Mudschaddid () ist ein Ehrentitel, der im Islam verschiedenen Gelehrten zugesprochen wird, die eine herausragende Rolle bei der Wiederbelebung der ursprünglichen Prinzipien der islamischen Religion gespielt haben. Er stützt sich auf einen Hadith, demzufolge im Abstand von einhundert Jahren eine Person von Gott gesandt wird, um das Verständnis und die Ausübung der Religion durch die islamische Umma zu erneuern. Über die Frage, welchen Gelehrten dieser Titel gebührt, besteht unter den Muslimen keine Einigkeit. Einige Gelehrte haben diesen Titel auch für sich selbst in Anspruch genommen.
Der grundlegende Hadith und seine Auslegung Der Hadith, auf den sich die Vorstellung von dem Mudschaddid stützt, wird im Kitāb as-Sunan von Abū Dāwūd as-Sidschistānī angeführt und über Abū Huraira auf den Propheten Mohammed zurückgeführt. Er steht ganz am Anfang des Kapitels über die endzeitlichen Kämpfe (malāḥim) und lautet im arabischen Original und in Übersetzung:
Da der Ausdruck man yuǧaddid sowohl als Singular oder Plural gelesen werden kann, wurde der Text des Hadith so verstanden, dass er sowohl eine Person oder eine Vielzahl bezeichnen kann.
As-Suyūtī (gest. 1505) erklärt: „Der Mudschaddid kann eine einzige Person auf der ganzen Welt sein, wie es bei ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz der Fall war, da er alleiniger Besitzer des Kalifats war, oder bei asch-Schāfiʿī, wegen des Konsenses der Wahrheitssucher darüber, dass er der Wissendste von den Leuten seiner Zeit war. Oder es können zwei Personen oder eine Gruppe von Personen sein, wenn kein Konsens über eine einzelne Person besteht.“as-Suyūṭī: at-Taḥaddūṯ bi-niʿmat Allāh. 1975, S. 225f.
Dass Abū Dāwūd den Hadith in sein Kapitel über die endzeitlichen Kämpfe aufgenommen hat, erklärt as-Suyūtī damit, dass Gott zu Beginn eines jeden Jahrhunderts der Umma eine harte Prüfung (miḥna) auferlege, die er dann mit einer gewaltigen Güte ausgleiche, nämlich der Entsendung einer Person, die die Religion erneuert.as-Suyūṭī: at-Tanbiʾa bi-man yabʿaṯ Allāh ʿalā raʾs kull miʾa. 1410h, S. 69.
Der indopakistanische Gelehrte Abū l-Aʿlā Maudūdī (gest. 1979) verstand den Hadith so, dass kein Jahrhundert der Islamischen Zeitrechnung ohne Personen bleiben werde, die sich der „Flut der Dschāhilīya“ entgegenstellen und sich bemühen, den Islam in seiner ursprünglichen Form und seinem Geist in der Welt durchzusetzen.Maudūdī: Tajdīd o iḥyāʾ-i dīn. S. 34. – Engl. Übers. S. 36. Hamid Algar weist darauf hin, dass das Verb yabʿaṯu, das für die Entsendung des Mudschaddid verwendet wird, dasselbe ist, das im Koran für die Entsendung für Propheten verwendet wird (siehe z. B. Sure 3:164, 7:103, 16:36). Hieraus schließt er, dass das Konzept eine göttliche Autorität ähnlich wie beim Prophetentum impliziert.Algar: „The Centennial Renewer: Bediuzzaman Said Nursi and the Tradition of Tajdid“. 2001, S. 297.
Personen als Mudschaddid Im Laufe der Jahrhunderte gab es unter maßgeblichen Experten heftige Auseinandersetzungen, wer als Erneuerer des Islam anerkannt werden soll. Genannt werden unter anderen Herrscher, Juristen, Philosophyen und Theologen. In der frühen Neuzeit wurden die Erneuerer der früheren Jahrhunderte in Listen zusammengestellt. So nennt, zum Beispiel, Muhammad Qāsim al-Qassār, der wichtigste Religionsgelehrte am Hofe des marokkanischen Herrschers Ahmad al-Mansur (1578–1603), in einem Gedicht unter anderem die folgenden Persönlichkeiten als Erneuerer: ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz (Ende des 1. Jhs.), asch-Schāfiʿī (2. Jh.), Abū l-Hasan al-Aschʿarī (3. Jh.), al-Bāqillānī und al-Isfarāyinī (4. Jh.), al-Ghazali (5. Jh.), Fachr ad-Din ar-Razi (6. Jh.), Ibn Daqīq al-ʿĪd (7. Jh.), al-Bulqīnī und Abū l-Fadl al-ʿIrāqī (8. Jh.).Das Gedicht wird zitiert in al-Fāsī: al-Iʿlām bi-man ġabara. 2008, S. 48.
Neuntes Jahrhundert As-Suyūtī (gest. 1505) brachte in seiner Autobiographie at-Taḥaddūṯ bi-niʿmat Allāh seine Hoffnung zum Ausdruck, dass Gott ihm die Gunst gewähre, der Erneuerer des neunten Jahrhunderts sein zu dürfen.as-Suyūṭī: at-Taḥaddūṯ bi-niʿmat Allāh. 1975, S. 227. Diese Hoffnung ging in gewisser Weise in Erfüllung, denn die meisten späteren Mudschaddid-Listen führen ihn als Erneuerer des neunten Jahrhunderts auf, so auch diejenige von al-Qassār.al-Fāsī: al-Iʿlām bi-man ġabara. 2008, S. 48.
Zehntes Jahrhundert Über die Frage, wer der Erneuerer der Religion am Ende des 10. islamischen Jahrhunderts war (das Jahr 1000 der Hidschra entspricht dem Jahr 1591/92 u. Z.), gab es in der islamischen Welt sehr unterschiedliche Vorstellungen. Während al-Qassār in einem anderen Gedicht seinen eigenen Herrscher Ahmad al-Mansūr als den Erneuerer seiner Zeit präsentierte und dabei dessen prophetische Abkunft betonte,Vgl. al-Fāsī: al-Iʿlām bi-man ġabara. 2008, S. 49. meinte man in sufischen Kreisen Marokkos, dass Abū l-Mahāsin al-Fāsī (gest. 1604), der Gründer der bekannten Zawiya der Fāsīyūn in Fès,Vgl. dazu Ch. Pellat: Art. "al-Fāsī" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. XII, S. 302–303. „der Erneuerer am Ende des Jahrtausends“ (al-muǧaddid ʿalā raʾs al-alf) sei.Vgl. al-Fāsī: al-Iʿlām bi-man ġabara. 2008, S. 61.
In Mekka nahm der produktive hanafitische Gelehrte ʿAlī al-Qārī (gest. 1605) den Mudschaddid-Rang für sich in Anspruch.Vgl. Patrick Franke: "Querverweis als Selbstzeugnis - Individualität und Intertextualität in den Schriften des mekkanischen Gelehrten Mulla ʿAli al-Qari (gest. 1014/1606)" in St. Reichmuth u. Fl. Schwarz (Hg.): Zwischen Alltag und Schriftkultur: Horizonte des Individuellen in der arabischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts. Beirut-Würzburg 2008. S. 131–163. S. 158. Dasselbe tat in Indien der Naqschbandīya-Suf Ahmad as-Sirhindī (gest. 1624), doch betrachtete er sich nicht als gewöhnlichen Mudschaddid, sondern als Mudschaddid des Jahrtausends besonders ausgezeichnet ist. In seinen Maktūbāt schrieb er mit Bezug auf über sein eigenes Wissen:
In einem späteren hagiographischen Werk über Sirhindī wird erzählt, dass ihn der Prophet Mohammed einmal in Begleitung der Propheten, Erzengel und Gottesfreunde besucht und bei dieser mit einem strahlenden Gewand aus reinem Licht bekleidet habe, wobei er erklärte, dass dies das „Gewand der Erneuerung des zweiten Jahrtausends“ (ḫilʿat-i taǧdīd-i alf-i ṯānī) sei.Algar: „The Centennial Renewer: Bediuzzaman Said Nursi and the Tradition of Tajdid“. 2001, S. 300. Das Ereignis wird in demselben Werk auf den 10. Rabīʿ I des Jahres 1010 (= 8. September 1601) datiert.Ḫwāja Muḥammad Iḥsān: Raużat al-Qaiyūmīya, Urdu-Übersetzung Iqbāl Aḥmad Fārūqī. Lahore 1409/1989. Bd. I, S. 164, 170. Digitalisat Der Ausdruck Mudschaddid-i alf-i thānī („Erneuerer des zweiten Jahrtausends“) wurde zu einem festen Titel as-Sirhindīs,Friedmann: Shaykh Aḥmad Sirhindī. An outline of his thought and a study of his image in the eyes of posterity. 1971. S. 14. und diejenige Initiationskette der Naqschbandīya, die über Ahmad as-Sirhindī weitergeführt wird, ist als Mudschaddidīya bekannt.Algar: „The Centennial Renewer: Bediuzzaman Said Nursi and the Tradition of Tajdid“. 2001, S. 298.
Zwölftes Jahrhundert In der sufischen Traditionslinie, die sich auf Sirhindī beruft, traten später noch andere Personen auf, die den Rang des Mudschaddid für sich in Anspruch nahmen, so vor allem Schāh Walīyallāh ad-Dihlawī (gest. 1763). Er erklärte in seinem Werk at-Tafhīmāt al-ilāhīya, dass ihm Gott am Ende seines Philosophiestudium (daurat al-hikma) den „Erneuerermantel“ (ḫilʿat al-muǧaddidīya) verliehen habe, womit er an die Metaphorik Sirhindīs anknüpfte. Er habe das Wissen der Harmonisierung konfligierender Normen erhalten und erfahren, dass der Ra'y in der Scharia eine Verfälschung, in der Rechtsprechung jedoch eine edle Handlung (makruma) sei. Damit der Mudschaddid-Hadith auf ihn bezogen werden konnte, empfahl Schāh Walīyallāh, die Angabe „Ende eines jeden Jahrhunderts“ nicht genau zu nehmen, sondern als Schätzung (taḫmīn) zu betrachten. Außerdem sollte man als Ausgangspunkt für die Zählung der Jahrhunderte nicht die Hidschra, sondern den Tod des Propheten nehmen.Šāh Walī Allāh: at-Tafhīmāt al-ilāhīya. 1936, Bd. I, S. 40, Bd. II, S. 114. Zur religiösen Rolle des Mudschaddid erklärte er:
Nach Sajida S. Alvi wurde der Mudschaddid-Anspruch Schāh Walīyallāhs von der Mehrheit der muslimischen Gelehrten Indiens akzeptiert. Auch Abū l-Aʿlā Maudūdī akzeptierte ihn, allerdings nahm er daran Anstoß, dass Schāh Walīyallāh diesen Titel selbst für sich in Anspruch genommen hatte. Nur die Barelwīs stellten in Frage, dass Schāh Walīyallāh der Mudschaddid des 12. Jahrhunderts sei. Der Barelwī-Gelehrte Zafar ad-Dīn al-Bihārī (gest. 1962) beispielsweise nannte den Mogulherrscher Aurangzeb (reg. 1658–1707) und die beiden sufischen Gelehrten Kalīmallāh Tschischtī (gest. 1730) und Qādī Muhibballāh al-Bihārī (gest. 1707) als Erneuerer des 12. Jahrhunderts.Alvi: "The Mujaddid and Tajdīd Traditions in the Indian Subcontinent: An Historical Overview". 1994, S. 1.
13. Jahrhundert Nach Abul Hasan Ali Nadwi (gest. 1999) hielt eine große Gruppe von Gelehrten den indischen Reformer und Dschihad-Kämpfer Sayyid Ahmad Barelwi (gest. 1831) für den Mudschaddid des 13. Jahrhunderts. Hierzu merkte er an: „Wenn es etwas wie Erneuerung der Religion gibt, dann hat es sich in seinem Wesen gezeigt.“Abū l-Ḥasan Nadvī: Tārīẖ-i Daʿvat va-ʿAzīmat. Karachi 1980. Bd. VI/2, S. 525. Digitalisat
14. Jahrhundert Zu denjenigen, die im 14 islamischen Jahrhundert als Erneuerer im Sinne der Mudschaddid-Tradition angesehen wurden, gehörte Said Nursî (gest. 1960), der Begründer der Nurculuk-Bewegung.Algar: „The Centennial Renewer: Bediuzzaman Said Nursi and the Tradition of Tajdid“. 2001, S. 303. Die Barelwīs erklärten dagegen den Gründer ihrer Bewegung Ahmad Riza Khan Barelwi (gest. 1921) zum Mudschaddid des Jahrhunderts, und die Deobandis antworteten darauf, indem sie auf die Verdienste ihres Gelehrten Ashraf Ali Thanwi (gest. 1943) verwiesen.Alvi: "The Mujaddid and Tajdīd Traditions in the Indian Subcontinent: An Historical Overview". 1994, S. 13. Abū l-Aʿlā Maudūdī (gest. 1979), dem ebenfalls nachgesagt wurde, Anspruch auf den Rang des Erneuerertums zu erheben, wies diese Behauptung zurück,Maudūdī: Tajdīd o iḥyāʾ-i dīn. S. 110. – Engl. Übers. S. 114. machte sich jedoch in seinem Werk Tajdīd o iḥyāʾ-i dīn („Erneuerung und Wiederbelebung der Religion“) viele Gedanken über dieses Konzept. Über die Eigenschaften, die ein Mudschaddid besitzen muss, schrieb er:
Literatur Orientsprachliche Quellen as-Suyūṭī (gest. 1505): at-Tanbiʾa bi-man yabʿaṯ Allāh ʿalā raʾs kull miʾa. Ed. ʿAbd al-Ḥamīd Šanūḥa. Dār aṯ-Ṯiqa, Mekka 1410h. Digitalisat as-Suyūṭī: at-Taḥaddūṯ bi-niʿmat Allāh. Ed. Elizabeth M. Sartain. Cambridge University Press, Cambridge, 1975. S. 215–227. Digitalisat ʿAbdallāh ibn Muḥammad al-Fāsī (gest. 1722): al-Iʿlām bi-man ġabara min ahl al-qarn al-ḥādī ʿašar. Ed. Fāṭima Nāfiʿ. Beirut 2008. Šāh Walī Allāh ad-Dihlawī (gest. 1762): at-Tafhīmāt al-ilāhīya. 2 Bde. Madinat Press, Surat 1936. Digitalisat Muḥammad Šams-al-Ḥaqq al-ʿAẓīmābādī (gest. 1911): ʿAun al-maʿbūd šarḥ Sunan Abī-Dāʿūd Dār al-Faiḥāʾ, Damaskus 2013. Bd. XI, S. 313–321. Digitalisat Abū l-Aʿlā Maudūdī (gest. 1979): Tajdīd o iḥyāʾ-i dīn. Islāmik Pablīkešanz ohne Ort und Datum. Digitalisat – Englische Übersetzung von al-Ash'ari unter dem Titel A Short History Of The Revivalist Movement In Islam. Ohne Ort und Datum Digitalisat
Sekundärliteratur Hamid Algar: „The Centennial Renewer: Bediuzzaman Said Nursi and the Tradition of Tajdid“ in Journal of Islamic Studies 12 (2001) 291–311. Sajida S. Alvi: "The Mujaddid and Tajdīd Traditions in the Indian Subcontinent: An Historical Overview", in Journal of Turkish Studies 18 (1994) 1–15. E. van Donzel: „Mudjaddid“ in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. VII, S. 290. Yohanan Friedmann: Shaykh Aḥmad Sirhindī. An outline of his thought and a study of his image in the eyes of posterity. Montreal-London 1971. S. 13–21.