Die Neurolinguistik ist ein Teilbereich der Sprachwissenschaft, der sich damit beschäftigt, wie Sprache im Gehirn repräsentiert ist. Untersucht wird die Beziehung zwischen Gehirnstrukturen und -prozessen einerseits und Sprachkenntnis und Sprachverhalten andererseits.Helen Leuninger: Neurolinguistik. Probleme, Paradigmen, Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1989, ISBN 3-531-11866-8, S. 17. Die Neurolinguistik kombiniert Erkenntnisse aus der Neurologie, insbesondere wie das Gehirn strukturiert ist und wie es arbeitet, mit Erkenntnissen aus der Linguistik, insbesondere wie Sprache strukturiert ist und wie sie funktioniert.Elisabeth Ahlsén: Introduction to Neurolinguistics. Benjamins, Amsterdam 2006, ISBN 90-272-3234-2, S. 3.

Traditionell liegt der Schwerpunkt der Neurolinguistik auf dem Studium der Aphasie, d. h. Sprachstörungen, die bei Erwachsenen nach Hirnschäden durch eine Krankheit oder durch einen Unfall auftreten können. Aus dem Studium dieser Sprachstörungen verspricht man sich, Rückschlüsse auf die Struktur und Verarbeitung von Sprache bei gesunden Erwachsenen ziehen zu können.Jürgen Dittmann, Jürgen Tesak: Neurolinguistik. Groos, Heidelberg 1993, ISBN 3-87276-696-1, S. 3. Neben dem traditionellen Studium der Aphasien sind inzwischen weitere Forschungsbereiche in den Fokus der Neurolinguistik gelangt: Dazu zählen nicht-organisch bedingte Störungen der Sprachproduktion wie Versprecher oder Stottern sowie Störungen des Spracherwerbs. Ferner verwendet die heutige Neurolinguistik neben der Beobachtung und Analyse von Aphasien eine Vielzahl weiterer Methoden für die Erforschung der Sprachverarbeitung im Gehirn, darunter Experimente, Computersimulationen und die bildgebenden Verfahren der Medizin.

Geschichte der Neurolinguistik Anfänge Obwohl die Neurolinguistik als wissenschaftliche Disziplin relativ jung ist, reicht die Beschäftigung mit ihrem Untersuchungsgegenstand weit zurück in die Vergangenheit. Wenn man nach ersten Forschungen zum Zusammenhang zwischen Sprache und Gehirn sucht, so ist ein besonders frühes Zeugnis eine altägyptische, auf 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung datierte Papyrusrolle, die 1862 von Edwin Smith erworben wurde und nach ihm Edwin-Smith-Papyrus genannt wird. Er enthält eine medizinische Abhandlung, in der als 20. Fall ein Patient beschrieben wird, der aufgrund einer Verletzung an der Schläfe seine Sprachfähigkeit verloren hat, womit es sich vermutlich um den ersten dokumentierten Fall von Aphasie handelt.Fabian Bross: „An der Rede erkennt man den Menschen“ – eine kurze Geschichte der Psycho- und Neurolinguistik. In: Aventinus. Die Historische Internetzeitschrift von Studierenden für Studierende. Ausgabe 6, 2008, aufgerufen am 21. Mai 2020.H.A. Whitaker: Neurolinguistics from the Middle Ages to the Pre-modern Era. In: K. Brown (Hrsg.): Encyclopedia of Language and Linguistics. Elsevier, Oxford 2006, S. 597.

Im Altertum, im Mittelalter, in der Renaissance und im 17. und 18. Jahrhundert findet man immer wieder Beschreibungen von Sprachverlust bei Individuen. Hervorzuheben ist das Kompendium des Arztes Johannes Schenck von Grafenberg namens Observationes medicae de capite humano. Das Kompendium enthält Beobachtungen über Sprachstörungen von 20 griechischen Autoren, fünf klassisch-lateinischen Autoren, elf mittelalterlichen arabischen und jüdischen Autoren, über 300 späten lateinischsprachigen Autoren und 139 Nichtmedizinern. Typisch für die Forschungen im 17. und 18. Jahrhundert sind die Arbeiten von Johannes Jakob Wepfer: Die Arbeiten beschreiben die Symptome des Sprachverlustes sorgfältig, aber es wird kein Versuch gemacht, diese zu erklären.H.A. Whitaker: Neurolinguistics from the Middle Ages to the Pre-modern Era. In: K. Brown (Hrsg.): Encyclopedia of Language and Linguistics. Elsevier, Oxford 2006, S. 597–599.

Broca und Wernicke Entscheidende Fortschritte im Verständnis der Beziehung von Sprache und Gehirn wurden im 19. Jahrhundert gemacht. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahm der deutsche Anatom Franz Joseph Gall an, dass Sprache in einem bestimmten Bereich im Gehirn zu lokalisieren sei. Galls Thesen sind nur ein Beispiel von vielen, und die Gültigkeit des Lokalisierungsprinzips wurde in vielen Artikeln über Sprachpathologie diskutiert, sowohl die Lokalisierung der Sprachproduktion und des Sprachverständnisses als auch von Lesen und Schreiben. Diese Diskussionen sorgten für das geistige Klima, in dem die Forschungen von Paul Broca auf fruchtbaren Boden fielen.P. Eling: Language Disorders: 19th Century Studies. In: K. Brown (Hrsg.): Encyclopedia of Language and Linguistics. Elsevier, Oxford 2006, S. 394–395.

mini|Broca- und Wernicke-Areal Die Arbeiten von Paul Broca und Carl Wernicke in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeuteten einen Durchbruch für die neurolinguistische Forschung. Sie beobachteten Aphasie-Patienten und befassten sich genauer mit der Frage der Lokalisation der Störungen im Gehirn. Teil der Ergebnisse war eine Klassifizierung der Aphasiker nach ihren Symptomen: So gibt es Patienten, die fließend sprechen, aber Schwierigkeiten haben, auf ihren Wortschatz zuzugreifen, mit dem Ergebnis, dass sie viele eigene Wortschöpfungen oder Paraphasien verwenden. Diese Art der Aphasie wurde später als Wernicke-Aphasie bezeichnet. Andere Patienten wiederum haben Schwierigkeiten mit Grammatik und speziell Satzbau, ihre Sprache ist verkürzt, in der Art eines Telegrammstils (Agrammatismus). Diese Art der Aphasie ist als Broca-Aphasie in die Literatur eingegangen.

Ein Ergebnis der Forschungen Brocas und Wernickes ist die Annahme von zwei speziellen, für die Sprache reservierten Arealen im Gehirn, das Wernicke- und das Broca-Areal, deren Störung oder Verletzung für die Wernicke- bzw. für die Broca-Aphasie verantwortlich sein sollen.Fabian Bross: „An der Rede erkennt man den Menschen“ – eine kurze Geschichte der Psycho- und Neurolinguistik. In: Aventinus. Die Historische Internetzeitschrift von Studierenden für Studierende. Ausgabe 6, 2008, aufgerufen am 21. Mai 2020. Man weiß heute, dass diese Sicht eine Vereinfachung war, denn man kann inzwischen zeigen, dass neuronale Netzwerke außerhalb der Wernicke- und Broca-Areale an der Sprachverarbeitung beteiligt sind. Ferner weiß man heute, dass Wernicke- und Broca-Areale auch an der Erkennung von Musik beteiligt sind.Lise Menn: Neurolinguistics, Linguistic Society of America, aufgerufen am 21. Mai 2020.

20. Jahrhundert Aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind vor allem der amerikanische Neurologe Theodor Weisenburg und die Psychologin Katherine MacBride zu nennen, die große Testbatterien für Aphasie entwickelten und Testergebnisse aus einer großen Patientenzahl veröffentlichten (Aphasia: a clinical and psychological study, 1935).P. Eling: Language Disorders: 20th-Century Studies, Pre-1980. In: K. Brown (Hrsg.): Encyclopedia of Language and Linguistics. Elsevier, Oxford 2006, S. 398.

Die Anfänge der Neurolinguistik als etablierte Disziplin der Sprachwissenschaft gehen auf die 1960er Jahre zurück. So erkannten zunächst Mediziner die Notwendigkeit, enger mit Sprachwissenschaftlern zusammenzuarbeiten, um die sprachlichen Beeinträchtigungen bei Aphasikern fundiert zu beschreiben. In den 1960er Jahren errichtete z. B. in den USA der Neurologe Norman Geschwind ein interdisziplinäres Aphasiezentrum (Bostoner Schule). Im deutschsprachigen Raum ist vor allem die Aachener Schule um Klaus Poeck zu nennen, in der seit den 1970er Jahren Neurologen und Sprachwissenschaftler intensiv zusammenarbeiten.Horst M. Müller: Psycholinguistik – Neurolinguistik. Die Verarbeitung von Sprache im Gehirn. UTB, Paderborn 2013, ISBN 978-3-8252-3647-2, S. 18.

Die Popularisierung des Ausdrucks Neurolinguistik (engl. neurolinguistics) wird häufig in der Literatur dem Linguisten Harry Whitaker zugeschrieben. Whitaker wurde in den 1970er Jahren der Begründer der Zeitschrift Brain and Language sowie der Herausgeber einer Buchreihe Studies in Neurolinguistics.John C.L. Ingram: Neurolinguistics: an introduction to spoken language processing and its disorders. Cambridge University Press, Cambridge 2007, S. 3.Elisabeth Ahlsén: Introduction to Neurolinguistics. Benjamins, Amsterdam 2006, ISBN 90-272-3234-2, S. 3–4.P. Eling: Language Disorders: 20th-Century Studies, Pre-1980. In: K. Brown (Hrsg.): Encyclopedia of Language and Linguistics. Elsevier, Oxford 2006, S. 399–400.

Entscheidende Fortschritte machte die Neurolinguistik seit den 1990er Jahren mit der Etablierung neuer Technologien zur Messung und Darstellung der Vorgänge im Gehirn. Mit Elektroenzephalographie und funktionaler Magnetresonanztomografie war es möglich, das Gehirn von geschädigten und gesunden Menschen im Detail zu untersuchen. Man konnte genauere Aussagen machen, wie gesunde Menschen Sprache verarbeiten und wie ein geschädigtes Gehirn die Schäden kompensiert.Lise Menn: Neurolinguistics, Linguistic Society of America, aufgerufen am 21. Mai 2020.

Angrenzende Disziplinen Die Neurolinguistik ist ein interdisziplinärer Forschungsbereich und greift Forschungsergebnisse aus anderen Disziplinen auf, darunter Linguistik, Neuroanatomie, Neurologie, Neurophysiologie, Psychologie, Sprachpathologie und Informatik.Elisabeth Ahlsén: Introduction to Neurolinguistics. Benjamins, Amsterdam 2006, ISBN 90-272-3234-2, S. 4. Am nächsten verwandt ist die Neurolinguistik mit der Psycholinguistik. Beide Disziplinen befassen sich mit den geistigen Prozessen bei Sprachverarbeitung und Sprachproduktion. Im Gegensatz zur Psycholinguistik nimmt die Neurolinguistik ganz explizit Bezug auf die anatomischen und physiologischen Aspekte des Gehirns. Während die Psycholinguistik vor allem aus der medizinisch-psychologischen Tradition kommend mit psychologischen Methoden Sprachwahrnehmung, Sprachproduktion und vor allem den kindlichen Spracherwerb erforscht, liegt der Schwerpunkt der Neurolinguistik auf der Erforschung von Sprachstörungen wie der Aphasie und von neurokognitiven Prozessen bei Sprachgesunden mittels moderner Bildgebungsverfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie.Horst M. Müller: Psycholinguistik – Neurolinguistik. Die Verarbeitung von Sprache im Gehirn. UTB, Paderborn 2013, ISBN 978-3-8252-3647-2, S. 16–19. Die Klinische Linguistik fungiert dann als Anwendungsfach, für das die Neurolinguistik die theoretischen Grundlagen bereitstellt.

Forschungsinhalte Zentrale Fragen Zentrale Fragen der Neurolinguistik sind unter anderem:Elisabeth Ahlsén: Introduction to Neurolinguistics. Benjamins, Amsterdam 2006, ISBN 90-272-3234-2, S. 5. Was geschieht mit Sprache und Kommunikation nach verschiedenen Arten von Hirnschädigungen? Was geschieht bei Sprachstörungen während des Spracherwerbs? Wie kann man Prozesse im Gehirn messen und visualisieren, die mit Sprache und Kommunikation zu tun haben? Wie sehen gute Modelle von Sprach- und Kommunikationsprozessen aus? Wie können Computersimulationen von Sprachverarbeitung, Sprachentwicklung und Sprachverlust aussehen? Wie sollten Experimente beschaffen sein, die Modelle und Hypothesen zur Sprachverarbeitung testen können?