Strukturalismus ist ein Sammelbegriff für interdisziplinäre Methoden und Forschungsprogramme, die Strukturen und Beziehungsgefüge in den weitgehend unbewusst funktionierenden Mechanismen kultureller Symbolsysteme untersuchen.Gerhard Plumpe, Strukturalismus, Artikel in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10, S. 342 ff.; Jörg Stadlinger, Strukturalismus, Artikel in: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Band 4, S. 466 ff.
Etymologie Der Begriff Strukturalismus ist vom Wort Struktur abgeleitet und wurde vereinzelt seit Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet. In der Psychologie wurde er 1907 von James Rowland Angell in einem Aufsatz über Edward Bradford Titchener eingeführt. In der Sprach- und Literaturwissenschaft wurde er seit den 1920er vom Prager linguistischen Kreis verwendet. Dort knüpfte Roman Jakobson an die Schule des Russischen Formalismus an und verwendete den Begriff „Strukturalismus“ erstmals 1929 in einem in der Prager Zeitschrift Čin auf Tschechisch unter dem Titel Romantischer Panslawismus – neue Slawistik (Romantické všeslovanství — nová slávistika) veröffentlichten Aufsatz:Were we to comprise the leading idea of present-day science in its most various manifestations, we could hardly find a more appropriate designation than structuralism. Any set of phenomena examined by contemporary science is treated not as a mechanical agglomeration but as a structural whole, and the basic task is to reveal the inner, whether static or developmental, laws of this system. What appears to be the focus of scientific preoccupations is no longer the outer stimulus, but the internal premises of the development; now the mechanical conception of processes yields to the question of their functions.Roman Jakobson, Selected Writings, vol. 2: Word and Language [The Hague & Paris: Mouton, 1971], S. 711. Übersetzung: Wollte man die Leitidee der heutigen Wissenschaft in ihren vielfältigsten Erscheinungsformen erfassen, könnte man kaum eine treffendere Bezeichnung finden als den Strukturalismus. Jede Reihe von Phänomenen, die von der zeitgenössischen Wissenschaft untersucht werden, wird nicht als mechanische Ansammlung, sondern als strukturelles Ganzes behandelt, und die grundlegende Aufgabe besteht darin, die inneren, ob statischen oder entwicklungsbedingten Gesetze dieses Systems aufzudecken. Was im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung zu stehen scheint, ist nicht mehr der äußere Reiz, sondern sind die inneren Prämissen der Entwicklung; die mechanische Vorstellung von Vorgängen weicht nun der Frage nach ihren Funktionen.
Begriff Der Strukturalismus ist eine geistige Strömung, die ihre Hochphase in den 1960er bis 1970er Jahren hatte und teilweise als Modeerscheinung kritisiert wurde.Günter Schiwy hat in einer der ersten Darstellungen des Strukturalismus im deutschen Sprachraum dessen Unterscheidung als Mode, Methode und Ideologie vorgeschlagen. Vgl. auch Urs Jaeggi, Ordnung und Chaos. Strukturalismus als Methode und Mode, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970. Einen großen Konsens gibt es noch zur Zeit der Entstehung mit der Genfer Schule der Linguistik um Ferdinand de Saussure und der Prager Schule in den 1920er Jahren gegen eine rein historische Betrachtung der Sprache. Übertragungen auf der Suche nach festen Strukturen ergaben sich für die Völkerkunde, die Geschichts- und die Literaturwissenschaft, über das Denken für die Psychologie/Psychoanalyse und Philosophie des Geistes. Über den akademischen Austausch (Leonard Bloomfield) und die Emigration bildeten sich US-amerikanische/kanadische Schulen aus. In der Hochphase prägten viele französische Forscher die Strömung, teilweise in Opposition zur angelsächsischen Analytischen Philosophie. Auch der Marxismus stand in Opposition mit dem Vorwurf, die historischen Gesetze zu verkennen. Mit dem Poststrukturalismus wurde ein Ende verkündet, dessen Berechtigung und Zeitpunkt aber umstritten bleibt.
Es gibt keinen einheitlichen Strukturalismus, sondern nur strukturalistische Grundannahmen, die in den verschiedenen Strukturalismen immer wieder produktiv werden und vom System-Charakter der Struktur ausgehen: Die Struktur bedingt die Funktionalität der Teile im Verbund einer Ganzheit.
Der Strukturalismus behauptet einen logischen Vorrang des Ganzen gegenüber den Teilen und versucht, einen internen Zusammenhang von Phänomenen als Struktur zu fassen.Hans-Dieter Gondek: Strukturalismus. Artikel in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Band 2, Hamburg 1999, S. 1542. Strukturen organisieren formal und inhaltsleer die Wirklichkeit, sie sind gegenüber den einzelnen strukturierten Elementen und konkreten Subjekten unabhängig.
Untersuchungsobjekte werden nicht für sich genommen betrachtet, da jedes einzelne Objekt überhaupt nur innerhalb eines Gesamtzusammenhangs individuierbar und betrachtbar ist und als seiend in Frage kommt. Im Fokus steht daher die Struktur, die den Objektstatus erst ermöglicht. Ein Objekt wird nicht durch Ursachenbeziehungen, nicht durch ideengeschichtliche oder andere Kontinuitäten, sondern durch seine kontextuelle Struktur, insbesondere durch Gegensatzbegriffe erklärt, die einen bestimmten Typ von Objekten bestimmbar machen und dessen Realität überhaupt erst begründen.
Beispielsweise besteht ein Wort substanziell nicht als ein isoliertes Zeichen, das etwas bedeutet, sondern durch unterschiedliche Beziehungen zu anderen Elementen der Sprache; es muss daher anstelle einzelner solcher Elemente die Struktur der Sprache und die Position der Elemente darin untersucht werden.Vgl. zum Vorstehenden: David Holcroft: Structuralism. In: Routledge Encyclopedia of Philosophy.
Das Verständnis eines Objekts ergibt sich erst durch den Vergleich mit anderen Objekten und durch die Betrachtung seiner Stellung innerhalb deren wechselseitiger Beziehungen. Die strukturalistische Methode begreift ihre Objekte nicht als an sich seiend, sondern als Objekte, die kraft ihrer Einordnung in Strukturen überhaupt erst bestehen. Diese Strukturen sind wesentlich durch die Konventionen unseres Zugriffs auf die Welt geprägt. Sie erklären, wie sich Objekte formieren und wandeln.Gerhard Plumpe, Strukturalismus, Artikel in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10, S. 347, charakterisiert in diesem Sinne den Strukturalismus dahingehend, dass er seine „theoretischen Objekte als strukturierte Systeme konstruiert und auf ihre Formations- und Transformationsregeln hin untersucht“. Plumpe bezieht sich dabei auf
Strukturelle Differenzen als Grundannahme Die Sprache ist das primäre Paradigma strukturalistischer Forschung.Vgl. Gerhard Plumpe, Strukturalismus, Artikel in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10, S. 342. Der Strukturalismus sieht in der Sprache als Zeichensystem den Grundtyp jeder ganzheitlichen Organisation der Wirklichkeit. Es gibt nach Meinung einiger Strukturalisten keine Struktur außerhalb dessen, was Sprache ist, und sei es auch eine esoterische oder gar eine nonverbale Sprache. Gilles Deleuze schreibt in seinem 1973 erstmals erschienenen Aufsatz Woran erkennt man den Strukturalismus?: „Es gibt nur insofern eine Struktur des Unbewussten, als das Unbewusste redet und Sprache ist. Es gibt nur insofern eine Struktur des Körpers, als der Körper für sprechend gehalten wird in einer Sprache, welche die der Symptome ist.“ Deleuze meinte deshalb: „Die Dinge selbst haben nur insofern Struktur, als sie einen schweigenden Diskurs abhalten, welcher die Sprache der Zeichen ist.“ Auf die Bedeutung der Sprache als Basismodell des Strukturalismus wies auch Michel Foucault hin:
Es wird zwischen der Sprache als System (langue) und der gesprochenen Sprache (parole) unterschieden. Parole ist die Aktualisierung der langue durch individuelle Sprecher. Die langue umfasst ein in sich geschlossenes, grammatisches und lautliches System, das den Sprechern der parole vorgegeben ist. Dieses synchronisch organisierte System steht in jedem Gehirn virtuell zur Verfügung und strukturiert die Masse der sprachlichen Äußerungen. Die langue aktualisiert sich in der parole, hat aber keine Existenz unabhängig von ihr und ist den Sprechern meist unbewusst. Zwei weitere Merkmale der langue sind die willkürliche Natur des sprachlichen Zeichens und die differentielle Erzeugung seiner Bedeutung. Das sprachliche Zeichen besteht aus dem Signifikanten als Bedeutungsträger und dem Signifikat als Inhalt. Die Differenz zwischen den Inhalten erzeugt erst das Signifikat und den Signifikanten. Am deutlichsten wird die differentielle Natur der Bedeutung am Beispiel binärer Gegensätze wie Frau/Mann, oben/unten sowie gut/böse. Das Gute gewinnt seine Bedeutung erst durch die Differenz zum Bösen. Ohne das Böse gäbe es auch das Gute nicht. Demnach bestimmt eine Veränderung der Bedeutung des Bösen unweigerlich auch die Bedeutung des Guten neu. Neben der sprachlichen Struktur gibt es auch eine Tiefenstruktur der Kultur. Die kulturellen und gesellschaftlichen Erscheinungen lassen sich als Modelle einer umfassenderen Struktur von Differenzen nach dem Vorbild der langue erklären. Dazu gehören beispielsweise Texte aller Art oder gesellschaftliche Machtverhältnisse. Dies lässt sich am Beispiel des Schachspiels verdeutlichen: Die Bedeutung der einzelnen Schachfiguren bestimmt sich nur durch ihre funktionale Differenz zu den anderen Figuren. Ähnlich wie Schachfiguren interessieren uns individuelle Dinge und Ereignisse nur, wenn sie uns über die Beziehungen zu anderen Elementen des Systems und damit über das zugrundeliegende System selbst informieren.Grundlegend dazu Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. 2. Auflage. Berlin 1967.
Struktur als Eigenschaft von Systemen Es ist eine Grundthese des Strukturalismus, dass Zeichen nicht durch Selbstbezug, sondern über das Geflecht anderer Zeichen Sinn erzeugen. Deshalb ist Sinn nie vollständig präsent, sondern immer aufgeschoben. Zudem sind die Strukturen nicht stabil und geschlossen, sondern veränderlich und offen. Sinn ist letztlich unbestimmt und beweglich. Strukturen werden als verborgene Eigenschaften von Systemen verstanden. Sie erschließen sich einem Wissenschaftler erst dann, wenn er sich dem System mit einer geeigneten Ausgangshypothese nähert. Wenn dabei Strukturen aufgedeckt werden, so handelt es sich nicht um Eigenschaften des untersuchten Objekts, sondern um Eigenschaften der Theorie des Objekts.S. Saumjan, Strukturale Linguistik, München 1971, S. 38 ff. Diese dienen dazu, das gefügehafte Verhältnis der Elemente zu beschreiben:
Das Gefüge ist mehr als die Elemente, aus denen es besteht (Totalität). Die Elemente hängen alle gegenseitig voneinander ab. Jede Veränderung eines Elements zieht die Veränderung der übrigen nach sich (Interdependenz). Die Elemente verändern sich nach gewissen Regeln (Transformation). Diese Veränderung reguliert sich selbst (Selbstregulierung). Das Gefüge bewahrt durch alle Zustände hindurch, die es annehmen kann, seine Selbstidentität. In jedem seiner Zustände kann es von einem anderen Gefüge klar unterschieden werden (Invarianz). Das Gefüge kann mit Hilfe einer Reihe von genau festgelegten Operationen erzeugt werden (Möglichkeit der effektiven Definition).
Segmentierung als Methode