mini|300px|Titelblatt des Erstdruckes und Buchrücken zeitgenössischer Einbände mini|140px|J. H. Lips (1791): Goethe

Wilhelm Meisters Lehrjahre ist ein klassischer Bildungsroman von Johann Wolfgang von Goethe. Der wegweisende Entwicklungsroman erschien 1795/96. Er besteht aus acht Büchern, von denen sich die ersten fünf inhaltlich an das zu Goethes Lebzeiten unveröffentlichte Fragment Wilhelm Meisters theatralische Sendung anlehnen. Ein Vergleich beider Texte zeigt etliche wörtliche Übereinstimmungen. Die Fortsetzung Wilhelm Meisters Wanderjahre wurde 1821 bzw. 1829 veröffentlicht.

Bildungsroman „… mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht“, gesteht Wilhelm in einem Brief seinem Schwager Werner. Ziel Wilhelms ist es, durch mannigfaltige Bemühungen und „schöpferische Kraft“ – auf dem geistigen und auch auf dem sozialen Sektor – Ordnung aus Unordnung zu erreichen.

In die Fußstapfen der Aufklärer Diderot und Voltaire tretend, verkündet Goethe das Recht des freien Bürgers auf allseitige Bildung. Mit der Ironie des auktorialen Erzählers fügt er ein buntes Lebensmosaik zusammen, dessen literarische Steinchen unter anderem auch aus lyrischen Einsprengseln und einer umfassenden Lebensbeichte (Bekenntnisse einer schönen Seele, 6. Buch) bestehen.

Figuren Hauptfiguren Felix ist der Sohn Marianes und Wilhelms. Nach dem zeitigen Tod der Mutter bringt die listige alte Barbara Felix bei Aurelie unter. Der Harfner glaubt im Wahn, Felix sei sein künftiger Mörder. Eine „schlechte Tischsitte“ rettet Felix das Leben.

Der Harfner (Harfenspieler, Augustin) ist der Vater Mignons und der Bruder des Marchese Cipriani sowie der heiligen Sperata.

Baron Lothario (Lothar) ist Mitglied der Turmgesellschaft. Seine Geschwister sind Natalie, die Gräfin und Friedrich. Er heiratet Therese.

Die junge Schauspielerin Mariane ist die Mutter von Felix. Wilhelm verlässt die schwangere Mariane, weil er nicht weiß, dass sie dem Nebenbuhler Norberg den Laufpass gegeben hat.

Mignon ist die Tochter der heiligen Sperata und des Harfners Augustin. Wilhelm kauft Mignon von rohen Gauklern los und nimmt sie wie eine Tochter auf. Mignon bedankt sich durch ihre Anhänglichkeit. Das herzkranke Mädchen stirbt vor Herzeleid, als sich Therese und Wilhelm in Liebe küssen.

Baronesse Natalie, Wilhelms schöne Amazone, ist die Schwester Lotharios, der Gräfin und Friedrichs. Natalie pflegt Mignon und wird schließlich Wilhelms Braut.

Wilhelm, siehe Handlung (8,4) Therese vergleicht Wilhelm mit Natalie und schreibt an sie über ihn: „… er hat von dir das edle Suchen und Streben nach dem Bessern, wodurch wir das Gute, das wir zu finden glauben, selbst hervorbringen.“ Therese setzt hinzu: „… seine Lebensbeschreibung ist ein ewiges Suchen und Nicht finden.“

Nebenfiguren Der Abbé lenkt im Hintergrund die Geschicke Wilhelms. Der Arzt steht in Diensten der Familie Lotharios. Die Schauspielerin Aurelie (Aurelia) ist die Schwester Serlos. Die alte Barbara ist die Haushälterin Marianes. Der Baron befasst sich im Auftrag des Grafen mit der Theatertruppe Melina. Der Marchese (ital. Markgraf) Cipriani aus Italien ist der Bruder des Harfners und der Onkel Mignons. Friedrich ist Mitglied der Turmgesellschaft sowie der Bruder Nataliens, Lotharios und der Gräfin. Der Graf nimmt die Schauspielertruppe Melina in seinem Schloss auf. Die Gräfin ist die Schwester Nataliens, Lotharios und Friedrichs. Jarno ist Mitglied der Turmgesellschaft und Bräutigam Lydies. Laertes ist ein Mitglied der Theatertruppe und ein Freund Wilhelms. Er hilft diesem seinem Vater zu Hause eine fiktive Reisebeschreibung seiner Fahrt zu schicken, die den zeitgenössischen Ansprüchen einer Bildungsreise genügen soll. (4,17) Lydia (Lydie) – als Lothario sie nicht mehr als Geliebte will, nimmt Jarno sie zur Frau. Der Schauspieler Melina leitet die Theatertruppe. Wilhelm unterstützt ihn. Madame Melina ist die Frau des Herrn Melina. Der begüterte Kaufmann Norberg ist ein Liebhaber Marianes. Die verführerische Schauspielerin Philine schmeichelt sich gern bei den Herrschaften ein, möchte Wilhelms Geliebte sein und wird schließlich von Friedrich schwanger. Eine schöne Seele ist die Tante Nataliens, Lotharios, Friedrichs und der Gräfin. (8,3) Natalie erzählt Wilhelm von ihrer Tante, der schönen Seele: „Ich bin ihr so viel schuldig. Eine sehr schwache Gesundheit, vielleicht zu viel Beschäftigung mit sich selbst, und dabei eine sittliche und religiöse Ängstlichkeit ließen sie das der Welt nicht sein, was sie unter andern Umständen hätte werden können.“ Wilhelm, der die Bekenntnisse der Tante Nataliens (6. Buch) las, bringt zum Ausdruck, dass diese Lektüre sein weiteres Leben beeinflusst hat und fügt bei: „Was mir am meisten aus dieser Schrift entgegenleuchtete, war, ich möchte so sagen, die Reinlichkeit des Daseins, nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen, was sie umgab, diese Selbständigkeit ihrer Natur und die Unmöglichkeit, etwas in sich aufzunehmen, was mit der edlen, liebevollen Stimmung nicht harmonisch war.“ Der Theaterdirektor Serlo ist Wilhelms Freund und Förderer. Schließlich will er Wilhelm nicht mehr an der Bühne. Die heilige Sperata ist die Schwester des Harfners und Mignons Mutter. Fräulein Therese wird schließlich die Braut Lotharios. Der Kaufmann Werner ist Wilhelms Schwager.

Handlung Übersicht

1.–5. Buch: Der junge Wilhelm Meister will Theatermann werden, scheitert aber nach beachtlichen Erfolgen schließlich doch.

6. Buch: Bekenntnisse einer schönen Seele: Ein junges Mädchen entdeckt die Liebe, emanzipiert sich, macht sich sowohl mit naturwissenschaftlichem als auch mit musischem und spirituellem Wissen vertraut, wendet sich ganz Gott zu und wird zu einer schönen Seele, indem es eine ganz persönliche, natürliche Religiosität entwickelt und schließlich zur wohltätigen und gläubigen Frau reift, die unter dem Namen „schöne Seele“ auch als handelnde Person auftritt.

7.–8. Buch: Wilhelm verlässt die Bretter, die die Welt bedeuten, und findet Anschluss an eine Loge, die soziale Veränderungen anstrebt und der die Vereinigten Staaten von Amerika zum Vorbild dienen: „Hier oder nirgend ist Amerika!“

Bühne Hinweis: Nachfolgend steht jeweils die Nummer des Kapitels vor dem Text. Es werden nicht alle Kapitel aufgeführt.

Erstes Buch

1 Als die junge Schauspielerin Mariane nach der Vorstellung nach Hause kommt, findet sie ein weißes Negligé, das Geschenk ihres abwesenden Geliebten, des begüterten Kaufmanns Norberg. Von Herzen liebt Mariane allerdings Wilhelm. Der tritt ein und begrüßt die Geliebte stürmisch. Der alten Barbara ist das nicht recht. Barbara wünscht, ihre schöne Gebieterin solle sich an den reichen Norberg halten.

2 Für Wilhelms Vater sind die häufigen Theaterbesuche des Sohnes Zeitverschwendung.

3 Wilhelm genießt seine erste Liebe mit Wonne. Mariane ist „das lieblichste Geschöpf in seinen Armen“.

4 Wilhelm erzählt, dass er als Kind ein Puppenspiel gesehen hatte. Als das Spiel zu Ende kam, erblickte er die Puppen beim Packen. Der junge Wilhelm wurde immer neugieriger, die Puppen ohne Stimme und Leben zu betrachten.

5 Wilhelm entdeckt die gesteckten Puppen und entwickelt mit ihnen seine Fähigkeit im Theater.

6 Wilhelm plaudert Mariane und Barbara seine Kindheit aus, über die Puppen und das Theater.

9 Wilhelm, die „reine Seele“, von Kindesbeinen an mit dem Theater vertraut, hält sich für einen „trefflichen Schauspieler“, will das Vaterhaus verlassen.

10 Freund Werner, ganz Geschäftsmann, meint, Wilhelm werde als zukünftiger Kaufmann auf vernünftige Gedanken kommen, wenn er auf einer Geschäftsreise die Welt kennenlerne.

11 Auch der Vater möchte Wilhelm „in Handelsangelegenheiten“ auf Reisen schicken. Wilhelm nutzt die günstige Gelegenheit, „sich dem Drucke seines bisherigen Lebens zu entziehen und einer neuen, edlern Bahn zu folgen“. Wilhelm will an einer Bühne Fuß fassen und Mariane „alsdann abholen“. Er fragt die Geliebte, ob er Vater werde. Mariane trägt das verräterische neue Negligé und antwortet „nur mit einem Seufzer, einem Kusse“.

12 Norberg hat seinen Besuch angekündigt. Barbara bedeutet Mariane, Norberg sei es doch, der sie beide, die schwachen Frauen, aushalte.

13 Wilhelm lernt auf seiner Geschäftsreise den Schauspieler Melina und dessen Madame kennen. Er hilft beiden aus einer Verlegenheit, indem er zwischen dem Paar und den Angehörigen der Madame vermittelt.

15 Werner, kalt und berechnend, zieht Erkundigungen über Wilhelms Liebschaft ein und stellt den Freund zur Rede.

16 Wilhelm hält zu Mariane, plant aber weiter, seine Schauspielambitionen zu realisieren. Auf der nächsten Geschäftsreise beabsichtigt er, sich deswegen an den ihm bekannten Theaterdirektor Serlo zu wenden.

17 Noch bevor sich Wilhelm von Mariane verabschieden kann, wird er eines Nachts mit Entsetzen Zeuge, dass seine Geliebte noch einen anderen Verehrer hat, und verlässt Mariane.

Zweites Buch mini|Der Harfner, Kupferstich von Gustav Heinrich Naeke (1786–1835) zu Wilhelm Meisters Lehrjahre 1 „In einem Augenblicke“ ist Wilhelms „ganzes Wesen zerrüttet“.

2 Wilhelm „resigniert“ und widmet sich „mit großem Eifer den Handelsgeschäften“.

3 Nach Jahren, auf seiner nächsten Geschäftsreise, begegnet Wilhelm Leuten, die „Komödie spielen“.

4 Wenig später lernt Wilhelm Mademoiselle Philine und ein paar andere „Trümmer einer Schauspielergesellschaft“ kennen. In Philines Gesellschaft befindet sich auch Mignon, „das wunderbare Kind“, Mitglied einer Truppe von Zirkusleuten. Wilhelm schätzt sie auf „zwölf bis dreizehn Jahre“ und kauft sie dem brutalen Leiter der Zirkustruppe „für dreißig Taler“ ab.

5 Herr und Frau Melina stoßen auf die Schauspieler. Philine möchte die Ankömmlinge loswerden, denn Madame Melina ist eine bloße Möchtegern-Schauspielerin.

6 Mignons Gestalt und Wesen erscheinen Wilhelm „immer reizender“. Sie spricht „ein gebrochnes, mit Französisch und Italienisch durchflochtenes Deutsch“.

7 Ein heruntergekommener Alter, den Philine kennt, taucht wieder auf. Wilhelm fragt ihn unter vier Augen vorsichtig nach Mariane aus. Der Alte nennt Mariane leichtfertig und liederlich. „Frechheit und Undank“ seien „die Hauptzüge ihres Charakters“. Dann schwenkt der Alte um. Er wollte Mariane einst vor Barbara retten und sie als Tochter annehmen, doch „das Projekt zerschlug sich“. Wilhelm erfährt außerdem, dass Mariane vor knapp drei Jahren wegen ihrer Schwangerschaft vom „Direktor verstoßen“ worden sei.

8 Wilhelm wünscht, Mignon „an Kindesstatt seinem Herzen einzuverleiben“.

10 Philine kokettiert mit Wilhelm. Er hütet sich „vor der zusammenschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung“.

11 Ein alter Harfenspieler wird vorgelassen. Wenn er spielt und singt, blicken seine großen blauen Augen sanft.

12 Wilhelm hat alle Mühe, Philine abzuweisen. Wilhelm greift korrigierend in Mignons Schreibübungen ein.

13 Er sucht den Harfner auf und lauscht dessen wehmütigem Gesang und Spiel.

14 Die von Wilhelm abgewiesene Philine macht nun dem Stallmeister des Grafen schöne Augen. Mignon fürchtet, sie könnte Wilhelm verlieren: „wenn du unglücklich bist, was soll aus Mignon werden?“ Mignon schluchzt, weint und tut „einen Schrei, der mit krampfigen Bewegungen des Körpers begleitet“ ist. Wilhelm tröstet sie: „mein Kind! Du bist ja mein! … Ich werde dich behalten, dich nicht verlassen!“ Mignon erwidert: „Mein Vater! du willst mich nicht verlassen! willst mein Vater sein! Ich bin dein Kind!“

Drittes Buch mini|Goethe: Italienische Küstenlandschaft (Federzeichnung)