mini|Juliane Lorenz, 2024 Juliane Maria Lorenz (* 2. August 1957 in Mannheim) ist eine deutsche Filmeditorin, Regisseurin, Produzentin und Autorin. Sie ist Präsidentin und Geschäftsführerin der Rainer Werner Fassbinder Foundation (RWFF).

Leben

Lorenz wurde unter dem Namen Juliane Maria Ketterer als Tochter des Laboranten Wilhelm Waizmann und der Schneiderin und späteren Synchroncutterin Frieda Ketterer geboren und wuchs zunächst in Hinterzarten im Schwarzwald auf, danach in Stuttgart, Wiesbaden und München. Durch die Heirat der Mutter mit dem Kulturfilmregisseur Dieter Lorenz erhielt sie 1961 den Familiennamen Lorenz. Nach der Scheidung der Mutter 1970 lebte sie in Bad Wörishofen und ging auf das Marien-Gymnasium Kaufbeuren. Nach einer kurzen Unterbrechung des Schulbesuchs nach der Mittleren Reife absolvierte sie ein Praktikum in einem Filmkopierwerk in München und entschloss sich danach, weiter die Schule zu besuchen. 1974 begann sie ein Studium an der Hochschule für Politik München und erlernte parallel dazu bei Margot von Schlieffen die technischen Grundlagen des Filmschnitts.

1975 schnitt sie für Ernst Batta die ersten Filme, 1976 war sie als Assistentin von Ila von Hasperg am Schnitt und der Vertonung von Rainer Werner Fassbinders Chinesisches Roulette beteiligt. Aus der Begegnung mit Fassbinder entwickelte sich eine Arbeitsgemeinschaft, die bis zu seinem Tod im Jahr 1982 dauerte und insgesamt 14 Filme umfasste. In den letzten Lebensjahren Fassbinders bestand zudem eine Lebensgemeinschaft zwischen ihm und Lorenz. Gelegentlich trat sie in seinen Filmen als Schauspielerin in Nebenrollen auf. Nach Lorenz' Angaben vollzogen beide 1978 in Fort Lauderdale in den USA eine nicht beglaubigte Eheschließung.Peter Zander: Familienkrach um Rainer Werner Fassbinder. In: Welt. 24. Mai 2007Christiane Peitz: Die Ehe des Rainer Werner F. In: Der Tagesspiegel. 5. Juni 2007Kurt Raab und Karsten Peters: Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder, C. Bertelsmann Verlag, München 1982, S. 347f.

Fassbinders Erbe fiel nach seinem Tod 1982 an seine Eltern. Fassbinders Mutter, Liselotte Eder, übertrug ihren Erbteil 1986 an die von ihr gegründete Stiftung, die Rainer Werner Fassbinder Foundation (RWFF); Fassbinders Vater, Helmuth Fassbinder, ließ sich 1988 auszahlen, wodurch auch sein Erbteil auf die RWFF überging. 1991 übertrug Eder ihre Anteile an der RWFF auf Lorenz, die die Stiftung seit 1992 als alleinige Gesellschafterin und Geschäftsführerin leitet. Als Eder 1993 starb, wurde Lorenz ihre Alleinerbin und damit Rechtsnachfolgerin von ihr und Rainer Werner Fassbinder.

1992 initiierte Lorenz die erste Fassbinder-Gesamtretrospektive in Deutschland, der 1997 die erste Gesamtretrospektive in den USA im Museum of Modern Art in New York folgte und 2005, zu seinem 60. Geburtstag, eine erste Gesamtretrospektive und Ausstellung im Centre Georges Pompidou in Paris. Unter ihrer Gesamtleitung wurden bis heute rund 30 von 43 Fassbinder-Filmen restauriert und für den erneuten weltweiten Vertrieb auf moderne Datenträger übertragen.

Lorenz arbeitete auch nach Fassbinders Tod als Schnittmeisterin (u. a. mit Werner Schroeter, Teresa Villaverde, Romuald Karmakar, Oskar Roehler) und seit 1983 auch als Autorin und Regisseurin von Dokumentarfilmen. Darüber hinaus ist sie Autorin der Bücher Das ganz normale Chaos (1995) und Im Land des Apfelbaums (2002) und verfasst filmspezifische Essays und Artikel. Sie erhielt Preise für ihre Arbeit als Schnittmeisterin; während des Filmfestivals Filmplus in Köln wurde ihr 2013 der Geissendörfer-Ehrenpreis für ihr Lebenswerk überreicht.Filmplus ehrt Juliane Lorenz, Bundesverband Filmschnitt, Pressemitteilung von Filmplus vom 30. Oktober 2013

Lorenz ist als Spezialistin des Fassbinder-Werkes weltweit gefragt und wird bei Fassbinder-Retrospektiven und -Seminaren von renommierten Institutionen und Universitäten eingeladen. Sie ist Mitglied der Deutschen Filmakademie und der European Film Academy und Vorstandsmitglied der Freunde des Deutschen Filminstituts (DIF) in Frankfurt am Main.

Lorenz, die von 1995 bis 2005 überwiegend in den USA lebte, hat ihren Lebensmittelpunkt heute in Berlin, wo auch die Rainer Werner Fassbinder Foundation ihren Sitz hat.

Im Jahr 2012 wurde bekannt, dass Lorenz auch von der Schauspielerin Rosel Zech, die die Hauptrolle in Fassbinders Film Die Sehnsucht der Veronika Voss gespielt hatte, testamentarisch zur Erbin bestimmt wurde.

Kontroverse 2007, in Fassbinders 25. Todesjahr, gab es bei der Berlinale eine Aufführung der restaurierten Fernsehserie Berlin Alexanderplatz. Eine Gruppe ehemaliger Fassbinder-Mitarbeiter warf Lorenz und der RWFF vor, den Film bei der digitalen Abtastung aus kommerziellen Gründen aufgehellt zu haben.Streit um Fassbinder-Stiftung. Es werde Licht. Süddeutsche Zeitung, 19. Mai 2010 Der Künstlerische Leiter der Restaurierung, Originalkameramann Xaver Schwarzenberger wies die Vorwürfe zurück. Der Autor Tilman Jens gab in der Fernsehsendung Kulturzeit an, dass die belastenden Behauptungen gegen Lorenz falsch seien.Tilman Jens: Der Witwenkrieg – Zwei Frauen streiten um einen Fassbinder. Kulturzeit, 3sat, 11. Juni 2007

Filmografie (Auswahl)

Auszeichnungen 1991: Deutscher Filmpreis in der Kategorie Schnitt für Malina 2013: Geißendörfer Ehrenpreis und Hommage beim Festival Filmplus 2013

Literatur Kurt Raab und Karsten Peters: Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder. C. Bertelsmann Verlag und Script Buchagentur, München 1982, ISBN 3-570-03117-9 Peter W. Jansen und Wolfram Schütte (Hrsg.): Rainer Werner Fassbinder. Fischer Taschenbuch Verlag Lizenzausgabe, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-596-11318-0, mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags, München, 5. ergänzte und erweiterte Ausgabe 1985. Herbert Gehr, Marion Schmid, Rainer Werner Fassbinder Foundation (Hrsg.): Rainer Werner Fassbinder: Dichter Schauspieler Filmemacher. Katalog zur Werkschau in Berlin 1992. Sonderausgabe für den Buchhandel, Argon Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-87024-212-4. Juliane Lorenz (Hrsg.): Das ganz normale Chaos: Gespräche über Rainer Werner Fassbinder. Henschel Vlg., Berlin 1995, 2. Auflage 2012, ISBN 3-89487-227-6. Thomas Elsaesser: Rainer Werner Fassbinder. Bertz + Fischer, Berlin 2001, ISBN 3-929470-79-9. Roger Crittenden: Fine Cuts. The Art of European Film Editing. Focal Pr, Oxford 2005, ISBN 0-240-51684-2. Juliane Lorenz und Daniel Kletke (Hrsg.): Rainer Werner Fassbinder: Im Land des Apfelbaums: Gedichte und Prosa aus den Kölner Jahren 1962/63. Schirmergraf, München 2005, ISBN 3-86555-019-3. Juliane Lorenz/Lothar Schirmer: R.W. Fassbinder – Die Filme 1966–1982, Schirmer/Mosel, München 2016, ISBN 978-3-8296-0698-1

Quellen Les Monteurs Associés: Le Secret de Juliane Lorenz. Mai 2010 Ian Buruma: The Genius of Berlin. In: The New York Review of Books. 17. Januar 2008 Thomas Sotinel: Berlin Alexanderplatz – Le grand film de Fassbinder en copie réstaurée et en DVD. In: Le Monde. 6. Oktober 2007 Susan Vahabzadeh: Der einzige Zeuge – Schwarzenberger im Interview. In: Süddeutsche Zeitung. 14. Juni 2007 Hanns-Georg Rodek: Ich sorge dafür, dass Fassbinder ewig erhalten bleibt. In: Die Welt. 8. Juni 2007 Joachim Güntner: Alte offene Rechnungen. In: Neue Zürcher Zeitung. 6. Juni 2007 Andreas Kilb: Das alles ist seit fünfundzwanzig Jahren bekannt – im Gespräch mit Michael Ballhaus. In: FAZ. 4. Juni 2007 Presseerklärung der Rainer Werner Fassbinder Foundation zu dpa-Meldung Fassbinder Mitarbeiter: Lorenz soll Foundation abgeben. vom 30. Mai 2007, vom 6. Juni 2007 Presseerklärung der Rainer Werner Fassbinder Foundation zu dem Artikel Man kann uns nicht einfach ausradieren. In: Die Zeit. 24. Mai 2007, vom 6. Juni 2007 Verena Luecken und Michael Althen: Weißt du, die Filme sind halt unsere Kinder. In: FAZ. 9. Februar 2007 Urs Hangartner: Er war, Entschuldigung, ein Genie. In: Neue Luzerner Zeitung. 25. Februar 2006 Rainer Werner Fassbinder Foundation (RWFF). In: Handbuch der Kulturstiftungen. 2. Auflage, Berlin 2004 Odile Benyahia-Kouder: Pendant dix ans, je n’ai pu que porter le deuil. In: Libération. 6. Oktober 2004 Jan-Marc Lalanne: L’age libre. In: Cahiers du Cinema. 2/2002 Stefan Elfenbein: Einspruch einer Ungeliebten. In: Die Zeit. 21. Februar 2002 Regina Urban: Faszination Fassbinder. In: Nürnberger Nachrichten. 13. Dezember 2001 Laurence Kardish: Recent Films from Germany. In: The Museum of Modern Art. 1. November 1998 David Stratton: Life, Love&Celluloid – A Journey and a Filmretrospective. In: Variety. 13. April 1998 Mel Gussow: 3 who worked with Fassbinder recall a demon and magician. In: The New York Times. 27. Januar 1997 Peter W. Jansen: Die Parasiten des Ruhms. In: Der Tagesspiegel. 23. Januar 1997 Eugène Andréanszky: J’ai ferai tous mes films avec toi – entretien avec Juliane Lorenz. In: Cahiers du Cinema. 6/1993 Erika Richter: Schneiden für Rainer Werner Fassbinder: Die Cutterin Juliane Lorenz. In: Film und Fernsehen. 2/1992 Volker J. Müller: Filmschnitt – Das kreative Element. In: Professional Production. 5/1989, Nr. 22

Weblinks

Website der Rainer Werner Fassbinder Foundation mit Beiträgen von Juliane Lorenz Texte, Laudatio und Interview zu Juliane Lorenz anlässlich ihrer Filmplus-Hommage 2013 Stefan Elfenbein: Einspruch einer Ungeliebten. In: Die ZEIT Nr. 9, 2002. Katja Nicodemus: Interview mit Ingrid Caven. In: Die ZEIT vom 24. Mai 2007,

Einzelnachweise

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