mini|Gruppe von Suzuki-Schülern im Konzert mini|Verschiedene Violinen einer „Suzuki-Familie“

Die nach ihrem Begründer, dem japanischen Violinpädagogen Shinichi Suzuki, benannte Suzuki-Methode ist ein weltanschaulich und musikpädagogisch ausgerichtetes Unterrichtskonzept, das Kindern so früh wie möglich den Einstieg in den Instrumentalunterricht zur Förderung und Formung der allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung ermöglichen soll. Die von ihrem Begründer ursprünglich benannte Methode beruht einerseits auf der von Suzuki als „Muttersprachenmethode“ bezeichneten Annahme, dass das Erlernen eines Musikinstruments im Kindesalter analog zum Spracherwerb ohne Notenlesen und allein durch Auswendiglernen mit Hilfe von Hören, Beobachten und Nachahmen erfolgen kann, andererseits auf seiner weltanschaulichen Vorstellung von einer zweckdienlichen musikalischen Erziehung zur Heranbildung eines bedingungslos seiner Gesellschaft dienenden und erst dadurch „guten Menschen“.Japanisch よい人間 yoi ningen (wörtlich: gutmütiger Mensch), vergleiche hierzu die japanische Originalausgabe: Shinichi Suzuki: 『愛に生きる 才能は生まれつきではない』 ‚Leben mit Liebe. Talent ist nicht angeboren‘. Kodansha, Tokio 1966, S. 222. Neben überzeugten Befürwortern gibt es unter Musikpädagogen auch Vorbehalte gegenüber der Methode, die sowohl die Inhalte und deren Vermittlung betreffen, als auch das dahinter vermutete – je nach Sichtweise – philosophische beziehungsweise ideologische Weltbild ihres Schöpfers und seiner Anhängerschaft.

Hintergrund

Das zunächst nur in westlichen Ländern als „Suzuki-Methode“ bezeichnete Unterrichtskonzept geht auf den japanischen Geiger und Pädagogen Shinichi Suzuki (1898–1998) zurück. Als einer der Söhne von Masakichi Suzuki, dem damals größten Geigenbaufabrikanten in Nagoya, wuchs er in einem ebenso musikalischen wie geschäftstüchtigen Umfeld auf. Er reiste 1921 auf Anraten seiner damaligen Geigenlehrerin nach Deutschland und war von 1922 bis 1928 Privatschüler des Geigers Karl Klingler in Berlin. Nach seiner Rückkehr entfaltete er eine Reihe musikalischer Aktivitäten und unterrichtete zunächst am Kaiserlichen Konservatorium in Tokio hauptsächlich Jugendliche im Geigenspiel.

Entstehung Einen Anlass zum Unterrichten von Kindern im Vorschulalter bekam Suzuki erstmals, als ein Vater Suzuki bat, seinen damals vierjährigen Sohn im Geigenspiel zu unterrichten, und so wurde Suzuki ermutigt, über Möglichkeiten und Wege der instrumentellen Früherziehung nachzudenken. Dabei griff Suzuki auf bereits bestehende Erkenntnisse zum Erwerb der Muttersprache zurück, wobei er das hierbei vorherrschende Prinzip des Lernens durch Hören, Beobachten und Nachahmen auf die Geige übertrug.

Die für die Entwicklung der Suzuki-Methode entscheidenden Unterrichtsversuche startete Suzuki 1948 zunächst an der Hongo Primarschule in Matsumoto. Suzuki unterrichtete dort eine Experimentalklasse von 40 Schülern. Der Unterricht bestand darin, dass er jedem Schüler in irgendeinem Fach eine so leichte Übungsaufgabe stellte, dass die ganze Klasse gleichzeitig antworten konnte. Bevor man zu einer anderen Übung überging, wurde am folgenden Tag dieselbe Aufgabe wiederholt gestellt. Durch die hiermit erzielte hohe Lernmotivation erreichte jeder Schüler ein hohes Niveau an Fähigkeiten.

Weltanschaulicher Hintergrund In Suzukis Hauptwerk „Erziehung ist Liebe“ geht es um die Frage, wie die Veranlagung des Menschen entwickelt werden kann. Der Ausgangspunkt seiner Erziehung bildet ähnlich wie in reformpädagogischen Postulaten die „Erziehung vom Kinde aus“. Suzuki verfolgt mit seiner Methode weltanschauliche Ideale. Sie stehen im Zusammenhang mit seiner Biographie, der japanischen Kultur und der Erfahrung mit der europäischen Kultur. Die Einstellung zum Leben sowie seine Pädagogik sind geprägt von dem Wunsch, alle Kinder durch das Geigenspiel zu guten und fähigen Menschen zu erziehen, die als ein aktives Mitglied der Gesellschaft zu „guten Bürgern“ heranwachsen. Der Sinn des menschlichen Lebens besteht bei Suzuki in der Suche nach Liebe, Wahrheit, Tugend und Schönheit, wobei für ihn das Geigenspiel das Mittel zur Verwirklichung des Lebenssinns darstellt.

Obwohl Suzuki mehrfach den Einfluss der reformpädagogischen Schriften Lew Nikolajewitsch Tolstois auf sein eigenes Schaffen betonte,Vergleiche hierzu: Shinichi Suzuki: Erziehung ist Liebe. Eine neue Erziehungsmethode. Bosse Verlag, Kassel 1994, S. 81–82, 86, 88–89, 92. wurde dieser Quelle seiner pädagogischen Arbeit kaum Beachtung geschenkt. Stattdessen stellten einige der Autoren, die sich mit seinem Leben und Schaffen befassten, die durch Suzukis Schriften und Äußerungen an keiner Stelle belegbare These auf, seine Auffassung von Talent und Fähigkeiten sei durch den Zen-Buddhismus geprägt.Clifford A. Cook: Suzuki Education in Action. A Story of Talent Training from Japan. Exposition Press, New York 1970, S. 93–95 Dabei konstruierte beispielsweise der amerikanische Suzuki-Schüler Clifford Cook ein auf purer Phantasterei beruhendes Bild Suzukis, das ihn als erleuchteten und zu Wunderheilungen befähigten Zen-Meister darstellte.Clifford A. Cook: Suzuki Education in Action. A Story of Talent Training from Japan. Exposition Press, New York 1970, S. 72 Auch Suzukis Credo, wonach das beharrliche Üben auf der Geige als Weg zur Selbstverbesserung zu betrachten sei, wurde insbesondere im Westen im Sinne des Zen und seines Postulats vom „Weg als Ziel“ interpretiert.

Suzukis Talentbegriff Suzuki lehnte die Auffassung ab, nach der das Maß der Musikalität eines Menschen eine Frage von angeborenem Talent sei. Er hat immer bemängelt, dass Talentforschung nicht an Neugeborenen durchgeführt werde, sondern an Kindern, die bereits jahrelang musikalische Stimulation und Förderung erhalten bzw. nicht erhalten haben. Es war Suzukis Überzeugung, dass musikalische Fertigkeiten ausschließlich auf „Talenterziehung“ durch Schulung des Gehörs und kontinuierlichem Üben beruhe.

Die Suzuki-Methode

Spracherwerb als Vorbild Da Kinder sich die Muttersprache allein über das Hören und Nachahmen der gesprochenen Sprache aneignen, zog Suzuki den Schluss, dass Kinder das Spielen eines Instruments auf gleichem Weg erlernen könnten. Auf der Grundlage dieses von ihm als „Muttersprachenmethode“ propagierten Ansatzes sollten Kinder frühzeitig, nach Möglichkeit bereits im Alter von drei oder vier Jahren mit dem Unterricht beginnen.

Musizieren ohne Noten Während Lehrwerke für den klassisch orientierten Instrumentalunterricht traditionell auf dem Spielen nach Noten basieren, wird im Suzuki-Unterricht analog zum schriftlosen Spracherwerb auf Noten zunächst ganz verzichtet.

Einen festen Bestandteil des Suzuki-Unterrichts bildet daher das tägliche Anhören eines Tonträgers, auf dem derjenige Teil des Suzuki-Repertoires, mit dem das Kind sich gerade beschäftigt, von einem professionellen Musiker eingespielt ist. Das Anhören der CD dient dabei nicht nur dem Kennenlernen der Stücke, die das Kind bald erarbeiten wird, sondern insbesondere auch der Entwicklung einer innerlichen Klangvorstellung. Zusammen mit der regelmäßigen und obligatorischen Wiederholung der bereits erlernten Stücke im Unterricht und bei jeder anderen sich bietenden Gelegenheit, soll auf diesem Wege das Repertoire auch ohne Noten verinnerlicht werden. Die Spielstücke der einzelnen Unterrichtsstufen wurden so ausgewählt und geordnet, dass das Kind noch vor dem Erlernen der Notenschrift bereits ein umfangreiches Repertoire technischer Fertigkeiten erarbeitet hat.

Einbeziehung des sozialen Umfelds Voraussetzungen des Unterrichtserfolgs der Methode sind nach Suzuki neben dem Engagement des Lehrers insbesondere ein durch die Einbindung und aktive Mitarbeit der Familienmitglieder gewährleistetes musikalisches Umfeld.

Suzuki empfahl daher, dass die Mutter nicht nur die Einhaltung des Übungspensums kontrolliert, sondern das Spiel des Instruments selbst und möglichst noch vor dem Kind erlernt, um einen effizienten Heimunterricht durchführen zu können. Darüber hinaus empfahl er auch, jüngere Geschwister als Zuhörer mit in den Unterricht zu bringen, damit diese bereits vor der Aufnahme ihres eigenen Unterrichts das Suzuki-Repertoire kennenlernen und viele Kenntnisse beiläufig „aufschnappen“ können, die die älteren Geschwister eventuell mühsam erarbeiten mussten. Um das soziale Klima innerhalb der Suzuki-Gemeinschaft zu fördern, legte Suzuki besonderen Wert darauf, langjährigen Kontakt zu Schülern und ihren Eltern zu pflegen.

Die Organisation des Unterrichts Der Unterricht selbst besteht aus wöchentlichem Einzelunterricht (Lehrer, Kind, Elternteil), der das zentrale Element der Methode ist, sowie wöchentlichem Gruppenunterricht und täglichem, von einem Elternteil geleiteten Üben zu Hause.

Der Unterricht wird im Idealfall von zahlreichen und frühzeitigen Vorspielmöglichkeiten flankiert, von Veranstaltungen wie dem „Konzert der Tausend“, von Meisterkursen und von Erlebnissen gemeinsamen Musizierens.

Lehrwerke und unterrichtsbegleitendes Material Neben Suzukis eigenen Schriften, seiner Violinschule und deren Übersetzungen entstand seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts eine Unzahl weiterer Publikationen in verschiedenen Sprachen, die zur internationalen Verbreitung der Methode beitrugen. Zusätzlich wurde die Suzuki-Methode für weitere Instrumente, Gesang und sogar für den Tanz fortentwickelt, flankiert von Ergänzungsbänden zum Ensemblespiel, Tonträgern und Handreichungen für Pädagogen und Eltern. Das Marktangebot für Suzuki-Literatur war im Jahr 2020 bereits so umfangreich, dass allein der Suzuki-Katalog des amerikanischen Anbieters Alfred Publishing einen Umfang von über 50 Seiten hatte. Die zehnbändige Violinschule Die Suzuki-Violinschule umfasst zehn Bände und ist aus bekannten Stücken der Violinliteratur von der Barockzeit bis zur frühen Romantik und Volksliedern zusammengestellt. Den Abschluss der Suzuki-Ausbildung bildet ein Mozart-Konzert.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Unterrichtsmethoden enthalten die Bände kaum technische Übungen, so dass vom Lehrer eigene Ergänzungen wie z. B. Tonleitern, Fingerübungen oder Bogenstudien hinzugefügt werden müssen. Da das Spiel nach Noten in der Suzuki-Methode kein explizites Unterrichtsziel ist, sind die Stücke ohne Notenkenntnisse für die Schüler nur spielbar, wenn sie durch wiederholtes Hören der Tonträger und Vorspielen von Lehrern bzw. Eltern und „Abschauen“ von Fingersätzen und sonstigen Spielaktionen nachahmend verinnerlicht werden.

Lehrwerke für andere Instrumente Die Pianistin Haruko Kataoka (* 1927), die mit der Methode 1955 erstmals in Berührung kam und 1956 bei Shinichi Suzuki in Matsumoto studierte, gilt als Begründerin der Suzuki-Methode für das Klavier.Haruko Kataoka: My Thoughts on Piano, Miami: Summy-Birchard, 1988, ISBN 0-87487-284-7, S. 6 () Heute existiert das Konzept für Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klavier, Orgel, Flöte, Blockflöte, Trompete, Harfe, Gitarre, Mandoline sowie für Gesang und musikalische Frühst-Erziehung (Eltern-Kind-Gruppe).

Verbreitung und Standorte Institutionalisierung der Methode in Japan Mit dem Ausspruch „Talent ist kein Zufall der Geburt“ gab Suzuki 1945 durch die Gründung der Musikschule in Matsumoto, der heutigen „Talent Education School“ richtungsweisende Ansätze für die Talenterziehungsbewegung. Im Jahr 1949 gründete Suzuki den ersten Kindergarten der Talent-Erziehung.Japanisch Sainô Kyôiku Yôji Gakuen (才能教育幼児学園) Im Jahr 1950 wurde die aus der Nationalen Organisation für ElementarpädagogikJapanisch Zenkoku Yōji Kyōiku Dōshikai (全国幼児教育同志会) in Matsumoto hervorgegangene Gesellschaft für das Studium der Begabtenförderung,Japanisch Sainô Kyôiku Kenkyû-kai (才能教育研究会) wo Suzuki Violinspiel nach seiner Methode unterrichtete, als Körperschaft anerkannt. Der Name der Gesellschaft wurde zur offiziellen Bezeichnung der japanischen Suzuki-Gesellschaft und auch unter der internationalen Bezeichnung Talent Education Research Institute (TERI) bekannt.