mini|Das Karmeliterkloster ist seit 1959 Sitz des Instituts für Stadtgeschichte. Das Institut für Stadtgeschichte (ISG)Zur Kurzbezeichnung siehe die Homepage des Instituts. in Frankfurt am Main, historisch auch Stadtarchiv, ist seit 1992 die Nachfolgeorganisation des 1436 begründeten Stadtarchivs und eine der bedeutendsten kommunalen Sammlungen ihrer Art in Deutschland. Zusammen mit dem Archäologischen Museum ist es in den historischen Räumen des Karmeliterklosters im Westen der Altstadt ansässig, zudem verfügt das Institut für Stadtgeschichte in der Borsigallee seit 2006 über ein Außenmagazin.

Geschichte Vorgeschichte bis zum Bau von Frauenrode mini|Urkunde Kaiser Karls III. vom 2. Dezember 882(Tinte auf Pergament) Die älteste erhaltene Urkunde des Instituts für Stadtgeschichte, die aus Frankfurt selbst stammt, wurde am 2. Dezember 882 von dem karolingischen Herrscher Karl III. ausgestellt.Michael Matthäus: , in: Newsletter des Instituts für Stadtgeschichte, Nr. 1 vom August 2003 (Onlinepublikation). Wie nahezu alle Schriftzeugnisse aus der Zeit vor Anbeginn städtischer Selbstverwaltung hat sie ihren Ursprung in den Archiven des bereits 852 unter Ludwig II. gegründeten Salvator-, später Bartholomäusstifts. Die Stadt Frankfurt als solche ist in dieser Zeit schwer greifbar, sie bestand aus der archäologisch nachgewiesenen Königspfalz, und der Salvatorkirche, dem Vorgängerbau des Frankfurter Kaiserdoms an fast gleicher Stelle.

Es ist gesichert, dass bereits in karolingischer Zeit funktionierende Dokumentationssysteme über Rechtsgeschäfte gepflegt wurden, wie z. B. der Lorscher Codex zeigt. Ein gleichermaßen reiches Frankfurter Äquivalent, ob nun von Hand hochgestellter Beamter der Königspfalz oder von Stiftsbrüdern hat sich aus unbekannten Gründen nicht erhalten, so dass die Überlieferung der rund 350 Jahre vom 9. bis zum frühen 13. Jahrhundert auf wenige Dutzend Dokumente aus dem Stiftsarchiv beschränkt bleibt.

Das Jahr 1219 stellt in dieser Hinsicht eine Zäsur dar: in einer Urkunde vom 15. August dieses Jahres schenkte der Stauferkönig Friedrich II. der Stadt ein Grundstück zum Bau der Leonhardskirche.In voller Länge abgedruckt bei Johann Friedrich Boehmer, Friedrich Lau: Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt. Band I 794–1314. J. Baer & Co, Frankfurt am Main 1901–1905, S. 23f., Urkunde Nr. 47. Weit wichtiger ist, dass im weiteren Text erstmals die Stadtgemeinde in ihrer Gesamtheit erwähnt und unter kaiserlichen Schutz gestellt wird. Es handelt sich um das erste Privileg der Stadt, die bis dato der kaiserlichen Vogtei mit zwei ab 1194 nachweisbaren Vögten unterstand. Mit der Aufhebung der Vogtei durch Friedrich II. 1220 ging diese Aufgabe an den kaiserlichen Schultheiß über. Gleichzeitig wird die Überlieferung nun exponentiell dichter. Es ist daher denkbar, dass die Vogtei ein eigenes Archiv führte, welches nie mit dem städtischen Archiv vereinigt wurde.

mini|Altes Rathaus am Dom, 1405(Federzeichnung auf Papier) Erst mit dem Entstehen der städtischen Selbstverwaltung in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts beginnt die eigentliche Geschichte eines städtischen Archivs. 1266 wurden urkundlich erstmals Ratsherren als Vertreter der Bürgerschaft erwähnt, 1311 wird mit der erstmaligen Wahl eines Bürgermeisters als das Jahr begriffen, in dem sich die Verwaltung endgültig verselbstständigte. Die Verwaltung der städtischen Urkunden, vor allem der für die Stellung der Stadt wichtigen Privilegien, lag in dieser frühen Zeit in den Händen des Stadtschreibers. Lagerstätte dürfte das erstmals 1264 erwähnte alte Rathaus der Stadt gewesen sein, das an der Stelle des heutigen Domturms stand.Friedrich Bothe: Geschichte der Stadt Frankfurt am Main. Verlag von Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1913, S. 65; Bothe erwähnt eine Urkunde, die ante domum consilii (= vor dem Rathaus) ausgestellt wurde. In einer überlieferten Urkunde findet es 1288 erstmals urkundliche Erwähnung als domus consilii Frankenvordensis; in voller Länge abgedruckt bei Johann Friedrich Boehmer, Friedrich Lau: Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt. Band I 794–1314. J. Baer & Co, Frankfurt am Main 1901–1905, S. 262–263, Urkunde Nr. 544, 25. Mai 1288.

mini|Der Leonhardsturm am Mainufer, 1395–1436 Sitz des Stadtarchivs, 1628(Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä.) Ab Beginn des 14. Jahrhunderts wuchs der Bestand der chronologisch nach Jahrgängen geführten Amtsbücher exponentiell an, wie schon durch die reiche Überlieferung dieser Zeit gesichert ist. Zu den bedeutendsten erhaltenen Zeugnissen jener Jahre zählen die ab 1311 geführten Bürgerbücher, in denen die Neuaufnahmen in die Bürgerschaft erfasst wurden. Ab Mitte desselben Jahrhunderts kamen dann auch Sachakten für auswärtige Korrespondenz hinzu.

Noch vor Bezug des neuen Rathauses am Römerberg wurde das Archiv 1395 in den Leonhardsturm verbracht, den die Stadt neben der gleichnamigen Kirche am Mainufer hatte errichten lassen.Carl Wolff, Rudolf Jung (Bearb.): Die Baudenkmäler von Frankfurt am Main. Bd. 2 Weltliche Bauten, Selbstverlag/Völcker, Frankfurt am Main 1898, S. 21–23. Zweifellos hat es sich bei dieser Maßnahme nur um eine Notlösung aus Platzmangel gehandelt, befanden sich die für die Stellung der Stadt so wichtigen Dokumente doch in einem vor der Stadtmauer gelegenen Gebäude, das primär zu Verteidigungszwecken gedacht war und in einer krisengeschüttelten Zeit leicht Angriffsziel werden konnte.

Haus Frauenrode bis zur Säkularisation mini|„Goldener Schwan“, rechts davon der Archivturm von Haus Frauenrode, um 1900(Fotografie von Carl Friedrich Mylius) Als der Umzug in das neue Rathaus 1408 abgeschlossen war, erwarb die Stadt 1424 das westlich an den Goldenen Schwan anstoßende Haus Frauenrode. 1436 und 1437 wurde hier unter Stadtbaumeister Eberhard Friedberger der gleichnamige Archivturm aufgeführt,Carl Wolff, Rudolf Jung (Bearb.): Die Baudenkmäler von Frankfurt am Main. Bd. 2: Weltliche Bauten, Selbstverlag/Völcker, Frankfurt am Main 1898, S. 247–248. welcher bis in die Moderne Kern des Ratsarchivs blieb. Der massive Turm war mit drei übereinander angeordneten, feuersicheren Gewölben versehen, genannt Unter-, Mittel- und Obergewölbe. Ein hieraus abgeleitetes Ordnungssystem ist der Grund dafür, dass sich auf vielen älteren Archivalien des Instituts für Stadtgeschichte bis heute noch die Bezeichnung als Unter-, Mittel- oder Obergewölbsakte (abgekürzt auch Ugb, Mgb, Ogb) findet.

Da die Stadt trotz aller Bedrängnisse über Jahrhunderte nie von Kriegen heimgesucht und auch von den Feuersbrünsten des Mittelalters verschont blieb, wuchs der städtische Archivalienbestand lückenlos weiter an. 1614 wurde der Stadtschreiber in seiner Rolle als Verwalter des Archivs durch ein eigenes Amt abgelöst. Die Bedeutung, die die Stadt der bereits damals reichen Überlieferung zumaß, wird darin deutlich, dass hier keine einfachen Beamten, sondern gelehrte Juristen ihren Dienst versahen. Mit Achilles Augustus von Lersner beschäftigte sich Anfang des 18. Jahrhunderts erstmals einer jener Gelehrten anhand urkundlicher Quellen mit der Frankfurter Stadtgeschichte und veröffentlichte mit Der weit-berühmten Freyen Reichs-, Wahl- und Handels-Stadt Franckfurt am Mayn Chronica ein bis heute wichtiges Geschichtswerk.

Nachdem es bereits Mitte des 18. Jahrhunderts aus Raumnot erste Auslagerungen gegeben hatte, stellte die 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluss erfolgte Säkularisation aus archivalischer Sicht ein großes Problem dar. So wurden die umfangreichen, nun in städtischen Besitz gekommenen Bestände der teils fast tausend Jahre alten Stiftsarchive an verschiedene Orte ausgelagert, darunter die profanierten Räume des Dominikaner- und des Karmeliterklosters, den Eschenheimer Turm, den Rententurm oder auch die Stadtwaage neben dem Leinwandhaus am Weckmarkt. Auch die Frankfurt betreffenden Akten des Reichskammergerichts, umfangreiche Bestände mehrerer Jahrhunderte, kamen hinzu.

19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg Die geistige Bewegung des 19. Jahrhunderts brachte Veränderung in die seit Generationen unangetasteten Strukturen des Stadtarchivs. Hatte man sich bis dato primär mit dem reinen Sammeln und Indizieren des Archivguts beschäftigt, setzte nun eine Ära der Erforschung und Erschließung der reichen Überlieferung ein. Johann Georg Battonn und Anton Kirchner verfassten anhand urkundlicher Quellen Standardwerke zur Geschichte und Topographie der Stadt und legten mit ihrer Arbeit die Grundsteine für die moderne Frankfurter Geschichtsschreibung.

mini|Johann Friedrich Böhmer, 1845(Ölgemälde von Amélie de Barrelier) Unter Johann Friedrich Böhmer, ab 1825 Stadtarchivar, gab es erste Versuche, die gewaltigen Bestände zu ordnen und über Regestenwerke zu erschließen, wofür sein 1836 veröffentlichter Codex diplomaticus Moeno-Francofurtanus in überarbeiteter Auflage von 1901 bis heute maßgeblich ist. Unter Georg Ludwig Kriegk, von 1863 bis 1875 Stadtarchivar, ging man noch einen Schritt weiter, als er zahlreiche populärwissenschaftliche Aufsatzsammlungen anhand archivalischer Quellen veröffentlichte, die die Bedeutung des Stadtarchivs der breiten Masse erschlossen. Daneben machte er sich auch wie schon seine Vorgänger durch eine fortgesetzte Neuordnung und Erschließung der Archivalien durch Repertorien verdient. In seine Zeit fiel auch die Zweiteilung der Bestände in ein Stadtarchiv I mit den Akten bis zum Jahr 1868 und ein Stadtarchiv II mit den Akten nach 1868, was bereits die heute bestehende Archivordnung vorgab (vgl. Abschnitt zu den Beständen).

1874 wurde die spätmittelalterliche Stadtwaage am Weckmarkt abgerissen und an selber Stelle bis 1877 unter Dombaumeister Franz Josef Denzinger ein dediziertes Archivgebäude im neugotischen Stil errichtet. Es bot neben 950 Quadratmetern Archivfläche knapp fünf Regalkilometer und vereinigte bis 1904 wieder die zwei seit 1866 räumlich getrennten Teile des Stadtarchivs. Darunter waren auch die wertvollen Altbestände des Stadtarchivs I aus Haus Frauenrode, nachdem dieses zur Jahrhundertwende mit weiteren älteren Annexbauten des Römers dem historistischen Rathausneubau weichen musste. Von 1876 bis 1887 leitete Hermann Grotefend das Stadtarchiv. Sein Nachfolger, der von 1888 bis 1922 amtierende Rudolf Jung gilt als der bis heute bedeutendste Stadtarchivar. Die von ihm eingeführte Systematik der Archivalien hat bis in die Gegenwart Gültigkeit. Ende des 19. Jahrhunderts wuchs das Archiv durch die Übernahme lokaler Archive zahlreicher eingemeindeter Vororte sowie der Akten des Oberappellationsgerichts der vier Freien Städte des Deutschen Bundes erneut sprunghaft an.

mini|Leinwandhaus und neugotisches Stadtarchiv, 1898(Fotografie von Max Junghändel) Nachdem man 1932 begonnen hatte, auch zeitgeschichtliches Dokumentationsmaterial zu sammeln, folgte 1933 mit der nationalsozialistischen Machtergreifung eine Beratungsstelle für Familienforschung und Ahnennachweis. Durch neue Medien wie Fotografien und die Sammlung von Tonträgern in Form von Schallplatten gab es Ende der 1930er Jahre erneut Platzprobleme, so dass Teile des Archivs in das Haus Domplatz 8 ausgelagert werden mussten. Dennoch wäre ein weiterer Neubau mittelfristig unumgänglich gewesen, wie Berichte über Mehrfachnutzung von Regalen und die Ausdehnung der Archivräume bis in die eigentlich nicht dafür geschaffenen Dachräume nahelegen.