mini|250px|Villa in der Villenkolonie Gräfelfing Eine Villenkolonie, auch als Villenquartier oder Villenviertel bezeichnet, ist ein Teil einer Stadt, den mehrere Villen in einem abgegrenzten Gebiet prägen.
Entstehungsgeschichte mini|250px|Colonie Alsen am Berliner Wannsee 1883 Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland für das wohlhabende Bürgertum eigens angelegte Wohnviertel, die ausschließlich oder überwiegend mit freistehenden Einfamilienhäusern bebaut wurden. Dabei durfte die architektonische Gestaltungsfreiheit zur Entfaltung kommen. Ein- oder zweigeschossige Einfamilienhäuser eigneten sich nicht als unmittelbare Nachbarbebauung von vier- oder fünfgeschossigen Mehrfamilienwohnhäusern in der Innenstadt. Straßen legte man hier alleeartig an und berücksichtigte im Bebauungsplan Vorgärten. Bürgerliche Wohnformen variierten von der großbürgerlichen VillaTilman Harlander (Hrsg.): Villa und Eigenheim: Suburbaner Städtebau in Deutschland, 2001, S. 232. über die VillenkolonieThomas Weichel: Bürgerliche Villenkultur im 19. Jhdt., in: Dieter Hein, Andreas Schulz (Hrsg.): Bürgerkultur im 19. Jahrhundert, 1996, S. 234 ff. bis zum Einfamilienreihenhaus.Wolfgang Voigt: Das Bremer Haus, 1992, S. 276.
Mit zunehmendem Wohlstand weiter Kreise des Bürgertums in den Gründerjahren stieg die Nachfrage nach repräsentativem Wohnraum im 19. Jahrhundert rapide an. Städtebaukonzepte griffen diese Nachfrage auf und setzten sie um. Dem Drang folgend, den oft überfüllten und ungesunden Innenstädten zu entkommen, wurden ab Mitte des Jahrhunderts am Rande deutscher (und österreichischer) Großstädte großzügige Gartenstädte mit Villenbebauung angelegt. Weil diese Stadtteile vollständig neu angelegt wurden und außerhalb der geschlossenen Stadtbesiedlung lagen, setzte sich in Analogie zur überseeischen Kolonisierung rasch der Begriff ‚Villenkolonie‘ durch (möglicherweise angelehnt an ‚Schrebergartenkolonie‘).
Entwicklungsformen mini|250px|Villa in Berlin-Lichterfelde-West Wesentliche Beispiele sind die Gründungen in Dresden, die Kolonie Marienthal in Hamburg-Wandsbek und die Berliner Villenkolonien Lichterfelde-West (ab 1860), Westend (ab 1866), Grunewald (ab 1880) sowie München (nach 1850)Walter Ziegler: Villenviertel um München. In: Historisches Lexikon Bayerns. (BSB), München 2006, abgerufen am 12. März 2026.. Die aufwändigsten der geschlossenen Villensiedlungen der Gründerjahre (exemplarisch Lichterfelde-West) sind komplexe Anlagen mit architektonisch geplantem Straßenmuster, Alleen mit – durch Grünstreifen getrennten – Fahr- und Gehwegen sowie eine Vielzahl von formal angelegten Plätzen. Teilweise wurden auch Bahnhöfe, Beleuchtung und/oder technische Einrichtungen den architektonischen Konzepten angepasst. Die Baustile der Villen zeigen oftmals den Einfallsreichtum wilhelminischen Bauens. Dabei wurden ohne Scheu verschiedenste Baustile nebeneinander platziert oder kombiniert. Charakteristisch sind daneben ausgedehnte Gärten (oft mit Remisengebäuden und Wirtschaftsgebäuden) und mit Brunnen, Tempeln und Ähnlichem geschmückt, die in aller Regel aber wesentlich kleiner als bei klassischen – singulär in die Landschaft gebauten – Villen gebaut wurden.
Die Gestaltungen wurden im 19. Jahrhundert teilweise bereits durch Ortsgestaltungssatzungen vorgeschrieben oder sogar durch Ortsgesetze festgeschrieben, die auf Basis der Flurkarten die künftige gewünschte Entwicklung und Erschließung festlegten.
Spätere Villensiedlungen dagegen, ab etwa 1890 (z. B. Berlin-Dahlem, oder vor den Toren Berlins für die Führungskräfte von Siemens die Villenkolonie Neu-Finkenkrug (ab 1893), die Villenkolonie Falkenhain (ab 1898) oder ab 1907 Wilhelmshorst) verzichten in aller Regel auf komplexe und repräsentative Gesamtanlagen zugunsten eines „natürlichen“ Erscheinungsbildes als in Wälder eingebettete Gartenstädte.
Wegen ihrer aufgelockerten Bauweise haben viele Villenkolonien die durch die alliierten Bombardierungen ausgelösten Flächenbrände (siehe auch Feuersturm) vergleichsweise gut überstanden. Häufig wurden die großen Häuser in der Nachkriegszeit in Wohnungen aufgeteilt oder Gärten aufgrund der Wohnungsnot bebaut. Bis in die 1980er Jahre hinein wurden gründerzeitliche Villen zugunsten von Neubauten im Zeitgeschmack abgerissen. Inzwischen stehen herausragende Beispiele von Ensembles alter Villen unter Ensembleschutz.
Weitere wichtige erhaltene Villenkolonien Villensiedlungen des 19. Jahrhunderts mini|Haus Schröder in der Villenkolonie Köln-Marienburg Aumühle Sachsenwald-Hofriede Berlin-Lichterfelde West (Villenkolonie Lichterfelde West) Berlin-Wannsee (Colonie Alsen) Dresden-Blasewitz, Weißer Hirsch (siehe auch Dresdner Villen) Eisenach Südviertel Haan Musikantenviertel Hamburg-Marienthal Villenkolonie Köln-Marienburg München: Villenkolonie Gern, Villenkolonie Neuwittelsbach, Villenkolonie Neu-Pasing I, Villenkolonie Neu-Pasing II und Villenkolonie Prinz-Ludwigs-Höhe Radebeul Oberlößnitz und Niederlößnitz Wuppertal Briller Viertel Wien-Währing Cottageviertel Kühlshausen, Kaiser-Wilhelm-Straße in Hannover-Kirchrode
Villensiedlungen nach 1900 mini|Villa Borscht in der Villenkolonie Prinz-Ludwigs-Höhe in München Berlin-Dahlem Berlin-Nikolassee Darmstadt-Eberstadt Villenkolonie Buchschlag Kleinmachnow Schulensee (Ortsteil von Molfsee bei Kiel) Gartenstadt Meererbusch München: die Villenkolonie Menterschwaige, Villenkolonie Schlosspark Laim, Villenkolonie Prinz-Ludwigs-Höhe und Villenkolonie Solln Nürnberg-ErlenstegenIn Erlenstegen geht jetzt die Angst um, abendzeitung-muenchen.de, abgerufen am 2. Juni 2020.Mehr Grün für Nürnberg, sueddeutsche.de, abgerufen am 2. Juni 2020. Potsdam Neubabelsberg Wilhelmshorst (bei Potsdam)www.wilhelmshorst.de. Würmtal (bei München): die Villenkolonien Gräfelfing, Planegg, Gauting
Literatur Dorle Gribl: Villenkolonien in München und Umgebung. München 1999, ISBN 978-3-934036-02-4. Heike Werner: Architektur-Ausflüge ab München: Würmtal & Umgebung. München 2011, ISBN 978-3-9809471-4-5. Nicola Bröcker und Celina Kress: südwestlich siedeln. Kleinmachnow bei Berlin – Von der Villenkolonie zur Bürgerhaussiedlung. Berlin 2006 (1. Auflage 2004).
Weblinks Villenkolonie · Villenviertel beim Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache
Einzelnachweise
Kategorie:Siedlungsform Kategorie:Architektur (Deutschland)