Die Deutsche Situation in der Normandie im Jahr 1944 war von vielen Faktoren bestimmt und durch alliierte Täuschungsoperationen, die von der Operation Overlord ablenken sollten, aber auch durch unterschiedliche Kriegserfahrungen der Entscheidungsträger geprägt.

Die Deutschen bereiteten sich vor allem im von ihnen besetzten Frankreich auf eine alliierte Invasion vor. Sie vermuteten sie an der Straße von Calais, konnten andere Gebiete jedoch nicht ausschließen und sich deshalb nicht konzentriert auf Gegenmaßnahmen einer Invasion vorbereiten.

Entwicklung der Befehls- und Truppenstruktur im Westen Infolge der Umorganisierung der deutschen Heeresgruppen im Frühjahr 1941, die der geplante Angriff auf die Sowjetunion mit sich brachte, wurde für das besetzte Frankreich die Heeresgruppe D unter Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben aufgestellt. Zugleich wurde das Amt des Oberbefehlshabers West eingerichtet und an den Oberbefehlshaber der für das Unternehmen Seelöwe vorgesehenen Heeresgruppe A, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, vergeben. Neben der Heeresgruppe A unterstanden seinem taktischen Kommando auch die Heeresgruppe D und der Wehrmachtbefehlshaber der Niederlande General der Flieger Friedrich Christiansen. Nach dem endgültigen Aus für einen Angriff auf England ging das Amt des OB West an von Witzleben über und von Rundstedt ging an die Ostfront. Nur noch zwei Armeen, die 7. und die 15. Armee, bewachten die lange Küstenlinie von der spanischen Grenze bis nach Antwerpen. Die 1. Armee war im Landesinneren Frankreichs stationiert und hatte ihr Hauptquartier zusammen mit dem OB West bei Paris.

Gegen Ende 1941 waren an der Kanalküste erst sieben schwere Artilleriebatterien errichtet worden. Diese sollten zur Beschießung der englischen Insel als Unterstützung für das Unternehmen Seelöwe dienen. Weiterhin existierten einige kleinere Küstenbatterien, die von der Organisation Todt erbaut worden waren. Diese hatte aber nach der Planänderung von Hitler den Auftrag zum Bau der U-Boot-Bunker in Brest, Lorient und St. Nazaire bekommen und stand für den Ausbau des Atlantikwalls nicht mehr zur Verfügung. Weitere Baubataillone waren unabkömmlich. So blieb von Witzleben nichts anderes übrig, als sich mit der Kriegsmarine zu arrangieren und einige Arbeiter, die freigestellt werden konnten, auszuleihen und zusätzlich seine eigenen Truppen zum Festungsbau an der Kanalküste heranzuziehen. Die herrschende Materialknappheit setzte seinem Vorhaben enge Grenzen.

Der eigentliche Ausbau des Atlantikwalls, der sich von Norwegen bis zur französischen Biskaya erstreckte, begann erst im Frühjahr 1942, als durch den US-amerikanischen Kriegseintritt und die sowjetische Winteroffensive eine Zweite Front im Westen in den Bereich der Wahrscheinlichkeit rückte. Besonders in Nordfrankreich und dort an der engsten Stelle des Ärmelkanals, dem Pas-de-Calais, wurde großes Augenmerk auf eine mögliche Invasionsabwehr von der Seeseite her gelegt. Es wurden schwere Artillerieanlagen, Geschützbunker und Widerstandsnester mit Maschinengewehrstellungen an der Küste erbaut. Die größeren Häfen sowie die Flussmündungen wurden dabei besonders geschützt.

Anfang März übernahm von Rundstedt wieder das Amt des OB West und Hitler erließ zwei Wochen später seine „Weisung Nr. 40“Weisung Nr. 40 im Originalwortlaut auf bunkermuseumhanstholm.dk, abgerufen am 6. August 2021. zum Ausbau der westlichen Verteidigung. In dieser bekam der OB West die Zuständigkeit für alle Verteidigungsanlagen in den westlichen besetzten Gebieten und wurde zusammen mit dem Befehlshaber der deutschen Truppen in Dänemark direkt dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) unterstellt. Das OKW unter Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel übernahm Anfang 1943 den kompletten westlichen Verteidigungsbereich. Dazu gehörten Frankreich, Belgien und die Niederlande sowie Skandinavien, Italien, der Balkan und Nordafrika.

Hitlers Weisung Nr. 40 zeigte den Weg für die künftige taktische Planung der Verteidigung Nordfrankreichs auf. Die Weisung enthielt den Befehl zur Organisation von Truppen, die jede mögliche Invasion des Gegners unmittelbar vor oder direkt nach der erfolgten Landung zurückwerfen konnten. Dabei sollten die Einheiten an den Stränden der Küste konzentriert werden, die für eine Landung am geeignetsten waren. Kleinere Küstenabschnitte waren durch starke Artilleriestellungen zu verteidigen. Der Rest der Küste sollte mit Patrouillen abgedeckt werden. Die Truppen erhielten zudem die Anweisung, die Küste „bis zum letzten Mann“ zu verteidigen. Dazu sollten die Einheiten mit Waffen, Munition und Versorgungsmaterial ausgestattet werden, damit sie bei einem feindlichen Ansturm den Kampf auf alle Fälle fortsetzen konnten.

Nur fünf Tage nach seinem Erlass überraschte Hitler der erfolgreiche Angriff der Briten auf St. Nazaire (→ Operation Chariot). Hitler monierte wütend den Zustand der Küstenverteidigung. Als Folge kam es aber nur zu personellen Änderungen beim Oberkommando West.

Durch die angespannte Lage im Osten verlagerte das OKW bzw. das Oberkommando des Heeres (OKH) 1942 zunehmend Truppenteile aus dem Westen an die Ostfront. Damit dünnten sich die zur Verteidigung bereitstehenden Divisionen weiter aus. Von Rundstedt erließ im Mai eine Order, in der er den schnelleren Wiederaufbau der Abteilungen, die von der russischen Front zurück nach Frankreich verlegt wurden, forderte. Gleichzeitig warnte von Rundstedt davor, im Westen nur die ausgebrannten Frontkämpfer und im Osten nicht verwendbare Soldaten zu stationieren. Im Gegenzug schlug das OKH im letzten Jahresviertel 1942 einen regelmäßigen monatlichen Austausch von zwei Abteilungen der Heeresgruppe Mitte und dem OB West und von einer Abteilung der Heeresgruppe Nord und der norwegischen Garnison vor. Das OKH verzeichnete zehn Infanterieeinheiten unter dem Kommando des OB West, die sofort für den Osteinsatz verwendbar waren. Um einen Einsatz der gepanzerten und motorisierten Einheiten im russischen Winter zu vermeiden, sollten diese nicht vor dem nächsten Frühjahr verlegt werden. Doch nur einen Monat später befahl Hitler die Verlegung der 6. Panzer-Division aus dem Westen in den Sektor von Stalino-Woltschansk. Innerhalb von elf Monaten wechselten 22 Infanterie- und sechs gepanzerte oder motorisierte Einheiten aus dem Westen an die Ostfront. Zusammen mit der Ausdünnung der Personaldecke an besten Offizieren und Soldaten sowie Nachschubmaterialien schwächte dies die westliche Verteidigung erheblich.

Bei einem dreistündigen Treffen am 29. September 1942 zwischen Hitler, Reichsmarschall Hermann Göring, dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition und Chef der Organisation Todt Albert Speer, von Rundstedt, dessen Stabschef Günther Blumentritt, General der Pioniere Alfred Jacob, Generalleutnant Rudolf Schmetzer, dem Festungsinspekteur des OB West und einigen anderen führenden Offizieren in der Reichskanzlei forderte Hitler den konsequenten Ausbau des Atlantikwalls. Er führte aus, dass nach der gelungenen Frühjahrsoffensive 1943 die Sowjetunion besiegt sein werde und eine zweite Front im Westen dann möglich werde. Als erstes sah er die norwegische Küste bedroht, schwenkte dann aber auf Nordfrankreich um, da dort eine Invasion die wenigste Schiffstonnage benötigen würde. Nach seiner Analyse der Landung bei Dieppe (→ Operation Jubilee), die er für eine großangelegte Invasion hielt, die fehlgeschlagen war, kam er zu dem Schluss, dass den Briten keine andere Wahl blieb, als es noch einmal zu versuchen. Daher wäre es unabdingbar, den Atlantikwall so stark wie nur möglich auszubauen – nicht nur gegen eine seewärtige Landung, sondern auch hinsichtlich einer möglichen gegnerischen Lufthoheit. Dazu sollten 1.000 Betonbunker errichtet werden, die schwerstem Artilleriebeschuss und Bomben standhielten und von 300.000 Soldaten verteidigt werden sollten. Weiterhin waren die Häfen und vor allem die U-Boot-Bunker weiter zu befestigen und gegen feindliche Angriffe zu schützen. Dieses Programm sollte bis zum 1. Mai 1943 erfolgreich ausgeführt werden.Führerrede zum Ausbau des Atlantik-Walles am 29. September 1942: http://www.ibiblio.org/hyperwar/USA/USA-E-XChannel/USA-E-XChannel-4.html#cn32; Abgerufen am 15. April 2006.

Da die Küstenverteidigung aber immer noch unter der niedrigsten Prioritätsstufe lief, wäre die Organisation Todt froh gewesen, bis zum genannten Zeitpunkt 40 % der Anlagen fertiggestellt zu haben. Auch ein ausreichender Aufbau der militärischen Stärke lag bis zu einem alliierten Angriff jenseits der Vorstellungen.

Deutsche Vorbereitungen auf eine alliierte Invasion Als im Herbst 1943 die ersten Informationen über die Inhalte der Außenministerkonferenz von Moskau durch Geheimdiensttätigkeit zum deutschen Führungsstab durchdrangen, wurde diesem schnell bewusst, dass die Eröffnung einer neuen Front im Westen bald bevorstand. Diese Erkenntnis musste aber schon wenig später wieder relativiert werden, nachdem durchsickerte, dass die „Großen Drei“ auf der Teheran-Konferenz Ende November eine Verschiebung der europäischen Invasion um mehrere Monate beschlossen hatten. Daher schloss die deutsche Führung, dass mit einer Invasion nicht vor Ende Februar 1944 zu rechnen wäre, diese aber spätestens im Frühjahr stattfinden würde.ibiblio.org: http://www.ibiblio.org/hyperwar/USA/USA-E-XChannel/USA-E-XChannel-4.html#fn1, Fußnote 1 (OKW-Bericht); Abgerufen am 14. April 2006.

Noch während die Alliierten im Oktober ihre Konferenz in Moskau abhielten, schrieb Rundstedt einen langen, pessimistischen Bericht über die Lage der Verteidigungsanlagen im Westen an das OKW. Darin legte er dar, dass seine Truppen in keiner Weise in der Lage wären, einer möglichen alliierten Invasion Widerstand zu leisten. Während der dreijährigen Besatzungszeit in Frankreich war das Projekt „Festung Europa“ noch nicht weit vorangetrieben worden.ibiblio.org: http://www.ibiblio.org/hyperwar/USA/USA-E-XChannel/USA-E-XChannel-4.html#fn2, Fußnote 2, (Rundstedt-Bericht); Abgerufen am 14. April 2006. Hitler schloss sich von Rundstedt in seiner Führerweisung Nr. 51 vom 3. November 1943 an:

Historiker zitieren den Text der Weisung oft unkritisch um die Bedeutung der Landung in der Normandie zu erhöhen. Die Weisung blieb jedoch eine bloße Absichtserklärung, am 1. Juni 1944 standen 57 % aller deutschen Divisionen im Osten und im Westen nur 19 %. Von den 147 Divisionen die an Gefechten hoher Intensität teilnahmen lag der Anteil, 2 Monate nach der Landung, im Osten sogar bei 70,1 % und in Frankreich 16,3 %. In den 7 Monaten zwischen Weisung und der Landung hatte sich die Lage im Osten zudem erheblich gewandelt, das in der Weisung erwähnte strategische Glacis war inzwischen fast vollständig verschwunden.Jean-Luc Leleu: Stalingrad, die Landung in der Normandie und die Befreiung Europas. In: Jörg Echternkamp, Hans-Hubertus Mack: Geschichte ohne Grenzen? Europäische Dimensionen der Militärgeschichte vom 19. Jahrhundert bis Heute. Berlin/Bosten 2017, S. 61 f.

Die Weisung Nr. 51 war tatsächlich nicht nur durch von Rundstedts Oktoberbericht beeinflusst, sondern auch durch die aktuelle Lage im Osten und Süden, wo die deutschen Armeen mehr und mehr Rückschläge erlitten. Besonders das daraus resultierende Näherrücken einer westlichen Fronteröffnung durch die Alliierten, um eine schnellere Kriegsentscheidung herbeizuführen, trug zu Hitlers Einschätzungen bei. Aus all diesen Gründen sollte es zu keinen weiteren Schwächungen des Westens zugunsten anderer Fronten kommen. Das OKH sollte einen Plan ausarbeiten, um jede Panzer- und Panzergrenadier-Division mit 93 Panzerkampfwagen IV und starken Abwehrgeschützen auszustatten. Am Ende des Jahres sollte die Aufrüstung abgeschlossen sein. Die Reservepanzereinheiten sollten komplett ausgerüstet und dem OB West Maschinengewehre in vollem Umfang geliefert werden. Der Truppenabzug gepanzerter Einheiten wurde ohne die direkte Genehmigung Hitlers verboten. Die Luftwaffe und Kriegsmarine bekamen die Anweisung, ihre Defensivposition zu stärken.