mini |Abbildung 1. Gini-Koeffizient (in %) der Verteilung der verfügbaren Einkommen (Weltbank, 2018) Die Einkommensverteilung in Deutschland betrachtet die Verteilung der Einkommen in Deutschland. Die personelle Einkommensverteilung betrachtet, wie das Einkommen einer Volkswirtschaft auf einzelne Personen oder Gruppen (z. B. Privathaushalte) verteilt ist. Bei der Deutung statistischer Daten ist die unterschiedliche Verwendung des Begriffs Einkommen zu beachten, weil dabei zwischen Bruttoeinkommen, Einkünften, zu versteuerndem Einkommen und Nettoeinkommen oder verfügbarem Einkommen unterschieden werden muss.
Im Jahr 2020 betrug der Gini-Koeffizient zur Messung der Ungleichheit des verfügbaren Einkommens in Deutschland 0,311. Von Mitte der 1990er- bis zum Beginn der 2000er-Jahre lag der Gini-Koeffizient unterhalb der aktuellen Werte (ca. 0,26). Bis 2005 stieg er auf das jetzige Niveau an.
Das durchschnittliche Nettoäquivalenzeinkommen betrug im Jahr 2019 26.105 Euro, die oberen 20 Prozent erzielten dabei das 4,9-fache Einkommen der unteren 20 Prozent.DESTATIS: Einkommensverteilung (Nettoäquivalenzeinkommen) in Deutschland https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/Tabellen/einkommensverteilung-silc.html#fussnote-2-114660, abgerufen am 18.04.21
In Deutschland gilt eine gerechte Einkommensverteilung gemeinsam mit einer geringen Vermögensungleichheit unter dem Aspekt der Verteilungsgerechtigkeit als eines der Ziele des Magischen Sechsecks der Wirtschaftspolitik.
In Deutschland gilt Mindestlohn, der 2020 9,35 Euro betrughttps://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/mindestlohn-steigt-1138404 und seit dem 1. Januar 2025 12,82 Euro beträgt.https://www.bmas.de/DE/Arbeit/Arbeitsrecht/Mindestlohn/mindestlohn.html
Methoden zur Darstellung
Markteinkommen und verfügbares Einkommen Es können zwei Arten der Einkommensverteilung voneinander unterschieden werden: Verteilung der Markteinkommen: Primäre Einkommensverteilung, d. h. Einkommen aus Erwerbstätigkeit, Geschäftstätigkeit, Vermietung, Kapital vor Steuern und Abgaben. Verteilung der verfügbaren Einkommen: Sekundäre Einkommensverteilung, d. h. nach direkten Steuern, Sozialabgaben und inklusive öffentlicher (z. B. Sozialhilfe, Arbeitslosengeld) und privater (z. B. Unterhalt) Transfers.
Der Vergleich beider Einkommensverteilungen lässt Rückschlüsse auf den Grad der Umverteilung durch den Staat zu.
Verfügbares Einkommen
Reiht man die Personen, deren verfügbares Einkommen untersucht wird, in einer Reihe nach der jeweiligen Einkommenshöhe auf, so ist das mittlere Einkommen das Einkommen, das in der Mitte der Reihe liegt. Das mittlere Einkommen ist gegenüber dem Durchschnittseinkommen robuster bezüglich statistischen Verzerrungen. Eine große Differenz zwischen mittlerem und durchschnittlichem Einkommen weist auf eine stark ungleiche Verteilung der Einkommen hin.
Das mittlere monatliche verfügbare Einkommen betrug in Deutschland 2013 pro Person 1.345 Euro, das monatliche mittlere Nettoäquivalenzeinkommen 1.957 Euro.
Die folgende Tabelle zeigt die Situation bei den monatlichen Nettoäquivalenzeinkommen der 39,3 Millionen deutschen Haushalte im Jahr 2013. In der oberen Zeile sind die Personen aufsteigend nach der Höhe des monatlichen Nettoäquivalenzeinkommens sortiert. Diese Personen wurden dann in 10-%-Gruppen eingeteilt (Dezile). Die untere Zeile zeigt die Höhe des Einkommens des jeweiligen Dezils. Die zweite Spalte bedeutet zum Beispiel, dass die untersten 10 Prozent im Mittel 826 Euro pro Monat verdienen. Und die letzte Spalte zeigt, dass die obersten 10 Prozent im Mittel 4.329 Euro verdientenDESTATIS: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe – Einkommensverteilung in Deutschland, Fachserie 15 Heft 6 – 2013, S. 35ff, https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Einkommen-Einnahmen-Ausgaben/Publikationen/Downloads-Einkommen/einkommensverteilung-2152606139004.html. + Tabelle 1. Monatliches Nettoäquivalenzeinkommen der deutschen Haushalte im Jahr 2013Anteil der Personen (%) an allen Personen102030405060708090100Nettoäquivalenzeinkommen (€)8261.1421.3991.6301.8472.0702.3322.6593.1564.329
Die folgende Tabelle zeigt die Verteilung des Einkommens mit den anteilig erzielten Gewinneinnahmen und einer zusätzlichen Spalte der Top 1% Einkommen. Diese Spalte bedeutet, dass das oberste Einkommensprozent im Mittel 30.287 Euro pro Monat verdiente, insgesamt ein Einkommen von 209 Mrd. Euro erzielte, wovon 149 Mrd. Euro aus Gewinneinnahmen (z. B. aus Kapitaleinkünften) resultiertenStefan Bach, Martin Beznoska und Viktor Steiner. Wer trägt die Steuerlast ? 347. Band der Reihe Study der Hans-Böckler-Stiftung im Januar 2017, https://www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_347.pdf. + Tabelle 2. Verteilung des Bruttoeinkommens monatlich, insgesamt und anteilige Gewinneinkommen mit zusätzlicher Angabe der Top 1% EinkommenAnteil der Personen (%) an allen Personen102030405060708090100Top 1%Bruttoäquivalenzeinkommen (€ pro Monat)7491.0961.3851.6701.9762.3422.7403.2544.0748.40630.287Bruttoeinkommen insgesamt (Mrd. €) 5480101119140163195233298630209davon Gewinn- und Kapitaleinkommen (Mrd. €) 6913141617252538243149
Entwicklung der personellen Einkommensverteilung Seit den 1990er Jahren nimmt die Ungleichheit der Einkommensverteilung in Deutschland zu. Während die Einkommen von Personen im oberen Spektrum seither stetig wachsen, nehmen Bezüge in der unteren Hälfte vorwiegend ab. Das heißt, die Hoch- und die Geringverdiener entfernen sich stark von dem mittleren Einkommensbezieher. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen legten im Trend zu, während die Masseneinkommen stagnierten und die niedrigen Erwerbseinkommen gesunken sind.Stefan Bach: Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland
Die Einkommensungleichheit in Deutschland hat sich nach Angabe der OECD seit 1995 verstärkt und hat zwischen den Jahren 2000 und 2008 stärker zugenommen als in jedem anderen OECD-Land.OECD (2008), Growing Unequal? – Income Distribution and Poverty in OECD Countries: Country Note Germany (in German): Deutschland (PDF; 257 kB); DIW: Die Einkommensdifferenzen haben seit der Jahrtausendwende stark zugenommen – und zwar in absoluten Zahlen ebenso wie im relativen Verhältnis. (PDF; 469 kB) S. 5. Seit 2009 ist die Ungleichheit, gemessen am Gini-Koeffizienten (Erklärung im nächsten Abschnitt), nach den Daten von der OECD (2009: 0,288; 2016: 0,294) und Eurostat (2009: 0,291; 2017: 0,291) auf diesem Niveau ungefähr verblieben.
Gleichzeitig mit der Einkommensungleichheit steigt die Einkommensarmut.OECD: PDF mini|hochkant=1.5|Abbildung 2. Lorenzkurve der Verteilung von Einkommen aus Arbeit (grün) in Deutschland im Verhältnis zur blauen Gleichverteilung auf Datenbasis des SOEP für 2005.
Ursachen
Wirtschaftlich und demographisch Die OECD sah 2008 folgende Ursachen für zunehmende Einkommensungleichheit in Deutschland:OECD (2008), Growing Unequal? – Income Distribution and Poverty in OECD Countries: Country Note Germany (in German): Deutschland (PDF; 257 kB)
Historisch In Deutschland, wie auch in anderen Ländern Europas, ist das Einkommen unter anderem regional ungleich verteilt. Jörg Baten und Ralph HippeBaten, Joerg, and Ralph Hippe. „Geography, land inequality and regional numeracy in Europe in historical perspective.“ Journal of Economic Growth 23.1 (2018): 79-109. kamen zu dem Ergebnis, dass ein Grund für diese regionalen Unterschiede innerhalb Europas die landwirtschaftlichen Strukturen im 19. Jahrhundert waren. Ausschlaggebend sei die Größe der Betriebe, welche wiederum von der Bodenbeschaffenheit beeinflusst wurde. In den kleineren Betrieben legten die Bauern größeren Wert darauf, dass ihre Kinder gebildet waren, da sie später den Hof übernehmen würden. Dies war u. a. typisch für Nord- und Nordwesteuropa um 1900. Waren Boden und Klima jedoch günstig für große Weizenfelder und somit Großgrundbesitz, entwickelten sich häufig politische Eliten. Diese wiederum verhinderten den Zugang zu Bildung für ländliche Arbeitnehmer. Die daraus resultierenden Bildungsunterschiede wirkten sich wiederum auf die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung und somit auch auf die Einkommen aus.
Steuerlich Nach Ansicht von Wissenschaftlern, die an einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung beteiligt waren, begünstigte vorhergehende Steuerpolitik die zum Jahr 2016 hin angestiegene Ungleichheit. So hätten wohlhabende Haushalte von einer Senkung des Spitzensteuersatzes und einer Reform der Erbschaftssteuer profitiert, während ärmere Haushalte durch höhere indirekte Steuern weiter belastet würden.
Wirtschaftlich und steuerlich Nach anderen Studienergebnissen seien die Ursachen für eine sich öffnende Schere für hohe Einkommen von den Ursachen für niedrige Einkommen zu unterscheiden. Während die Einkommensspreizung für niedrige Einkommen seit der Wiedervereinigung vor allem durch Merkmale des Arbeitsmarkts verursacht wurde, waren entscheidend für hohe Einkommen die (auch in anderen Industrieländern) zurückgegangene Steuerprogressivität. Das führte dazu, dass Haushalte und Unternehmen mit hohem Einkommen jetzt niedrigere effektive Steuersätze haben. Tatsächlich deutet eine Analyse des IWF von 2015 darauf hin, dass die steigende Konzentration des Einkommens vor Steuern an der Spitze in vielen Industrieländern auch mit sinkenden Spitzensteuersätzen zusammenhing: Je höher die Senkung des Spitzensteuersatzes, desto höher war für das Top 1 % die Zunahme des Einkommensanteils an einer Volkswirtschaft.
Eine Analyse des DIW kam zu einem ähnlichen Ergebnis. In den Jahren 2001 bis 2005 kam es im Rahmen der so genannten Steuerreform 2000 zu massiven Steuersenkungen bei der Einkommen- und Körperschaftsteuer. Vor allem durch die Senkung des Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer und der Unternehmensbesteuerung sowie die gleichzeitige Erhöhung indirekter Steuern verschob sich die Steuerbelastung von 1998 bis 2015 massiv von den wohlhabenden und reichen privaten Haushalten zu den weniger wohlhabenden und armen Haushalten. Im Durchschnitt über alle Einkommensgruppen ist von 1998 bis 2015 die Steuerbelastung um 0,1 % gestiegen, speziell für die untersten 10 % der Einkommen um 5,4 % gestiegen, für die obersten 10 % um 2,3 % gesunken, für das Top 1 % der Einkommen ist die Steuerbelastung um 4,8 % gesunken.
Soziale Herkunft In einer internationalen Studie unter Beteiligung des Instituts für Wirtschaftsforschung wurde untersucht, inwieweit soziale Faktoren wie der Bildungsabschluss der Eltern, deren Berufe und die Frage, ob es sich um Migranten handelt, zu Einkommensunterschieden beitragen. Demnach lassen sich in Deutschland 11,6 % der gemessenen Einkommensunterschiede nicht auf individuelle Anstrengung und Leistung, sondern auf Herkunft zurückführen.
Verteilungsindikatoren Durchschnitts- und Medianeinkommen mini|401x401px|Abbildung 3. Entwicklung der nominalen und realen Durchschnitts- und Medianeinkommen in Deutschland. Das Medianeinkommen ist das Einkommen, bei dem es genauso viele Menschen mit einem höheren wie mit einem niedrigeren Einkommen gibt. Anders ausgedrückt, bei einer Aufteilung der Bevölkerung nach der Höhe ihres Einkommens in zwei gleich große Gruppen, würde die Person, die genau in der Mitte dieser Verteilung steht das Medianeinkommen beziehen. Das Medianeinkommen kann somit auch als mittleres Einkommen verstanden werden und unterscheidet sich ausdrücklich von der Kennziffer Durchschnittseinkommen, welches das arithmetische Mittel einer Einkommensart bezogen auf die Anzahl der Einkommensbezieher wiedergibt. In der Verteilungsanalyse wird das Medianeinkommen der Kennziffer Durchschnittseinkommen vorgezogen, weil es als robuster gegenüber Ausreißern einer Stichprobe angesehen wird: