Der Markgrafenstil ist ein Kirchenbaustil des 18. Jahrhunderts, insbesondere in den protestantischen Gebieten der Markgraftümer Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Bayreuth.Die Fürsten von Ansbach bzw. Kulmbach / Bayreuth erwarben den Titel „Markgraf“ nicht als Regenten einer Mark, sondern erbten ihn als Mitglieder des Geschlechts der hohenzollernschen Markgrafen von Brandenburg. Die betreffenden Kirchen werden als Markgrafenkirchen bezeichnet.Das kirchliche Erbe der Markgrafen in: Nordbayerischer Kurier vom 5. Dezember 2022, S. 1 und 7. Einer der führenden Baumeister war der Ansbacher Landbauinspektor Johann David Steingruber (1702–1787).
Geschichte Seit karolingischer Zeit gab es befestigte Kirchengebäude, sogenannte Wehrkirchen. Oft wurden die um die Kirchen liegenden Friedhöfe in die Befestigung einbezogen. Es entwickelten sich die Wehrfriedhöfe. Dem Burgenbau nachempfunden, umgab man sie manchmal mit starken und hohen Mauern. So entstanden die Kirchenburgen.
Zahlreiche dieser Kirchengebäude wurden nach der Reformation um- bzw. neugebaut. Der Protestantismus fand seinen Ausdruck in der veränderten Gestaltung, dem sogenannten Markgrafenstil. Eine Urkunde zur Grundsteinlegung begründet dies so: „Eine mit Finsternus vorher erfüllte Kirche stehet nun in vollen Licht. Vor ungefehr Zwey Hundert Jahren wurde dieselbe von der Finsternus des Pabstuhms befreyet, und mit dem Licht der Himmlischen Wahrheit bestrahlet anheute ... müste auch das dunckele des Gebäudes sich verlieren als durch gegenwärttigen Stein der Grund zu dieser Licht erbauten Kirche geleget worden. ...“Auszug aus der Urkunde zur Grundsteinlegung der Johanniskirche in Mainbernheim, 1732, Aushang einer Kopie in der Kirche, Original im evangelischen Pfarramt Mainbernheim Nach evangelischem Verständnis wurde in der räumlichen Zuordnung optisch sichtbar herausgestellt, dass „evangelisch-lutherischer Glaube und Theologie nur das eine Sakrament des Wortes, das als hörbares Wort in der Predigt und als sichtbares Wort in den Sakramenten Taufe und Abendmahl sich der Gemeinde mitteilt“RPZ Heilsbronn, Kirchen – Ausdrucksformen des Glaubens, Hefte zur regionalen Kirchengeschichte IV, 1996, S. 10, kennen. Als Grundtyp einer selbstständigen evangelischen Kirchenbaukunst gilt die bereits 1560 geweihte Stuttgarter Schlosskirche.
Am Ende des 17. Jahrhunderts beeinflussten die in die protestantischen Gebiete der Markgraftümer Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Bayreuth geflohenen Calvinisten mit ihrem reformierten Bekenntnis den Baustil. So entstanden im 18. Jahrhundert die sogenannten Markgrafenkirchen in den genannten Herrschaftsbereichen. Auch Schlossbauten wie die Residenz Ansbach oder Schloss Rentweinsdorf waren von dem Stil beeinflusst.
Merkmale Außenansicht Ein schlichter äußerer Baustil nimmt bereits Elemente des Klassizismus vorweg und prägt viele Kirchenbauten. Nur Lisenen und auch große hohe Fenster oder mehrere Fenster übereinander unterbrechen die einfache Fassade.
In der Regel ist der Grundriss des Langhauses rechteckig, bei Neubauten fehlt der Chor und bei Umbauten wurde er durch eine Wand abgetrennt.
Der Turmstumpf stammt meist aus der Vorgängerkirche und erhielt einen Aufsatz, in dessen achteckigem Turmobergeschoss der Glockenstuhl steht. Das Dach des Turms hat verschiedene Erscheinungsformen. Sehr häufig anzutreffen sind die Spindelhaube, die Zwiebelhaube und die Welsche Haube.
Innenraum mini|Kanzelaltar der evangelisch-lutherischen Grafschaftskirche St. Johannes Castell Das Innere ist ursprünglich in schlichten Farben gehalten (weiß, hellblau, grau). Schmuck fehlt, nur an Kanzel und Altar sind Vergoldungen zu finden. Weitere Ausschmückungen erhielten heutige Kirchengebäude später oder in jüngster Zeit.
Da Predigt und Sakrament gleichwertig und bestimmend für den evangelischen Gottesdienst sind, sind Kanzel, Altar und Taufstein räumlich zusammengefasst, in der Regel auf der Ostseite des Kirchenraums. mini|Kanzelwand in der Evangelischen Bartholomäuskirche Rödelsee Durch das Einfügen der Kanzel mit Schalldeckel in eine Rückwand hinter dem meist freistehenden Altar wird eine noch engere optische Einheit geschaffen, der Kanzelaltar. Für große Altarbilder ist kein Raum mehr. Es ist jedoch genügend Platz vorhanden, dass beim Abendmahl die Teilnehmer auf der einen Seite das Brot empfangen und hinter der Rückwand vorbeigehen können, um auf der rechten Seite den Wein zu erhalten.
Sind Kanzel und Altar in eine eingepasste oder freistehende Wand aus Stein oder Holz eingefügt, spricht man von einer Kanzelwand. Sehr häufig findet darüber auf der Empore noch die Orgel ihren Platz.
Durch die Betonung der Gleichstellung von Wort und Sakrament rückt der Ort der Taufe, der Taufstein, vom Kircheneingang oder aus einer Seitenkapelle vor den Altar. Dem Besucher wird vor Augen geführt, dass er nur über die Taufe den Zugang zum Altarsakrament erhält.
Charakteristisch für diese Predigtkirchen sind die umlaufenden, oft mehrstöckigen Emporen. Man schuf damit zahlreiche Sitzplätze neben der Bestuhlung im Kirchenschiff. Ein Herrensitz für den Ortsadeligen auf der ersten Empore hatte in der Regel einen separaten Zugang und war zum übrigen Kirchenraum hin abgeschlossen. mini|Kanzelaltar und Emporen der evangelisch-lutherischen Pfarrkirche St. Michael am Gurtstein in Weidenberg
Markgrafenstilkirchen Oberfranken In Oberfranken existieren 59 Markgrafenkirchen, darunter Maria-Magdalena-Kirche in Arzberg Ordenskirche in Bayreuth Schlosskirche Bayreuth, einzige heute katholische Kirche im MarkgrafenstilAustoben im Himmel in: Nordbayerischer Kurier vom 9. November 2018. S. 11. Spitalkirche Bayreuth Stiftskirche St. Georgen in Bayreuth Pfarrkirche St. Johannis in Bayreuth Dreifaltigkeitskirche in Bad Berneck St. Walburga in Benk St. Bartholomäus in Bindlach St. Margarethen in Brand bei Marktredwitz St. Ägidius (Eckersdorf) St. Bartholomäus in Emtmannsberg St. Veit und Michael in Heiligenstadt Marienkirche in Himmelkron Martinskirche in Kautendorf Michaeliskirche in Kirchenlamitz Pfarrkirche in Konradsreuth Evangelisch-lutherische Pfarrkirche in Krögelstein Evangelisch-lutherische Spitalkirche in Kulmbach Schlosskirche in Lahm St. Nikolaus in Marktleuthen St. Bartholomäus (Mistelbach) Heilig-Geist-Kirche in Marktredwitz Pfarrkirche Unserer Lieben Frau in Nemmersdorf Dreifaltigkeitskirche in Neudrossenfeld St. Laurentius in Neunkirchen am Main Friedhofskirche in Oberkotzau St. Susannae in Plech St. Johannis in Röslau St. Bartholomäus in Schauenstein Markgrafenkirche Seibelsdorf St. Laurentius in Thurnau St. Johannes in Trebgast Trinitatiskirche in Unterlauter Dreifaltigkeitskirche in Warmensteinach Evangelisch-lutherische Pfarrkirche St. Michael in Weidenberg Evangelisch-lutherische Stadtkirche St. Jakobus in Weißenstadt
Mittelfranken Pfarrkirche St. Martin in Alfershausen St. Gallus in Baldingen Bartholomäuskirche in Barthelmesaurach St. Sebastian, Cornelius und Cyprian in Binzwangen St. Wendel in Buch am Wald St. Johannes in Bürglein Evangelische Markgrafenkirche St. Cäcilia in Cadolzburg Kirche St. Martin in Degersheim Pfarrkirche St. Georg in Dornhausen in Theilenhofen St. Kilian in Emskirchen St. Lambertus in Eyb Pfarrkirche St. Thomas und Ägidius in Eysölden St. Laurentius in Flachslanden St. Kilian in Geslau St. Maria in Großhaslach St. Maria und Wendel in Illesheim St. Georg in Kammerstein St. Nikolaus in Nürnberg-Kornburg St. Margaretha in Lehrberg St. Veit in Marktbergel St. Ottilia in Pfaffenhofen St. Johannes in Reichersdorf St. Margaretha in Rügland Franzosenkirche in Schwabach Johanneskirche in Schwand St. Erhard in Sugenheim Christuskirche in Tiefenbach Markgrafenkirche Treuchtlingen Dreifaltigkeitskirche in Unterschwaningen St. Martin und Ägidius zu Wald St. Maria Evangelisch-lutherische Kirche in Wallesau Hofkirche in Weidenbach St. Johannes in Wernsbach bei Ansbach St. Margareta in Windsbach Pfarrkirche St. Johannes in Wirsberg St. Johannes der Täufer in Zautendorf
Unterfranken St. Johannes in Castell Kirche Zum Ewigen Licht in Lichtenstein St. Johannis in Mainbernheim Bartholomäuskirche in Memmelsdorf St. Nicolai in Neuses am Berg St. Burkard in Obernbreit Evangelische Kirche in Prichsenstadt St. Matthäus in Rehweiler (einzige fast 250 Jahre alte herrnhutische Saalkirche in Bayern) Evangelische St.-Bartholomäus-Kirche in Rödelsee St. Peter und Paul in Rüdenhausen Evangelische Kirche in Völkershausen
Schwaben St. Oswald in Ederheim St. Martin in Lehmingen St. Martin in Memmingen-Steinheim Friedenskirche in Munningen St. Peter und Paul in Steinhart St. Veit in Wechingen
Hohenlohe mini|Kanzelwand der evangelischen Kirche Ettenhausen von 1785 Evangelische Kirche in Ettenhausen, Ortsteil von Schrozberg Evangelische Kirche St. Katharina in Amlishagen. Der Kirchturm wurde, wohl aus baustatischen Gründen, nicht auf der steil abfallenden talwärtigen Ostseite (und somit nicht über der Markgräfler Wand), sondern über den westlich gelegenen Haupteingang verlegt. Marienkirche in Neuenstein-Kirchensall Peter-und-Paul-Kirche in Altenmünster, Stadtteil von Crailsheim
Anmerkungen
Literatur Karl Kolb: Wehrkirchen und Kirchenburgen in Franken, Echter Verlag Würzburg, 1977 Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern I: Franken, München, Berlin 1979
Alfred Schelter: Der protestantische Kirchenbau des 18. Jahrhunderts in Franken, Band 41, Verlag: Freunde der Plassenburg, Kulmbach 1981
Weblinks
Webpräsenz der evangelischen Projekte zu den Markgrafenkirchen im ehemaligen Fürstentum Bayreuth (in Oberfranken) und im ehemaligen Fürstentum Ansbach (Teile Mittelfrankens und angrenzende Gebiete): Bayreuthische Markgrafenkirchen in Oberfranken Ansbachische Markgrafenkirchen
Beispiele für eine typische mittelfränkische Markgrafenkirche: St. Wendel in Buch am Wald St. Magdalena-Kirche, Gastenfelden (Gemeinde Buch am Wald) Bartholomäuskirche, Barthelmesaurach Georgskirche, Kammerstein St. Nikolaus-Kirche, Kornburg
Einzelnachweise
Kategorie:Architekturstil Kategorie:Protestantische Architektur