Die Abbreviated Injury Scale (AIS) bzw. vereinfachte Verletzungsskala wurde Ende der 1960er Jahre als Bewertungsskala für die Letalität von Einzelverletzungen eingeführt. Treibende Kraft für die Entwicklung war die Unfallforschung für Kraftfahrzeuge in den USA. Die bis dahin übliche Beschreibung von Verletzungsmustern führte bei der Verletzungsbewertung von PKW-Insassen zu inkonsistenten Ergebnissen: Bei gleicher mechanisch-technischer Unfallkonstellation divergierten die erfassten Insassenverletzungen stark.
Bei der AIS wird der Schweregrad einer Verletzung mit Werten von 0 (keine Verletzung) bzw. 1 (leichte Verletzung) bis 6 (tödliche Verletzung) klassifiziert.Walied Abdulla: Interdisziplinäre Intensivmedizin. Urban & Fischer, München u. a. 1999, ISBN 3-437-41410-0, S. 466 f.
Für die von der Association for the Advancement of Automotive Medicine entwickelteWalied Abdulla: Interdisziplinäre Intensivmedizin. Urban & Fischer, München u. a. 1999, ISBN 3-437-41410-0, S. 466 f. AIS-Kodierung werden die Verletzungen einer Person in Einzelverletzungen aufgeteilt, die im AIS-Katalog enthalten sind. Für jede Verletzung ist dort eine klassifizierte Überlebenswahrscheinlichkeit angegeben. Die Klassifikation soll nur die eigentliche Verletzung beschreiben, sie ist unabhängig von der Art der Behandlung, der Behandlungsqualität oder der Behandlungsdauer. Es hat sich hierbei gezeigt, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit als sehr valide Proxy-Variable für die Schwere einer Verletzung genutzt werden kann. Das sinnvolle Zusammenführen von Einzelverletzungen zu Verletzungsmustern oder allgemein die Aggregation von Einzelverletzungen stellt hingegen ein noch nicht abschließend gelöstes Problem dar.
Heutzutage wird die Verletzungcodierung nach AIS neben der klassischen Anwendung in der automobilen Unfallforschung allgemein zur Beschreibung der Verletzungsschwere eines Traumas genutzt. Die modernen Polytraumabewertungen basieren auf einer Einzelverletzungsbewertung durch den AIS. Außerhalb der Unfallforschung wird der AIS meist nicht direkt codiert, sondern über sogenannte „Diagnoselisten“, in denen einer medizinisch-klinischen Diagnose eine oder mehrere AIS Codes zugeordnet sind, automatisiert erhoben.
Geschichte Mit der steigenden Automobilität in den Vereinigten Staaten in den 1950er und 1960er Jahren stieg die Zahl der in Verkehrsunfällen verletzten und verstorbenen Verkehrsteilnehmer dramatisch an. Schon in den ersten Jahren der automobilen Sicherheitsforschung bestand das Hauptziel in der Reduktion der im Straßenverkehr Getöteten. Man ging stillschweigend davon aus, dass Maßnahmen, die zu einer Reduktion der Getöteten führten, auch zu einer Verschiebung von schwereren Verletzungen hin zu leichteren Verletzungen bewirken würden. Mitte der 1960er Jahre bildeten sich die ersten sogenannten „Scaling Committees“, die die Verletzungen noch detailliert abbilden wollten. Vorlage war hierbei die technische Dokumentation der Fahrzeugschäden, die nach den ersten, stark vereinfachenden Klassifikationen in Front-, Seiten- und Heckkollision, Bauteilorientiert wurde. Die Bauteilorientierung wurde später durch eine Klassifikation nach Anstoßrichtung und in der Kollision umgesetzte Energie, in Form des Betrages der Geschwindigkeitsänderung, erweitert.
Durch die Standardisierung der technischen Unfallerhebungen konnten die Unfallszenarien sehr gut klassifiziert und kategorisiert werden. Bei der Erhebung der Verletzungen stellte sich jedoch schnell heraus, dass keine zwei Verletzungen einer Person und keine zwei Verletzungen zweier Personen identisch sind. Bei der Umsetzung der Idee, dass auch die Verletzungen, sprich Verletzungsschwere und Verletzungsart, zu Gruppen zusammengefasst werden könnten, ergab sich jedoch eine breite Streuung: Das Problem bestand z. B. darin, bei einer Frontalkollision die Verletzung des Kopfes mit der des Brustkorbs vergleichbar zu machen. Diese Harmonisierung der Verletzungen wurde durch die Bewertung jeder Einzelverletzung mit einem Letalitätsrisiko, also dem Risiko an dieser Verletzung zu versterben, führte letztlich zum „Abbreviated Injury Score“ (AIS), also einer „verkürzten Verletzungsbewertung“. Zu Beginn lehnte sich die Klassifikation des Letalitätsrisikos stark an die Vorarbeiten von Hugh DeHaven über die Verletzungen von Militärpiloten während beider Weltkriege an.
Allgemeines Verletzungsklassen Die Grundidee des AIS-Codes ist die Zusammenfassung von Verletzungen mit annähernd gleicher Letalität. Aus den zahlreichen Klassen der ersten Systeme bildete sich das System mit sechs Verletzungsklassen (1–6) sowie einer Klasse für Verletzungen, die nicht mit ausreichender Sicherheit diagnostiziert wurden, (9) aus. Erweitert man die Klassen um die Unverletzten (0) und schließt die nicht ausreichend diagnostizierten Patienten aus, so erhält man eine ordinal skalierte Rangfolge nach Überlebenswahrscheinlichkeit: Eine Verletzung mit der Ausprägung, auch AIS-Code genannt, von 0 führt ziemlich sicher nicht zum Ableben des Patienten, wohingegen eine Verletzung mit dem AIS-Code von 6 sehr wahrscheinlich zum Tod führt.
Das Besondere am AIS ist, dass die Überlebenswahrscheinlichkeiten für die einzelnen Verletzungen nicht explizit spezifiziert werden, sondern eben nur Gruppen von Verletzungen mit annähernd gleichem Risiko gebildet werden. Somit werden Verletzungen aus unterschiedlichen Körperregionen – in Bezug auf ihre Letalität – vergleichbar. Innerhalb eines Datenbestands mit AIS-codierten Verletzungen kann man den AIS-Codes Überlebenswahrscheinlichkeiten zuordnen. Problemlos ist dies jedoch nur für Einzelverletzungen möglich (siehe unten).
Ordinalskalierung Zu beachten ist auch die Wahl der Ordinalskalierung: Zwar geht eine AIS-Code Ausprägung von 2 mit einem größeren Letalitätsrisiko als eine Ausprägung von 1 einher, über die Größe des Unterschiedes lässt sich, aufgrund der Skalierung, keine Aussage machen. Somit sind zwei Verletzungen mit der Ausprägung von 1 auch nicht mit dem gleichen Letalitätsrisiko behaftet, wie eine Verletzung mit einem AIS-Code von 2. Allgemein gesagt ist die AIS-Bewertung von Verletzungen eine Bewertung einer einzelnen Verletzung und die mit der Codierung ermittelte Letalitätsklasse gilt nur für diese einzelne Verletzung.
Verletzungscodierung In den ersten Versionen der AIS-Skala konnten ausschließlich Verletzungen mit morphologischem Korrelat codiert werden, also Verletzungen, bei denen man mit diagnostischen Verfahren einen objektiven Befund erheben und direkt, z. B. durch Fotografie, Röntgen oder Obduktion, dokumentieren kann. Durch sogenannte „Modifier“ konnten die behandelnden beziehungsweise die codierenden Ärzte den AIS-Code anfangs um 2 „Punkte“, später um einen „Punkt“, heben oder senken. Im Rahmen der Objektivierung der Erhebung (ab AIS 1990) wurde diese Möglichkeit der Wertung des eigenen Falles gestrichen. Verletzungen mit funktionellen Einschränkungen ohne direktes morphologisches Korrelat (z. B. Bewusstlosigkeit) können erst seit dem AIS 1990 codiert werden. Zur Verbesserung der Objektivität der Codierung dürfen nur von den direkt behandelnden Ärzten diagnostizierte und dokumentierte Befunde verwendet werden. Eine ausführliche, für alle Anwender verbindliche Codierungsanweisung ist den AIS-Codebüchern jeweils vorangestellt. Die vom AIS gebildeten Letalitätsrisikoklassen erfüllten die damaligen Anforderungen an eine Bewertung der Insassengefährdung. Erst später zeigte sich, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit als eine sehr valide Proxy-Variable für die Schwere einer Verletzung genutzt werden kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn die technische Unfallschwere und die Überlebenswahrscheinlichkeit als Proxy-Variable für die Verletzungsschwere genutzt wird.
Weiterentwicklung Die Verbreitung und Weiterentwicklung des AIS wurde durch die American Association for Automotive Medicine (Amerikanischer Verband für automobile Medizin, AAAM) und deren Nachfolger, der Association for the Advancement of Automotive Medicine (Verband für den Fortschritt der automobilen Medizin, AAAM) übernommen.
Das International Injury Scaling Committee (IISC) der AAAM hält die Patenschaft des AIS und wacht über dessen Verwertung.
Die aktuelle Weiterentwicklung versucht durch eine genauere anatomische Gliederung des AIS-Identifiers neben dem AIS-Code auch ein Maß für die Spätfolgen einer Verletzung (Functional Capacity Index) an den AIS-Identifier zu koppeln.
Unterschiedliche Ausprägungen des AIS AIS 1969 1969 stellte John D. States als Vorsitzender der Ad hoc Injury Scaling Committee die „Abbreviated Injury Scale“ auf der STAPP-Konferenz vor. Die Verletzungsschwere reicht bereits von „unverletzt“ mit der Ausprägung „0“ über „gering“, „ernsthaft“, „schwer (nicht lebensbedrohend)“, „schwer (lebensbedrohend)“ bis „kritisch (Überleben ungewiss)“ mit der Ausprägung 5. Eine Besonderheit war die differenzierte Betrachtung von Unfalltoten.
AIS69-Code Patient Beschreibung6innerhalb von 24h verstorben tödliche Verletzung in einer AIS-Körperregionen bei gleichzeitiger AIS-Code Ausprägung von 3 oder weniger in einer anderen Körperregion7innerhalb von 24h verstorbentödliche Verletzung in einer AIS-Körperregionen bei gleichzeitiger AIS-Code Ausprägung von 4 oder 5 in einer anderen Körperregion8verstorben2 tödliche Verletzungen in 2 AIS-Körperregionen9verstorben3 oder mehr tödliche Verletzungen
Es sei hier noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Definitionen der AIS-Code Ausprägungen 6, 7, 8 und 9 mit den AIS-Codebüchern ab der Revision von 1976 nicht mehr übereinstimmen.
Das Codebook beschreibt zu jeder Verletzungsschwere die darunter fallenden Verletzungen bzw. verletzten Organsysteme. Eine Korrelation der AIS-Verletzungsschwere mit der von der Polizei kodierten Verletzungsschwere wurde durch Übernahme der Polizeicodierung ins AIS-Codebook ermöglicht.
Bereits mit Veröffentlichung des ersten AIS-Codebooks wurde das Problem der Verletzungsaggregation, also der zusammenfassenden Bewertung aller Verletzungen eines Unfallopfers, als mittels der AIS-Skala nicht direkt lösbares Problem erkannt. Um dennoch den einzelnen Personen eine Gesamtverletzungsschwere zuordnen zu können, wurde der ‚Overall AIS‘ (OAIS) vorgeschlagen. Seine genaue Definition wurde jedoch erst in späteren Veröffentlichungen genauer beschrieben, bis er schließlich aufgrund mangelnder Objektivität verworfen wurde.
Comprehensive Injury Scale (CIS) Neben dem AIS wurde von States auch eine Comprehensive Injury Scale (CIS) vorgestellt, die neben der Lebensbedrohlichkeit einer Verletzung separate Bewertungen für die Umgesetzte Energie, dauerhafte Behinderung, Länge der Behandlung und die Häufigkeit codierte. Die CIS konnte sich jedoch nicht durchsetzen.
AIS 1971 Die Veröffentlichung der „Abbreviated Injury Scale“ im Journal of the American Medical Association (JAMA) gilt, aufgrund der eher technischen Ausrichtung der STAPP-Konferenz, für die meisten Mediziner als die Geburtsstunde der medizinischen Einzelverletzungsbewertung.
In den bis dahin von Medizinern und Statistikern entwickelten Verletzungsbeschreibungen ging es primär um die Codierung der Diagnostizierten Krankheiten, der geschädigten Strukturen und die Todesursache oder um eine Beschreibung des klinischen Verlaufs.
AIS 1976 Revision (AIS76)