mini|Luftbildaufnahme von 1910 mini|Modernes Luftbild von Hamburg von 2005 mini|Kamera und Navigation Sight im Flugzeug der Eidgenössischen Landestopographie 1971 mini|Nachtluftbild BER Als Luftbildfotografie (auch Luftfotografie) wird ein fotografisches Genre bezeichnet, bei dem fotografische Abbildungen eines Gebietes aus der Vogelperspektive, das heißt aus Luftfahrzeugen heraus angefertigt werden. Die Branche, die sich mit dem Anfertigen von Luftbildern beschäftigt, nennt man Luftbildwesen, die Resultate Luftbilder oder Luftaufnahmen und deren Auswertung speziell in der Geodäsie Luftbildmessung oder Aerophotogrammetrie. Frühe Aufnahmen entstanden von Ballons (frei oder gefesselt, bemannt und unbemannt), (gefesselten) Drachen, Zeppelinen und Raketen aus sowie durch Brieftauben, bis sich die besser steuerbaren Flugzeuge für diese Zwecke durchsetzten.
Thematisch verwandte Genres sind die Orbitalfotografie, die Erstellung von Satelliten- und Drohnenaufnahmen sowie die Astrofotografie.
Geschichte mini|links|alt=Luftaufnahme von Boston von James Wallace Black, am 13. Oktober 1860|Luftaufnahme von Boston von James Wallace Black, am 13. Oktober 1860 mini|links|Luftbild Berlins mit der westlichen Invalidenstraße und dem Lehrter Bahnhof, Juli 1886 (H. v. Hagen) Frühe Entwicklung 1855 ließ sich der französische Fotograf Nadar die Idee der Erstellung einer Aufnahme von einem Fesselballon aus patentieren, zu welcher ihn der Offizier Aimé Laussedat inspiriert haben soll. Drei Jahre später glückte Nadar die erste Aufnahme. Er präparierte hierfür zuerst am Boden eine Kollodium-Nassplatte, stieg damit im Ballon auf, erstellte die Aufnahme und entwickelte die Platte unmittelbar darauf am Boden. Dieses wenig praktikable Verfahren verhinderte eine Ausweitung der Luftbildfotografie zu dieser Zeit, so dass nur vereinzelt Aufnahmen überliefert sind, wie beispielsweise „Boston, as the Eagle and the Wild Goose See It“, erstellt 1860 von James Wallace Black. Erst mit der Einführung der Trockenplatten in den 1870er Jahren, die auf Vorrat präpariert werden konnten, empfindlicher waren und nicht unmittelbar nach der Aufnahme entwickelt werden mussten, vereinfachte sich das Verfahren.
Die Mitglieder des 1881 gegründeten Deutschen Vereins zur Förderung der Luftschiffahrt in Berlin führten ab 1884 wissenschaftliche Unternehmungen mit einem Ballon durch, den ihnen der Berliner Luftschiffer Richard Opitz zur Verfügung gestellt hatte. Noch im gleichen Jahr erstellten die Mitglieder Georg von Tschudi und Paul Jeserich erste Fotografien während ihrer Fahrten, die jedoch nicht erhalten sind.Hermann Moedebeck: Der deutsche Verein zur Förderung der Luftschiffahrt, seine Vergangenheit und Zukunft. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins zur Förderung der Luftschiffahrt 1887, S. 345–364, speziell S. 357. Überliefert sind Luftbilder aus dem Jahre 1886 von Hugo vom Hagen, der ebenfalls Mitglied des Vereins war, und die Berlin von oben zeigen.Jörg Albertz: 100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Photogrammetrie, Fernerkundung und Geoinformation e. V. In: Photogrammetrie – Fernerkundung – Geoinformation 6/2009, S. 487–560. mini|Zürich West, von Eduard Spelterini 1898 fotografiert Innerhalb von wenigen Jahren entwickelte sich der Verein zur Förderung der Luftschiffahrt zum Zentrum der Luftbildfotografie, deren Mitglieder das neue Genre auch in andere Städte verbreiteten. So gründete Hans Bartsch von Sigsfeld nach seinem Weggang aus Berlin 1889 den Münchener Verein für Luftschiffahrt und Hermann Moedebeck 1896 den Oberrheinischen Verein für Luftschiffahrt und so weiter.
In ganz Europa hatte sich der 1877 zum Luftschiffer brevetierte Eduard Spelterini Passagier-Ballonfahrten angeboten, spätestens ab 1895 erstellte er vor allem bis zum Ersten WeltkriegMichael Gasser: Walter Mittelholzer – Mit Flugzeug und Kamera, nationalmuseum.ch, 20. Juli 2018/1. September 2020 auch Luftaufnahmen mittels Lumiere-Glasplatten.
Bis 1909 hatte sich die Zahl der Ballonfahrtvereine im Deutschen Kaiserreich auf 39 erhöht, die mit Fotografie-Preisausschreiben die Luftbilderstellung zu befördern versuchten. Im gleichen Jahr fand in Frankfurt am Main erstmals die Internationale Luftschiffahrt-Ausstellung statt, auf der unter anderem Luftbilder, aber auch die noch jungen Flugzeuge einem großen Publikum präsentiert wurden. mini|rechts|alt=Bildplan von Edewalle-Handzaeme, von Oskar Messter auf der Basis von Fotografien vom 26. Mai 1915 erstellt|Bildplan von Edewalle-Handzaeme, von Messter auf der Basis von Fotografien vom 26. Mai 1915 erstellt Im Ersten Weltkrieg setzten sich diese gegen die behäbigere Konkurrenz der Ballone und Zeppeline durch und avancierten infolge des Stellungskrieges zum wichtigsten Aufklärungshilfsmittel.
1915 konstruierte hierfür der Filmpionier Oskar Messter eine Reihenbildkamera, deren Bilder zusammengefügt einen Luftbildplan ergaben. Während die Luftbildfotografie bis dahin größtenteils durch wissenschaftliche und kartografische Bestrebungen vorangetrieben wurde, war sie nun auch im militärischen Bereich angekommen.
Etablierung des Luftbildwesens in der Zwischenkriegszeit Mit Kriegsende wurden tausende Piloten und Beobachter arbeitslos. Um diese Situation zu verbessern, warb August Euler, Leiter des neugegründeten Reichsluftamtes, Anfang 1919 für die zivilen Anwendungen der Fliegerei, darunter auch das Luftbildwesen. Innerhalb weniger Jahre wurden private Firmen gegründet, etwa die Berliner Luftphoto-Verlagsgesellschaft, oftmals in Kooperation mit der optischen Industrie.
So etablierte schon 1919 die erste deutsche Luftverkehrsgesellschaft, die Berliner Deutsche Luft-Reederei, eine Luftbildabteilung, aus der später die Hansa Luftbild (HLB) hervorging. Zeitgleich entstand ebenfalls in Berlin die Luftbild GmbH, die später in Photogrammetre GmbH in München umfirmierte. In Breslau bildete sich 1924 die Aerokartographische Institut AG. Auch der Industrielle Hugo Junkers richtete in Dessau eine entsprechende Abteilung ein, die ab 1924 als Junkers Luftbild-Zentrale zum größten Konkurrenten der Hansa Luftbild avancierte.
In der Schweiz wurde in diesem Bereich der Fotograf Walter Mittelholzer, auch er ein erfahrener Luftaufklärer aus dem Krieg, aktiv. Zunächst erstellte er Luftbilder, welche er den zum Beispiel darauf zu sehenden Fabriken verkaufen wollte. Später erlangte er Bekanntheit durch seine Bücher mit Luftbildern und seine Reisen, die mehrfach nach Afrika, aber auch nach Persien oder nach Spitzbergen führten. Im Jahr 1931 wurde am 30. Juni die Ad Astra Photo AG im Handelsregister des Kantons Zürich eingetragen. 1934 wurde die Firma in Swissiar Photo umbenannt, entsprechend der Umbenennung der Fluggesellschaft.Chronik BSF Swissphoto
Das nationalsozialistische Regime, welches dem Luftbild einen hohen Stellenwert einräumte, veranlasste, dass die drei deutschen Firmen zum 1. Januar 1934 in der Hansa Luftbild aufgingen. Dadurch wurde der kommerzielle Luftbildsektor zentralisiert und ließ sich so besser kontrollieren.Stephan Prager: Das deutsche Luftbildwesen, in: Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Band 97, Westdeutscher Verlag, 1961, ISBN 978-3-322-96282-9, S. 18–20 Parallel existierten aber noch kleinere, größtenteils nur regional tätige Firmen oder Einzelpersonen, die Luftaufnahmen erstellten. Bekanntestes Beispiel war der Unternehmer Paul Strähle.
Auch wenn zahlreiche Versuche in dieser Zeit stattfanden, das Luftbild für mehr Anwendungen zu erschließen, so blieb man doch größtenteils der kartografischen Verwertung verhaftet. Eines der wichtigsten Projekte war hierbei die Topografische Karte des Deutschen Reiches im Maßstab 1:25000, deren Entstehung subventioniert wurde und von der zahlreiche Blätter aus der Zeit von 1928 bis 1944 erhalten sind.Z. B. befinden sich im Hessischen Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation Luftbildpläne Südhessens aus der Zeit von 1934 bis 1938: (abgerufen am 3. September 2021) Als Basis schuf man dafür das Luftbildplanwerk, das an das System der Messtischblätter angeglichen und dessen Entstehung aufgrund eines Luftbilderlasses des Reichsministers der Luftfahrt vom September 1933 forciert wurde. Bis 1939 konnten aber trotzdem nur rund 600 Blätter hergestellt werden, was gegenüber der erforderlichen Aktualisierung von über 130.000 Karten des Deutschen Reiches kaum ins Gewicht fiel.
Die von Talbert Abrams entwickelte Abrams P-1 Explorer, die 1937 ihren Erstflug hatte, war das erste Flugzeug der Welt, das speziell für die Luftbildfotografie vorgesehen war., Department of Physics and Astronomy, Michigan State University
Luftbildwesen nach 1945 Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem das Luftbild der militärischen Aufklärung diente, wurden die Vorkriegsbestrebungen in Wirtschaft und Wissenschaft ausgeweitet und neue Auswertemethodiken entwickelt. In der Schweiz flogen in den 1970er-Jahren zwei Bundesämter mit Veressungsflugzeugen, einerseits die Landestopographie, andererseits die Landesvermessung. Die Flugzeuge benutzten dabei ein „Standard“ genanntes Negativformat von 23 × 23 Zentimetern, oder zuvor auch eine Kamera von Wild mit quadratischem Format von 18 Zentimetern.C. Eidenbenz: Einsatz der Photogrammetrie bei der Nachführung der Landeskarten, Zeitschrift Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik: VPK = Mensuration, photogrammétrie, génie rural, Band 76(1978), Heft 10 50 Jahre Schweizerische Gesellschaft für Photogrammetrie (SGP) = 50e anniversaire de la Société suisse de photogrammétrie (SSP)
In der Zwischenzeit kamen neue Genre wie die Satellitenbilder und später Drohnenaufnahmen hinzu.
Bei der Rezeption der Aufnahmen rückte zunehmend auch der ästhetische Wert in das Blickfeld, wie bei den Arbeiten von Georg Gerster oder Yann Arthus-Bertrand. Von herausragender Bedeutung in Deutschland entwickelte sich hier die ZDF-Reihe Deutschland von oben. Eine große Bedeutung fällt heutzutage auch der großflächigen Verfügbarkeit von kostenlosen Kartendaten zu, etwa durch Google Earth oder Windows Live Local von Microsoft (seit 2009 „Bing Maps“).
Aufnahmewinkel mini|Gescanntes Analog-Senkrechtbild vom Ground Zero. Zu erkennen sind am Rand die eingeblendeten Rahmenmarken und Zusatzinformationen sowie eine starke radiale Verzerrung von der Bildmitte nach außen Schrägbilder Schrägbilder (engl. oblique imagery) oder Geneigtaufnahmen eignen sich aufgrund der uns gewohnten Sichtweise zur Illustration von Publikationen, aber auch wegen ihrer großen Übersicht zur Fernerkundung. Aus mehreren Aufnahmen können mittels Photogrammetrie auch dreidimensionale Ansichten erzeugt werden, beispielsweise für Stadtpläne, Geländemodelle oder Computerspiele. Bei einer Geneigtaufnahme von 5 bis 15° Neigung der Kameraachse (bzw. Bildmitte–Linsenmitte bei verschobenem Objektiv) gegenüber dem Lot spricht man von einer Steilaufnahme, bei 15 bis 60° von einem Schrägbild und darüber hinaus bis 90° von einem Flachbild, wobei dieses meist auch den Horizont zeigt.
Senkrechtbilder
Georeferenzierte Senkrechtbilder vom Flugzeug oder Satelliten aus werden für die Kartografie herangezogen. Im Idealfall handelt es sich um Nadiraufnahmen, bei denen das einfallende Licht lotrecht in die Kamera gelangt. In der Praxis muss man allerdings mit einer Abweichung von ca. 1 bis 4° rechnen. Zur Stereoskopie und für quantitative Auswertungen (Höheneinmessung, Kartierung) werden heute ausschließlich Senkrechtaufnahmen verwendet.
Beispiele
Befliegung und Auswertung mini|rechts|Bildstreifen für den Bildflug mini|links|Wild Autograph A8, ein mechanisch-optisches Gerät zur Auswertung von Stereoluftbildpaaren Entsprechend der vorgesehenen Auswertung von Luftbildern wird die Flugstrecke für einen Bildflug in Lage und Höhe genau geplant. Die Befliegung einer Landschaft erfolgt entweder, um Einzelaufnahmen bestimmter Objekte zu machen, oder um systematisch ein größeres Gebiet zu erfassen. In diesem Fall werden meist parallele Streifen mit 30 bis 70 Prozent Überdeckung der Aufnahmen geflogen.