miniatur|Der Abhang der Kelsterbacher Terrasse vom Schwanheimer Wald aus gesehen, Ansicht von Norden. Im Vordergrund ein Teil der quer zum Standort verlaufenden Langschneise Die Kelsterbacher Terrasse ist eine im Alt- und Mittelpliozän entstandene, heute 12 bis 17 Meter hohe und acht Kilometer lange Flussterrasse in der Untermainebene südlich von Frankfurt am Main. Die Terrasse ist ein eiszeitlicher Überrest des vormaligen Flussbetts des heutigen Flusses Main. Der von Süden nach Norden überwiegend mäßig steil abfallende Hang der Terrasse ist die einzige Geländestufe im Frankfurter Stadtwald. Mehrere Hügelgräber und archäologische Funde vor Ort zeugen von der menschlichen Nutzung der Kelsterbacher Terrasse in Steinzeit und Bronzezeit bis zur Eisenzeit. Entlang der Oberkante der Terrasse verläuft mit der Grenzschneise die älteste bekannte Straßenverbindung Frankfurts.

Lage Das westliche Ende der Kelsterbacher Terrasse liegt am linken Flussufer des Mains im nördlichen Stadtgebiet von Kelsterbach im Kreis Groß-Gerau. Von dort aus verläuft die Terrasse in west-östlicher Richtung auf Frankfurter Gebiet im Süden der heutigen Stadtteile Schwanheim und Sachsenhausen. Sie zieht sich in Höhenlagen von 108 bis 120 Metern über Normalnull zwischen dem Schwanheimer Wald im Norden und dem Unterwald im Süden durch den südwestlichen Teil des Frankfurter Stadtwaldes. Die Kelsterbacher Terrasse stellt die Begrenzung des nördlich gelegenen jüngeren Mainbettes zu älteren Ablagerungsbereichen dar.Kleine Senckenberg-Reihe 50, S. 85 ff.

Teilweise wird in der Literatur auch die sich nach Süden an die Geländestufe anschließende, überwiegend bewaldete Ebene des ehemaligen Wildbanns Dreieich und des Mönchbruchs zum Landschaftsraum Kelsterbacher Terrasse gezählt. Die nach Norden an die Terrasse anschließende Ebene zwischen Sachsenhäuser Berg und Flörsheim mit der im Holozän geformten Mainaue und dem kanalisierten Lauf des Mains wird als Flörsheim-Griesheimer Mainniederung bezeichnet.

Die Kelsterbacher Terrasse ist über ihre gesamte Länge durchgängig bewaldet; die am häufigsten anzutreffenden Baumarten des dortigen Mischwaldes sind Eichen (Quercus), Rotbuchen (Fagus sylvatica) sowie Waldkiefern (Pinus sylvestris). Letztere wurden ab dem 15. Jahrhundert durch gezielte, umfangreiche Aussaat („Nürnberger Dannensäer“) im Frankfurter Stadtwald angesiedelt.Stadt Frankfurt am Main, Forstamt (Hrsg.): Historischer Wanderweg Schwanheim, Kapitel Tannenkopf, S. 13 Während die Vegetation am Abhang und am Fuß der Terrasse eine spärliche Strauch- und Krautschicht hat, weist der Waldbestand entlang der Oberkante der Geländestufe auf Frankfurter Stadtgebiet über weite Strecken dichtes Unterholz mit Sträuchern und jungen Bäumen auf.

Geologie und Topografie miniatur|Eiszeitlicher Sandstein-Findling aus dem Abhang der Terrasse, Ausstellungsstück des Heimatmuseums Schwanheim miniatur|hochkant|links|Infostele des Frankfurter Grüngürtels zur Geschichte der Kelsterbacher Terrasse Die Kelsterbacher Terrasse zählt zum Gebiet des im Erdzeitalter Tertiär entstandenen Oberrheingrabens und dessen System aus Gräben und Schwellen. Während des Quartärs setzte sich die Absenkung des Rhein-Main-Tieflandes fort; der Ur-Main füllte das tiefliegende Gebiet während der Kaltzeiten allmählich mit Kies und Sand auf. In Warmzeiten entstanden in dieser Schotterebene durch Bodenerosion mehrere terrassenartige Einschnitte. Im Rhein-Main-Tiefland sind sieben solcher Terrassenlandschaften bekannt.Kleine Senckenberg-Reihe 50, S. 86

Die in ihrem Kern aus Kies und Sand bestehende Kelsterbacher Terrasse trägt darüber eine Schicht aus lehm- und tonhaltigen Böden. Eine Besonderheit der Kelsterbacher Terrasse besteht in ihrer Schicht aus Flugsand. Der angewehte Sand, der bis zu zehn Meter starke Schichten aufweist, bildete Hügel und Dünen sowie abgeflachte Stellen. Solche Sand-Anwehungen kommen am Main nur in dessen Niederungen und in höher liegenden Gebieten links des Mainufers vor. Typische Stellen dieser Sand-Anwehungen im Frankfurter Stadtgebiet sind neben der Kelsterbacher Terrasse die nordwestlich davon gelegene Schwanheimer Düne sowie die beiden südlich des besiedelten Gebiets Schwanheims gelegenen Binnendünen Tannenkopf und Pfingstberg. Die Oberfläche der Kelsterbacher Terrasse besteht aus einer 30 bis 60 cm mächtigen Mischung aus Sand, Lehm oder Ton sowie aus Bims-Tuff. Die Ablagerungen von Tuff auf der Terrasse stammen vom Ausbruch eines Eifelvulkans etwa im Jahr 10.930 v. Chr., dessen Caldera den Laacher See bildete.Kleine Senckenberg-Reihe 50, S. 87

Durch die beschriebene Material-Aufschüttung hat die Terrasse einen deutlich tiefer liegenden Grundwasserspiegel als das unmittelbar nördlich davon gelegene Gelände. Während sich das Grundwasser in den Niederungen des Frankfurter Stadtwaldes dicht unter der Erdoberfläche befindet, liegt es unter der Kelsterbacher Terrasse in Tiefen von bis zu 14 Metern.

Im Winter 1969/1970 wurde im Boden des Terrassen-Abhangs ein kleinformatiger Findling aus Rotem Mainsandstein entdeckt. Der Stein stammt aus dem Spessart und war von den Eismassen einer der Kaltzeiten durch das Tal des Ur-Mains bis zur Kelsterbacher Terrasse transportiert worden. Dieser Findling ist heute im Innenhof des Heimatmuseums Schwanheim ausgestellt.Stadt Frankfurt am Main, Forstamt (Hrsg.): Historischer Wanderweg Schwanheim, Kapitel Steilhang, S. 28 f.

Menschliche Besiedelungs- und Nutzungsgeschichte miniatur|Infotafel des Historischen Wanderwegs Schwanheim am Fuß der Terrasse zur menschlichen Besiedelungsgeschichte Funde steinzeitlicher Werkzeuge Die Kelsterbacher Terrasse weist Spuren menschlicher Nutzung seit der Altsteinzeit auf. Seit Ende der 1960er-Jahre wurden vor Ort mehrere Steinwerkzeuge gefunden, deren Alter mit 40.000 bis 50.000 Jahren angegeben wird. Dazu zählen mehrere Werkzeuge aus Hornstein sowie drei Pfeilspitzen aus Feuerstein. Die ersten beiden steinzeitlichen Pfeilspitzen sind Oberflächenfunde aus dem Jahr 1966. Das dritte Exemplar, 5,3 Zentimeter lang und mit deutlichen Bearbeitungsspuren (Retuschen) versehen, wurde im Jahr 1969 ausgegraben. Es gilt laut einem Gutachten des Frankfurter Museums für Vor- und Frühgeschichte (heute Archäologisches Museum Frankfurt) als der erste sicher identifizierte Fund aus der Altsteinzeit im Frankfurter Stadtgebiet. Das Werkzeug wird dem Neandertaler aus der Epoche des Moustérien zugeschrieben. Ein 1968 als Oberflächenfund entdecktes Steinbeil und eine steinerne Reibschale werden auf die Jungsteinzeit, auf die Epoche der Bandkeramik zwischen 2900 und 2500 v. Chr. datiert.Norbert Müller: Unsere Heimat in der Steinzeit, in: Suenheim – Sweinheim – Schwanheim, S. 14–16 Die erwähnten Fundstücke befinden sich heute im Schwanheimer Heimatmuseum.Stadt Frankfurt am Main, Forstamt (Hrsg.): Historischer Wanderweg Schwanheim, Kapitel Grenzschneise und Grenzsteine, S. 36 ff.

Siedlungsspuren und Hügelgräber der Bronzezeit An der Kelsterbacher Terrasse wurden ebenfalls mehrfach bronzezeitliche Funde gemacht, so an den Resten der historischen Befestigungsanlage Schwedenschanze in Kelsterbach sowie 1989 beim Bau der Bundesstraße 40 im Schwanheimer Wald. Im April 1972 wurden bei einem Durchstich der Terrasse in Kelsterbach umfangreiche Funde von Tonscherben, Tierknochen, Werkzeugen und Feuerstein in Abfallgruben aus der Mittleren Bronzezeit (14. bis 13. Jahrhundert v. Chr.) gemacht. Zu den Funden zählen ebenso zwei aus Ton gebrannte künstlerische Skulpturen, die als Darstellungen von Rindern interpretiert werden. Bereits im Jahr 1964 war beim Bau von Sportstätten in Kelsterbach eine Radnadel aus Bronze aufgefunden worden, die als Grabbeigabe gilt. Diese Funde sowie die vor Ort ebenfalls aufgefundenen Pfostenlöcher und Feuerstellen von mehreren Rundhäusern weisen auf eine dortige größere Ansiedlung in dieser Zeit hin.Stadt Frankfurt am Main, Forstamt (Hrsg.): Historischer Wanderweg Schwanheim, Kapitel Kelsterbacher Terrasse, S. 39 f. Als eine Filialsiedlung dieser Niederlassung der Bronzezeit auf der Kelsterbacher Terrasse werden die wenige hundert Meter weiter nördlich an einem Altarm des Mains, am Rohsee ebenfalls in den 1970er-Jahren aufgefundenen bronzezeitlichen Siedlungsspuren gedeutet.Stadt Frankfurt am Main, Forstamt (Hrsg.): Historischer Wanderweg Schwanheim, Kapitel Riedwiese, S. 41 Dazu zählt eine in etwa einem Meter Tiefe vorgefundene Konstruktion aus Baumstämmen, die von Schwanheimer Heimatforschern als Hafen, Uferbefestigung oder Anlegestelle am Flussufer aus jener Zeit interpretiert wird.Infotafel am Historischen Wanderweg Schwanheim vor Ort.

miniatur|Hügelgrab der Hallstattzeit bei Stockdorf in Oberbayern; in Disposition und Vegetation sehr ähnlich den Hügelgräbern auf der Kelsterbacher Terrasse Im Frankfurter Stadtwald befinden sich zwischen der Stadtgrenze von Kelsterbach im Westen und der von Offenbach im Osten insgesamt neun bekannte, verschieden große Gruppen mit insgesamt 370 Hügelgräbern aus der Epoche von der Älteren Bronzezeit bis zur jüngeren Eisenzeit;Ingrid R. Drafta: Schwanheimer Wald, in: Kreuz und quer durch den Frankfurter GrünGürtel, S. 86 ff. CoCon-Verlag, Hanau 1996. ISBN 3-928100-42-4 vier Gruppen von Gräbern sowie einige Einzelhügel liegen auf dem oberen Rand der Kelsterbacher Terrasse. Da die Hügel oft für mehrere, teils in größeren Zeitabständen vorgenommene Bestattungen genutzt wurden, variieren sie durch die Anzahl der darin enthaltenen Gräber stark in Höhe und Umfang. Eine kleine Zahl von Hügeln weist Höhen zwischen 1,6 und 2,0 Metern auf, die übrigen sind größtenteils deutlich flacher. Viele der flacheren Grabhügel sind im Gelände durch ihren heutigen dichten Bewuchs mit Vegetation, durch Abflachung mittels Bodenerosion, durch ihre Nachbarschaft zu jüngeren Artefakten (siehe den folgenden Abschnitt zu neuzeitlichen Grenzbefestigungen) sowie durch Beschädigungen nur unter Schwierigkeiten als solche zu identifizieren.