mini|Blick über Petershausen West (rechts) und Rhein auf den Stadtteil Paradies (links). mini|Stadtteil Paradies im Süden, westlich der Altstadt
Paradies war früher eine dörfliche Siedlung, heute ist es ein Stadtgebiet und ein Stadtteil von Konstanz am Bodensee. Es hat nach den amtlich definierten Stadtteilgrenzen eine Fläche von 63,2 Hektar (632.034 m²) und 6002 Einwohner (2025).
Gebietsabgrenzung Offiziell wird der Stadtteil durch die Straßen Schulthaißstraße, Maria-Ellenrieder-Straße und Löhrystraße zur Altstadt hin abgegrenzt. Er ist nach der amtlichen Definition also kleiner als im allgemeinen Verständnis in Konstanz (und mancher Ämter, z. B. des städtischen Denkmalamts).Claudia Rindt: Das Paradies ist kleiner als viele denken. In: Südkurier. 7. Januar 2019, S. 15. Auch bei den innerstädtischen Fahrradwegweisern geht das Paradies bis zur Laube.
Außerhalb von verwaltungstechnischen Zwecken wird das „Paradies“ begrenzt durch den Straßenzug Obere bzw. Untere Laube, der als Boulevard vor der früheren Stadtmauer und damit der historischen Altstadt verläuft, den Seerhein sowie den Verlauf der Staatsgrenze zur Schweiz.Der Stadtteil Paradies. In: Konstanz im Blickpunkt. Norbert Höpfinger Verlag, Konstanz 2013/2014, S. 23. Auch auf den in der Innenstadt verteilten Stadtplan-Stelen beginnt das Paradies westlich der Laube.
Geschichte Fischer- und Bauernsiedlung Das Paradies entstand wohl im Spätmittelalter als Fischer- und Bauernsiedlung. Damals hieß es Eggenhusen. Den heutigen Namen erhielt der Stadtteil durch ein Nonnenkloster mit dem Namen claustrum Paradysi apud Constantiam, welches sich dort um 1186 ansiedelte. Die Nonnen übten Stundengebet und Krankenpflege aus.Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982, ISBN 3-922305-06-7, S. 7. Bereits 1253 verließen die Nonnen ihr Kloster vor den Toren der damaligen Bischofsresidenz und zogen in die Gegend des schweizerischen Schaffhausen, nach Schlatt im Kanton Thurgau und gründeten dort ein neues Kloster namens Paradies.Heike Thissen: St.-Martins-Kapelle. Schmugglerei im Himmel auf Erden. In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011, ISBN 978-3-00-035899-9, S. 75–77. 1324 wird „Paradyse“ erstmals urkundlich erwähnt; es blieb bis ins 14. Jahrhundert eine eigenständige Dorfgemeinde. Auch um 1900 wurden Kohlköpfe, Rüble, Zwiebeln, Lauch und Sellerie angebaut. Diese wurden von Händlern abgeholt oder auf dem Wochenmarkt verkauft. Im Jahr 1969 gab es noch 25 Gemüsegärtnereien im Paradies.Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982, ISBN 3-922305-06-7, S. 8–29.
Vorstadt von Konstanz mini|Konstanz von Osten: Kupferstich von Merian im Jahr 1633. Im Vordergrund die heutige Altstadt. Dahinter klar abgegrenzt das Paradies. Gut zu erkennen die Wehranlagen Dann wurde er als Vorstadt nach Konstanz eingegliedert. Der ursprüngliche Mittelpunkt ist die St.-Martins-Kapelle auf einem Fundament aus dem 14. Jahrhundert. Im Jahr 1610 lebten im Paradies insgesamt etwa 300 Menschen. Die Paradieser Bauern versorgten damals die Bewohner der Stadt mit den Erträgen ihrer Felder im Bereich zwischen der heutigen B 33 (Europastraße) und der Laube.
In die städtische Ummauerung wurde das Paradies im 17. Jahrhundert integriert. Um 1639 wurde die Vorstadt mit der Errichtung eines Erdwalls und eines Grabens (Saubach) ins Verteidigungssystem der Handelsstadt Konstanz einbezogen. Dabei erhielt das Paradies auch zwei Wachtürme.
Seit 1733 ist Konstanz nicht mehr befestigt.Heike Thissen: Paradieser Schlössle. In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011, ISBN 978-3-00-035899-9. Der Grießeggturm am Ende der Fischenzstraße war westlicher Eckpunkt der Verteidigungslinie. Er stand am Ende des Erdwalles entlang des Grenzbachs. Er hieß Erker im Paradies, Paradieser Turm im Rhein, wurde ein Wohnhaus und steht unter Denkmalschutz. Er wird seit dem 19. Jahrhundert als Paradieser Schlössle bezeichnet.Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982, ISBN 3-922305-06-7, S. 65. mini|Gaststätte Schweizergrenze Das äußere Paradieser Tor wurde Anfang des 19. Jahrhunderts teilweise abgerissen, teilweise Wohnhaus. Dieses wurde 1818 zur Wirtschaft „Schweizer Grenze“ in der Gottlieber Straße 64 beim Gottlieber Zoll.Claudia Rindt: Das Paradies ist kleiner als viele denken. In: Südkurier. 7. Januar 2019, S. 15. Ein abgenutzter 50 Zentimeter hoher Stein des Äußeren Paradieser Tores ist noch an der südlichen Ecke der Gaststätte erhalten.Heike Thissen: Eckstein. Letzter Zeuge eines wichtigen Tores. In: Eva-Maria Bast und Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. 50 spannende Geschichten aus Konstanz. Band 2, ISBN 978-3-9815564-6-9, S. 126–128.
Wohnungsbau verdrängt Landwirtschaft mini|Historische „Geometrische Karte des Paradies“, J. Eiselein, 1847. Norden ist rechts unten; „Maßstab 600 Nürnberger Schuh“.
Um 1880 stieg die Einwohnerzahl auf nahezu 1500. Mit dem Wegfall der Äcker verlagerte sich der Anbau von Gemüse ins westlich angrenzende Tägermoos, das zwar zur Gemarkung der Stadt Konstanz, staatsrechtlich aber zum Schweizer Thurgau gehört. Die der Landwirtschaft gewidmetem Flächen zwischen der Stadt Konstanz und dem alten Stadtteil Paradies fielen bis Ende der 1950er-Jahre zugunsten des Baus von Wohnungen fort.Heike Thissen: Wegkreuz im Brüel. Andacht auf dem Parkplatz. In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011, ISBN 978-3-00-035899-9, S. 100–102.
Bis 1870 war das Paradies wenig bebaut. Ab 1870 wurde es vom Osten, ab 1901 zunehmend von Süden, ab 1961 von Norden her bebaut. Im Mai 1978 wurde die Schänzlebrücke eingeweiht, der Nordwesten des Paradieses nunmehr für Auf- und Abfahrtsrampen benötigt.Immo Göpfrich: Die städtebauliche Entwicklung des Konstanzer Stadtteiles Paradies. In: Alexander-von-Humboldt-Gymnasium (Hrsg.): Bürgerschule, Zeppelin-Oberrealschule, Alexander-von-Humboldt-Gymnasium 1830–1980. Die Schrift zum Jubiläum der Schule am Schottenplatz in Konstanz. Redaktion: Franz Eberhard Bühler, Ulf Göpfrich, Erich Keller, Walter Lehn, Wilhelm Leonhard, Dieter Städele. Konstanz: Verlag Friedrich Stadler, 1980, ISBN 3-7977-0060-1, S. 178–194.
Die Zahl der Gemüsegärtner nimmt stetig ab. 1969 gingen diesem Erwerb noch 25 Bewohner des Paradies nach, 2006 noch etwa acht. Nachdem Konstanz keinen eigenen Farrenstall mehr unterhielt, hatte der Stadtteil einen eigenen. Erst seit 1994 gibt es hier keine Viehhaltung mehr.
Bevölkerungszahl Paradies (im weiteren Sinne) 1610: 300 Bewohner (106 Erwachsene, 151 Kinder, 16 Dienstknechte, 27 Mägde) 1781: 50 Familien, die sich von der Gärtnerei ernährten 1817: 65 Familien in 45 Häusern 1880: 1467 EinwohnerTobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982, ISBN 3-922305-06-7, S. 8.
Paradies (Verwaltungsbezirk) 1990: 4736 Einwohner 1995: 4856 Einwohner 2000: 5029 Einwohner 2005: 5487 Einwohner 2010: 6017 Einwohner 2012: 5813 Einwohner 2013: 6030 EinwohnerStadt Konstanz, Hauptamt Statistik und Steuerungsunterstützung (Hrsg.): Konstanz in Zahlen 2014. S. 7 – Wohnbevölkerung (Hauptwohnsitz) nach Stadtteilen 2016: 6116 Einwohner: Stadt Konstanz, Referat Oberbürgermeister, Statistik und Steuerungsunterstützung. S. 8 – Paradies 2018: 6113 EinwohnerKonstanz – Daten, Fakten Zahlen. In: Konstanzer Kompass 2020, Stadler Verlagsgesellschaft Konstanz, S. 8–9.
Heutige Struktur mini|Braunegger Straße im Paradies Die Bebauung begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Beim Bau der Wallgutstraße, wegen Bebauung durch Neubauten und beim Bau der zweiten Rheinbrücke wurden historische Gebäude abgerissen.Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982, ISBN 3-922305-06-7, S. 69–79. Die Marmorstraße ist benannt nach Johann Marmor.
Denkmalschutz In der „Liste der Kulturdenkmale“ der Stadt Konstanz (hrsg. von der Unteren Denkmalschutzbehörde) sind im östlichen Bereich, also nahe an der Oberen bzw. Unteren Laube, zahlreiche denkmalgeschützte Bauten aus der Gründerzeit bzw. im Jugendstil verzeichnet, außerdem das Palmenhaus sowie weitere einzelne Bauten im westlichen Teil.
Kunst im öffentlichen Raum Das Sgraffito von Hans Sauerbruch von 1957 im Schobuliweg 9/11, in dem an die landwirtschaftliche Vergangenheit des Stadtteils Paradies erinnert wird, wurde durch Restaurierung der Fassade und durch Innendämmung statt Außendämmung vor der Verdeckung bewahrt.Michael Lünstroth: Sauerbruch-Wandbild fertig restauriert. In: Südkurier vom 29. April 2015.
Öffentliche Gebäude
Entlang des Seerheins befinden sich mehrere öffentliche Gebäude, darunter die Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) und die Wessenberg-Schule (von dem Bauhaus-Schüler Hermann Blomeier). Weiter westlich am Seerhein, jenseits der Schänzlebrücke, befindet sich die Schänzle-Sporthalle, eine Multifunktions-Sporthalle für sportliche Großveranstaltungen mit bis zu 1800 Zuschauern. Im nordöstlichen Teil des Paradies liegen drei Schulen: das Ellenrieder-Gymnasium, das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium und die Wallgutschule.
Paradies westlich der Bundesstraße 33 An der Ecke Fischenz-/Grießeggstraße stand die St. Leonhardskapelle, die 1624 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Im Jahr 1773 wurde sie durch die Nepomuk-Kapelle ersetzt.Claudia Rindt: Das Paradies ist kleiner als viele denken. In: Südkurier. 7. Januar 2019, S. 15. Im Jahr 1922 wurde am Platz der Vorgängerkirchen die St.-Martins-Kapelle geweiht. Eigentümer ist der Kapellenbauverein der Paradieser.Tobias Engelsing: Menschen im Paradies. Bilder aus einem Konstanzer Stadtteil um die Jahrhundertwende. Faude, Konstanz-Litzelstetten, November 1982, ISBN 3-922305-06-7, S. 35. Sie heißt im Volksmund „Brissago-Kapelle“ nach der Zigarettenmarke Brissago, die von der Schweiz nach Deutschland geschmuggelt wurde.Heike Thissen: St.-Martins-Kapelle. Schmugglerei im Himmel auf Erden. In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011, ISBN 978-3-00-035899-9, S. 75–77.
Vor der Kirche steht der Lienhardsbrunnen, der 1897 von der Marktstätte hierher versetzt wurde. Als neue Brunnenfigur auf einer Säule wurde der Heilige Lienhard, der Schutzpatron der Bauern und Gefangenen, vom Bildhauer Josef Franz Baumeister gefertigt.Heike Thissen: Lienhardsbrunnen. Aus der Innenstadt ins Paradies gerollt. In: Eva Maria Bast, Heike Thissen: Geheimnisse der Heimat. Konstanz, Edition Südkurier, 2011, ISBN 978-3-00-035899-9, S. 115–117.
Gedenkstätten mini|Der Hussenstein (2011) mini|Gedenktafel an Johann Martin Schleyer, den Ersinner der Weltsprache Volapük
Der „Hussenstein“ in der Straße Am Hussenstein erinnert an die Hinrichtung des tschechischen Reformators Jan Hus durch Verbrennen vor den Mauern der Stadt, obwohl ihm vorher freies Geleit durch das Konzil von Konstanz zugesichert worden war.Josua Eiselein: Begründeter Aufweis des Plazes bei der Stadt Constanz, auf welchem Johannes Hus und Hieronymus von Prag in den Jahren 1415 u. 1416 verbrannt worden. Die Hinrichtung von Jan Hus fand im Gebiet zwischen Paradiesstraße, Gottlieber Straße und Grenzbachstraße statt.Ulrich Büttner, Egon Schwär: Der Hussenstein. Im Gedenken an die Hinrichtung zweier Reformatoren. In: Ulrich Büttner und Egon Schwär: Konstanzer Konzilgeschichte(n). Verlag Stadler. Konstanz 2014, ISBN 978-3-7977-0580-8, S. 181 bis 182.