ORP„ORP“ ist die Abkürzung für „Okręt Rzeczypospolitej Polskiej“ und der Namenspräfix polnischer Schiffe. ORP bedeutet „Kriegsschiff der Republik Polen“. Orzeł (Kennung: 85A) war ein U-Boot der polnischen Marine im Zweiten Weltkrieg. Die Orzeł (dt. „Adler“) wurde in den Niederlanden gebaut und war das Typschiff der gleichnamigen Orzeł-Klasse. Das polnische Boot wurde kurz nach dem Kriegsbeginn in Estland interniert, konnte aber nach Großbritannien entkommen. Während der deutschen Invasion Norwegens versenkte die Orzeł einen deutschen Truppentransporter. Das Boot wird seit Juni 1940 in der Nordsee vermisst.

Vorgeschichte und Bau Der Bauauftrag wurde von der polnischen Marine am 29. Januar 1936 an die Werft N.V. Koninklijke Maatschappij De Schelde in Vlissingen vergeben. Zwischen 1936 und 1939 wurde die Orzeł zeitgleich mit ihrem Schwesterschiff Sęp gebaut, das bei der Rotterdamsche Droogdok Maatschappij in Rotterdam vom Stapel lief. Die Baukosten für die beiden Boote der Orzeł-Klasse betrugen über 20 Millionen Złoty und wurden hauptsächlich durch Lieferung polnischer Agrarprodukte finanziert.

Die zu ihrer Zeit moderne Konstruktion wurde gemeinsam von polnischen und niederländischen Ingenieuren entwickelt.

Orzeł wurde am 2. Februar 1939 in Dienst gestellt, erhielt die taktische Nummer 85A und erreichte den Heimathafen Gdingen am 10. Februar, wo das Boot von tausenden Schaulustigen begeistert empfangen wurde.

Konstruktive Merkmale Es handelte sich um ein U-Boot mit einem klassischen kombinierten Antrieb aus Diesel- und Elektromotoren ohne Schnorchel. Die beiden 6-Zylinder-Dieselmotoren des Schweizer Herstellers Sulzer lieferten zusammen eine Leistung von 4.740 PS (3.484 kW). Die zwei Elektromotoren kamen vom ebenfalls schweizerischen Hersteller Brown & Boveri und gaben zusammen eine Leistung von 1.100 PS (809 kW) ab. Das Boot besaß zwei Wellen, die zwei Schrauben antrieben.

Der Bootskörper war als 2-Hüllen-Konstruktion gebaut und hatte eine zugesicherte Tauchtiefe von 80 m. Die maximale Tauchtiefe wurde mit 100 m angegeben.

Die Rohrbewaffnung für den aufgetauchten Einsatz bestand aus einem 105-mm-Deckgeschütz des schwedischen Herstellers Bofors mit 125 Schuss und zwei 40-mm-Flugabwehrkanonen in Doppellafette mit 1.200 Schuss.

Das Boot verfügte über acht interne nachladbare Torpedorohre (vier im Bug, vier im Heck). Zusätzlich waren außerhalb des Druckkörpers vier externe, schwenkbare, auf See nicht nachladbare Rohre installiert. Insgesamt führte das Boot bis zu 20 Torpedos mit. Die Torpedorohre waren ausgelegt, sowohl französische 550-mm- und mit einem Einschubadapter auch die kleinkalibrigeren britischen 533-mm-Whitehead-Torpedos verschießen zu können. In der Praxis wurden nur die britischen Torpedos eingesetzt.

Der Entwurf geriet für die seichten Gewässer der kleinen Ostsee etwas zu groß. Die maximale Verdrängung von 1.650 ts übertraf sogar die der frühen deutschen Typ-IX-Hochseeboote. Allerdings kamen dem Boot bei seinen späteren Einsätzen in der Nordsee die Hochseetauglichkeit und die Seeausdauer von bis zu drei Monaten zugute.

Einsatzgeschichte Erste Feindfahrt in die Ostsee Die Schiffsführung Als neuestes und modernstes Boot der kleinen polnischen U-Boot-Flotte erhielt die Orzeł am 2. Februar 1939 den beliebten „komandor podporucznik“„komandor podporucznik“ entspricht einem Kapitänleutnant. Henryk Kłoczkowski, genannt „Klocz“, als Kommandant. Klocz war mit damals 37 Jahren der erfahrenste U-Boot-Kommandant der polnischen Marine. Es gab von Anfang an einen Konflikt zwischen dem Kommandanten und seinem Ersten Offizier, „Kapitan“„kapitan marynarki“ ist vergleichbar mit Oberleutnant zur See. Jan Grudziński, da beide einander unsympathisch waren und nicht trauten. Die Probleme der beiden Offiziere kulminierten nach Grudzińskis Tod in einem Kriegsgerichtsprozess, bei dem Klocz Feigheit und Verrat vorgeworfen wurde.

99x25px|Kriegsmarine99x25px|Polnische MarineLinienschiffe20Leichte Kreuzer30Zerstörer101Drei weitere polnische Zerstörer wurden kurz vor dem Kriegsbeginn im Rahmen der Operation Peking nach Großbritannien evakuiert.Minensuchboote306U-Boote105

Lage zu Beginn des Krieges Zu Kriegsbeginn am 1. September 1939 war die polnische Marine der deutschen Kriegsmarine in der Ostsee sowohl zahlenmäßig als auch in Bezug auf Alter und Zustand des zur Verfügung stehenden Materials weit unterlegen. (Siehe: Kräfteverhältnis zu Beginn des Krieges.)

Angesichts der aussichtslosen Lage entschied das polnische Marineoberkommando unter Konteradmiral Józef Unrug, die wichtigsten Überwassereinheiten zu evakuieren. Die drei polnischen Zerstörer Burza, Błyskawica und Grom wurden im Rahmen der Operation Peking bereits am 29. August in Richtung Großbritannien geschickt, um sie dort in Sicherheit zu bringen. Vor der polnischen Küste verblieben neben fünf U-Booten und diversen kleineren Einheiten lediglich der Zerstörer Wicher und der schwere Minenleger Gryf.

Plan Worek mini|Staatsgrenzen 1939Am 22. März 1939 wurde das Memelland von der litauischen Regierung auf Druck der nationalsozialistischen Regierung an das Deutsche Reich zurückgegeben. mini|Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit der Beschießung der Westerplatte bei Danzig durch das deutsche Linienschiff Schleswig-Holstein.Am 3. September kam es im Hafen von Hel zum ersten Seegefecht des Krieges, als die beiden deutschen Zerstörer Leberecht Maass und Wolfgang Zenker auf den Zerstörer Wicher und den Minenleger Gryf trafen.

Am frühen Morgen des 1. September verließ die Orzeł mit 63 Mann Besatzung den Heimathafen Gdingen, um an dem Plan Worek, dem polnischen Verteidigungsplan der U-Boote, teilzunehmen. Der dem Boot zugewiesene Sektor lag im Westen der Danziger Bucht. Das flache Gewässer war infolge der extremen Überlegenheit der deutschen Luftwaffe und der Nähe zu den deutschen Basen in Ostpreußen sicherlich der gefährlichste Abschnitt der polnischen Küstenverteidigung.

Der erste Tag auf See verlief für Orzeł im Gegensatz zu den anderen polnischen Schiffen ruhig und ohne Feindkontakte.

Am 2. September versuchte die Basis in Hel vergeblich, die Orzeł über Funk darüber zu informieren, dass die Schleswig-Holstein, die ein lohnendes Ziel gewesen wäre, aus Danzig auslaufen würde und angegriffen werden solle. Diese Nachricht erwies sich im Nachhinein als Fehlinformation. In der Nacht zum 3. September sichtete Orzeł zwei deutsche Kriegsschiffe, die aus Pillau kommend in Richtung Hel fuhren. Wahrscheinlich waren das die deutschen Zerstörer Leberecht Maass und Wolfgang Zenker, die am nächsten Tag im Hafen von Hel den Zerstörer Wicher und den Minenleger Gryf erfolglos angriffen. Aufgrund der erdrückenden deutschen Luftherrschaft verzichtete Klocz auf einen Angriff.

Am Nachmittag des 3. September wurde das Boot von deutschen Flugzeugen in 28 m Tiefe entdeckt und mit Wasserbomben angegriffen, die allerdings keine Schäden verursachten. Gegen 22:00 Uhr begegnete Orzeł dem polnischen U-Boot Wilk, und Klocz debattierte längere Zeit mit dessen Kommandanten Boguslaw Krawczyk. Nach dem Gespräch soll sich der Kommandant laut Aussage des Ersten Offiziers Jan Grudziński „pessimistisch und seltsam“ verhalten haben. Die Wilk brach später nach Großbritannien durch und war das erste polnische U-Boot, dem diese Operation gelang.

Am 4. September um 9:50 Uhr wurde die inzwischen auf Grund gelegte Orzeł erneut erfolglos aus der Luft mit Wasserbomben angegriffen. Gegen 15:00 Uhr versuchte Klocz auf Periskop-Tiefe zu gehen, musste aber nach deutschen Wasserbombenangriffen aus der Luft wieder abtauchen. Der Kommandant entschied daraufhin, die Danziger Bucht zu verlassen und bei Gotland zu patrouillieren. Diese Entscheidung stand im Widerspruch zu den Befehlen der Basis, weshalb es zum endgültigen Bruch mit Grudziński kam, der entschieden widersprach.

Am 7. September erreichte das Boot unter schwieriger Umfahrung deutscher Minenfelder Gotland, was der polnischen Marineführung unbekannt war, da sie das Boot immer noch im befohlenen Sektor vermutete.

Am Morgen des 8. September meldete Klocz sich krank und verblieb in seiner Kabine, ohne offiziell Grudziński das Kommando zu übergeben. Grudziński versuchte in den folgenden zwei Tagen den Kommandanten davon zu überzeugen, die Basis über die momentane Lage zu informieren, doch Klocz verweigerte weiterhin die Übergabe des Kommandos und untersagte die Kontaktaufnahme.

Am 10. September erlaubte Klocz schließlich den Funkkontakt zur Basis, die dem Boot die Wahl ließ, entweder in die Basis zurückzukehren oder aber den kranken Kommandanten in einem neutralen Hafen abzusetzen. Klocz konnte sich nicht entscheiden und zog sich erneut in seine Kabine zurück.

Am 12. September wurde endlich ein deutsches Handelsschiff gesichtet. Es kam aufgrund der fehlenden Führung bzw. erneuter Differenzen zwischen dem Kommandanten und seinem Ersten Offizier nicht zum Angriff. Am Abend entschied sich Klocz zur Verwunderung der Besatzung, Tallinn im zwar neutralen, aber deutschfreundlichen Estland anzulaufen.

mini|Orzeł in Großbritannien

Internierung in Tallinn Am späten Abend des 14. September lief das Boot in den Hafen von Tallinn ein. Aufgrund des Seekriegsrechtes ging die Besatzung davon aus, innerhalb der nächsten 24 Stunden unbehelligt wieder auslaufen zu dürfen. Klocz und ein weiteres erkranktes Besatzungsmitglied wurden an Land gesetzt. Allerdings setzten die estnischen Behörden die Orzeł am Morgen des 15. September mit der Begründung fest, dass im Hafen das deutsche Handelsschiff Thalassa läge und das U-Boot gemäß dem Seekriegsrecht erst 24 Stunden nach dessen Auslaufen den Hafen verlassen dürfe, was in der Tat dem international geltenden Seerecht entsprach. – Artikel 16.

Das estnische Patrouillenboot Laine bewachte die Orzeł. Im Laufe des Nachmittags wurde das U-Boot offiziell interniert. Diese rechtswidrige Entscheidung ist sicher durch diplomatischen Druck Deutschlands und der Sowjetunion, die zu diesem Zeitpunkt Verbündete waren, zu erklären (→ Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt).

Mit der Erklärung der Internierung wurde sofort begonnen, das Boot zu demilitarisieren. Die Seekarten, Papiere, Navigationsinstrumente, die Flagge und andere demontierbare Geräte wurden konfisziert. Die estnischen Behörden begannen, die Torpedos zu entladen. Der Besatzung, die pro forma mit den Esten zusammenarbeitete, gelang es durch gezielte Täuschung und Diversion die Entwaffnung zu verlangsamen und einige wichtige Geräte wie beispielsweise die Funkausrüstung dem Boot zu erhalten. Als am 17. September die Sowjetunion in Ostpolen einmarschierte, entschied sich die Besatzung gemeinsam zur Flucht.

In der Nacht zum 18. September gelang es, die Bewacher zu überrumpeln und die Orzeł verließ mit 61 Besatzungsmitgliedern, zwei gefangenen estnischen Soldaten und immerhin noch sechs Torpedos an Bord den Hafen von Tallinn.

Die Esten beschossen das Boot mit Handwaffen und schwerer Artillerie der Küstenverteidigung, weshalb Grudziński das Boot auf Grund legte. Um die Verfolger aus mittlerweile drei Marinen (Deutschland, Estland, Sowjetunion) zu täuschen, ließ er das Boot später in Richtung Nordosten in den Finnischen Meerbusen auftauchen. Das Täuschungsmanöver gelang, denn die Orzeł konnte entkommen und lud ihre Batterien am nächsten Tag in der Nähe der Åland-Inseln auf.

Orzeł-Zwischenfall Die Flucht der Orzeł wurde in der sowjetischen und deutschen Propaganda als „Orzeł-Zwischenfall“ bezeichnet. Die Sowjetunion warf Estland vor, seinen Verpflichtungen als neutraler Staat nicht nachgekommen zu sein. Man habe das Boot mit Absicht entkommen lassen. Trotz viel entscheidenderer Ereignisse an den Landfronten beschäftigte sich die deutsche, sowjetische und estnische Presse intensiv mit dem Thema Orzeł.