Barenburg ist ein Stadtteil von Emden in Niedersachsen und entstand erst Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts. Seine heutige Größe (mit rund 5800 Einwohnern zweitgrößter Emder Stadtteil) erreichte Barenburg allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Barenburg wird im Westen, Süden und Osten von Kanälen begrenzt: im Westen vom Hinter Tief, im Süden vom Stadtgraben, einem Teil des Emder Walls, und im Osten vom Treckfahrtstief. Barenburg erstreckt sich über eine Fläche von 2,49 km²., abgerufen am 26. Juli 2024
Lage Barenburg grenzt im Norden an den Stadtteil Harsweg, die Grenze bildet die Bundesautobahn 31. Die übrigen Grenzen des Stadtteils werden ausschließlich von Gewässerläufen gebildet. Östlich von Barenburg liegt Tholenswehr, südöstlich Wolthusen. Die Grenze wird vom Treckfahrtstief gebildet. Im Südosten, jenseits des Emder Stadtgrabens, liegt Bentinkshof. Das Hinter Tief im Westen bildet auf einem sehr kurzen Abschnitt die Grenze zu Boltentor in Höhe des Emder Walls im äußersten Südwesten. Ansonsten trennt das Tief Barenburg von Früchteburg.
Geschichte Die ersten urkundlichen Erwähnungen Barenburgs finden sich in zwei Karten aus dem 16. Jahrhundert: In der Karte von s' Grooten aus dem Jahr 1564 und in einer Karte von Ubbo Emmius aus dem Jahr 1599. In beiden Fällen lautet die Schreibung Barenborg, was laut Arend Remmers auf die Burg eines Mannes mit dem Rufnamen Baare oder auf eine Verbindung mit Bär zurückzuführen ist. In jedem Fall kann es sich bei der „Burg“ allenfalls um ein so genanntes Steinhaus gehandelt haben.Arend Remmers: Von Aaltukerei bis Zwischenmooren – Die Siedlungsnamen zwischen Dollart und Jade. Verlag Schuster, Leer 2004, ISBN 3-7963-0359-5, S. 28.
Mit Ostfriesland kam das vorliegende Gebiet im Jahr 1744 zu Preußen. In den Jahren 1798 bis 1800 wurde zwischen Emden und Aurich der Treckschuitenfahrtskanal, später Treckfahrtstief genannt, angelegt. Er führte vom Emder Wall durch die Meeden nach Aurich und bildet heute die östliche Grenze des Stadtteils. Mit Schuten, die von Pferden getreidelt wurden, beförderte die Treckfahrtsgesellschaft Post, Stückgut und Passagiere, woher der Kanal seinen Namen erhalten hat.„Trecken“ ist ostfriesisches Plattdeutsch und heißt „ziehen“. Federführend bei der Planung des Kanals war der aus Horsten stammende Wasserbauingenieur Tönjes Bley. Die Gesellschaft konnte sich nicht langfristig etablieren, da der Plan, den Kanal durch die gesamte ostfriesische Halbinsel zu führen, nicht zuletzt an Finanzierungsmängeln scheiterte.Ernst Siebert: Geschichte der Stadt Emden von 1750 bis 1890. In: Ernst Siebert, Walter Deeters, Bernhard Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1750 bis zur Gegenwart. (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 7). Verlag Rautenberg, Leer 1980, S. 52f.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zunächst polnische Besatzungstruppen in der Karl-von-Müller-Kaserne untergebracht. 1947 wurden mehrere Hundert jüdische Exilanten in der Kaserne einquartiert. Sie gehörten zu jenen Juden, die zuvor mit dem Schiff Exodus nach Palästina ausgewandert waren und von der britischen Besatzungsmacht in Palästina im Rahmen der Operation Oasis nach Europa zurückverschifft wurden. Nach einer Odyssee kamen mehrere Hundert Juden auch nach Emden. Die in der Emder Kaserne einquartierten polnischen Soldaten wurden dafür in andere Quartiere umgesiedelt. Die Juden verwalteten sich in Emden selbst. Die Organisation entsprach der in den Kibbuzim; daher bezeichneten die Juden das Lager Emden als Kibbuz „Ha Bokeja“. Da die Briten auch die Ehepartner von legal zugelassenen Einwanderern nach Palästina einreisen ließen, wurden zahlreiche Scheinehen geschlossen. Allein am 30. Dezember 1947 fanden neun Trauungen im Lager Emden statt. Auch mit gefälschten Ausweispapieren gelangten viele Exodus-Juden über Holland und Belgien nach Marseille und weiter zurück nach Palästina. Dort wurden die Ausweispapiere an eine Organisation weitergegeben, die sie umfälschte und nach Emden zurückbrachte. Das Lager war nicht abgesperrt; die Bewohner konnten sich frei in der Stadt bewegen. Mit der Unabhängigkeit und Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 entfielen alle Restriktionen gegenüber den Juden. Das Lager Emden wurde ab Juli 1948 geräumt.
thumb|Topographische Karte Emdens von 1954: In Barenburg (rechts oben) ist das Gebiet bis einschließlich der Heinrich-Heine-Straße bebaut. In der Wiederaufbauphase der Stadt konzentrierte Emden die städtebauliche Entwicklung unter anderem auf Barenburg. Eingeweiht wurden beispielsweise 1954 Wohnblocks an der August-Bebel-Straße.Gunther Hummerich/Wolfgang Lüdde: Der Wiederaufbau – Die 50er-Jahre in Emden. Verlag SKN, Norden, 1995, ISBN 3-928327-18-6, S. 143. In den 1950ern entstanden nicht nur neue Wohnbauten als Ersatz für die Wohnraumverluste; auch Händler folgten ihren Kunden und eröffneten Geschäfte in den neuen Wohnquartieren, was in jenem Jahrzehnt stark zu Lasten der Innenstadtentwicklung ging.Gunther Hummerich/Wolfgang Lüdde: Der Wiederaufbau – Die 50er-Jahre in Emden. Verlag SKN, Norden, 1995, ISBN 3-928327-18-6, S. 76. Die Barenburgschule (heute: Pestalozzischule) wurde 1952 eröffnet,Gunther Hummerich/Wolfgang Lüdde: Der Wiederaufbau – Die 50er-Jahre in Emden. Verlag SKN, Norden, 1995, ISBN 3-928327-18-6, S. 102. 1956/57 folgte der Bau der katholischen St.-Walburga-Kirche. 1953 verband erstmals eine regelmäßige Buslinie Barenburg und die Innenstadt.Gunther Hummerich/Wolfgang Lüdde: Der Wiederaufbau – Die 50er-Jahre in Emden. Verlag SKN, Norden, 1995, ISBN 3-928327-18-6, S. 144.
Ab 1968 wurde die damals noch zweispurige Westumgehungsstraße angelegt, der Vorgänger der heutigen ersten beiden Abschnitte der A 31. Dies geschah, um den zunehmenden Autoverkehr zu den Industriebetrieben im Emder Westen, vor allem dem Volkswagenwerk Emden, von der Auricher Straße und aus der Innenstadt fernzuhalten.Bernard Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1945 bis zur Gegenwart. In: Ernst Siebert, Walter Deeters, Bernard Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1750 bis zur Gegenwart. (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 7). Verlag Rautenberg, Leer 1980, , S. 257–488, hier S. 287.
1976 zog das ABC-Abwehrbataillon 110 in die Karl-von-Müller-Kaserne ein. thumb|Jahrelang ein gewohntes Bild in Barenburg: der Spürpanzer Fuchs der ABC-Abwehr
In Barenburg wurden in den 1970er-Jahren im Zuge der Wohnverdichtung von der ehemals gewerkschaftseigenen Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat mehrere Hochhäuser mit bis zu elf Stockwerken errichtet. „Höhepunkt“ dieser städtebaulichen Entwicklung war der Bau der beiden 35 Meter hohen und 120 Meter langen „Glaspaläste“, die 1973 fertiggestellt wurden und die größten Wohnhäuser Ostfrieslands waren. Im Jahre 1978 gründete sich ein Bürgerverein, der sich in dem jungen Stadtteil zum Ziel gesetzt hatte, den Zusammenhalt der Einwohner zu fördern., abgerufen am 2. Oktober 2013. Durch den Wegzug von Bewohnern standen jedoch bereits in den 1980er-Jahren Wohnungen leer, spätestens mit dem Zuzug vieler Übersiedler, Aussiedler und Asylsuchender am Ende der 1980er- und Beginn der 1990er-Jahre wurde dieser Trend kurzfristig gestoppt. Zwischen 1994 und 2002 verlor der Stadtteil wieder über 16 Prozent seiner Einwohner. Zwischen 1994 und 1999 stieg zugleich die Zahl der Nationalitäten in Barenburg von 51 auf 60. Im Jahr 2002 lag der Anteil von Empfängern der Hilfe zum Lebensunterhalt in der am dichtesten bebauten Klein-von-Diepold-Straße bei rund 30 Prozent, davon 44 Prozent Kinder und Jugendliche. Die Arbeitslosenquote betrug seinerzeit 20 Prozent im Vergleich zu damals zwölf im gesamten Emder Stadtgebiet.Fallstudien auf staedtebaufoerderung.info: , PDF-Datei, 290 kB, abgerufen am 26. Juli 2024. Wie eine Studie der Fachhochschule Emden/Leer ergab, hat Barenburg in der Emder Einwohnerschaft ein erhebliches Imageproblem. Die Barenburger selbst beklagten gegenüber den Interviewern vor allem nachbarschaftliche Defizite innerhalb des Stadtteils.
1999 erfolgte die Aufnahme Barenburgs in das Programm Soziale Stadt. Neben verstärkter Sozialarbeit sind seither auch bauliche Maßnahmen erfolgt; dazu gehören die Anlage eines Sportparks rund um das bereits zuvor genutzte Gelände des Sportvereins Blau-Gelb Barenburg (nach Fusion jetzt Kickers Emden), der Umbau eines Weltkriegsbunkers zum Kulturbunker als Stadtteiltreff und für stadtweite kulturelle Veranstaltungen sowie der bereits seit Jahren diskutierte Abriss eines der beiden Glaspaläste an der Klein-von-Diepold-Straße. Zur weiteren Entwicklung Barenburgs gehört auch die Umnutzung des Kasernengeländes. Nach der Auflösung des ABC-Abwehrbataillons 110 im Jahre 1997 stand es über Jahre leer und wurde zeitweilig sogar als Ausweichparkplatz für im Hafen umzuschlagende Autos sowie als Schafweide genutzt.Heiner Schröder: In der alten Emder Kaserne sind die Schafe los. In: Ostfriesen-Zeitung, 30. April 2011, abgerufen am 14. September 2013. 2011 wurde ein Discount-Markt angesiedelt, die städtebauliche Entwicklung hat mit der Ausweisung von Baugrundstücken begonnen. 50 sollen insgesamt entstehen, von der ersten Tranche von 32 Grundstücken sind die meisten verkauft. Einer der Kasernenblocks wird zu einer Wohnanlage mit barrierefreien Wohnungen für alte und behinderte Menschen umgebaut.Ute Klock: Neue Grundstücke auf altem Kasernengelände. In: Ostfriesen-Zeitung, 21. Juni 2013, abgerufen am 14. September 2013.
Architektur und Städtebau miniatur|rechts|Glaspaläste Im Westen des Stadtteils befinden sich Häuser aus der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Rasch gewachsen ist Barenburg jedoch zum einen in der Wiederaufbauphase in der ersten Hälfte der 1950er, zum anderen in den späten 1960ern/frühen 1970ern durch massive Bebauung, an der wesentlich das ehemals gewerkschaftseigene Unternehmen Neue Heimat beteiligt war.
An der Eggenastraße befindet sich eine zweigeschossige Reihenhauszeile, die dem Jugendstil zuzuordnen ist.Kurt Asche: Bürgerhäuser in Ostfriesland, Verlag Soltau-Kurier, Norden 1992, S. 63–65.
Einige Häuser aus den 1920er-Jahren zeigen Züge des Klinker-Expressionismus. Jene Häuser, die in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die immense Wohnungsnot in der 1944 stark zerstörten Stadt lindern halfen, sind zumeist praktische Bauten, gehalten in dem für Ostfriesland so typischen roten Klinkerstein.
In Barenburg befanden sich die beiden größten, ursprünglich absolut baugleichen Wohnhäuser Ostfrieslands. Die beiden langgezogene Hochhäuser mit elf Stockwerken erhielten im Volksmund den Beinamen Glaspaläste. 2005 entbrannte in der Stadt eine Diskussion darüber, ob einer der beiden Glaspaläste abgerissen werden sollte, da von 160 Mieteinheiten lediglich etwa 20 vermietet waren. Nachdem die Stadt Emden im Jahr 2012 einen der beiden Glaspaläste erwerben konnte, wurde Anfang 2013 mit dem Abbruch des Gebäudes begonnen. Die Abbrucharbeiten werden voraussichtlich 1,5 Millionen Euro kosten. Das Gelände soll vor 2023 nicht neu bebaut werden. Ein eventueller Abriss des zweiten Glaspalastes ist derzeit nicht geplant.
Ein weiteres Hochhaus mit acht Stockwerken sowie drei- bis viergeschossige, in Klinker gehaltene Wohnbauten sowie ein massives, fünfstöckiges Seniorenwohnheim aus den späten 1960er und frühen 1970er Jahren trugen ebenfalls zur dichten Wohnbebauung in Barenburg bei, ehe ab den späten 1970er Jahren eine Hinwendung zur Ausweisung von Baugebieten für Einfamilienhäuser stattfand.
Abgesehen vom ehemaligen Gelände der Karl-von-Müller-Kaserne gibt es kaum noch größere zusammenhängende Freiflächen, die sich zur Wohnbebauung eignen, so dass eine weitere Entwicklung des Stadtteils im Wesentlichen nur noch durch Sanierung und/oder Abriss und Neubebauung vorhandener Häuser möglich ist.
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