mini|Uwe Barschel, 1987 mini|Uwe Barschel (links) 1983 mit Lothar Späth und Bernhard Vogel Uwe Ulrich Barschel (* 13. Mai 1944 in Glienicke/Nordbahn; † 11. Oktober 1987 in Genf, Schweiz) war ein deutscher Politiker (CDU). Er war nach seiner Zeit als Landesminister von 1982 bis 1987 Ministerpräsident Schleswig-Holsteins. Nachdem ihn ein während des Landtagswahlkampfs 1987 aufgekommener Skandal, der als Barschel-Affäre Aufsehen erregte, zum Rücktritt veranlasst hatte, wurde er am 11. Oktober 1987 im Hotel Beau-Rivage in Genf tot aufgefunden. Barschels Todesumstände sind bis heute umstritten: Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen kamen zu dem Ergebnis, dass er Suizid begangen habe. Dies wird in zahlreichen Publikationen bezweifelt.
Leben und Beruf
Der Vater Heinrich Barschel war Mathematiker,Uwe Barschel. Munzinger-Archiv; abgerufen am 25. Dezember 2025. arbeitete als Hauslehrer in Südamerika und später als Abteilungsleiter beim Berliner Arbeitsamt. Er fiel vermutlich im April 1945 in den Kämpfen um Berlin. Barschels Mutter Marie-Elisabeth, geb. Inter, war die Tochter eines pommerschen Gutsverwalters und arbeitete nach dem Krieg als Näherin.Michael Mueller u. a.: Der Fall Barschel. Ein tödliches Doppelspiel. Berlin 2007, S. 57. Im Mai 1945 war sie mit ihren Kindern vor der Roten Armee aus Berlin nach Schleswig-Holstein geflohen. Dort wuchs Uwe Barschel mit seinen Geschwistern bei seinen Großeltern in einer Barackenanlage für Flüchtlinge in Börnsen bei Geesthacht auf.Andreas Grau: Uwe Barschel. Konrad Adenauer Stiftung, abgerufen am 25. Dezember 2025.
Seine Lehrer am Städtischen Gymnasium Geesthacht beschrieben ihn als auffällig ruhig und ernst, seine Mitschüler als sehr ehrgeizig und karrierebewusst. Er lud als Schulsprecher 1963, auf Vorschlag seines mit dem Nationalsozialismus sympathisierenden Geschichtslehrers Heinrich Kock, den als Nachfolger Hitlers amtierenden letzten Reichspräsidenten Karl Dönitz ein. Dieser war als Kriegsverbrecher im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden und sollte vor den Schülern der Klassen 9 bis 13 über das Thema Der 30. Januar 1933 und seine Folgen referieren. Dabei konnte Dönitz eineinhalb Stunden lang seine positive Sicht des Nationalsozialismus ausbreiten. Weder Schüler noch Lehrer stellten kritische Nachfragen. Das führte zu einem politischen Skandal.sowie Flensburger Tageblatt, 7. Dezember 2013: „Die Toleranz gegenüber den Nazis war besonders groß. Schleswig-Holstein und seine Affären: Der Historiker Frank Bösch erklärt, warum es das Image des Skandallandes hat: 1963 […] hat vor Ort dies (sc. den Dönitz-Vortrag) kaum jemand kritisiert. Die Lokalpresse hatte den Auftritt des Großadmirals noch über alle Maßen gelobt. Erst die Hamburger Großstadtjournalisten, besonders Die Zeit, skandalisierten dies erfolgreich.“ Infolge dieser Affäre, die neben einer europaweiten Medienresonanz zu dem Einsatz eines Ermittlers aus dem Kultusministerium an der Schule in Geesthacht führte, tötete sich der für die Genehmigung der Veranstaltung verantwortliche Schulleiter. 17 Jahre später nahm Barschel als Innenminister Schleswig-Holsteins am Begräbnis von Dönitz teil.
Nach dem Abitur begann Barschel 1964 das Studium der Rechtswissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft und Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Nach dem ersten (1968) und zweiten Staatsexamen (1971) schloss er das Jurastudium als Volljurist ab. 1969–1970 war er als Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Kiel tätig. 1970 erfolgte seine Promotion zum Dr. jur. mit der Arbeit Theoretische Möglichkeiten und Grenzen der Strafrechtspolitik einer politischen Partei und 1971 die Promotion zum Dr. phil. bei Michael Freund mit der Arbeit Die Stellung des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein unter besonderer Berücksichtigung der Lehre von der GewaltenteilungDie Stellung des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein unter besonderer Berücksichtigung der Lehre von der Gewaltenteilung, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 1971, S. 165.. Seit 1971 war er als Rechtsanwalt zugelassen. 1971 wurde er Gerichtsassessor, im Anschluss daran arbeitete er als Rechtsanwalt und Notar. 1976 trat er in die Kieler Sozietät von Hans-Michael Moll ein. mini|Uwe Barschel im Bundeswehrparka auf einem Wahlplakat im Landtagswahlkampf 1987 Darüber hinaus war Barschel im Vorstand der Hermann Ehlers Stiftung tätig, fungierte als Präsident der Stiftung Herzogtum Lauenburg und war Landesvorsitzender des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Barschel veröffentlichte neben seiner politischen Tätigkeit zahlreiche Schriften zum öffentlichen Recht und zur politischen Wissenschaft. Dazu zählen Kommentar zur Landessatzung für Schleswig-Holstein (1976) und Die Staatsqualität der deutschen Länder (1981).
Justus Frantz erinnert sich laut Wolfram Baentsch daran, dass Barschel plante, sich in der Mitte der 1987 beginnenden Legislaturperiode von der Politik zurückzuziehen und in die Wissenschaft zu gehen. Er habe seine Habilitationsschrift bereits fast fertiggestellt gehabt. In: Netzeitung, 2. Oktober 2006 (Interview mit Wolfram Baentsch).
Am 31. Mai 1987, kurz vor Beginn des Wahlkampfs für die Landtagswahl 1987, stürzte ein Flugzeug mit Barschel und einem Sicherheitsbeamten als einzigen Passagieren beim Landeanflug auf den Flughafen Lübeck-Blankensee ab. Der Flugzeugführer Michael Heise und die Copilotin Elisabeth Friske starben noch vor Ort, Barschels Sicherheitsbeamter einige Tage später im Krankenhaus. Barschel überlebte und wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert.31. Mai 1987 – Uwe Barschel überlebt einen Flugzeugabsturz: Unfall oder Attentat? Stichtag, WDR, 31. Mai 2012 Die Absturzursache konnte nie ganz geklärt werden. Sicher ist, dass die Maschine zu tief flog und dass die Copilotin Friske als letzte Worte über Funk forderte Dim the light! (Blendet das Licht ab!).Barschel sprach mit der Frau seines Leibwächters. In: Hamburger Abendblatt, 3. Juni 1987, S. 6. Barschel wurde nach einigen Wochen aus dem Krankenhaus entlassen und nahm am Wahlkampf teil.
mini|Grabstätte von Uwe Barschel auf dem Alten Friedhof in Mölln Uwe Barschel war seit dem 7. Juli 1973 mit Freya Barschel (geb. von Bismarck, * 1947), einer entfernten Verwandten aus der weitverzweigten Familie des Reichskanzlers Otto von Bismarck, verheiratet und hatte vier Kinder. Uwe Barschel lebte mit seiner Familie in Mölln und wurde auf dem dortigen Alten Friedhof beigesetzt. Abweichend vom offiziellen Datum hat seine Ehefrau den 10. Oktober als Todestag auf den GrabsteinGrabstein Uwe Barschel. grabsteine.genealogy.net gravieren lassen.
Partei Uwe Barschel war seit 1960 Mitglied der Jungen Union und seit 1962 auch der CDU. Von 1967 bis 1971 war er Landesvorsitzender der Jungen Union in Schleswig-Holstein. 1969 wurde er stellvertretender Landesvorsitzender der CDU. Von 1973 bis 1981 war er Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Herzogtum Lauenburg.
Abgeordneter Von 1970 bis 1974 war Barschel Mitglied im Kreistag des Kreises Herzogtum Lauenburg und bis 1972 zugleich Kreisrat. Von 1971 bis zu seinem Tode war er Mitglied des Landtages von Schleswig-Holstein und in der Zeit von 1971 bis 1973 Parlamentarischer Vertreter des Kultusministers und Regierungsbeauftragter für Jugend und Sport. Von 1973 bis 1979 war er Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion.
Öffentliche Ämter mini|Barschel (2. von links) auf dem Bundesparteitag der CDU (1986) Am 1. Januar 1979 wurde er von Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg zum Finanzminister ernannt. Nach der Landtagswahl im Frühjahr 1979 übernahm er am 1. Juli 1979 das Amt des Innenministers des Landes Schleswig-Holstein. Im Jahr 1979 übernahm Barschel die Vertretung Schleswig-Holsteins im Bundesrat. Ein Jahr darauf saß er als Abgeordneter in der Nordatlantischen Versammlung. Es folgte in den Jahren 1981 und 1982 der Vorsitz der Innenministerkonferenz. Im Anschluss daran leitete er 1982/1983 als Vorsitzender die Ministerkonferenz. Als Innenminister war er im Jahr 1981 mit der bis dahin größten Demonstration der Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland konfrontiert, die sich gegen das Kernkraftwerk Brokdorf richtete.
Nachdem Gerhard Stoltenberg am 4. Oktober 1982 zum Finanzminister in der von Bundeskanzler Helmut Kohl geleiteten Bundesregierung ernannt worden war, wurde Barschel am 14. Oktober 1982 als sein Nachfolger zum Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein gewählt. Bei Amtsantritt war Barschel 38 Jahre alt und damit der bis dahin jüngste Regierungschef eines Landes der Bundesrepublik Deutschland. Bei den Landtagswahlen 1983 konnte die CDU unter seiner Führung mit 49 % der Stimmen die absolute Mandatsmehrheit verteidigen, obwohl die SPD auf 43,7 % zulegte.
1985 war Barschel Gründungsmitglied und Mitinitiator des seit 1986 jährlich stattfindenden Schleswig-Holstein Musik Festivals, bei dessen Gründungsveranstaltung der Politiker an der Aufführung des Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns neben den Musikern um Hauptinitiator Justus Frantz selbst als Erzähler mitwirkte. In seine Regierungszeit fällt auch die Gründung des Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, die im Jahr 1985 vom Landtag beschlossen wurde.
1986 erhielt Barschel den Medienpreis Bambi.
Siehe auch: Kabinett Stoltenberg II, Kabinett Stoltenberg III, Kabinett Barschel I und Kabinett Barschel II
Die Affäre
Am Samstag vor der Landtagswahl, dem 13. September 1987, wurde bekannt, dass Der Spiegel in seiner am Montag nach der Wahl erscheinenden Ausgabe über eine Verleumdungskampagne gegen Barschels Herausforderer Björn Engholm berichten werde, die Barschel initiiert habe. Der Spiegel stützte sich dabei auf Informationen des wegen Verleumdung vorbestraften Medienreferenten Reiner Pfeiffer, der Ende 1986 vom Axel-Springer-Verlag als Medienreferent an die Kieler Landesregierung vermittelt worden war. Am Tag darauf verlor die CDU, die 1983 noch 49,0 Prozent erreicht hatte, bei der Wahl ihre absolute Mehrheit und wurde mit 42,6 Prozent der Stimmen nur noch zweitstärkste Kraft hinter der SPD, die 45,2 Prozent der Stimmen erzielen konnte.
Der sich nun entwickelnde Skandal erlangte als Barschel- bzw. Barschel-Pfeiffer-Affäre oder Waterkantgate Bekanntheit. In einer Stellungnahme fünf Tage nach der Wahl erklärte Barschel:
Die von ihm aufgeführten eidesstattlichen Versicherungen stellten sich als Falschaussagen heraus, die Mitarbeiter auf sein Drängen hin abgegeben hatten.
Wegen der ungeklärten Affäre wurden die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und FDP zu Sondierungsgesprächen herabgestuft. Die FDP betonte, „mit der CDU zu verhandeln“, nicht mit Uwe Barschel. Auf Grund zunehmenden Drucks aus seiner Partei trat Barschel schließlich am 2. Oktober 1987 als Ministerpräsident zurück. Die Landesregierung wurde daraufhin kommissarisch von seinem bisherigen Stellvertreter Henning Schwarz geleitet. Zur Aufklärung der Affäre wurde vom Landtag Schleswig-Holstein ein Untersuchungsausschuss eingesetzt, der in monatelanger Arbeit die Vorgänge des Jahres 1987 aufarbeitete. Allerdings konnte eine vollständige Aufklärung durch den Ausschuss nicht erreicht werden.
Der Barschel-Brief, welcher auf den 3. Oktober 1987 datiert war, Ende April 1988 als Kopie die Redaktion des Spiegel erreichte und Stoltenberg der Mitwisserschaft bei den Aktionen gegen Engholm bezichtigte,Raimund H. Drommel: Der Code des Bösen: Die spektakulären Fälle des Sprachprofilers. Heyne, München 2011, ISBN 978-3-641-05461-8, S. 64, 65. stellte sich im Jahr 1991 als mögliche Fälschung der Abteilung X des Auslandsgeheimdienstes Hauptverwaltung A der DDR heraus.