Als europäische Expansion bezeichnet die Geschichtswissenschaft die allmähliche politische Ausweitung der Herrschaft europäischer Staaten auf weite Teile Afrikas, Amerikas, Asiens, Australiens und Ozeaniens in der Frühen Neuzeit. Das Zeitalter der europäischen Expansion begann im 15. Jahrhundert am Ende des Spätmittelalters mit den Entdeckungsfahrten der Portugiesen nach Afrika und der Spanier nach Amerika. Höhepunkt und Ende fand es mit dem Kolonialismus und Imperialismus der europäischen Mächte im 19. und 20. Jahrhundert.

Im Zuge der Expansion kam es weltweit zu massiven Bevölkerungsbewegungen, zu denen die Emigration europäischer Kolonisten ebenso beitrug wie der Sklavenhandel. Weitere bedeutende Folgen waren die Ausbreitung der europäischen Kultur, des Christentums, indogermanischer Sprachen und europäischer Krankheiten. Auch Pflanzen und Tiere wurden zwischen der Neuen und der Alten Welt ausgetauscht (sogenannter Columbian Exchange). Des Weiteren schuf der Seehandel der europäischen Mächte die Grundlagen für die Entwicklung weltweiter Wirtschaftsbeziehungen (siehe auch Globalisierung).

Die Ausbreitung der Europäer führte für die indigenen Kulturen der außereuropäischen Länder meistens durch eine mehr oder weniger aggressive Assimilationspolitik zum Verlust ihrer ethnischen Identität (traditionelle Wirtschaftsweise- und Sozialstruktur, Muttersprache, Ethnische Religion, Materialkultur), zum Ethnozid oder Völkermord.

Überblick über die Phasen mini|hochkant=2.5|Verlauf der europäischen Expansion und des Imperialismus, 1492–2008 Zeitlich und räumlich kann man vier Phasen mit jeweils verschiedenen Formen der Expansion unterscheiden: In der Frühphase praktizierten vor allem die Spanier in Amerika die Errichtung von Beherrschungskolonien. Diese Kolonien entstanden durch militärische Eroberung und dienten der Ausbeutung durch Beamte und Geschäftsleute aus dem Mutterland; eine Besiedelung in großem Stil fand zunächst nicht statt. Die Portugiesen bauten dagegen – wie später die Niederländer – in Süd- und Ostasien primär sogenannte Stützpunktkolonien auf. Von dort aus wurde das jeweilige Hinterland wirtschaftlich so erschlossen, dass es die eigene Seeschifffahrt unterstützen konnte. Einheimische Herrscher blieben dabei zumindest formal an der Macht. Die dritte, seit dem 17. Jahrhundert vor allem von Engländern angewandte Form der Kolonisation war der Aufbau von Siedlungskolonien, vor allem in Nordamerika und Australien, in denen die billige Nutzung von Land durch Siedler aus dem Mutterland forciert wurde. Dabei wurde die einheimische Bevölkerung als wirtschaftlich nutzlos angesehen und entweder vertrieben oder dezimiert bzw. ausgerottet. Auch religiöse Gründe spielten eine Rolle (die Siedler wollten in ihren Überzeugungen frei sein, was der Staat ihnen nur in den Kolonien erlaubte). Auch die Ausbreitung des Russischen Reiches nach Sibirien fällt in diese Kategorie. Im Zeitalter des Kolonialismus und Imperialismus, etwa ab 1850, gingen die konkurrierenden Kolonialmächte dazu über, auch die nicht von Europäern besiedelten, von ihnen aber kontrollierten Gebiete politisch, wirtschaftlich und kulturell möglichst weitgehend zu durchdringen.

Allen Beteiligten – wie Soldaten, Händlern, Siedlern und Missionaren – gemeinsam war die eurozentrische Überzeugung, einer höherstehenden Zivilisation anzugehören, die das Recht habe, mit „unterentwickelten Wilden“ fremder Länder nach Belieben zu verfahren und ihnen Errungenschaften Europas aufzuzwingen.Thomas Schweer: Stichwort Naturreligionen. Heyne, München 1995, ISBN 3-453-08181-1, S. 8.

Die Ausgangssituation → Siehe auch: Kolonialismus#Wirtschaftliche und soziale Motive und Merkmale

Das europäische Spätmittelalter, insbesondere das 14. Jahrhundert, war von gravierenden Umwälzungen der sozialen und ökonomischen Strukturen geprägt. Der Fall der letzten Festung der Kreuzfahrer im Nahen Osten im Jahre 1291 hatte die Ära der Kreuzzüge faktisch beendet. Um 1350 wurde ein Drittel der europäischen Bevölkerung durch die Pest dahingerafft und der daraus folgende Arbeitskräftemangel untergrub die wirtschaftliche Macht des Adels zugunsten des Bürgertums.Geoffrey Barraclough, Geoffrey Parker (Hrsg.): Knaurs Neuer Historischer Weltatlas. Weltbild, Augsburg 1999, S. 140. Dieses Bürgertum war es auch, das in der Folge Handel und Gewerbe zu neuer Blüte verhalf. Der neu entstehende Seehandel der erstarkenden Stadtstaaten Italiens ließ eine frühe Form des Kapitalismus entstehen und verhalf vielen Händlern aufgrund der riesigen Nachfrage nach orientalischen Waren – insbesondere Gewürzen – zu immensem Reichtum. Die Beschreibungen Chinas durch Marco Polo (Il Milione) und die Beschreibungen Indiens im Alexanderroman übten im Mittelalter großen Einfluss aus und verstärkten den Eindruck, Indien sei eine Art Wunderland, versehen mit allen Reichtümern der Erde. Hinzu kam die Legende vom Priesterkönig Johannes, einem mächtigen christlichen König, den man in Asien bzw. Afrika zu finden und als Verbündeten gegen den Islam zu gewinnen suchte.

mini|250px|Die Belagerung von Konstantinopel in einer Darstellung aus dem 15. Jahrhundert

Die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 bedeutete einen herben Rückschlag für die europäischen Händler.Geoffrey Parker (Hrsg.): The Times – Große Illustrierte Weltgeschichte. Orac, Wien 1995, S. 184. Durch die Sperrung des Landhandelswegs über die alte Seidenstraße durch die Eroberer wurden Luxusgüter, vor allem die begehrten Gewürze, immer unerschwinglicher, da sie bisher nur über den Landweg aus Asien importiert werden konnten. Diese These ist allerdings unter Historikern stark umstritten, viele sind der Ansicht, dass sich das Osmanische Reich wohl kaum die lukrativen Geschäfte mit dem christlichen Abendland entgehen ließ.Peter Feldbauer: Vom Mittelmeer zum Atlantik: Die mittelalterlichen Anfänge der europäischen Expansion. Oldenbourg, München 2001. Die beiden iberischen Nationen Portugal und Kastilien sahen jedenfalls offenbar die Möglichkeit, die italienischen und muslimischen Zwischenhändler auszuschalten und durch direkten Zugriff auf die Reichtümer Indiens selbst vom Handel zu profitieren. Die Portugiesen bemühten sich, einen Weg nach Indien um Afrika zu finden. Im Laufe des 15. Jahrhunderts hatten vor allem der Portugiese Heinrich der Seefahrer und dessen Schüler den Weg dafür durch ihre Erkundungsfahrten an der Westküste Afrikas bereitet; außerdem waren in dieser Zeit auch zwei neue Schiffstypen, die Karavelle und später die Nao bzw. Karacke aus anderen Schiffstypen weiterentwickelt worden, was die Fahrten erst möglich gemacht hatte. Bei nahezu allen Fahrten spielten auch die großen Handelshäuser eine große Rolle, denn sie finanzierten die jeweiligen Expeditionen und trieben im Erfolgsfall die Entdeckungsfahrten voran.

Viele Gelehrte dieser Zeit vertraten die Ansicht, dass die Erde eine Kugel, Asien somit auch auf dem Seeweg nach Westen zu erreichen sei. Ihre Theorien wurden von vielen zum Teil uralten Legenden und Gerüchten ebenso genährt wie die Tatsache, dass der aus Florenz stammende Geograph Paolo dal Pozzo Toscanelli den Umfang der Erde irrtümlich als viel zu klein eingeschätzt hatte, was schließlich andere Männer der damaligen Zeit auf die Idee brachte, den westlichen Weg nach Asien zu erkunden. Der Erste, dem dies seit der ersten Fahrt der Wikinger unter Leif Eriksson gelang, war der im Auftrag der spanischen Krone segelnde Christoph Kolumbus im Jahre 1492. Kolumbus hatte sich dabei den sachlich korrekten Bedenken vieler Geographen widersetzt, die völlig richtig angenommen hatten, dass die Distanz bis nach Ostasien viel zu groß für eine Seereise mit den Mitteln der Zeit sei. Den Weg nach Indien fand man tatsächlich zunächst durch die Umsegelung Afrikas: im Jahre 1498 erreichte Vasco da Gama die Stadt Kalikut in Indien. Dies war der Beginn des Indienhandels in der Frühen Neuzeit.

Triebkräfte und Bedeutung der Entdeckungsfahrten Monokausale Erklärungen für die Entdeckerexpeditionen, die nur auf einen Tatbestand wie die Erschwerung des Orienthandels durch die islamischen Eroberungen (Konstantinopel 1453) oder die langsam beginnende Herausbildung einer kapitalistischen Wirtschaftsweise (erste volle Entfaltung im England des 17./18. Jahrhunderts) abheben, vernachlässigen die Vielzahl der Bedingungen, die für den spezifischen Verlauf der europäischen Expansion bestimmend waren.

Der Bedeutung dieser in der Menschheitsgeschichte einmaligen, weltweiten transozeanischen Expansion waren sich bereits die Zeitgenossen bewusst. Das amerikanische Gold und Silber stärkte die Staatsgewalten in Europa gegenüber den konkurrierenden adligen Lokalmächten, die im Mittelalter die spätere Souveränität der Staaten bzw. der Könige verhindert hatten. Selbst die industrielle Revolution in England ist maßgeblich durch die wirtschaftlichen Folgen der Expansion vorangetrieben worden. So brachten vor allem die westindischen Zuckerpflanzer und die Liverpooler Sklavenhändler die Geldmittel auf, die zum Ausbau der englischen Industrie benötigt wurden. Entsprechend urteilte Adam Smith in seinem Werk „Wealth of Nations“ von 1776:

Wissenschaftliche und technische Vorbedingungen Die Idee einer systematischen Erkundung der Erde entstand bereits in der Antike. Schon die Pythagoreer in Unteritalien sammelten Belege für die Kugelgestalt der Erde, die dadurch schnell zur maßgeblichen Überzeugung in der griechischen Antike wurde. Bereits im Altertum hatte sich damit die Vorstellung gebildet, dass man durch eine Westfahrt über den Atlantik fremde Länder in Asien erreichen könne. Man wusste ja schon im alten Ägypten von China und anderen Ländern Asiens durch den Import von Apfelsinen und durch die Seidenstraße. Trotz unterschiedlicher Entfernungsvorstellungen hatte ferner bereits Eratosthenes (im 3. Jahrhundert v. Chr.) den tatsächlichen Erdumfang annähernd genau berechnet. Allerdings war im europäischen Mittelalter vor allem das astronomische Lehrbuch des Ptolemäus bekannt („Almagest“), das einen viel zu niedrigen Wert angab. Kolumbus fühlte sich dadurch ermutigt, den scheinbar nicht allzu weiten Weg bis nach Asien meistern zu können. Des Weiteren hatte die mittelalterliche Vorstellung von der Unwirtlichkeit der Regionen im fernen Norden und Süden, auch gestützt auf die Autorität des Aristoteles, von Expeditionen in diese Erdteile abgehalten. Erst die Entdeckungsfahrten der portugiesischen Seefahrer entlang der afrikanischen Atlantikküste im 15. Jahrhundert ließen zunehmend Zweifel an diesem vorherrschenden Meinungsbild aufkommen. Besonders die Expeditionen Heinrich des Seefahrers zur Suche nach direkten Wegen zu den afrikanischen Goldvorräten und Sklaven unter Umgehung der muslimischen Händler Nordafrikas und die in der Renaissance sinkende Autorität des Aristoteles beendeten die europäischen Hemmungen endgültig.

Die bereits im Altertum entwickelte Kartografie reichte für die Orientierung über größere Entfernungen noch nicht aus. Erst Gerhard Mercator löste um 1569 das Problem der Projektion der Kugelfläche auf Plankarten zufriedenstellend. Das Kartenmaterial zuvor wich so erheblich von der Wirklichkeit ab, dass ihr Gebrauch sehr fragwürdig war. Gleichwohl hatte die Fortentwicklung der Kartografie in der Zeit vor ihrer Nützlichkeit für größere Dimensionen wesentliche Anregungen für die Entdeckungsfahrten gegeben.

mini|Persisches Astrolabium aus dem 18. Jahrhundert

Im 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren für die Hochseeschifffahrt die astronomischen Kenntnisse zur Standortbestimmung auch ohne Küstensicht viel wichtiger als Kartenmaterial. Als „himmlischer Wegweiser“ dienten Sternenkataloge, wie sie bereits die Astronomen Alexandrias entworfen hatten. Die Beobachtung per Auge war aber zu ungenau, und so bedurfte es der Entwicklung spezieller Instrumente zur exakteren Standortbestimmung.