The Beatles, auch The White Album (Weißes Album), ist das neunte Studioalbum der gleichnamigen britischen Band. Es wurde im November 1968 in Großbritannien und Deutschland veröffentlicht. In Deutschland war es ihr 13., in den USA ihr 16. Album.
Das schlichte weiße Cover wurde von Richard Hamilton entworfen. Es war das erste Album der Beatles, das auf ihrem eigenen Label Apple Records erschien. Das Album erreichte in Deutschland, Großbritannien und den USA die Spitze der Charts.
Entstehung The Beatles, ihr einziges Doppelalbum, entstand in der Spätphase der Band. Im Februar 1968 nahmen sie die vier Lieder The Inner Light, Lady Madonna, Across the Universe und Hey Bulldog auf, die jedoch nicht für das Album verwendet wurden. Mitte März wurde die Single Lady Madonna / The Inner Light veröffentlicht, die ihr 14. Nummer-eins-Hit in Großbritannien wurde. Mitte Februar 1968 reisten die Beatles mit ihren Frauen nach Rishikesh (Indien), wo ein mehrwöchiger Meditationskurs des Maharishi stattfand.
Ringo Starr kehrte bereits Anfang März nach England zurück, Paul McCartney folgte drei Wochen später. John Lennon und George Harrison verließen Indien erst Mitte April. Während des Indienaufenthalts schrieben die Beatles die Mehrzahl der Lieder für ihr neues Album. Am 11. Mai 1968 flogen Lennon und McCartney nach New York, wo sie bei Pressekonferenzen und Fernsehauftritten ihr neues Unternehmen Apple Corps vorstellten. So wurde dann auch The Beatles als erstes Album auf dem Apple-Label veröffentlicht. mini|Die Beatles, 1968 mini|Das Anwesen Kinfauns von George Harrison in Esher, wo die Beatles im Mai 1968 die Demos aufnahmen
Ende Mai 1968 trafen sich die Beatles im damaligen Haus von George Harrison in Esher, um zu viert 27 Demoaufnahmen anzufertigen, die heute meist als Esher-Demos bezeichnet werden. Einige der dort aufgenommenen Lieder wurden von den Beatles im Studio nicht aufgenommen: Junk (McCartney-Komposition), Child of Nature (Lennon-Komposition), Circles und Sour Milk Sea (Harrison-Kompositionen). Die Demoaufnahmen von Mean Mr. Mustard und Polythene Pam wurden für das Album Abbey Road verwendet und neu eingespielt.
Die eigentlichen Studioaufnahmen begannen am 30. Mai 1968 und endeten am 14. Oktober 1968. George Martin konnte nicht die gesamten Aufnahmen überwachen, da die Beatles des Öfteren in zwei verschiedenen Studios gleichzeitig arbeiteten. Er überließ dem jungen, damals relativ unerfahrenen Chris Thomas die Produktion einiger Titel, so auch im September 1968 während seines Urlaubs. Die Beatles übernahmen aber auch oft selbst die Regie am Mischpult.
George Martin bemerkte zu den Aufnahmen: „Sie kamen mit einer ganzen Flut von Songs an – ich glaube, es waren über dreißig –, und ich fühlte mich ein bisschen überfordert […]; gleichzeitig aber auch wieder nicht, denn einige davon waren nicht gerade umwerfend. Zum ersten Mal musste ich mich in drei Teile reißen, weil wir ständig in mehreren Studios gleichzeitig aufgenommen haben. Es drohte alles ziemlich auseinanderzufallen, und da hat mein Assistent Chris Thomas eine Menge geleistet.“The Beatles: The Beatles Anthology. 2000, ISBN 3-550-07132-9, S. 305.
Die Beatles nahmen bei einigen Liedern Stellung zu politischen oder gesellschaftspolitischen Themen: Mit Revolution 1 nahm Lennon Bezug auf die Pariser Maiunruhen. Bei Blackbird entstand der Text von McCartney mit Blick auf die Bürgerrechtsbewegung und die damit verbundenen Unruhen in den USA im Frühling 1968. Er handelt von einer afroamerikanischen Frau, die der alltäglichen Diskriminierung in den USA ausgesetzt ist. Harrisons Piggies handelt von Geldgier und Klassenunterschieden. Für das Lied Back in the USSR wurden die Beatles zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von konservativen Kreisen in den USA kritisiert.
Zum Zeitpunkt der Aufnahmen zeichneten sich erstmals deutliche künstlerische und menschliche Differenzen innerhalb der Beatles ab. So verließ beispielsweise Ringo Starr vom 22. AugustMark Lewisohn: The Complete Beatles Chronicle, S. 295; Barry Miles: The Beatles Diary. Volume 1: The Beatles Years, S. 307. bis zum 3. SeptemberMark Lewisohn: The Complete Beatles Chronicle, S. 296; Barry Miles: The Beatles Diary. Volume 1: The Beatles Years, S. 308. 1968 die Gruppe, da er sich nur als „fünftes Rad am Wagen“ sah. Mit der Meinung, nicht mehr in die Gruppe zu passen, fuhr er zunächst nach Sardinien. Während seiner Abwesenheit übernahm kurzfristig Paul McCartney das Schlagzeug für die zuerst aufgenommenen Lieder Back in the USSR und Dear Prudence. Die anderen Beatles schickten Ringo Starr, der sich immer noch im Urlaub befand, Blumen und baten ihn mit vielen Postkarten, doch bitte wieder zurückzukommen, was er dann auch tat. Inzwischen hatten die restlichen Beatles sein Schlagzeug mit Blumen geschmückt.
Ringo Starr: „Ich ging aus zwei Gründen: Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht sonderlich gut spielte, und ich hatte das Gefühl, dass die drei anderen richtig happy miteinander waren und ich draußen stand.“The Beatles: The Beatles Anthology. 2000, ISBN 3-550-07132-9, S. 311.
Während der Aufnahmen zum Weißen Album wurden insgesamt 14 Lieder aufgenommen, bei denen die Beatles nicht mehr als vollständige Musikgruppe agierten. Toningenieur Geoff Emerick verließ auf eigenen Wunsch Mitte Juli 1968 die Aufnahmen, da er die Atmosphäre im Studio als sehr disharmonisch empfand. Ken Scott, der Emericks Nachfolger wurde, sowie Chris Thomas erinnerten sich aber, dass die Beatles zwar während der Aufnahmen Streitereien wegen ihrer Musik hatten, diese dann nach kurzer Zeit aber wieder beilegten. Sie entfernten sich allerdings von George Martins musikalischen Vorstellungen und begannen, sich selbst zu produzieren.Erinnerungen von Ken Scott und Chris Thomas zu den Aufnahmen des Albums
Die frühere musikalische Einheit des Komponistenteams John Lennon und Paul McCartney war nicht mehr vorhanden. Neben musikalischen Differenzen untereinander kam auch die offene Abneigung, die McCartney und Harrison gegenüber John Lennons Lebensgefährtin Yoko Ono hegten, hinzu. Yoko Onos künstlerischer Einfluss ist auf dem Weißen Album dokumentiert, so unter anderem in der experimentellen Klangcollage Revolution 9. Andererseits war John Lennon mit der McCartney-Komposition Ob-La-Di, Ob-La-Da musikalisch nicht einverstanden.
George Martin bemerkte dazu: „Ich erinnere mich, dass Yoko eine Menge Zeit mit John im Studio verbrachte, während wir das Weiße Album aufnahmen – und das ging sogar so weit, dass John sie einmal, als sie richtig krank war, nicht zu Hause lassen wollte und sie im Studio ein Bett hingestellt bekam. Während wir aufnahmen, lag Yoko da im Bett. Zwischen John und Yoko bestand eine wahnsinnige Bindung. Das ist keine Frage. Sie waren geistig vollkommen eins, und ich glaube, je enger diese Bindung wurde, desto mehr löste sich John von Paul und den anderen – was natürlich zu Problemen führte.“The Beatles: The Beatles Anthology. 2000, ISBN 3-550-07132-9, S. 308.
Paul McCartney: „[…] sie hat ihm [John Lennon] künstlerisch neue Wege eröffnet. Das Problem für uns war nur, dass es den Rahmen sprengte, den wir für unsere Arbeit brauchten.“
George Harrison: „Es war merkwürdig, sie ständig dabeisitzen zu haben. Es lag nicht daran, dass es Yoko war oder dass wir keine Außenstehende bei uns haben wollten, es waren ganz bestimmte Vibrationen zu spüren, und das störte mich. Es waren irgendwie unheimliche Vibrationen.“
Ringo Starr: „Und plötzlich hatten wir Yoko im Bett im Studio. Das führte zu Spannungen, denn wir vier waren meist sehr eng zusammen und untereinander ziemlich besitzergreifend, es störte uns, wenn Fremde sich zu sehr dazwischendrängten. Und genau das war Yoko, eine Fremde […]“
John Lennon sagte dazu: „Und plötzlich waren wir beide ständig zusammen, murmelten und kicherten in irgend einer Ecke. Und auf der anderen Seite Paul, George und Ringo, die sich sagten: ‚Was zum Teufel treiben die da? Was ist mit ihm los?‘ Und ich beachtete sie überhaupt nicht mehr. Wohlgemerkt, das war keine Absicht, ich ging nur eben restlos und total in dem auf, was wir beide machten […] Und dann sahen wir uns um und merkten, dass man das nicht toll fand.“The Beatles: The Beatles Anthology. 2000, ISBN 3-550-07132-9, S. 310.
Yoko Ono, die nun fast immer mit im Studio war, um Lennon zu begleiten, sang zusammen mit George Harrisons Frau Pattie Backing-Vocals bei Birthday sowie eine Zeile bei The Continuing Story of Bungalow Bill. Auch Paul McCartneys vorübergehende Freundin Francie Schwartz kam ins AufnahmestudioBilder von Francie Schwartz und wirkte laut eigenem Bekunden bei den Aufnahmen zu Revolution 1 als Hintergrundsängerin mit.Entstehung von Revolution 1 Ringos Ehefrau Maureen sang im Chor bei The Continuing Story of Bungalow Bill. Während der Aufnahmen wurden diverse Studiomusiker eingesetzt. So spielte etwa Eric Clapton das Gitarrensolo auf While My Guitar Gently Weeps und der Jazzmusiker Harry Klein bei Honey Pie und Savoy Truffle Saxophon.
mini|hochkant|Das ehemalige Trident Studios Gebäude am St. Anne’s Court, Soho (London)
Während der Aufnahmen wurde in den Abbey Road Studios eine Acht-Spur-Tonbandmaschine installiert; bei Liedern, bei denen die Beatles diese Aufnahmetechnik schon vorher gebraucht hatten, waren sie in die Trident Studios ausgewichen.
George Harrison steuerte zum Album vier Kompositionen bei. Ein fünftes Lied, Not Guilty, wurde zwar aufgenommen, aber erst im Oktober 1996 auf dem Album Anthology 3 veröffentlicht. Erstmals konnte auch Ringo Starr mit Don’t Pass Me By eine Eigenkomposition beitragen.
mini|hochkant|Handgeschriebene Liedstruktur von Hey Jude
Die kommerziell sehr erfolgreiche Single Hey Jude / Revolution (in dieser Version nicht auf dem Weißen Album erschienen) wurde während der Aufnahmearbeiten zum Album veröffentlicht. Sie erreichte sowohl in Großbritannien (15. Nummer-eins-Hit der Beatles) als auch in den USA (16. Nummer-eins-Hit) und in Deutschland (7. Nummer-eins-Hit) die Spitze der jeweiligen Charts.
Am 14. Oktober 1968 wurden die letzten Aufnahmen getätigt; die Stereo- und der Hauptteil der Monoabmischungen erfolgten zwischen dem 5. und 17. Oktober 1968. Mitte Oktober bis Ende November 1968 befand sich George Harrison in Los Angeles, um das Album von Jackie Lomax zu produzieren. Dort stellte er fest, dass das US-amerikanische Masterband des neuen Beatles-Albums klanglich schlecht ausgesteuert war; unter seiner Aufsicht wurde es erneut gemastert.Erneutes Mastering in den USA.
George Martin sprach sich gegen die Veröffentlichung eines Doppelalbums aus. Er favorisierte ein musikalisch stärkeres Einfachalbum, die Beatles aber setzten sich durch. George Martin bemerkte dazu:
Ergänzend sagte er: „Eine Menge Leute meinen trotzdem, das sei das beste Album, das sie gemacht haben.“
Im Nachhinein wurden die Aufnahmen von den Beatles aber eher positiv gewertet:
John Lennon sagte: „Das Weiße Album bedeutet einfach: ‚Das ist mein Song, den bringen wir so. Das ist dein Song, den bringst du so, wie du willst.‘ Es ist ganz schön schwierig, die Musik von drei Leuten auf eine einzige LP zu packen – deswegen haben wir eben ein Doppelalbum gemacht. Nach der ganzen Elektronik und den bombastischen Arrangements habe ich endlich alles abgeschüttelt, und meine Songs auf dem Doppelalbum waren schlicht und einfach. Es war eine totale Abkehr von Sgt. Pepper und vieles gefiel mir besser.“
George Harrison: „Nach Sgt. Pepper hatte man beim neuen Album wieder eher das Gefühl, dass eine Band etwas gemeinsam aufnahm. […] Es gab auch weit mehr individuelle Sachen, und zum ersten Mal akzeptierten die Leute auch, dass sie (die Beatles) individuell waren.“
Paul McCartney: „Ich glaube, es war ein sehr gutes Album. Es war einfach überzeugend, aber es zu produzieren war kein Vergnügen. Andererseits sind solche Sachen manchmal förderlich für die Kreativität.“
Ringo Starr: „Im Laufe der Arbeit am Weißen Album wurden wir wieder mehr zu einer Band, und das ist mir immer am liebsten.“