Das Bundesviertel – bis 1993 Parlaments- und Regierungsviertel – ist ein Stadtteil von Bonn und umfasst die am Rhein liegenden Ortsteile Gronau und Hochkreuz. Nach planerischen Überlegungen in den 1970er Jahren (u. a. Wettbewerb „Bauten des Bundes und ihre Integration in die Stadt Bonn“), bis 2002 das Gebiet auch auf die rechtsrheinische Seite auszudehnen, wurde eine Zeitlang darunter nur das als internationales Viertel bezeichnete Gebiet um die ehemaligen Standorte der Verfassungsorgane in Gronau verstanden. Als Bonn 1949 zur vorläufigen Hauptstadt des kriegszerstörten Westteils Deutschlands bestimmt wurde, bot sich das Areal als Sitz der Bundesregierung und des Bundestages an. In der Folge wurde das weitgehend unbebaute Gebiet zum Standort zahlreicher Behörden, Verbände und Botschaften. Das Regierungsviertel verlor wie die Bundeshauptstadt Bonn erst gegen Ende der 1980er Jahre seinen provisorischen Charakter, kurz bevor die Wiedervereinigung diesen Zustand schon wieder beendete.
Bis zur Verlegung des Parlaments- und Regierungssitzes nach Berlin 1999/2000 war es das Zentrum der politischen Macht in der Bundesrepublik Deutschland. Der Strukturwandel des Viertels, der zu dieser Zeit begann, hat zu einem rasanten Austausch der ansässigen Behörden, Organisationen und Unternehmen und einer Veränderung des Erscheinungsbilds geführt. Das so entstandene „Bundesviertel“ ist zur Drehscheibe mehrerer international tätiger Organisationen und Großkonzerne geworden, wird aber auch weiterhin durch die verbliebenen Bundesinstitutionen bestimmt. Das einstmals an der Stadtgrenze zu Bad Godesberg gelegene Randgebiet bildet inzwischen neben dem Bonner Zentrum als Arbeitsplatzschwerpunkt eine „neue Mitte“ der Stadt,Bernd Leyendecker: Bonns neue Mitte. In: Bonner Generalanzeiger, 3. November 2006, abgerufen am 7. September 2023. deren räumliche Ausdehnung durch den Rahmenplan der Stadt Bonn aus dem Jahr 2020 festgeschrieben ist.Rahmpenlanung Bundesviertel, Webseite der Stadt Bonn, abgerufen am 7. September 2023.
Geographie mini|Das Bundesviertel in Gronau (2011) mini|Das Bundesviertel in Hochkreuz mit dem (von links) Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, den Kreuzbauten und dem Hotel Maritim (2006) mini|Luftaufnahme des Bundesviertels aus nordwestlicher Richtung (2010) Das Bundesviertel erstreckt sich linksseitig des Rheins und umrandet dabei den rund 160 Hektar großen Rheinauenpark mit seinem künstlich geschaffenen Auensee, dessen nördlicher Teil den Namen Schiffchensee trägt. Die Vegetation musste nach der Rheinauen-Umgestaltung der 1970er Jahre etwa dreißig Jahre wachsen, um den natürlichen Endzustand zu erreichen.Karl Heinz van Kaldenkerken, Oberstadtdirektor Bonn (Hrsg.): Ausbau der Bundeshauptstadt. 10 Jahre Hauptstadtvereinbarung 1975–1985. Bonn 1986, S. 70. Nachdem beim Bau des Post Towers 2002 der kleine Postsee entstanden war und 2008 durch den Abbau provisorischer Gebäude neue Flächen freigelegt wurden, fand der Park in der Gronau seine nördliche Vollendung.
Inmitten der Rheinaue verläuft die Bundesautobahn 562 über die südliche der Bonner Rheinbrücken, die als zentrale städtebauliche Verbindungsachse zwischen dem links- und rechtsrheinischen Bereich der Rheinauen und des Bundesviertels wirkt. Entlang dieser Achse sind in unterbrochener Verlängerung der Rheinaue mit dem Hain der Nationen südlich und dem Grünzug Bundesviertel nördlich der Autobahn zwei weitere Parkflächen entstanden, die als Puffer zwischen Autobahn und Bebauung dienen. Zwischen Palais Schaumburg und Villa Hammerschmidt besteht außerdem ein 10 Hektar großer, nicht öffentlicher Landschaftspark, der bis auf das Jahr 1888 zurückgeht und 1951 zusammengeführt wurde. Drei Hektar umfasst ein Parkgelände im Süden des Bundesviertels, das aus dem Sichtungsgarten einer 1917 gegründeten und 1986 geschlossenen Gartenversuchsanstalt hervorging. Mitte der 1990er Jahre wurde er zum Friesdorfer Park umgebaut.
Bis auf die künstlich entstandene Hügellandschaft der Rheinaue gibt es in dem Gebiet keine Erhebungen. Am Wilhelm-Spiritus-Ufer auf der linken Flussseite fällt das Gelände hinter der Terrassenkante steil zur Rheinpromenade hin ab. Der Rhein beschreibt beim Bundesviertel einen nordwestlichen Knick. Das Gebiet des linksrheinischen Bundesviertels weist neben den stehenden Gewässern der Rheinaue auch zwei in den Rhein mündende, teils künstlich angelegte und verrohrte Bäche auf: den im Kottenforst entspringenden Annaberger Bach und den Venusbergbach, der seine Quelle unterhalb der Universitätskliniken hat.Stadtplan der Bundesstadt Bonn Der Annaberger Bach endete bis 2000 in Friesdorf in der städtischen Kanalisation und verläuft seitdem im Bundesviertel sowohl offen in dem 1994 gebauten Teilstück bis zum Park Hain der Nationen am Nordrand von Hochkreuz als anschließend auch bis zum Rhein verrohrt durch den einstigen Entwässerungskanal der Südbrücke aus dem Jahr 1974. Er bietet seltenen Vögeln Platz.Der Annaberger Bach und seine Zuflüsse, Dokumentation des Stadtbauamtes Bonn vom 22. Juni 2001
Am Bundeskanzlerplatz zwischen dem Neuen Hochhaus am Kanzlerplatz und Bundeskanzleramtsgebäude befindet sich der geographische Mittelpunkt Bonns. Das Bundesviertel liegt im Norden des Stadtbezirks Bad Godesberg, im Osten des Stadtbezirks Bonn und im Westen des Stadtbezirks Beuel. Damit haben drei der vier Bonner Stadtbezirke Anteil am Bundesviertel.
Ausdehnung
Das Bundesviertel besteht in seiner Abgrenzung aus den statistischen Bezirken Gronau-Bundesviertel und Hochkreuz-Bundesviertel, die auch den für statistische Zwecke ausgewiesenen Stadtteil Bundesviertel bilden. Die Bezirke unterscheiden sich in der Fläche nur gering von der Größe der Ortsteile GronauKarte von Bonn, Ortsteil Gronau und Hochkreuz;Karte von Bonn, Ortsteil Hochkreuz Gronau ist als statistischer Bezirk im nördlichen Bereich geringfügig kleiner, während Hochkreuz als Ortsteil etwas kleiner ist.
Das ehemalige Regierungsviertel erstreckt sich entlang der Achse Adenauerallee, Friedrich-Ebert-Allee und Godesberger Allee (B 9) zwischen den Stadtbezirken Bonn und Bad Godesberg. Im Osten wird es vom Rhein begrenzt, im Westen von der linksrheinischen Bahnstrecke, im Norden von den Straßen Zweite Fährgasse/Adenauerallee/Reuterstraße und im Süden von der Hochkreuz- und Kennedyallee sowie der Südgrenze des Freizeitparks Rheinaue (ohne Amerikanische Siedlung). Die Längsausdehnung dieses Gebietes beträgt gut 4 km bei einer durchschnittlichen Tiefe (ohne Rheinaue) von rund 1 km. Das ehemalige Parlaments- und Regierungsviertel umfasst mit 481 ha 3,4 % der Gesamtfläche der Bundesstadt Bonn. Der Bereich der ehemaligen Parlamentsvorzone bzw. des engeren Bundesviertels in Gronau, heute häufig als internationales Viertel und früher als Bundesdistrikt bezeichnet, gruppiert sich rund um das Bundeshaus, das frühere Bundeskanzleramt und den Langen Eugen.
Rechtsrheinische Gebiete als Erweiterung des Bundesviertels im Sinne eines „Brückenkopfes“ waren lediglich planerisch erwogen worden, jedoch nur in der Randlage von Beuel-Süd. In den Rahmenplänen von 1985 war am Landgrabenweg unter Nr. 23 ein Areal für Ministerien und Wohnen vorgesehen, das aber schon im Plan von 2002 durch die Bauten von Telekom und T-Mobil belegt ist.Die Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn (Hrsg.); Friedrich Busmann: Vom Parlaments- und Regierungsviertel zum Bundesviertel. Eine Bonner Entwicklungsmaßnahme 1975–2004.(online PDF)
Entwicklungsmaßnahme Durch eine Rechtsverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen vom 17. Dezember 1974 wurden am 25. Januar 1975 im weiteren Bereich um das Regierungsviertel insgesamt 672 ha in eine Entwicklungsmaßnahme nach dem Städtebauförderungsgesetz überführt. Diese baurechtliche Maßnahme erlaubt es der Stadt oder einem von ihr als Treuhänder beauftragten Entwicklungsträger, über den Zwischenerwerb von Grundstücken eine koordinierte, zielgerichtete Ansiedlungspolitik aus „einer Hand“ zu betreiben und die städtebaulichen Zielvorstellungen in absehbarer Zeit umzusetzen. Als Entwicklungsträger wurde Anfang 1978 die Landesentwicklungsgesellschaft NRW (LEG) unter Vertrag genommen. Die Fläche der Entwicklungsmaßnahme, die eine Länge von etwa 3,5 km hatte, war zum Zeitpunkt ihrer Widmung zu 43 % bebaut.Karl Heinz van Kaldenkerken, Oberstadtdirektor Bonn (Hrsg.): Ausbau der Bundeshauptstadt. 10 Jahre Hauptstadtvereinbarung 1975–1985. Bonn 1986, S. 32. In den Jahren 1979, 1986 und 1991 wurden bereits Teilbereiche mit einer Fläche von insgesamt 239 ha aus der Entwicklungsmaßnahme entlassen.
Nach dem Bonn-Berlin-Beschluss des Deutschen Bundestages vom 20. Juni 1991 wurde das Entwicklungsgebiet durch Änderung der Rechtsverordnung am 25. September 1993 um die rheinnahen Bereiche der rechtsrheinischen Ortsteile Ramersdorf und Oberkassel rund um die zuvor geschlossene Zementfabrik mit einer Fläche von etwa 15 ha erweitert. Gleichzeitig benannte man die Entwicklungsmaßnahme, den neuen Zielvorstellungen entsprechend, in Entwicklungsmaßnahme Bonn-Bundesviertel um.
Sämtliche Planungen in diesem Gebiet wurden durch einen gemeinsamen Ausschuss von Bund, Land NRW und Stadt Bonn koordiniert, der erstmals am 25. September 1975 und letztmals am 19. Dezember 1990 zu insgesamt 30 Sitzungen zusammentrat; nach diesem Zeitpunkt kam ein Umlaufverfahren zur Anwendung. Bis zum Auslaufen der Maßnahme am 10. Juni 2004 wurden 429 Millionen Euro investiert, davon 267 Millionen Euro für Bodenordnungs- und 110 Millionen Euro für Erschließungsmaßnahmen; der Rest entfiel auf städtebauliche Planungen und die Leistungen des Entwicklungsträgers. Zu den Gesamtausgaben steuerte der Bund zwei Drittel bei, vom Rest übernahm das Land 85 Prozent. Die bereits verplanten Projekte werden weiterhin über die Entwicklungsmaßnahme abgerechnet, wozu auch der Verkauf aller restlichen Grundstücke gehört. Bis 2008 wurde die Entwicklungsmaßnahme weiterhin treuhänderisch von der Landesentwicklungsgesellschaft, anschließend bis Ende 2010 von NRW.Urban verwaltet. Rechtsnachfolger für die nicht verkauften Grundstücke wurde die Stadt Bonn. Nach der Abwicklung entstehende Überschüsse sollten vom Bund für die Finanzierung des World Conference Centers (WCCB) verwendet werden.
Mithilfe des finanziellen Instruments der Entwicklungsmaßnahme wurden – im Bereich der Bodenordnung – der Grunderwerb, die Beseitigung von Altlasten sowie entwicklungsbedingte Nutzungsverlagerungen sowie – im Bereich der Erschließungsmaßnahmen in etwa 200 Einzelprojekten – der Ausbau des Straßen- und Kanalnetzes sowie der Stadtbahnstrecke gefördert. Die dabei entstandenen Ausgaben refinanzierten sich im Wesentlichen durch den Verkauf von im Wert gestiegenen Grundstücken, der die öffentliche Anschubfinanzierung langfristig ausgleichen sollte. Im Falle des Bundesviertels konnte dies, obgleich die endgültige Abrechnung noch aussteht, weitgehend erreicht werden. Nach 2004 wurden bzw. werden unter anderem noch Erschließungsmaßnahmen am ehemaligen Zementwerk (heute „Bonner Bogen“) oder die Umgestaltung der Straßen im engeren Regierungsviertel rund um das WCCB (Heussallee, Karl-Carstens-Straße, Welckerstraße, Platz der Vereinten Nationen) über dieses Planungsinstrument gefördert. Gleiches gilt für den vollständigen Ausbau der B 9 zur „Bundesallee“, der im März 2015 abgeschlossen wurde., Pressemitteilung der Stadt Bonn, 13. August 2014., Pressemitteilung der Stadt Bonn, 13. März 2015.
Die Entwicklungsmaßnahme Bundesviertel umfasste neben den Ortsteilen Hochkreuz und Gronau auch Teile der linksrheinischen Ortsteile Friesdorf, Dottendorf, Kessenich, Plittersdorf, Godesberg-Nord und Godesberg-Villenviertel. Auch in den rheinnahen Gebieten der rechtsrheinischen Ortsteile Ramersdorf, Oberkassel und Limperich befanden sich in den Jahren 1985 bis 2002 auch Teilflächen in der Entwicklungsmaßnahme.