Das Leo Baeck Institut (kurz LBI) ist eine unabhängige Forschungs- und Dokumentationseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums mit drei Teilinstituten in Jerusalem, London und New York City mit einer Zweigstelle in Berlin. Es wurde 1955 von Hannah Arendt, Martin Buber, Siegfried Moses, Gershom Sholem, Ernst Simon und Robert Weltsch gegründet und setzte sich zum Ziel, deutsch-jüdische Geschichte und Kultur wissenschaftlich zu erforschen und ihr Erbe zu bewahren. Damit steht das LBI bewusst in der Tradition der Wissenschaft des Judentums. Namensgeber ist der Rabbiner, einstige Präsident der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und Holocaust-Überlebende Leo Baeck.

Struktur mini|Das Leo Baeck Institut London auf dem Campus der Queen Mary University of London mini|Leo Baeck Institut New York, 15 West 16th Street Das Leo Baeck Institut gliedert sich in drei unabhängigen Forschungsinstitute, eine wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft in Berlin und den Verein der Freunde und Förderer in Frankfurt am Main. Der internationale Aufsichtsrat Leo Baeck Institute International koordiniert die Zusammenarbeit der Institute untereinander sowie mit staatlichen Institutionen.

Forschungsinstitute Leo Baeck Institute London Leo Baeck Institute Jerusalem Leo Baeck Institute New York

Einrichtungen in Berlin Leo Baeck Institute New York – Zweigstelle Berlin Archiv des Leo Baeck Instituts im Jüdischen Museum Berlin Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft des LBI in Deutschland

Vorläufer Bereits in den 1940er Jahren unternahmen deutsch-jüdische Emigranten Versuche, jüdische Institutionen wie die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gemäß dem Modell der Warburg Bibliothek aus dem Deutschen Reich zu transferieren und dadurch weiterhin für die Forschung zugänglich zu machen. Diese Bemühungen gewannen mit Ende des Zweiten Weltkrieges und der Bewusstwerdung um die Schoa eine neue Dimension. Nach der Schoa, so die Grundannahme, war deutsch-jüdische Geschichte unwiderruflich zu Ende. Überlegungen um den Erhalt von Wissensbeständen wie der Wissenschaft des Judentums hatten fortan eine doppelte Funktion: Forschung und Memorialisierung einer abgeschlossenen deutsch-jüdischen Geschichte.Ruth Nattermann (Hrsg.): Deutsch-jüdische Geschichtsschreibung nach der Shoah: die Gründungs- und Frühgeschichte des Leo Baeck Instituts. Klartext-Verlag, Essen 2004.

Leo Baeck Library / Memorial Library (Eugen Täubler) Die Programmatik, wie sie später durch das Leo Baeck Institut verwirklicht worden ist, hatte theoretische Vordenker wie den deutsch-jüdischen Althistoriker Eugen Täubler, der 1941 in die USA emigrierte.

Leo Baeck Library Noch vor Kriegsende im Januar 1945 formulierte Eugen Täubler Pläne zu einem deutsch-jüdischen Forschungsinstitut mit angeschlossener Bibliothek, für die er eine örtliche Dreiteilung vorgesehen hatte: Frankfurt am Main, Cambridge und Jerusalem. Nach Kriegsende war ein solches Institut auf deutschem Boden undenkbar geworden. Eine ausreichende Finanzierung der Leo Baeck Library konnte nicht realisiert werden. Leo Baeck selbst, dem die Institution als Freund Täublers und wichtige Symbolfigur namentlich gewidmet werden sollte,Vgl. hierzu 2.2.1 Namensgebung „Leo Baeck“ im selben Artikel. unterstützte den Gedanken, ein Forschungsinstitut zur deutsch-jüdischen Geschichte zu begründen. Er sah jedoch diese Form der institutionellen Nachfolge mit der Hochschule in der Society for Jewish Studies (SJS) als verwirklicht an, welche 1947 in London errichtet worden war.

Die Provenienz der LBI Bibliothek ist lässt sich in großer Zahl auf die Restitution der Bibliothek des Centralvereins zurückführen. Der Verein stellte seinen Mitgliedern und der Redaktion der Zeitschrift der Wissenschaft des Judentums die Bibliothek mit einem Fokus auf Judaica und Antisemitica zur Verfügung, um dabei besonders den akademischen Kampf gegen Antisemitismus zu stärken. Die Bibliothek wurde 1939 von den Behörden konfisziert und partikularisiert. Die Restitutionsüberlegungen begannen bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dauerten weit in die Nachkriegsära des gegründeten Staates Israel an. Die Verlagerung und Verteilung zurückgeführter jüdischer Bücher, u. a. der Centralvereinsbibliothek, fand inmitten des eskalierenden Nahostkonflikts ab 1947 unter chaotischen Bedingungen statt.

Memorial Library Das Projekt der Memorial Library als Erinnerungsort in New York sollte aus erbenlos gewordenen jüdischen Kulturgütern generiert werden, die von der Jewish Cultural Reconstruction Corporation (JCR) und ihrer Untereinheit, der Jewish Restitution Successor Organisation (JRSO), an jüdische Einrichtungen verteilt wurden.Siehe Elisabeth Dallas: Das Leichenhaus der Bücher. Kulturrestitution und jüdisches Geschichtsdenken nach 1945. Göttingen/Bristol 2013. Bestände für eine solche Memorial Library wurden seitens der JCR jedoch nicht zur Verfügung gestellt. Daran änderten auch die Versuche nichts, die Memorial Library an eine Universität (Harvard, Columbia und zuletzt 1949 am Jewish Institute for Religion [JIR] in New York) anzugliedern und so eine Verbindung aus Memorialisierung und Forschung zu erlangen.

Geschichtswerk „Geschichte der Juden in Deutschland“ (Adolf Kober; Eugen Täubler) Während Täubler noch auf eine Realisierung der Memorial Library am JIR hoffte, wurde die Idee eines umfassenden Geschichtswerks über die Geschichte der Juden in Deutschland angeregt. Impulsgeber hierfür war Adolf Kober, Vorsitzender der historischen Kommission des JCR. Seinerzeit war Kober zusammen mit dem Rabbiner und Religionsphilosophen Max Wiener, den er nun abermals als Mitstreiter gewinnen konnte, Mitarbeiter am Jüdischen Lexikon gewesen. Im Exposé formulierte Wiener die Motivation für das Geschichtswerk:

Kober und Wiener sahen es gerade als Zeitzeugen als ihre Aufgabe an, die Erinnerung wach zu halten. Nachdem die Finanzierung für das Projekt unsicher geblieben war, hoffte Eugen Täubler im Zuge des Luxemburger Abkommens von 1952 zwischen Israel und Deutschland auf eine Finanzierung durch die Bundesrepublik als „geistige Wiedergutmachung“. Drei Ebenen sollten in dem Geschichtswerk Betrachtung finden: Spannung zwischen Ideologie und Wirklichkeit (mit Beginn der Diaspora) Sinndeutung jüdischer Existenz Europäisierung des Judentums

Für die ausreichende Sicherstellung der Finanzierung erdachte der Althistoriker Täubler außerdem eine Leo Baeck-MaxWarburg-Foundation, die trotz vielschichtiger Planung nicht etabliert werden konnte.Näheres zur Leo Baeck-Max Warburg-Foundation: Ruth Nattermann, 2004, S. 102–103. Am 13. August 1953 starb Eugen Täubler. Die Historikerin Ruth Nattermann würdigt ihn als Vordenker und Wegbereiter für das zwei Jahre später gegründete Leo Baeck Institut mit seiner „Konzeption eines Ortes des historischen Forschens und Erinnerns“.Ruth Nattermann, 2004, S. 103.

Gründungsphase Die Aktivitäten von Eugen Täubler und anderen Mitstreitern wie Herbert A. Strauss und Max Gruenewald fanden in Organisationen wie der AMFED (American Federation of Jews from Central Europa), aber auch zunehmend im Council of Jews from Germany jenseits von den USA mit seinen Sektionen in Frankreich, Israel und England Anfang der 1950er Resonanz. Die Impulse von Amerika ausgehend wurden spätestens seit 1951 von der englischen und israelischen Sektion intensiv aufgenommen.

Aktivitäten der Israel-Sektion Literarisches Gedenkwerk Im September 1951 wurde innerhalb des israelischen Council of Jews from Germany eine Sektion wichtiger Persönlichkeiten eingerichtet, welche die Interessen der ehemals deutschen Juden gegenüber den jüdischen Weltorganisationen vertreten sollten: Ausgehend von der Hebräischen Universität Jerusalem waren dies Professoren wie Martin Buber, Schmuel Hugo Bergman und Gershom Scholem. Vorsitzender der Israel-Sektion des Councils war Siegfried Moses (1887–1974). Auch er sprach davon, „literarische[.] und historische[.] Werke[.], die das Leben und die Leistungen der Juden in Deutschland schildern, analysieren und wuerdigen“ sollten, realisieren zu wollen.Siegfried Moses auf der konstituierenden Sitzung der Israel Sektion des Council, 3. September 1951, CouncilCOLL, LBINY, Folder 39. Wie Täublers Gedanke eines „Geschichtswerkes der deutschen Juden“ sollte innerhalb der Israel-Sektion ein „literarisches Gedenkwerk“ unter der Anleitung von Ernst Simon und Bruno Kirschner geschaffen werden.

Leo Baeck Institute of Jews from Germany Täublers Anregung zur Gründung eines Forschungsinstituts fand ebenfalls eine Entsprechung innerhalb der Israel-Sektion: ein Institut fuer Geschichte und Soziologie des deutschen Judentums oder, mit anderem Namensvorschlag, ein Institut fuer Soziologie, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des deutschen JudentumsSimon an Moses, 7. November 1953, Moses-Papers, CZA, A 376/307. wurden von Ernst Simon und Bruno Kirschner in die Diskussion gebracht. In dieser Projektskizze vom 7. November 1953 war bereits eine Leitung des geplanten Instituts durch Leo Baeck vorgesehen und damit die „Grundlage für die Entwicklung des LBI“ geschaffen.Ruth Nattermann, 2004, S. 111. Nur wenige Tage später war in den Dokumenten bereits von einem Leo Baeck Institute of Jews from Germany die Rede.Entwurf fuer den Antrag des Council of Jews from Germany an die Claims Conference auf Finanzierung kultureller Projekte, Anlage zum Brief von Moses an Reichmann und Muller, 13. November 1953, AMFED-COLL, ZfA-Archiv, Box 17, Folder 18.

Formierung des Arbeitsprogramms: Namensgebung, Ziele, Inhalte Namensgebung „Leo Baeck“ Leo Baeck als Sinnbild für ein vergangenes jüdisches Leben in Deutschland und für das Weiterleben ehemals deutscher Juden in der Emigration war bereits von Eugen Täubler angedacht worden. Er war an der Hochschule tätig gewesen, bis er seit 1933 Präsident der zusammengeschlossenen Verbände in der Reichsvertretung der deutschen Juden wurde. Er überlebte Theresienstadt und engagierte sich nach seiner Rückkehr in die Wahlheimat London für die Bewahrung des deutsch-jüdischen Erbes. Er starb 18 Monate nach Gründung des LBI im November 1956. Für die Mehrheit der Council-Mitglieder wurde Leo Baeck als öffentlichkeitswirksame „Ikone“ (Herbert A. Strauss) wahrgenommen und „Symbol fuer das Beste, was uns als geistiges Erbe zu verwalten aufgetragen ist“.Ernst Simon an den Rabbiner F. Winter, 22. September 1958, LBILLondonColl, LBINY, Box 8. Die Historisierung des deutschen Judentums konnte durch die Namensgebung in seiner doppelten Funktion kenntlich gemacht werden: als Objekt wissenschaftlicher Forschung und Identifikation.Näheres zur Namensgebung, vgl. Ruth Nattermann, 2004, S. 113–115. Der Zusatz „Institute of Jews from Germany“ betonte den Neuanfang in der Emigration, für den Baeck ebenfalls als Symbol wahrgenommen wurde:

Ziele des LBI