mini|Zahnfehlbildungen bei einer hypohidrotischen ektodermalen Dysplasie (= Christ-Siemens-Touraine-Syndrom) Die ektodermale Dysplasie (ED) ist eine heterogene Gruppe von erblichen Defekten, die Fehlbildungen (Dysplasien) an jenen Strukturen hervorrufen, die aus dem äußeren Keimblatt (Ektoderm) hervorgehen, also beispielsweise Haare, Nägel, Zähne und Haut einschließlich der Schweißdrüsen.
Es können zwei Gruppen der ektodermalen Dysplasie unterschieden werden. In der ersten Gruppe finden sich Patienten mit Störungen an mindestens zwei verschiedenen ektodermalen Strukturen. In der zweiten Gruppe wird nur eine der oben angeführten Störungen gefunden, aber in Zusammenhang mit einer anderen ektodermalen Störung etwa der Ohren, Lippen oder Fußsohle.
Die ektodermale Dysplasie ist erblich bedingt, alle Erbgänge kommen vor: autosomal-dominant und -rezessiv sowie X-chromosomal-dominant und -rezessiv. Die Häufigkeit der Erkrankung wird mit etwa 7 auf 10.000 Neugeburten angegeben. Mehr als 150 unterschiedliche Syndrome sind bislang identifiziert worden.
Formen Mittlerweile werden aufgrund der zugrunde liegenden genetischen Veränderungen zahlreiche Formen unterschieden.
Anhidrotische Form Die häufigste Form ist die anhidrotische ektodermale Dysplasie (Synonyme: Dysplasie, anhidrotische ektodermale; Hypohidrotic ectodermal dysplasia).
Je nach Erbgang können unterschieden werden: x-chromosomale Form Dysplasie, ektodermale hypohidrotische, X-chromosomale, das Christ-Siemens-Touraine-Syndrom. Dieser Störung liegen meist Mutationen im Ectodysplasin-1-Gen (ED1) zugrunde.M. L. Mikkola: Molecular aspects of hypohidrotic ectodermal dysplasia. In: American journal of medical genetics. Part A. Band 149A, Nummer 9, September 2009, S. 2031–2036, . doi:10.1002/ajmg.a.32855. PMID 19681132. (Review). Da das ED1-Gen auf dem X-Chromosom lokalisiert ist, sind Jungen stärker betroffen als Mädchen. Mit Hilfe molekulargenetischer Methoden kann die klinische Diagnose bestätigt werden. Gegebenenfalls werden weitere Familienangehörige auf den Gendefekt hin untersucht. autosomal-dominante Form Ektodermale Dysplasie Typ 10a Hypohidrotisch-Haar-Nagel-Typ; ECTD10A, Veränderung auf dem Gen EDAR an der Lokalisation 2q12.3 Ektodermale Dysplasie Typ 11a Hypohidrotisch-Haar-Zahn-Typ; ECTD11A, Veränderung auf dem Gen EDARADD an der Lokalisation 1q42-q43 Xte-Syndrom autosomal-rezessive Form Dysplasie, ektodermale hypohidrotische, autosomal-rezessive
Hidrotische Form Synonyme Bezeichnung Tajaro-Pinheiro-SyndromR. Witkowski, O. Prokop, E. Ullrich: T. In: Lexikon der Syndrome und Fehlbildungen. 1995, ISBN 978-3-642-97629-2, Online ISBN 978-3-642-97628-5 doi:10.1007/978-3-642-97628-5_24 Dysplasie, ektodermale hidrotische (Synonyme: hidrotische ektodermale Dysplasie; Clouston-Syndrom), nach H. R. Clouston benannt.Z. Kibar: The gene responsible for Clouston hidrotic ectodermal dysplasia maps to the pericentromeric region of chromosome 13q. In: Human Molecular Genetics. 5, S. 543–547, doi:10.1093/hmg/5.4.543. Dysplasie, ektodermale hidrotische, Typ Christianson-Fourie Dysplasie, ektodermale hidrotische, Typ Halal (Synonym: Halal-Setton-Wang-Syndrom)
Syndrome mit Ektodermaler Dysplasie ANOTHER-Syndrom, Akronym für Alopezie, Nageldystrophie, Ophthalmologische Komplikationen, Thyroidea-Dysfunktion, Hypohidrosis, Epheliden (Sommersprossen), Enteropathie und Respirationstrakt-Infektionen AREDYLD-Syndrom, Akronym für Akral-renal-ektodermale-Dysplasie – Lipatrophischer-Diabetes Anhidrotische ektodermale Dysplasie - Immundefekt - Osteopetrose – Lymphödem (Synonym: OLEDAID-Syndrom, Akronym für osteopetrosis-lymphedema-ectodermal dysplasia anhidrotic with immunodeficiency) Basan-Syndrom (Dysplasie, ektodermale - fehlende Dermatoglyphen), veraltete Bezeichnung für Baird-Syndrom CHIME-Syndrom, Akronym für Colobom, Herzfehler, Ichthyosiforme Dermatitis, Mentale Retardierung und Epilepsie oder Ohrdefekt, Dysplasie, ektodermale - Blindheit Dysplasie, ektodermale - Schallempfindungsschwerhörigkeit Dysplasie, ektodermale - geistige Retardierung - Fehlbildungen des Zentralnervensystems Dysplasie, ektodermale - natale Zähne, Typ Turnpenny Dysplasie, ektodermale faziale Fokale faziale dermale Dysplasie (FFDD) Typ 3 Setleis-Syndrom Dysplasie, ektodermale odonto-mikronychiale Dysplasie, ektodermale, Typ Berlin (Synonym: Leukomelanodermie - geistige Retardierung - Hypotrichose) Dysplasie, ektodermale, reiner Haar-Nagel-Typ (Synonym: HNED, Akronym für Haar-Nagel-Ektodermale Dysplasie) Dysplasie, ektodermale, tricho-odonto-onychaler Typ Dysplasie, kranioektodermale (Synonyme: CED; Sensenbrenner-Syndrom) Dysplasie, odonto-onycho-hypohidrotische - Kopfhautdefekte (Synonyme: Dysplasie, ektodermale – Nebennierenzysten; Tuffli-Laxova-Syndrom) Dysplasie, pilo-dentale - Refraktionsanomalien (Synonym: Dysplasie, ektodermale euhidrotische) EEC-Syndrom, Akronym für Ectrodactyly - ectodermal dysplasia - cleft lip/palate EEM-Syndrom, Akronym für Dysplasie, ektodermale - Ektrodaktylie – Makuladystrophie Epidermolysis bullosa simplex durch Plakophilin-Mangel (Synonyme:McGrath-Syndrom; Ektodermale Dysplasie-Hautfragilität-Syndrom) Hypohidrotische ektodermale Dysplasie mit Immundefekt (Synonyme: Anhidrotische ektodermale Dysplasie mit Immundefekt;EDA-ID; HED-ID) Ectodermal dysplasia, hypohidrotic, with immune deficiency, IKBKG-Gen, Xq28 Ectodermal dysplasia, anhidrotic, with T-cell immunodeficiency, autosomal-dominant; NFKBIA-Gen, 14q13.2 Hypotrichose mit juveniler Makuladystrophie Kontrakturen - ektodermale Dysplasie - Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (Synonym: Ladda-Zonana-Ramer-Syndrom) Lelis-Syndrom Limb-Mammary-Syndrom Lippen-Kiefer-Gaumenspalte - ektodermale Dysplasie Zlotogora-Ogur-Syndrom (Synonyme: CLPED1; Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte – Syndaktylie - Pili torti; Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte-ektodermale Dysplasie-Syndrom; Syndaktylie - ektodermale Dysplasie – Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte; Zlotogora-Zilberman-Tenenbaum-Syndrom) Dysplasie, ektodermale, Typ Margarita Island, veraltet für Zlotogora-Ogur-Syndrom Rosselli-Gulienetti-Syndrom Oligodontie-Krebs-Prädispositionssyndrom (Ektodermales Dysplasie-Krebs-Prädispositionssyndrom, autosomal-dominantes) Rapp-Hodgkin-Syndrom (Synonym: Dysplasie, anhidrotische ektodermale, mit Lippenspalte) veraltet für Ankyloblepharon - ektodermale Defekte – Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (Synonyme: AEC-Syndrom; Hay-Wells-Syndrom) Schöpf-Schulz-Passarge-Syndrom (Synonyme: Ekkrine Tumoren - ektodermale Dysplasie; Palmoplantarkeratose - zystischen Augenlider - Hypodontie – Hypotrichose; SSPS) Schütteres Haar - Kleinwuchs - Hautveränderungen (Dysplasie, ektodermale) Stoll-Alembik-Finck-Syndrom (Synonym: Arthrogrypose mit ektodermaler Dysplasie und anderen Anomalien) Tricho-oculo-dermo-vertebrales Syndrom (Synonyme: Dysplasie, ektodermale, mit Katarakt und Kyphoskoliose; Alves-dos-Santos-Castello-Syndrom) Zahn-Haar-Nagel-Finger-Palma-Syndrom (Synonyme: Dysplasie, ektodermale, Typ Mendoza-Valiente; Odonto-tricho-ungual-digito-palmares (OTUDP-Syndrom)) Zerebelläre Ataxie - ektodermale Dysplasie
Therapie Ektodermale Dysplasie galt als nicht heilbar und konnte bisher nur symptomatisch therapiert werden. Forscher suchten dennoch nach Heilmethoden. Im April 2018 wurde im New England Journal of Medicine über einen medizinischen Heilversuch berichtet, der zu dem weltweit ersten Heilungserfolg im Rahmen einer experimentellen vorgeburtlichen Therapie der anhidrotischen Form führte. Dabei wurde in der Mitte der Schwangerschaft das Protein Ektodysplasin A1, welches betroffenen Feten fehlt, in das Fruchtwasser injiziert. Das Protein wurde anschließend von den ungeborenen Kindern zusammen mit dem Fruchtwasser geschluckt.
Um aus dem Darm der Feten in deren Blutkreislauf aufgenommen werden zu können und so an den Wirkort zu gelangen, wurde das Protein mit einer Fc-Komponente menschlicher Antikörper als Transporthilfe verbunden. Für diese Fc-Komponente existiert natürlicherweise ein spezieller Aufnahmemechanismus, um der Immunabwehr dienende Antikörper aus der Muttermilch ins Blut des Säuglings einzuschleusen. Durch die Verbindung mit der Fc-Komponente konnte so das fehlende Ektodysplasin A1 über diesen natürlichen Aufnahmemechanismus in den Blutkreislauf der Feten eingebracht werden.
Alle drei Kinder haben im Zuge des Therapieversuchs ausreichend Schweißdrüsen und mehr Zahnanlagen als sonst bei dieser Krankheit üblich gebildet. Die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zweijährigen Zwillinge bildeten sogar ebenso viele Schweißdrüsen aus wie gesunde Kinder. Damit gelang, wie das Wissenschaftsmagazin New Scientist später feststellte, die „erste vorgeburtliche Therapie einer genetisch bedingten Krankheit“ mit einem auf die molekulare Ursache fokussierten Ansatz.Clare Wilson: How new fetal therapies are treating genetic conditions in the womb, New Scientist, 26. Juni 2023. Angesichts der erfolgreichen Heilversuche wurden weiterführende Studien geplantPressemeldung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg: Weltweit erste erfolgreiche Therapieversuche bei Erbkrankheit Ektodermale Dysplasie. Drei Kinder dank vorgeburtlicher Proteinspritze außer Lebensgefahr. vom 26. April 2018, abgerufen am 26. April 2018 und Pressemitteilung des Universitätsklinikum Erlangen: vom 26. April 2018, abgerufen am 26. April 2018Holm Schneider et al.: Prenatal Correction of X-Linked Hypohidrotic Ectodermal Dysplasia. In: The New England Journal of Medicine, 26. April 2018, 26;378(17), S. 1604–1610, doi:10.1056/NEJMoa1714322, PMID 29694819 und inzwischen begonnen.
Siehe auch Keratoderma Marshall-Syndrom Tricho-dento-ossäres Syndrom
Literatur J. E. Van Sickels, T. P. Raybould, E. P. Hicks: Interdisciplinary management of patients with ectodermal dysplasia. In: The Journal of oral implantology. Band 36, Nummer 3, 2010, S. 239–245, . doi:10.1563/AAID-JOI-D-09-00043R1. PMID 20553179. (Review). F. Clauss, M. C. Manière u. a.: Dento-craniofacial phenotypes and underlying molecular mechanisms in hypohidrotic ectodermal dysplasia (HED): a review. In: Journal of Dental Research. Band 87, Nummer 12, Dezember 2008, S. 1089–1099, . PMID 19029074. (Review). C. Drögemüller, O. Distl, T. Leeb: X-linked anhidrotic ectodermal dysplasia (ED1) in men, mice, and cattle. In: Genetics, selection, evolution: GSE. Band 35 Suppl 1, 2003, S. S137–S145, . doi:10.1051/gse:2003022. PMID 12927086. (Review).
Weblinks Molekulargenetik - Ektodermale Dysplasien. Universität Regensburg
Ectodermal Dysplasia (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Fehlbildung Kategorie:Erbkrankheit Kategorie:Krankheitsbild in der Kinderheilkunde Kategorie:Krankheitsbild in der Zahnmedizin