfer gegen Hitler.
Leben Heinrich Maier wurde als Sohn von Heinrich, einem ehemaligen Eisenbahner-Beamten, und Katharina Maier, geborene Giugno, in Großweikersdorf in Niederösterreich geboren. Die Familie zog mehrfach, den Anstellungen des Vaters folgend, um. Heinrich Maier besuchte ab 1918 das Gymnasium in St. Pölten, ab 1926 das in Leoben, wo er im Juni 1926 auch maturierte.
Priester in Österreich Heinrich Maier trat am 9. Oktober 1926 in das Wiener Priesterseminar ein und immatrikulierte im gleichen Jahr an der Universität Wien, wo er bis 1928 Theologie studierte. 1928 wechselte Maier, statt des erkrankten Studienkollegen Franz Loidl, zum Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum de Urbe an der Universität Gregoriana in Rom, wo er scholastische Philosophie studierte (einer seiner damaligen Mitkommilitonen war der spätere Wiener Erzbischof Franz König). Am 6. Juli 1929 schloss Maier in Rom sein Studium mit dem Zusatz „bene probatus“ ab, sein Doktorat „(Laurea) c[um] laude prob[atus]“ erhielt er laut Matrikeleintrag am 16. Juli 1930. Während seines Studiums wurde er Mitglied der katholischen Studentenverbindung K.Ö.St.V. Nibelungia im ÖCV, der einzigen in der Zwischenkriegszeit kaisertreuen ÖCV-Verbindung, deren Schirmherr Otto Habsburg war.
Am 24. Juli 1932 wurde er zum Priester geweiht und war zunächst Kaplan in Schwarzau am Steinfeld und Mödling. 1935 wurde er Kaplan in der Pfarrkirche Gersthof. Seit 1936 war er auch als Religionslehrer tätig, er unterrichtete an der Technisch-Gewerblichen Bundeslehranstalt in Mödling, später in Wien am Realgymnasium des „Albertus-Magnus-Schulwerks“ der Marienbrüder im 18. Gemeindebezirk Währing in der Semperstraße. Maier war Präses der Marianischen Kinderkongregation und Aktivist im katholischen Organisationsleben Wiens, wie zum Beispiel als Kurator des Österreichischen Pfadfinderkorps St. Georg.Vgl. Wolfgang Schmitz in Hecht, Rauch, Rodt: Geköpft für Christus & Österreich (1995), S. 43. Er „bestach durch Charisma und Begeisterungsfähigkeit, er verfügte über eine hohe Intelligenz und wissenschaftlich fundierte Ausbildung, interessierte sich für Kunst und Politik und fühlte sich seinem Heimatland innerlich stark verbunden. Kontaktfreude, gepaart mit einer herzlichen und offenen Persönlichkeit erschloss ihm viele Freundschaften quer durch alle Gesellschaftsschichten; sein besonderes Augenmerk galt jedoch der Betreuung und Erziehung von Kinder- und Jugendlichen zu unabhängigen und mündigen Persönlichkeiten; der Umgang mit ihnen war unkompliziert und kameradschaftlich …“. Maier war laut Zeitzeugen „ein echter Kumpel“, „ein froher Mensch“ und „treffsicherer Fußballspieler.“Vgl. Hecht, Rauch, Rodt: Geköpft für Christus & Österreich (1995), S. 93.
Mit der Abschaffung des Religionsunterrichtes verlor auch Maier im Jahr 1938 seine Stelle als Pädagoge, blieb aber Kaplan in der Pfarre Wien-Gersthof-St. Leopold, vertiefte seine theologischen Studien und promovierte im Juli 1942 (zweites Doktorat – Theologie). Er verstieß dann gegen die Anordnungen seiner kirchlichen Obrigkeit, indem er nicht nur „rein seelsorglich“, sondern politisch tätig wurde.Hansjakob Stehle: Die Spione aus dem Pfarrhaus. In: Die Zeit. 5. Jänner 1996.
Widerstand gegen den Nationalsozialismus Maier war sehr engagiert im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Schon im Mai bzw. Juni 1940 nahm er Kontakt mit Widerstandsgruppen um Jakob Kaiser, Felix Hurdes, Lois Weinberger, Adolf Schärf und Karl Seitz auf. Aus seiner Überzeugung heraus, dem katholischen Glauben und dem österreichischen Patriotismus, war er ein Widerstandskämpfer, der letztlich auch militante Mittel zur Niederschlagung des NS-Regimes nicht ausschloss. Zusammen mit dem Tiroler katholisch-monarchistischen Widerstandskämpfer Walter Caldonazzi, der bereits in Tirol eine Widerstandsgruppe auch mit dem Polizisten Andreas Hofer führte,Horst Schreiber, Christopher Grüner (Hrsg.): Den für die Freiheit Österreichs gestorbenen: Das Befreiungsdenkmal in Innsbruck. Prozesse des Erinnerns. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2016, S. 72. und Franz Josef Messner, dem Generaldirektor der Semperit-Werke, gründete er die Widerstandsgruppe Maier-Messner-Caldonazzi. Diese katholisch-konservative Gruppe wird „als die vielleicht spektakulärste Einzelgruppe des österreichischen Widerstandes“ bezeichnet.Fritz Molden: Die Feuer in der Nacht. Opfer und Sinn des österreichischen Widerstandes 1938–1945. Amalthea, Wien 1988, S. 122.Franz Loidl: Kaplan Heinrich Maier - ein Opfer des nationalsozialistischen Gewaltsystems in: Herbert Schambeck (Hrsg.): Kirche und Staat. Fritz Eckert zum 65. Geburtstag. Duncker & Humblot, Wien 1976, S. 271–292. Ziel der Gruppe war es, schnellstmöglich das Ende des Schreckensregimes durch eine militärische Niederlage herbeizuführen und die Wiedererrichtung eines freien und demokratischen Österreich zu realisieren. Maier hat auch die Überzeugung vertreten, das menschenverachtende auf Brutalität und Militärmacht aufgebaute nationalsozialistische System könne nur gewaltsam und nur militärisch überwunden werden, also könne das Ziel eines Widerstandes nur die Schwächung der inneren und militärischen Kräfte des Dritten Reiches sein.Gerhard Jagschitz: Rede in der Kirche St. Leopold – Gersthof über Kaplan DDR. Heinrich Maier, Ostermontag 28.3.2005. Pfarre Gersthof, abgerufen am 3. Mai 2025 (PDF; 49,7 kB).
Die Gruppe kümmerte sich unter anderem um die Sammlung und Weitergabe von Informationen über Standorte, Beschäftigte und Produktionen über NS-Rüstungsbetriebe an die Alliierten. Diese Informationen für gezielte Bombenangriffe der Alliierten wurden teils über Mittelsmänner in der Schweiz an Briten und Amerikaner weitergeleitet. Zur Strategie der Gruppe gab Heinrich Maier im Verhör vom 27. April 1944 an, durch Informationen über die „Rüstungsbetriebe in der Ostmark“ habe er gehofft, weitere Luftangriffe auf österreichische Städte zu verhindern und „dass dadurch die anderen Industrien, die wir nach dem Kriege unbedingt brauchten, sowie die Zivilbevölkerung verschont blieben. (…) Kurz darauf habe ich den Dr. Messner mit meinem Plan vertraut gemacht und mich mit ihm darüber unterhalten, welche Rüstungszentren wir den Feindmächten preisgeben wollten. Wir fassten dabei die Rüstungsbetriebe in Steyr sowie glaublich auch Wiener Neudorf und Wiener Neustadt ins Auge.“
Über die Beziehungen Maiers zum Wiener Stadtkommandanten Heinrich Stümpfl konnten die exakten Zeichnungen der V-2, die Produktion des Panzers Tiger und anderes weitergegeben werden. So gelangten bald genaue Lageskizzen und Produktionsziffern von Stahlwerken, Waffen-, Kugellager- und Flugzeugfabriken an alliierte Generalstäbe. Über Walter Caldonazzi gab es Kontakte zu den Heinkelwerken in Jenbach, wo Antriebskomponenten für die Messerschmitt Me 163 und V-2-Raketen hergestellt wurden.Gisela Hormayr: Der Widerstand gegen das NS-Regime. In: Wilfried Beimrohr (Hrsg.): Zeitgeschichtliche Streiflichter: Tirol in der Ersten Republik, unter dem Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit. Innsbruck 2010, S. 226 ff. Teilweise hatte Maier Informationen von beurlaubten Frontsoldaten über die Industrieanlagen erhalten. Amerikanische und britische Bomber konnten so Rüstungsfabriken wie der geheimen V-Raketenfabrik in Peenemünde und den Messerschmitt-Werken bei Wien Schläge versetzen. Diese Beiträge der Widerstandsgruppe über Rüstungsindustrie und Produktionsstandorte sollten sich später zu 92 Prozent als richtig erweisen und waren somit ein effektiver Beitrag zur alliierten Kriegsführung. Die Alliierten konnten einerseits zielgerichtet Rüstungsindustrie treffen und andererseits wurde durch diese Informationen und die folgenden Luftangriffe der Nachschub der deutschen Luftwaffe entscheidend geschwächt.Vgl. Peter Pirker: Subversion deutscher Herrschaft. Der britische Geheimdienst SOE und Österreich. 2012, S. 252 ff.
Messner lieferte aus seinem Semperit-Werk bei Auschwitz erste Informationen über den Massenmord an Juden – eine Nachricht, deren Ungeheuerlichkeit bei den Amerikanern in Zürich ungläubiges Staunen erregte. Das Vorhaben der Widerstandsgruppe Maier-Messner-Caldonazzi, eine amerikanische Sendeanlage des Office of Strategic Services (OSS) von Liechtenstein nach Österreich zu bringen, scheiterte jedoch. Das britische SOE stand 1943 über seinen Mitarbeiter G. E. R. Gedye mit der österreichischen Widerstandsgruppe in Kontakt, war aber nicht überzeugt von der Zuverlässigkeit der Kontaktperson (Franz Josef Riediger, ein Mitarbeiter von Messner) und ließ sich aufgrund von Sicherheitsbedenken auf keine Kooperation ein.
Neben der Kontaktaufnahme mit alliierten Geheimdiensten versuchte die Widerstandsgruppe auch die eigenen Landsleute aufzuklären, um sie politisch auf eine künftige Friedensordnung vorzubereiten. Dazu plante man ein Zentralkomitee beziehungsweise vorbereitende Gruppen für den Fall eines Zusammenbruches des Deutschen Reiches und einen von Deutschland selbstständigen zukünftigen Staat mit monarchischer Regierungsform, zu dem neben Österreich auch Bayern und Südtirol gehören sollten. Zum engeren Kreis der Widerstandsgruppe zählten Helene Sokal und ihr späterer Mann, der Chemiker Theodor Legradi, die über internationale Verbindungen unter anderem zum kommunistischen Widerstand verfügten, der Arzt Josef Wyhnal und der Student Hermann Klepell. Klepell hatte Beziehungen zu sozialistischen Kreisen, während ein weiteres Mitglied, die Kommunistin Pawlin, die Verbindungen mit der KPÖ herstellte. Es wurden Flugblätter verfasst, in denen Hitler als „Verräter des deutschen Volkes“ beziehungsweise „größter fluchbeladener Verbrecher aller Zeiten“ und der Militarismus als „Schande unseres Jahrhunderts“ bezeichnet wurden. In den Flugblättern heißt es auch „Nur ein Wahnsinniger oder Verbrecher wie Hitler spricht noch vom Sieg. Das unabwendbare Ende kommt. Wozu noch tausende von Menschen opfern?“ oder „Hitler, der Gefangene seiner Ruhmesträume! Jener Verbrecher, der seines Ehrgeizes wegen ein ganzes Volk in den Abgrund stürzt.“Vgl. Urteil des Volksgerichtshof GZ 5H 96/44 u. a., S. 10 ff. Gerade diese Flugblattaktionen kosteten Geld, welches teilweise von den Amerikanern beschafft wurde. Die Geldtransferierung von den Amerikanern über Istanbul und Budapest nach Wien war dann auch einer der Gründe, warum die Gestapo der Gruppe auf die Spur kam.Vgl. Urteil des Volksgerichtshof GZ 5H 96/44 u. a., S. 7 ff.
Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung Einige Mitglieder der Gruppe wurden ab dem Februar 1944 nach und nach verhaftet, nachdem sie verraten worden waren. Heinrich Maier wurde am 28. März 1944 von der Gestapo in seiner Pfarre Wien-Gersthof in der Sakristei nach der heiligen Messe verhaftet und in das Gefängnis im vormaligen Hotel Métropole am Morzinplatz gebracht. Bei den stundenlangen Verhören der Gestapo wurden dann Geständnisse durch Folter (lt. Vernehmungsprotokoll: „gab nach eingehender Befragung an“) erreicht. Später wurde Maier in das Polizeigefangenenhaus auf der Elisabethpromenade (heute Rossauer Lände) beziehungsweise am 16. September 1944 in das Gefängnis des Landesgericht I in die Zelle Nr. E 307 verlegt.