Die Leistungsmotivation ist eine „allgemeine und relativ überdauernde Tendenz, als wesentlich bewertete Aufgaben mit Energie und Ausdauer bis zum erfolgreichen Abschluss zu bearbeiten“.James Drever/Werner D. Fröhlich, Wörterbuch zur Psychologie, dtv, 1972, S. 170.

Das Konstrukt der Leistungsmotivation entstammt der Entwicklungspsychologie, findet aber auch in der Persönlichkeitspsychologie und vor allem in der pädagogischen Psychologie Anwendung. Es beschreibt allgemein die Tendenz einer Person, sich für oder gegen Handlungsalternativen zu entscheiden, in deren Ausführung das Erbringen von subjektiv wahrgenommener Leistung zu erwarten ist. Viele Forscher bezweifeln jedoch den Wert dieses Konstrukts, da es für alle vorhandenen empirischen Befunde Alternativerklärungen gibt. Es gibt bislang kein gutes Messinstrument für Leistungsmotivation als angenommenes Persönlichkeitsmerkmal, sodass der Intelligenzquotient immer noch der bessere Prädiktor für Erfolg ist.

Psychologische Modelle der Leistungsmotivation David McClelland et al. (1953) definieren Leistungsmotivation als ein „sich-mit-einem-Tüchtigkeitsmaßstab-Auseinandersetzen“. Aufbauend auf Arbeiten von Henry Murray (1938) postulierte McClelland (1961) in seiner Theorie der Bedürfnisse, dass die Motivation einer Person aus drei dominierenden Bedürfnissen resultiere: dem Bedürfnis nach Leistung (), Macht () und Zugehörigkeit (). Leistung wird nach dieser Vorstellung an subjektiven Qualitätsansprüchen gemessen.

Nach der Theorie von John William Atkinson (1957) ist ein Anreiz ausschlaggebend, um eine Leistungsmotivation bei einem Individuum zu erreichen, was er in seiner Erwartungs-Wert-Theorie formulierte. Demnach ist der Wert hauptsächlich als ein Affekt, eine Gefühlsäußerung bzw. eine Emotion zu bezeichnen, die das subjektive Gefühl eines Individuums begleitet, wenn die geforderte Leistung erbracht wurde. Er formuliert in seiner These, dass, je geringer die Chancen sind, das vom Individuum anvisierte Ergebnis zu erreichen, umso mehr Leistung erbracht werde, um das Ergebnis zu erreichen, da der Einzelne am Ende umso stolzer auf das Ergebnis seiner Leistung ist. Gleichzeitig wirkt der Anreiz, Misserfolge zu vermeiden. Laut Atkinson wählen Menschen, bei denen die Erfolgsmotivation größer ist als die Misserfolgsvermeidungsmotivation, Aufgaben mittlerer Schwierigkeit, während im umgekehrten Fall sehr leichte und sehr schwere Aufgaben bevorzugt werden. Das Ergebnis ist somit abhängig von der Leistungsbereitschaft und dem Leistungswillen des Einzelnen.

Weiner (1972, 1974) war Schüler von Atkinson und verband das Erwartungs-mal-Wert-Modell der Leistungsmotivationsforschung mit den Kausalattributions­theorien von Heider (1958) und Rotter (1966). Nach Weiner kann der Erfolg oder Misserfolg einer Handlung (retrospektiv, aber auch prospektiv) unterschiedlichen Ursachen zugeschrieben werden, was das Leistungsverhalten maßgeblich beeinflusst (vgl. Leistungsmotivation und Attribution).

Ein bekannter Motivationsforscher aus dem deutschen Sprachraum ist Heinz Heckhausen. In seinen Arbeiten zur Leistungsmotivation und Handlungsmotivation allgemein finden sich sowohl Ideen von McClelland als auch von Atkinson wieder. Ein Handeln ist nach Heckhausen leistungsorientiert, wenn die eigenen „Handlungen oder Handlungsergebnisse auf einen Tüchtigkeitsmaßstab bezogen werden, den man für verbindlich hält, so dass am Ende letztlich Erfolg oder Misserfolg steht.“ (Heckhausen, 1974) In seinem erweiterten Motivationsmodell (1977) hat Heckhausen, aufbauend auf den Erwartung-mal-Wert-Theorien, ein Motivationsmodell für zielgerichtetes Handeln entwickelt, bei dem Motive, Anreize, Erwartungen, Instrumentalitäten und Attributionen als Hauptfaktoren der Motivation angenommen werden.

Nach der von Deci und Ryan (2000, 2008)Edward L. Deci, Richard M. Ryan (2000): The „What“ and „Why“ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. In: Psychological Inquiry. 11(4), 227–268.Edward L. Deci, Richard M. Ryan: Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, and Health. In: Canadian Psychology. Band 49, 2008, S. 182–185. begründeten Selbstbestimmungstheorie (SDT) ist das psychologische Grundbedürfnis nach Kompetenz zusammen mit den Bedürfnissen nach Autonomie und sozialer Eingebundenheit die Basis für qualitativ hochwertiges Verhalten.Edward L. Deci, Richard M. Ryan: Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, and Health 2008, S. 183. In: Canadian Psychology. 49, 182–185. Aus Sicht dieser Theorie bestehen Gemeinsamkeiten mit der Leistungsmotivation (SDT) in der Unterscheidung von Kompetenz erweiternden gegenüber Kompetenz demonstrierenden Verhaltenszielen sowie besonders in der Ansicht, wie Lernumgebungen optimal gestaltet werden sollten. Dagegen sieht die Selbstbestimmungstheorie in dem eigenen Instrumentarium detailliertere Möglichkeiten zur Verhaltensbeschreibung als in den von den Theorien der Leistungsmotivation bereitgestellten Instrumenten.Edward L. Deci, Richard M. Ryan: The „What“ and „Why“ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior 2000, S. 260. In: Psychological Inquiry. 11(4), 227–268.

Atkinsons Theorie der Leistungsmotivation (Risiko-Wahl-Modell) Atkinson geht davon aus, dass alle Gründe des menschlichen Verhaltens bekannt sind und Entscheidungen aufgrund von Vernunft und Rationalität getroffen werden. Neben allen existierenden menschlichen Bedürfnissen fokussierte sich Atkinson vor allem auf das Bedürfnis bzw. Motiv nach Leistung. Darunter ist die Bewältigung von Aufgaben zu verstehen, die als Herausforderung erlebt werden. Das sogenannte Leistungsmotiv liegt der Persönlichkeit eines Menschen zugrunde und ist somit ein individuelles, überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal, welches das menschliche Verhalten determiniert. Zudem ist das Leistungsmotiv auch von Situationsmerkmalen abhängig. Atkinson’s Risiko-Wahl-Modell beschäftigt sich mit der Frage, welche von verschiedenen Leistungsaufgaben bzw. Handlungsalternativen in einer bestimmten Situation ausgewählt werden.B. Schlag:Lern- und Leistungsmotivation Opladen:Leske + Budrich 1995. Die Wahl einer Leistungsaufgabe wird bestimmt durch die Tendenz Erfolg anzustreben () und bzw. oder die Tendenz Misserfolg zu vermeiden (). Anhand eines mathematischen Modells versucht er Vorhersagen über Handlungsalternativen zu treffen und die resultierende Tendenz zu finden:Udo Rudolph, Motivationspsychologie. Weinheim: Beltz, 2003.

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Die Tendenz, Erfolg aufzusuchen () ist ein Produkt aus 3 Variablen: 1) Leistungsmotiv/Erfolgsmotiv (): Disposition einer Person, Fähigkeit, Stolz nach Erfolg zu empfinden; 2) Subjektive Erwartung von Erfolg für bestimmte Aufgabe () Erwartung einer Person, dass Handlung erfolgreich zum Ziel führt: situative Variable, die mittels eigener Erfahrungen erlernt wird, Erwartung kann anhand von Prozentwerten angegeben werden; 3) Anreiz dieses Erfolgs (): Stolz auf eine erfolgreiche Aufgabenbearbeitung ist umso größer, je schwieriger diese ist: →. Damit ergibt sich folgende Multiplikation: .

Die Tendenz, Erfolg aufzusuchen, ist nach dieser Formel für Aufgaben mittlerer Schwierigkeit am größten. Streben nach Erfolg ist für Personen mit hohem Erfolgsmotiv durchweg für alle Aufgabenschwierigkeiten höher als für Personen mit niedrigem Erfolgsmotiv.

Tendenz, Misserfolg zu vermeiden 1) Misserfolgsmotiv (): Disposition einer Person, Fähigkeit, Scham nach Misserfolg zu empfinden, Angst vor Leistungsbewertungen und Vermeidungstendenz gegenüber Leistungssituationen; 2) Wahrscheinlichkeit von Misserfolg (): resultiert aus der Wahrscheinlichkeit von Erfolg: →. 3) „Anreiz“ von Misserfolg (): Misserfolge sind bei unterschiedlichem Aufgabenschwierigkeitsgrad unterschiedlich unangenehm, Je leichter eine Aufgabe, desto größer das Schamgefühl bei Nichtbestehen der Aufgabe: →. Damit ergibt sich folgende Multiplikation: . Die Tendenz, Misserfolg zu vermeiden, ist nach dieser Formel für Aufgaben mittlerer Schwierigkeit am größten. Vermeiden von Misserfolg für Personen mit hohem Misserfolgsmotiv ist höher als für diejenigen mit geringem Misserfolgsmotiv.

Leistungshandeln: Leistungsaufgaben werden aufgesucht, wenn > . Ist < , wird die Leistungsaufgabe nicht bearbeitet. Das Leistungshandeln wird allerdings auch durch extrinsische Motivationen () wie z. B. Belohnung und Zwang, beeinflusst.

Damit ergibt sich folgende Addition: Udo Rudolph, Motivationspsychologie. Weinheim: Beltz 2003.

Dabei sind folgende Kurzbezeichnungen üblich: = Erfolgsmotivation, eine persönliche Eigenschaft, = Erfolgswahrscheinlichkeit, eine Eigenschaft der jeweiligen Aufgabe, = Erfolgsanreiz = (Wahrscheinlichkeit des Erfolgs), = Erfolgstendenz = .

= Misserfolgsvermeidungsmotivation, eine persönliche Eigenschaft, = Misserfolgswahrscheinlichkeit , = Misserfolgsanreiz (Wahrscheinlichkeit des Misserfolgs), = Misserfolgsvermeidungstendenz .

= Gesamtwert der Handlungstendenz

Die Funktionen , und sind symmetrische Parabeln mit dem Definitionsbereich 0..1 und einem Extremwert an der Stelle 0,5. Je nach Stärke der beiden Personenvariablen und kann die Summenparabel positive oder negative Werte haben. Der Gesamtwert der Handlungstendenz ist in diesem Zusammenhang zu interpretieren als Grad der Motivation, diese Handlung auszuführen. Negative Werte bedeuten eine aversive Haltung in deren Folge die Handlungsausführung unterbleibt.

Beispiel: 300px|rechts|x-Achse zeigt die Erfolgswahrscheinlichkeit/Schwere verschiedener Aufgaben Eine Person habe eine mit dem (weder reliablen noch validen) TAT gemessene Erfolgsmotivation von 8, sowie eine mit einem Testangst-Test gemessene Misserfolgsvermeidungsmotivation von 3. Die Te dieser Person bei Aufgaben verschiedener Schwierigkeitsgrade zeigt die rote Kurve, ihre Tm zeigt die grüne Kurve. Die Differenz T (blau, Gesamtmotivation) ist insgesamt positiv und zeigt die höchsten Werte im Bereich mittelschwerer Aufgaben.

Die zweite Vorhersage von Atkinsons Modell, dass nämlich Personen mit geringer Erfolgsmotivation und hoher Misserfolgsvermeidungsmotivation mittelschwere Aufgaben vermeiden und stattdessen sehr schwere und sehr leichte Aufgaben wählen, konnte nicht bestätigt werden.

Die Tendenz jedes Einzelnen ist über die Personenvariablen untrennbar mit seinen Erfahrungen verbunden. Einzelheiten hierzu finden sich im Artikel zum Erwartung-mal-Wert-Modell.

Leistungsmotivation und Ursachenzuschreibung (Attribution) Seit den 1970er Jahren wurden zunehmend die Beziehungen der sogenannten Kausalattribuierung (Ursachenzuschreibungen, z. B. für Erfolg oder Misserfolg) zur Leistungsmotivation untersucht (vgl. Gage & Berliner, 1996). Die wichtigsten Zusammenhänge werden im Folgenden dargelegt.

„Ich habe die Schule geschafft, weil ich klug bin.“ Erfolg wird normalerweise auf interne (personenbezogene) Ursachen zurückgeführt (attribuiert), z. B. auf hohe Fähigkeit, und Misserfolg auf externe Faktoren, z. B. Pech, hohe Schwierigkeit der Aufgabe. Dieses Attributionsmuster nennt man erfolgsorientiert. Es wirkt sich positiv auf den Selbstwert aus und findet sich bei Menschen mit ausgeprägter Leistungsmotivation. Wer Erfolg sich selbst zuschreibt und Misserfolg den Anderen oder den Umständen sucht sich Aufgaben mit mittlerer Schwierigkeit, setzt sich also realistische Ziele und erreicht diese, was zu einem realistischen, positiven Selbstbild führt.