Das Hochwasser im Osterzgebirge 1927 ereignete sich in den Flussgebieten von Gottleuba und Müglitz im Osterzgebirge.

In der Nacht vom 8. zum 9. Juli 1927 kam es nach mehrtägigen Regenfällen während einer Vb-Wetterlage zum Durchzug einer Gewitterfront, die im Quellgebiet von Gottleuba und Müglitz, dem Erzgebirgskamm im Bereich von Sattelberg, Mückentürmchen und Geisingberg, innerhalb von 25 Minuten einen Niederschlag von 113 Millimeter hervorriefen.Sächsisches Landesamtes für Umwelt und Geologie: Ereignisanalyse Hochwasser 2002 in den Osterzgebirgsflüssen. Dresden 2004, S. 44 In Dohna erreichte der Abfluss der Müglitz einen Wert von 330 m³/sSächsisches Landesamtes für Umwelt und Geologie: Ereignisanalyse Hochwasser 2002 in den Osterzgebirgsflüssen. Dresden 2004, S. 97, in der Stadt Gottleuba erreichte der Abfluss der Gottleuba sogar 400 m³/s.Sächsisches Landesamtes für Umwelt und Geologie: Ereignisanalyse Hochwasser 2002 in den Osterzgebirgsflüssen. Dresden 2004, S. 122 Zum Vergleich: Die Elbe erreicht am Pegel Schöna einen mittleren Abfluss (MQ, hier bezogen auf die Jahre 1980–2008) von 305 m³/s.

Die Wassermassen überraschten die Bewohner der Talsiedlungen in den Nachtstunden. Es gab so gut wie keine Vorwarnzeit, so dass insgesamt etwa 160 Todesopfer zu beklagen waren, davon allein 88 in Berggießhübel. Damit zählt das Hochwasser im Osterzgebirge 1927 zu den verheerendsten Hochwasserkatastrophen der jüngeren deutschen Vergangenheit.

Geschichte Das Osterzgebirge, und hier insbesondere die Einzugsgebiete von Gottleuba, Müglitz und Weißeritz, zählt zu den klassischen Hochwasserentstehungsgebieten in Sachsen. Hier sind seit 1560 wiederholt Starkniederschläge mit verheerenden Sturzfluten, die große Schäden verursachten und zahlreiche Todesopfer forderten, nachweisbar. Allein im Müglitztal ereigneten sich zwischen 1609 und 2002 achtzehn schwere Hochwasserkatastrophen. Insgesamt haben sich Aufzeichnungen zufolge in den Tälern von Gottleuba und Müglitz in den letzten 500 Jahren knapp 60 schwere Hochwasser ereignet. Dabei riefen vor allem die Fluten der jüngeren Vergangenheit, d. h. der Jahre 1897, 1927, 1957 und 2002 zum Teil verheerende Verwüstungen hervor. Unter diesen jüngeren Hochwassern ragt das Ereignis vom 8./9. Juli 1927 aufgrund der wohl 160 Todesopfer auf besonders tragische Weise hervor.

Hochwasserentstehungsgebiet Osterzgebirge Entstehung, Verlauf und Folgen der Katastrophe vom 8./9. Juli 1927 sowie zahlreicher weiterer schwerer Fluten im Osterzgebirge wurden vom komplexen Zusammenspiel von Niederschlagsereignis und Gebietscharakteristik bestimmt.

Niederschlagscharakteristik Lage und Gestalt des Osterzgebirges begünstigen seit jeher die Ausbildung orografisch bedingter Luftmassengrenzen und damit die Entstehung hoher Niederschläge. Aus anfänglich mehrtägigen Regenfällen entwickelten sich in der Vergangenheit wiederholt wolkenbruchartige Güsse, deren Niederschlagssummen in den oberen Lagen Extremwerte zum Teil bis an die Grenze des physikalisch möglichen erreichten.

Das Hochwasser von 1927 war (wie auch die Fluten von 1897, 1957 und 2002) auf eine Vb-Wetterlage zurückzuführen. Dabei führten Tiefdruckgebiete extrem feuchte und warme Luft mit hohem Niederschlagspotenzial auf der Zugbahn Mittelmeerraum – polnische Ostseeküste heran, welche starke und lang anhaltende Landregen (flächenhafter Niederschlag) hervorriefen. Da Sachsen an die Westflanke dieses Tiefs geriet, wurden die Luftmassen von Norden gegen das Erzgebirge gedrückt. Der Staueffekt führte zur Abregnung der gesättigten Luftmassen auf der Nordseite. Gleichzeitig verursachte die abnehmende Zuggeschwindigkeit ein längeres stationäres Verweilen über dem Gebirge. Es kam zum kompletten Abregnen konvektiver Niederschläge mit wolkenbruchartigen Schauern und Gewittern.

Gebietscharakteristik Topographie Die Osterzgebirgsflüsse weisen vergleichsweise reliefenergiereiche Einzugsgebiete auf. Während sich die Quellgebiete von Müglitz und Gottleuba auf ca. 700 bis 800 Meter Höhe befinden, liegen die nach 34 bzw. 49 Kilometer Lauflänge erreichten Mündungen in die Elbe auf ca. 110 Meter Höhe. Somit weisen die Flüsse ein starkes Geländegefälle mit großen Höhenunterschieden auf engstem Raum auf. Deshalb haben sich die Flusstäler steil und schmal in die Untergrundgesteine eingeschnitten. Natürliche Retentionsflächen, z. B. in Form größerer Talweitungen, sind kaum vorhanden bzw. wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts für die Siedlungs- und Verkehrsflächenentwicklung in Anspruch genommen. Das hohe Gefälle und die unzureichenden Rückhalteflächen rufen hohe Fließgeschwindigkeiten der Gewässer gerade bei Hochwasser hervor.

Waldarmut Die Flussgebiete von Gottleuba und Müglitz gehörten vor ihrer Besiedlung zu dem dichten Waldgebiet, welches sich vom Rand der Elbtalweitung bis in die Kammlagen und den böhmischen Südabfall des Erzgebirges erstreckte. Zum Zeitpunkt des Hochwassers von 1927 waren die Quellgebiete beider Flüsse allerdings als waldarm zu bezeichnen. Noch heute sind von den ca. 460 Quadratkilometer großen Einzugsgebieten von Müglitz und Gottleuba nur etwa 45 % (202 Quadratkilometer) bewaldet. Der für ein Mittelgebirge vergleichsweise niedrige Waldanteil ist u. a. eine Folge der ab dem 12. Jahrhundert einsetzenden Besiedlung. Mit der Landnahme verwandelte sich die Waldlandschaft im Osterzgebirge innerhalb weniger Jahrzehnte in eine von Dörfern, Städten, Äckern und Verkehrswegen geprägte Kulturlandschaft. Diese Siedlungstätigkeit zog flächenhafte Rodungen nach sich, da allein der Brennholzverbrauch im 16. Jahrhundert auf mindestens 20 Kubikmeter pro Haus und Jahr geschätzt wurde. Hinzu kam der Verbrauch für die Errichtung von Häusern (Fachwerk, Schindeln etc.) und die Herstellung täglicher Gebrauchswaren (Hauseinrichtung). Auch nach Bränden benötigte man größere Holzmengen zum Wiederaufbau. Der gesamte Holzverbrauch eines Siedlers belief sich Mitte des 16. Jahrhunderts auf über 500 Kilogramm pro Jahr.

Die siedlungsbedingte Beanspruchung des Waldes wurde durch den Eisenerzbergbau in der Region um Berggießhübel und Bad Gottleuba und den Zinnerzabbau von Altenberg und Zinnwald noch verstärkt. Sowohl der Bergbau selbst als auch das Hüttenwesen waren auf Holz als Baustoff bzw. auf Holzkohle als energetische Basis existenziell angewiesen. So erforderte allein die Produktion eines Kilogramms Eisens den Einsatz von 29 bis 46 Kilogramm Holz. Die benötigten Holzmengen wurden weitgehend ohne Beachtung der Regenerationsfähigkeit der Wälder eingeschlagen, was zu deren Verbrauch und ihrer Verwüstung führte. Allein der Eisenerzbergbau bzw. die Eisenerzverhüttung im mittleren Gottleubagebiet verbrauchte während der Blütezeit (16. Jahrhundert) ein bis zwei Quadratkilometer Wald pro Jahr.

Tatsache ist, dass Wälder Hochwasser in ihren Wirkungen mildern können. Sie verfügen über ein intensives und ausgedehntes Wurzelsystem, welches in hohem Maße wasserleitend und -speichernd wirkt. Während auf einem ebenen Waldboden etwa 65 bis 70 Liter Wasser je Quadratmeter versickern können, sind es auf einer gleich großen Weidefläche nur 20 Liter. Ein weiterer Teil des Niederschlages kann vom Kronendach zurückgehalten werden und verdunstet von dort aus auch wieder. In den im Osterzgebirge vorherrschenden Nadelwäldern erreichen etwa 30 bis 40 % des Niederschlages den Boden gar nicht, da er von den Bäumen in Wasserdampf umgewandelt und wieder an die Atmosphäre freigesetzt wird.

Entstehung Das Hochwasser entstand aus einer Gewitterfront, welche vom Südwesten her, aus Böhmen (Region um Tetschen (Děčín)) über den Erzgebirgskamm zog. Am Mückenberg (Komáří hůrka) und am Sattelberg (Špičák u Krásného Lesa) teilte sich diese und regnete sich im Müglitz- und Gottleubatal ab. Ein Teil dieses Gewitters wurde durch den Schneeberg (Děčínský Sněžník) aufgehalten und ergoss sich später in die Quellgebiete der Müglitz und der Gottleuba. Zwischen 10:00 Uhr und 11:00 Uhr setzte sich das Gewitter im Sattelberger Gebiet fest, nach dem es den Ort Schönwald heimgesucht hatte. Die Gottleuba, welche im Normalfall eine Breite von drei Metern hat, verbreiterte sich auf 80 bis 100 Meter. Es bildeten sich Flutwellen, die bis zu sechs Meter hoch in die Täler stürzten. Die niedergegangenen Wassermengen wurden auf 120 bis 150 Liter je Quadratmeter geschätzt. In Schönwald (Krásný Les) fielen 209 Millimeter Niederschlag. Weitere genaue Daten sind nicht bekannt, da mehrere Messstellen der Landeswetterwarte dem Unwetter zum Opfer fielen.

Anzahl der Opfer Die hohe Zahl der Todesopfer resultierte vor allem aus dem schnellen Anstieg des Wasserstandes, den hohen Strömungsgeschwindigkeiten, der Treibgutführung und den kurzen Vorwarnzeiten. Zudem wurden viele Menschen von der zweiten, gegen Mitternacht hereingebrochenen Flutwelle im Schlaf überrascht. Eine besondere Tragik ergab sich aus dem teilweisen Auslöschen ganzer Familien. Allerdings lässt sich die genaue Zahl der Menschen, die in dem verheerenden Unwetter ums Leben kamen, bis heute nicht genau beziffern, da insbesondere die Zahl der vor Ort weilenden Gäste, Tagesausflügler und Arbeiter (die u. a. mit der Verlegung einer Fernsprechleitung in Richtung Wien beschäftigt waren) bis heute mit Unsicherheiten behaftet ist. In der Literatur schwankt deshalb die Zahl der Opfer zwischen 146 und 158 Toten. Realistisch scheint es, von etwa 160 Opfern auszugehen. Die im Folgenden angegebenen Zahlen umfassen alle in den Gemeinden ums Leben gekommenen Flutopfer, d. h. sowohl Einwohner als auch Gäste (Kurgäste, Arbeiter etc.).

mini|Bad Gottleuba: Gedenkstelle für die Hochwasseropfer auf dem Friedhof

Oelsengrund: 4 Hartmannsbach (Ortsteil Rittergut Giesenstein): 2 Gottleuba: 9 Berggießhübel: 88 Fürstenwalde (Ortsteil Kratzhammer): 8 Bärenstein: 3 Johnsbach: 1 Bärenhecke: 5 Glashütte: 12 Cunnersdorf: 1 Schlottwitz: 2 Mühlbach-Häselich: 1 Weesenstein: 5 Pirna: 3 Pirna (Stadtteil Rottwerndorf): 1 Pirna (Stadtteil Neundorf): 9

Schäden mini|Hochwassermarke in Berggießhübel Schäden entstanden auch an Nebenflüssen und Bächen wie der Bahra, der Trebnitz, dem Roten Wasser sowie dem Fürstenwälder, Liebenauer und Hartmannsbacher Dorfbach. Die sich innerhalb kürzester Zeit ergießenden Niederschläge stauten sich durch angeschwemmtes Holz vielfach an Talengstellen und Brücken. Dadurch bildeten sich bis zu 8 m hohe Stauseen, welche immer wieder brachen und das Hochwasser durch Flutwellen noch verstärkten. Das Inferno übertraf das nur 30 Jahre zurückliegende schwere Hochwasser vom 30./31. Juli 1897 um ein Vielfaches. An Bauten und Infrastrukturanlagen entstanden Sachschäden von über 100 Millionen Reichsmark. Besonders betroffen waren folgende Orte:

im Gottleubatal: Oelsengrund, Gottleuba, Gut Giesenstein, Berggießhübel, Zwiesel, Langenhennersdorf und Pirna (v. a. die heutigen Stadtteile Neundorf und Rottwerndorf), im Müglitztal: Kratzhammer, Fürstenwalde, Lauenstein, Bärenstein, Bärenhecke, Glashütte, Mühlbach-Häselich, Schlottwitz, Weesenstein, Dohnaer Unterstadt und Heidenau, im Seidewitztal: Liebstadt, Nentmannsdorf und der heutige Pirnaer Stadtteil Zehista, in Böhmen: die Orte Schönwald und Streckenwald.

Böhmen Schönwald In der Gemeinde Schönwald wurden 26 Häuser schwer beschädigt oder zerstört.

Gottleubatal Bei den Bahnlinien von Pirna nach Gottleuba und Großcotta wurden sieben bzw. zwei Brücken vollständig zerstört. Zwischen Pirna und Gottleuba war erst wieder im September ein durchgehender Eisenbahnverkehr möglich. Im Gottleubatal wurden zehn Brücken der Talstraße und ihrer Anschlussstraßen stark beschädigt oder vollständig weggerissen. Die Stadt Berggießhübel wurde entlang der Gottleuba fast vollständig zerstört.

Oelsengrund