Als komplexe posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS, K-PTBS oder kPTBS) wird ein psychisches Krankheitsbild bezeichnet, das sich infolge schwerer sowie anhaltender und/oder wiederholter Traumatisierungen (Misshandlungen, sexueller Kindesmissbrauch, Kriegserfahrungen, Folter, Naturkatastrophen, existenzbedrohende Lebensereignisse, physische oder emotionale Vernachlässigung in der Kindheit, destruktive Beziehungen als Erwachsener u. ä.) entwickeln kann.
Der traumatisierten Person fehlen adäquate Bewältigungskompetenzen. Die Störung kann sowohl direkt im Anschluss an die Traumata als auch mit erheblicher zeitlicher Verzögerung (Monate bis Jahrzehnte) in Erscheinung treten.
Im Unterschied zur klassischen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist die komplexe PTBS nicht durch ein Einzelereignis verursacht, sondern durch ein breites Spektrum kognitiver, affektiver und psychosozialer Beeinträchtigungen gekennzeichnet, die meist über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben. Der Begriff komplexe PTBS (engl. Complex PTSD, C-PTSD oder cPTSD) wurde für dieses Krankheitsbild erst 1992 durch die amerikanische Psychiaterin Judith Herman eingeführt.J. Herman: Complex PTSD: A syndrome in survivors of prolonged and repeated trauma. In: Journal of Traumatic Stress. 1992, 5 (3), S. 377–391.
Im Klassifikationssystem ICD-11, welche 2022 in Kraft trat, wird die komplexe posttraumatische Belastungsstörung erstmals als eigenständige Diagnose definiert. Neben den Hauptsymptomen der klassischen PTBS leiden die Betroffenen der komplexen PTBS zusätzlich unter Affektregulationsstörungen, negativer Selbstwahrnehmung und Beziehungsstörungen.
Begriffsgeschichte Die US-amerikanische Psychiaterin Judith Herman hat bereits Ende der 1970er Jahre darauf hingewiesen, dass es neben der „einfachen“ PTBS (Wiedererleben, Vermeidung, Übererregung) eine „Extremstress-Störung“ gibt, deren Ursache eine langjährige Traumatisierung ist. 1992 gab sie der vorher DESNOS (Disorder of Extreme Stress Not Otherwise Specified) genannten Störung den Namen „Complex PTSD“, also komplexe PTBS.EMDR in der Behandlung komplexer PTBS und dissoziativer Störungen PDF Michaela Huber, abgerufen am 17. Juli 2022
Diese Entwicklung zur „komplexen PTBS“ wurde maßgeblich durch den Druck der männlichen amerikanischen Vietnamveteranen ausgelöst, die damals eine Erklärung für ihre Symptome und eine geeignete Therapie für das Post Vietnam Syndrome (PVS) einforderten. Die diagnostischen Kriterien der PTBS konzentrierten sich damals nur auf Symptome, die bei diesen Vietnamveteranen beobachtet worden waren. Für die Beschreibung der Störungsbilder, die bei Jugendlichen und Erwachsenen beobachtet wurden, die in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt (Kindesmissbrauch) erlitten hatten, waren sie jedoch ungeeignet.
Basierend auf den von der DSM-Arbeitsgruppe der APA initiierten Felduntersuchungen ließ sich ein komplexeres Krankheitsbild identifizieren, das im Gefolge besonders schwerer oder wiederholten bzw. langanhaltenden Traumatisierungen wie psychischer, körperlicher oder sexueller Gewalterfahrungen, aber auch bei Kriegs- und Foltererfahrungen oder Entführungen entsteht und als „Störung durch Extrembelastung, nicht anderweitig bezeichnet“ (DESNOS, Anhang DSM IV) begrifflich gefasst wurde. Ein sehr ähnliches Krankheitsbild wird in der ICD-10-Diagnose F62.0 „Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“ beschrieben. Nach den klinischen Beschreibungen und diagnostischen Leitlinien der ICD-10 „sollen“ die „späten chronischen Folgeerscheinungen von verheerenden Belastungen, d. h. die, die sich erst Jahrzehnte nach der belastenden Erfahrung entwickeln, […] unter F62.0“ (übersetzt aus dem Englischen) klassifiziert werden.The ICD-10 – Classification of Mental and Behavioural Disorders – Clinical descriptions and diagnostic guidelines. (PDF; 1,3 MB) dort unter F43.1, Unterabschnitt „Diagnostic Guidelines“
Mit der seit 2022 gültigen ICD-11 wurde die „Komplexe posttraumatische Belastungsstörung“ (komplexe PTBS) als eigenständige Störung klassifiziert.
Anzeichen und Symptome
Kinder Die Diagnose der PTBS wurde ursprünglich anhand traumatisierter Erwachsener entwickelt,Herman JL: Trauma and Recovery. Basic Books, 1992. etwa nach Kriegserlebnissen oder sexueller Gewalt. Die Lebensrealität vieler Kinder unterscheidet sich davon jedoch deutlich. Kinder können über längere Zeiträume belastenden Erfahrungen wie Misshandlung, häuslicher Gewalt, Mobbing, familiärer Dysfunktion oder gestörten Bindungsbeziehungen ausgesetzt sein. Häufig geht das Trauma von den eigenen Bezugspersonen aus.
Die klassische PTBS-Diagnose berücksichtigt nur eingeschränkt, welchen Einfluss Entwicklungsphasen auf die Symptomatik haben und wie chronische Traumatisierung die körperliche, emotionale und soziale Entwicklung eines Kindes prägen kann.
Als mögliches kindliches Gegenstück der KPTBS wurde die Entwicklungsbezogene Traumafolgestörung (Developmental Trauma Disorder, DTD) vorgeschlagen.van der Kolk BA: Developmental Trauma Disorder. Psychiatric Annals, 2005. Dieses Konzept beschreibt die Folgen wiederholter zwischenmenschlicher Traumatisierung während der Entwicklung und soll erklären, weshalb betroffene Kinder ein erhöhtes Risiko für weitere psychische und körperliche Erkrankungen besitzen.
Wiederholte Traumatisierungen in der Kindheit können zu Symptomen führen, die sich teilweise von der klassischen PTBS unterscheiden. Sie können unter anderem Beeinträchtigungen in diesen sieben Entwicklungsbereichen verursachen.Cook A et al. Complex Trauma in Children and Adolescents. Psychiatric Annals. 2005.
Bindung: Probleme beim Aufbau und Erhalt vertrauensvoller Beziehungen, soziale Isolation sowie Schwierigkeiten, Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren. Körperliche und neurobiologische Symptome: Auffälligkeiten der sensorischen und motorischen Entwicklung, Schwierigkeiten der sensorischen Integration, vermehrte körperliche Beschwerden oder Somatisierung. Emotionsregulation: Eingeschränkte Fähigkeit zur Regulation von Gefühlen, Schwierigkeiten beim Erkennen und Ausdrücken eigener Emotionen sowie beim Kommunizieren eigener Bedürfnisse. Dissoziation: Gedächtnislücken, Depersonalisation, verschiedene Bewusstseinszustände mit jeweils unterschiedlichen Erinnerungen und emotionalen Reaktionen sowie eingeschränkte Erinnerung an ereignisbezogene Inhalte. Verhaltenskontrolle: Probleme der Impulskontrolle, Aggression, selbstschädigende Strategien zur Spannungsregulation sowie Schlafstörungen. Kognition: Aufmerksamkeitsstörungen, Beeinträchtigungen exekutiver Funktionen wie Planung, Urteilsvermögen oder Selbstkontrolle, Schwierigkeiten beim Lernen neuer Informationen, Konzentrationsprobleme sowie Verzögerungen der Sprachentwicklung. Selbstbild: Fragmentierte autobiografische Erinnerungen, gestörtes Körperbild, geringes Selbstwertgefühl, ausgeprägte Scham und dauerhaft negative Vorstellungen über die eigene Person.Cook et al. 2005.
Erwachsene Viele Erwachsene mit einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung erlebten langandauernde zwischenmenschliche Traumatisierungen bereits in der Kindheit, teilweise zusätzlich zu späteren traumatischen Erfahrungen. Solche frühen Belastungen können die Entwicklung eines stabilen Selbstbildes und tragfähiger Vorstellungen von anderen Menschen nachhaltig beeinflussen. Wenn körperliche oder emotionale Gewalt beziehungsweise Vernachlässigung von nahen Bezugspersonen ausgehen, entwickeln Betroffene häufig die Überzeugung, grundsätzlich fehlerhaft zu sein oder anderen Menschen nicht vertrauen zu können.
Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse aus dem Jahr 2025 berichtete Prävalenzen von 2 % für PTBS und 4 % für KPTBS in wirtschaftlich entwickelten Regionen ohne Kriegseinwirkung.Fung HW et al. Prevalence of ICD-11 post-traumatic stress disorder (PTSD) and complex PTSD in the general populations: A systematic review and meta-analysis. Asian Journal of Psychiatry. 2025. In kriegsbetroffenen oder wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen lagen die entsprechenden Schätzungen bei etwa 16 % beziehungsweise 15 %.
Frühere Beschreibungen der komplexen PTBS fassten die Symptomatik in sechs Bereiche zusammen.Herman JL. Complex PTSD: A Syndrome in Survivors of Prolonged and Repeated Trauma. Journal of Traumatic Stress. 1992.
Veränderungen der Emotions- und Impulsregulation Veränderungen von Aufmerksamkeit und Bewusstsein Veränderungen der Selbstwahrnehmung Veränderungen zwischenmenschlicher Beziehungen Somatisierung Veränderungen von Sinn- und Glaubenssystemen
Diese Bereiche können sich unter anderem folgendermaßen äußern:
Anhaltende Schwierigkeiten der Emotionsregulation, beispielsweise chronische Niedergeschlagenheit, intensive Suizidgedanken, Selbstverletzungen, starke Wutausbrüche oder ausgeprägte emotionale Hemmung sowie auffällige Veränderungen des Sexualverhaltens. Veränderungen des Bewusstseins mit Erinnerungslücken, dissoziativen Episoden, Depersonalisation, Derealisation oder einem wiederholten Wiedererleben traumatischer Erfahrungen. Veränderungen des Selbstbildes mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Scham, Schuld, Selbstvorwürfen, einem Empfinden innerer Beschädigung oder dem Gefühl, sich grundlegend von anderen Menschen zu unterscheiden. Veränderte Wahrnehmung der Täter, etwa eine anhaltende gedankliche Beschäftigung mit ihnen, Rachefantasien, die Zuschreibung übermäßiger Macht, Idealisierung, paradoxe Dankbarkeit oder die Übernahme ihrer Rechtfertigungen und Überzeugungen. Beeinträchtigungen zwischenmenschlicher Beziehungen mit sozialem Rückzug, Schwierigkeiten in engen Beziehungen, wiederholter Suche nach einer rettenden Person, anhaltendem Misstrauen sowie wiederkehrendem Versagen beim eigenen Selbstschutz. Veränderungen von Sinn- und Glaubenssystemen mit dem Verlust tragender Überzeugungen sowie Gefühlen von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.
Diagnostik
Nach ICD-11 Mit der ICD-11 existiert die „Komplexe posttraumatische Belastungsstörung“ (komplexe PTBS) als eigenständiges Störungsbild, die unter die Kategorie „Spezifisch Belastungs-assoziierte Störungen“ fällt. Die Kriterien lauten:
Instrumente zur Diagnosestellung Die Diagnose erfolgt anhand der Kriterien im ICD-11, in das DSM-5 wurde die K-PTBS nicht aufgenommen. Dazu gibt es ein validiertes Selbstbewertungsinstrument zur Beurteilung der K-PTBS, den International Trauma Questionnaire (ITQ). Unterstützend werden spezifische Fragebögen und Interviews eingesetzt, wie das Interview zur komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (IK-PTBS)Interview zur komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (IK-PTBS) Erstellt auf der Grundlage des SIDES-Interviews. Autoren: van der Kolk, Pelcovitz, Herman, Roth, Kaplan, Waldinger, Guastela, Spitzer (1999); dt. Übersetzung und Bearbeitung: Sack, Hofmann (2001), Martin Sack, PDF abgerufen am 20. Juli 2022, das Screening zur komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (SkPTBS) und der Child Trauma Questionnaire (CTQ), mit dem der erwachsene Proband Auskunft über Misshandlung während seiner Kindheit gibt. Der CTQ besteht aus fünf Unterskalen: emotionale Misshandlung, körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch, emotionale Vernachlässigung, körperliche Vernachlässigung, die jeweils aus fünf Items bestehen und einer zusätzlichen Bagatellisierungsskala, die aus drei Items besteht.Child Trauma Questionnaire (PDF; 150 kB) Universitätsklinikum Ulm, abgerufen am 7. Mai 2022The German Version of the Childhood Trauma Questionnaire (CTQ) www.researchgate.net, abgerufen am 7. Mai 2022
Häufigkeit