mini|alt=Abbildung der Buchcover|Erstausgabe, edition suhrkamp, 1983 mini|Peter Sloterdijk bei seiner Buchpräsentation Kritik der zynischen Vernunft, Amsterdam 1983.

Kritik der zynischen Vernunft ist ein „Essay“Die Einordnung als Essay stellt Sloterdijk seinem umfangreichen Text selbst voran. Sie steht im Widerspruch zur allgemeinen Definition dieser Textgattung, die laut Duden eine Abhandlung zu einer literarischen oder wissenschaftlichen Frage in knapper und anspruchsvoller Form ist. des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk, der 1983 veröffentlicht wurde. Der Titel nimmt auf die 200 Jahre zuvor erschienene Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant Bezug und entstand anlässlich dieses Jubiläums.Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 1, 1983, S. 13 Auf fast eintausend Seiten wird Zynismus als gesellschaftliches Phänomen in der europäischen Geschichte beschrieben. Sloterdijk nutzt den etymologischen Buchstabenwechsel vom antiken Kynismus zum neuzeitlichen Zynismus, um einen inhaltlichen Positionswechsel zu markieren. Dabei beschreibt er die zynische Vernunft unter philosophischen und sozialpsychologischen Aspekten als eine „Frechheit, die die Seite gewechselt hat“.Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 1, 1983, S. 220 Er zeichnet die Wirkungsgeschichte der Kantschen Kritiken nach und versucht aufzuzeigen, wie Kants „kritisches Geschäft“ instrumentalisiert und schließlich ausgehebelt wurde.

Entstehung Das Buch entstand nach Sloterdijks Heimkehr aus Indien 1980. Über seine Zeit in Indien sagte er: "Ich war damals schon Schriftsteller, aber ein Schriftsteller ohne Werk und ohne Text [...] Es gibt eine Art von inneren Monolog bei bestimmten Menschen, der als solcher schon Literatur ist." Am Ende des Vorwortes des ersten Bandes heißt es "München, Sommer 1981". Der Suhrkamp Verlag datiert das Erscheinungsdatum auf den 3. März 1983. Lektoriert wurde das Buch zunächst von Raimund Fellinger. Ursprünglich sollte das Buch nach dem ersten Satz nur 650 Seiten umfassen, Sloterdijk war damit jedoch nicht einverstanden und bekam Recht vom Verlagsleiter Siegfried Unseld, das das Buch neu setzen ließ, wodurch es letztlich seine zweibändige Gestalt annahm. Retrospektiv äußerte Sloterdijk: "Bis dahin hatte ich ein Leben im Aufschub geführt, ich habe prokrastiniert, wie die jungen Leute heute so schön sagen. Ein Krebsverdacht im Jahr 1980 ließ mich ernst machen. Ich wurde entsichert, und die Produktion fing an."

Inhalt In seinem Essay skizziert Sloterdijk den Kyniker der Antike und den Zyniker der Moderne zunächst als widerstreitende Figuren in einem spannungsgeladenen Machtverhältnis. Der Zyniker steht repressiv auf der Seite der herrschenden Kultur; der anarchistische Kyniker provoziert ihn von unten und führt ein „Dasein im Widerstand, im Gelächter, in der Verweigerung, in der Berufung auf die ganze Natur und das volle Leben.“ Diesem Typus entsprechend wird Diogenes von Sinope als „Erzvater“Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 1, 1983, S. 34 und Friedrich Nietzsche als „Neo-Cyniker“ eingeordnet.Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 1, 1983, S. 11

mini|hochkant|alt=Am Fuß einer Treppe sitzt ein bärtiger Mann beschattet in einer Tonne. Auf der Treppe stehen drei Frauen, die zu ihm heruntersehen. Eine von ihnen trägt einen Sonnenschirm wie es auch Personen im Bildhintergrund tun|Kynisches Vorbild: Diogenes, Gemälde von John William Waterhouse (1882)

Im Vorwort wird das Bild einer im Sterben liegenden Philosophie der Aufklärung entworfen, aus der sich die modernen Wissenschaften und politischen Theorien entwickelt haben. Programmatisch vorangestellt wird der Kritik eine Zynismus-Definition, deren Gehalt entwickelt werden soll:

Erster Band Der erste Teil des ersten Bandes ist in fünf Vorüberlegungen gegliedert. Die erste zeichnet Kyniker und Zyniker als gegensätzliche Sozialcharaktere und gibt die Grundthese – Zynismus sei „aufgeklärtes falsches Bewusstsein“ – vor. Die zweite beschreibt Aufklärung als idealistisches Gespräch über die Wahrheit, das im Scheitern zu Ideologiekritik verkommt. Die dritte skizziert acht historische Fälle erfolgreicher Demaskierung mit aufklärerischen Mitteln: Kritik an der christlichen Offenbarung, an der religiösen Illusion, Kritik des metaphysischen Scheins, des idealistischen Überbaus (Marxsche Kritik), des moralischen Scheins, der Transparenz (Sigmund Freuds Entdeckung des Unbewussten), des natürlichen Scheins (Jean-Jacques Rousseaus Naturalismus) und des privaten Scheins (Klassenbewusstsein als kollektives Ich). Die vierte handelt von Brüchen der aufklärerischen Praxis und die fünfte von der zynischen Vernunft auf der „Suche nach der verlorenen Frechheit.“

Der zweite Teil arbeitet an einer Psychosomatik des Zeitgeistes und beschreibt körperliche Erscheinungsformen des Zynismus. Als „philosophische Physiognomik“ stellt diese Betrachtungsweise der wissenschaftlichen Distanz der Objektbetrachtung die Intimität der Menschenkenntnis gegenüber und beschreibt im Kabinett der Zyniker verschiedene Zeit- und Sozialcharaktere mit archetypischen Zügen zynischen Bewusstseins.

Zweiter Band Dem physiognomischen Hauptstück im ersten Band folgen im zweiten ein phänomenologisches, ein logisches und ein historisches Hauptstück.

Das phänomenologische Hauptstück erstreckt sich über sechs Kardinalzynismen in Militär, Politik, Sexualität, Heilkunst, Religion und Wissen (Theorie) sowie drei Sekundärzynismen – die Minima Amoralia (mit Verweis auf Adornos Minima Moralia), den Informationszynismus und den Tauschzynismus. In diesem Abschnitt gibt Sloterdijk seine Parteinahme auf und „verfolgt nur die verschlungenen Wege, in denen die Bewusstseinsformen einander gegenüberstehen, sich aneinander reiben und gegenseitig relativieren.“ Dabei zeigt sich Zynismus als „Immunschutz des Bewußtseins, das nur auf diese Weise seine Ideale hochhalten und gleichzeitig sich die Hände schmutzig machen muß.“

Das logische Hauptstück hinterfragt die Motive aufklärerischer Neugier, betreibt somit eine „Aufklärung der Aufklärung“ und entwirft schließlich eine transzendentale Polemik als pragmatische Erkenntnistheorie.

Das historische Hauptstück beschäftigt sich mit der Weimarer Republik und versucht, den Charakter einer Epoche herauszuarbeiten, „dessen erster Erbe der Faschismus war und dessen zweiter Erbe wir Heutigen sind.“Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 1, 1983, S. 41–42 Als Weimarer Symptom beschreibt Sloterdijk darin Bewusstseinsmodelle der deutschen Moderne in einer Zeit des geistigen Werteverfalls. Im Dadaismus „zeigt sich der erste Neo-Cynismus, die kombattante Kunstform der Unterprivilegierten, der Ironiker, Zweifler und Zyniker.“ Seine Analyse geht einher mit einer Aufdeckung der Spielarten von Ironien und Sarkasmen aller Lager der Zwischenkriegszeit und deren gegenseitiger Aufhetzung.

Im Schlusskapitel konstatiert Sloterdijk die Entkoppelung von Welt- und Selbsterfahrung, der eine „Entfaltung der ‚Subjektivität‘ zum relativ Objektiven“Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 2, 1983, S. 937 folgte und die eine Theorie der subjektiven Vernunft in einer entfremdeten Welt hervorgebracht hat: „Auf Subjektivität haben wir uns im wesentlichen deswegen spezialisiert, weil wir an den Sinn und das Wohlwollen eines Ganzen [...] nicht glauben könnten.“Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 2, 1983, S. 943

Zitate „Der moderne Zyniker ist ein in­tegrierter Asozialer, der es an unterschwelliger Illusionslosigkeit mit jedem Hippie aufnimmt. […] Es ist die bei aufgeklärten Leuten allgemein verbreitete Form, darauf zu sehen, daß sie nicht die Dummen bleiben. […] Psychologisch läßt sich der Zyniker der Gegenwart als Grenzfall-Melancholiker verstehen, der seine depressi­ven Symptome unter Kontrolle halten und einigermaßen arbeitstüchtig bleiben kann.“Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 1, 1983, S. 36–37 „Der Herrenzynismus ist eine Frechheit, die die Seite gewechselt hat. Da fordert nicht David den Goliath heraus, sondern die Goliaths aller Zeiten – von den arroganten assyrischen Militärkönigen bis zur modernen Bürokratie – zeigen den tapferen, aber aussichtslosen Davids, wo oben und unten ist.“Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 1, 1983, S. 222 „Eine wirkliche Geschichte des Anderen kann nur von denen geschrieben werden, die das Andere und die Anderen sind, und sich dazu entschlossen haben, diese Andersheit leben zu lassen und für sich die Freiheit, so sein zu dürfen, zu erkämpfen. Größtes Beispiel heute: die Geschichte des Weiblichen; aber auch die Geschichte der Homosexualität.“Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 2, 1983, S. 538 „Eine diagnostische Geistesgeschichte verdankt viel jener zynischen Gesprächigkeit geschichtlicher Personen, denen innerer Drang und äußerer Krisenzwang Äußerungen abringen, die von besser kontrollierten Individuen niemals über die Lippen gebracht würden. Oft sind es die Käuze, die das Sprechen bevorzugen, wo sog. Normale es für klüger halten zu schweigen.“Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 2, 1983, S. 812 „Hoppla, wir leben; hoppla, wir verkaufen uns; hoppla, wir rüsten auf; wer früher stirbt, spart Rentenbeiträge. So garantiert Zynismus die erweiterte Reproduktion des Vergangenen auf dem neuesten Niveau des jeweils Schlimmsten. Darum haben Prophezeiungen eines baldigen, selbstgemachten Weltuntergangs so große Konjunktur; »habe den Mut, dich deiner eigenen Bombe zu bedienen«.“Kritik der zynischen Vernunft, Bd. 2, 1983, S. 951

Rezeption Das Buch wurde von zahlreichen Kritikern gelobt und Sloterdijk als philosophischer Schriftsteller vom Range eines Arthur Schopenhauer bezeichnet. Bis 1988 wurden über 50.000 Exemplare verkauft. Der Suhrkamp-Verlag gab 1987 eine Sammlung mit Beiträgen von Wissenschaftlern heraus, die sich zum Phänomen Zynismus psychologisch, soziologisch, historisch und philosophisch äußern.

In Kindlers Literatur Lexikon wird die Kritik der zynischen Vernunft als Versuch einer „neuen Vernunftkritik“ im Sinne Kants bezeichnet. In Anlehnung an die Dialektik der Aufklärung konstatiere Sloterdijk, dass das Glücksversprechen der Aufklärung am Primat der „instrumentellen Vernunft“ gescheitert sei. Von den Schranken der Moral gelöst sei strategisches Denken dann in Zynismus umgeschlagen. Nach einer Beschreibung der historischen Erscheinungsformen, Voraussetzungen und Grenzen der zynischen Vernunft plädiere Sloterdijk schließlich für ein „Dasein im Widerstand“, um sich als „vollvernünftig-lebendige Wesen“ zu erhalten.

Im Spiegel beanstandete der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel 1983, dass sich Sloterdijk nicht mit einem Porträt des Zynismus begnügt habe, sondern in seinem „Ehrgeiz, die Hypothek eines tönenden Buchtitels abzutragen“ über die Darstellung hinaus einen „Schuldigen, den Beweis der Schuld und ein Heilmittel“ zu präsentieren sucht: „So schön, luzide und sympathisch sein kulturkritischer Essay ist, so falsch, anmaßend und, wie soll man sagen, zynisch ist der größte Teil seiner philosophischen Argumentation.“

Der Schriftsteller Ulrich Holbein stellte in seinem ebenfalls 1983 im Spiegel veröffentlichten Essay Sloterdijks Wortakrobatik heraus: „Statt trauriger oder trockener wird farbenfrohe Wissenschaft entfaltet, mit klangvollen Bausteinen: dilemmataisch, zelebrativ, Kostümkritik und yesbody, radikale Entspannungskur, teutonische Tiefenplumpheit, welthistorischer Schwellkörper. Es hagelt Genitivmetaphern: Weltmeere der sozialen Entfremdung, Surfbrett des Begehrens, Leichengift der Normalität; es schneit Aphorismen, nach denen manch Primärkopf sich vergebens die Finger leckt.“

Der Literaturkritiker Martin Lüdke schrieb 1985 in der Zeit, Sloterdijk sei es mit seiner Kritik der zynischen Vernunft gelungen, „die Philosophie aus ihrem akademischen Getto zu befreien und wieder in die öffentliche Diskussion einzubringen.“ Außerdem habe er es zum Teil geschafft, „die Linke aus ihrer resignativen Erstarrung zu lösen und wieder zu (re)mobilisieren – für das unvollendete Projekt der Aufklärung.“