mini|Seite aus dem Theuerdank, 2. Auflage. 1519: Kolorierter Holzschnitt nach Leonard Beck. Kapitel 80: Maximilians Pferd wird von einer Kanonenkugel getroffen und stürzt. Theuerdank ist der Titel eines aufwändig gestalteten Versromans aus der frühen Zeit des Buchdrucks, der von Kaiser Maximilian I. (reg. 1486–1519) in Auftrag gegeben und 1517 fertiggestellt wurde. Der Theuerdank hat eine möglicherweise von Maximilian selbst verfasste Geschichte aus seinem Leben zum Inhalt: die Reise zu seiner Braut Maria von Burgund im Jahre 1477, die als fiktive Brautfahrt des Ritters Thewrdanck zu Fräulein Ernreich in Reimpaaren erzählt wird. Im Mittelpunkt der allegorischen Erzählung in der Art des mittelalterlichen Epos steht der Kaiser selbst als ritterlicher Held. Er ist auf seiner Brautfahrt von böswilligen Gesellen umgeben und besteht alle Gefahren.

Der Theuerdank gehörte zu einer Reihe von künstlerisch ambitionierten Unternehmungen Maximilians, wie den Druckwerken des Gebetbuchs, des Weißkunig und der Ehrenpforte, in denen er sich als Herrscher etablieren und verewigen wollte. Der erstmals 1517 in Nürnberg gedruckte und reich illustrierte Theuerdank wurde in einer eigens dafür entworfenen Drucktype hergestellt, die als Schrift die Theuerdank genannt wird und die als Beginn der Frakturschrift bedeutend wurde. Das Werk erfuhr einige Nachdrucke, von denen die Neuausgabe von 1679, erschienen in Augsburg und Ulm, die bedeutendste ist.

Das Werk Inhalt mini|Holzschnitt nach Hans Schäufelin. Kapitel 39: Unfall bringt Ritter Theuerdank in Gefahr durch eine Kanone. mini|Seite aus dem Theuerdank, 1517: Die Drucktype, die sog. Theuerdank, ist der kaiserlichen Kanzleischrift nachempfunden, die Schnörkel sind nachträglich mit der Hand hinzugefügt. Ritter Thewrdanck, der Name verweist auf edle Gedanken und Entschlossenheit, macht sich auf zu seiner Braut, dem Fräulein Ernreich (d. i. ehrenreich), der Tochter König Romreichs (d. i. ruhmreich). Der Ritter, 18 Jahre alt, wird auf seiner Brautfahrt gemeinsam mit seinem Begleiter Ernhold (in späteren Fassungen auch: Ehrenhold, d. i. Ruf, Fama)Vgl. Müller (VL 1987), Sp. 220 in allerlei Fährnisse verwickelt, die er siegreich zu bewältigen weiß. Ausgelöst werden die Unbilden, bei denen es sich zum Beispiel um Auseinandersetzungen mit Wildschweinen, Steinschlägen oder in Brand geratenen Küchen handelt, durch drei ihm nacheinander unterwegs begegnende und ihn jeweils im Folgenden begleitende Figuren, die sich mit sprechenden Namen Fürwittig (in späteren Fassungen auch Fürwitz, d. i. Übermut), Unfalo (später auch Unfall) und Neidelhart (später auch Neidhard, d. i. missgünstig) nennen. Die drei sind Hauptleute, die die Auflösung ihres Heeres infolge der Heirat befürchten und deshalb die Brautfahrt des Ritters zu verhindern trachten. Fürwitz bringt den Helden durch dumme Einfälle in die Bredouille; Unfall geht absichtsvoll vor, weil er die Ehre des Tapferen für sich haben will, und Neidhart bringt den Ritter aus Missgunst in allerlei Gefahr. Alle drei landen am Ende beim Henker: Fürwitz verliert den Kopf, Unfall wird am Galgen aufgehängt und Neidhard vom Balkon in den Tod gestürzt. Ritter Theuerdank wird zwar am Schluss verlobt, muss aber, bevor Fräulein Ehrenreich ihm gehört, erst noch ins Heilige Land zu neuen Abenteuern; mit diesem Entschluss endet die Geschichte. Deshalb blieb in der Ausgabe von 1517 das Kapitel 117 leer; vor dem Schlusskapitel befinden sich drei leere Seiten. Sie wurden in späteren Adaptionen mit dem von Maximilian nie vollzogenen Kreuzzug ins Heilige Land ergänzt.

Aufbau Die Erlebnisse des Ritters werden in 118 Kapiteln erzählt, denen jeweils ein Holzschnitt vorangestellt ist. Die insgesamt 80 Gefährlichkeiten des Ritters werden eingeleitet durch den Hintergrund und den Anlass für die Brautwerbung und abgeschlossen durch deren glücklichen Ausgang und den unausgeführten Plan eines Kreuzzugs. Der äußere Aufbau folgt dem des höfischen Epos; die Aventüren des Ritters indes haben, anders als im Epos des Hochmittelalters, keinen inneren Antrieb, wie zum Beispiel den einer Bewährung oder einer Schuld, sondern folgen einer Mechanik der Verhinderung: Die Fährnisse sind musterhaft angelegt in Episoden, sie werden gleichsam künstlich durch Fürwitz, Unfall und Neidhard herbeigeführt. Die Gefahren sind durchschaubar und haben ihre Kohärenz in den Gestalten ihrer Verursacher.

Dem Werk ist der Dank an Maximilian, von gotsgenaden Erwoelter Roemischer Kayser zu allen Zeitten merer des reichs, vorangestellt für die Genehmigung der Veröffentlichung; anschließend wird es vom Herausgeber Melchior Pfintzing dem durchleüchtigsten Fürsten und herren herrn Carlen Künigen zu Hispanien & Ertzhertzogen zu Osterreych hertzogen zu Burgunde gewidmet – dem Enkel des Kaisers und nach dessen Tod 1519 als Karl V. sein Nachfolger – & meinem allergnedigsten herrn, das war Maximilian. Im Anhang richtete Pfinzing wiederum König Karl eine anzaigung ein, damit dieser die rehte warhait des Werkes erkennen möge: ein ausführliches Inhaltsverzeichnis nebst einer Erläuterung der sprechenden Namen und einen Clavis, den Schlüssel für die Identitäten der Hauptpersonen, die allerdings lediglich mit ihren Abkürzungen umschrieben sind. Theuerdank ist K.M.E.Z.O.V.B. (Kaiser Maximilian Erzherzog zu Österreich und Burgund), Romreich H.C.V.B. (Herzog Carl von Burgund) und seine Tochter, das Fräulein Ehrenreich, ist H.M.V.B., Maria von Burgund.Stephan Füssel: Der Theuerdank von 1517. Komposition und Inhalt des „Theuerdank“. Taschen, Köln 2003, S. 56 ff.

Entstehung Die verschiedenen handschriftlichen Fassungen des Theuerdank und deren Bearbeitungen sind erhalten; sie gehören zum Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und werden dort als Codizes Vindobonensis geführt. Sie weisen die enge Mitarbeit Maximilians selbst sowie mehrerer Redakteure nach. Maximilian gab das Konzept, die Inhalte der Kapitel und auch die Bilder des Theuerdank vor. Er diktierte Entwürfe und machte Vorzeichnungen. Marx Treitzsaurwein, persönlicher Sekretär Maximilians, bearbeitete die Texte, Melchior Pfintzing setzte die Verse. Pfintzing, unter Maximilian ein vielseitiger kirchlicher Würdenträger und in hohem Rang am kaiserlichen Hof, übernahm zudem die Schlussredaktion. Treitzsaurwein hatte für seine redaktionellen Arbeiten am 11. Juni 1514 ein Gnadengeschenk erhalten.Codex Vind. 2867 und 2806. Inwieweit die jeweiligen redaktionellen Arbeiten von Treitzsaurwein und Pfintzing auch als Verfasserschaften gewertet werden können, bleibt ungeklärt.Matthäus Schultes, Herausgeber, Verleger und Drucker der Theuerdank-Ausgabe von 1679, nennt in seinem Vorwort an den Leser Kaiser Maximilian als Urheber, der seinem Schreiber Treitzsaurwein seine Geschichte „in die Feder“ gegeben, die Pfintzing „in Ordnung“ gebracht habe. Vgl. dazu auch Stephan Füssel: Der Theuerdank von 1517. Künstler und Redakteure des „Theuerdank“. Taschen, Köln 2003, S. 42 ff. Desgleichen sind die Probedrucke von 101 Holzschnitten erhalten sowie die Federzeichnungen von fünf weiteren Illustrationen ohne Andruck.Codex Vind. 2833. Handschriftliche Nummerierungen und Notizen, die sich auf die Reihenfolge der Bilder beziehen, sollen von Maximilian selbst stammen.

Im Jahre 1517 erschienen etwa 40 Exemplare des Theuerdank im Folioformat auf wertvollem Pergament sowie 300 auf Papier. Die Pergamentexemplare waren als Geschenke für hochgestellte Persönlichkeiten im Umfeld Maximilians gedacht. Ausgeliefert wurde indes erst die zweite Auflage nach Maximilians Tod 1519 durch seinen Enkel, Erzherzog Ferdinand. Diese Editionsgeschichte bildete Legenden; so berichtete man, Maximilian habe seine ersten Thewerdanncks in einem Sarg aufbewahrt und als Memento mori stets auf seinen Reisen mitgeführt: Er selbst, so die Legende, sollte bei seinem Tod in den Sarg gelegt und das Versepos in Erinnerung seiner Taten herausgenommen und für die Nachwelt verbreitet werden.Stephan Füssel: Der Theuerdank von 1517. Das Epos des „letzten Ritters“ Theuerdank. Taschen, Köln 2003, S. 41.

Intention Maximilian hatte die propagandistischen Möglichkeiten des mit neuen Gestaltungsformen expandierenden Buchdrucks erkannt; er förderte den Holzschnitt und die Typografie. Die alte Form des hochmittelalterlichen Epos, das durch den Buchdruck der nunmehr beginnenden neuen Zeit erstmals auch größere Leserkreise fand, wurde im Theuerdank gefüllt mit einer Legendenbildung der eigenen Person, die alle Gefährdungen besonnen, weise und tapfer meistert. Fürwitz, Unfall und Neidhard sind dabei ein Kunstgriff, sie repräsentieren drei Laster: den Übermut, die Vermessenheit und den Neid. Mit ihnen als Widersachern gelang Maximilian die Etablierung eines Mythos, einer Melange aus Fiktion und Wirklichkeit, die seine Position als Sieger veranschaulichte.

Maximilian I. sah sich nach seiner Wahl zum römisch-deutschen König im Jahre 1486 einem Reich voller Spannungen gegenüber. Die 1495 auf dem Reichstag zu Worms von ihm auf den Weg gebrachte Reichsreform hatte durch den Widerstand der Reichsstände für Maximilian nach der Erlangung der Kaiserwürde im Jahre 1508 den Druck erhöht, seine Macht und seine Rolle zu verdeutlichen. Theuerdanks zunächst recht alltäglich erscheinende Fährnisse erweisen sich so bei näherem Hinsehen als Programm. Seine Gefährdungen, z. B. in einem städtischen Haushalt oder auf der Jagd, verweisen auf die Alltäglichkeiten der verschiedenen Stände; Geschichten mit Lawinen oder auf einem beinahe kenternden Schiff umreißen auch die regionale Ausdehnung des deutschsprachigen Raums in Maximilians Reich. Die allegorische Figur des Ritters Theuerdank ließ sich als „vorbildlicher Bezwinger“ der „allgemeinen Gefährdungen eines jeden Menschen“ verstehen.Stephan Füssel: Der Theuerdank von 1517. Das Epos des „letzten Ritters“ Theuerdank. Taschen, Köln 2003, S. 39.

Maximilian widmete sich als kunstsinniger Herrscher verschiedenen bibliophilen Unternehmungen, die ihn verewigen sollten, aber zumeist Fragment blieben. Neben dem Theuerdank gehörten ein Gebetbuch (1514/1515) und der Weißkunig (um 1513), die nicht beendete Geschichte seiner Eltern und seiner Jugend, zu einem Programm von Veröffentlichungen, mit dem der Kaiser sich als Herrscher manifestieren und eine Vorstellung seiner Person in seinem Reich verbreiten und erhalten wollte. Mit einer Ehrenpforte, einem aus Holzschnitten gestalteten riesigen Wandbild, plante er einen gedruckten Triumphbogen zu seinem Gedächtnis, der durch seinen Tod im Jahre 1519 aber unvollendet blieb.Stephan Füssel: Der Theuerdank von 1517. Bücher und Riesenholzschnitte zum ewigen Gedächtnis. Taschen, Köln 2003, S. 12 ff.

Gestaltung mini|Titel des Theuerdank, 1517; das große „R“ des „Ritters“ in der letzten Zeile zeigt den sog. Elefantenrüssel. mini|Typensatz des Theuerdank

Der Druck Der Theuerdank gilt als ein bedeutendes Werk der Buchdruckerkunst. Die Typografie entwarf Vinzenz Rockner, der bereits die Schrift für Maximilians Gebetbuch gestaltet hatte. Ihre Form wurde auf Wunsch des Kaisers der in seiner Kanzlei gebräuchlichen Handschrift nachempfunden, einer Textura, von deren Nachahmung sich die Drucker zu Beginn des 16. Jahrhunderts längst abgewandt hatten. Kennzeichnend für das Satzbild des Theuerdank-Drucks sind die nachträglich (vermutlich von Rockner selbst)vgl. Funke (1969), S. 104. mit der Feder angehängten Schreibschnörkel. Die Schrift des Werkes setzte sich unter dem Namen Theuerdank im 16. Jahrhundert für längere Zeit durch und wird heute als Vorstufe der Fraktur angesehen.

Der Druck und die Herausgabe der Erstauflage im Jahre 1517 wurde von Johann Schönsperger d. Ä. (um 1455–1521), seit 1508 kaiserlicher Hofbuchdrucker, in Nürnberg besorgt; er war auf Wunsch des Hofes für diesen Auftrag von Augsburg, wo er seine Offizin betrieb, nach Nürnberg umgezogen. Die zweite Auflage 1519 druckte Schönsperger dann in Augsburg. Er übernahm auch die Gestaltung der Seiten.

Die Theuerdank-Fraktur