mini|Schneekraniche im Weltvogelpark Walsrode Der Schneekranich (Leucogeranus leucogeranus, Syn.: Grus leucogeranus), auch Nonnenkranich oder Sibirischer Kranich, ist eine seltene Vogelart aus der Familie der Kraniche. Wegen seines überwiegend weißen Federkleides, das er nur mit drei anderen rezenten Kranicharten gemeinsam hat, wird er auch Schneekranich genannt. Er lebt während der Brutzeit paarweise und auf dem Zug in Familienverbänden von drei oder kleinen Trupps von fünf bis sieben Vögeln.

Der Schneekranich gilt unter den Kranichen als die aquatischste Form und ist während seines gesamten Lebenszyklus auf Feuchtgebiete angewiesen. Schneekraniche leiden sowohl in ihren Brut- als auch ihren Überwinterungsgebieten unter der Zerstörung ihres Lebensraumes. Sie haben unter allen Kranichen den längsten Wanderweg und eine der längsten bekannten Zugrouten von Vögeln, die nicht die Ozeane überqueren.Matthiessen, S. 138. Da der Schneekranich auf seinen verbliebenen drei Zugrouten bejagt wird, gilt er als sehr gefährdet.

Merkmale Adulter Vogel Der 140 cm lange Schneekranich wird 6 kg schwer, wobei das Männchen etwas größer als das Weibchen ist. Ansonsten besteht kein Geschlechtsdimorphismus.

Der Schneekranich ist ein Vogel mit überwiegend weißem Gefieder. Der nackte Hautbezirk auf Stirn, Scheitel und Kopfseiten ist leuchtend rot und mit spärlichen dunklen und weißen haarförmigen Borsten bedeckt. Die Handschwingen sind glänzend schwarz, was nur sichtbar ist, wenn der Kranich seine Flügel ausbreitet. Bei wildlebenden Vögeln ist der hintere Teil des Halses und der Schulterbereich häufig durch Eisenoxid verfärbt und sieht dann rötlich oder grau aus.Potapov & Flint, 1989, S. 240.

Die Iris ist gelb bis weißlich. Die Beine sind rosarot mit schwarzen Schilden auf der Vorderseite des Laufs. Während der Fortpflanzungszeit ist dieser Rotton greller. Der Schnabel ist leicht nach unten gebogen. Der Schnabel ist im Vergleich zu den meisten anderen Kranichen länger und schwerer, was vermutlich eine Anpassung an die Nahrungssuche im tieferen Wasser ist. Er ist außerdem leicht gekrümmt und an der Spitze gezähnt, damit der Kranich seine Nahrung besser fassen kann.

Jungvogel Frisch geschlüpfte Dunenjunge weisen kurze, dichte Dunen auf der Körperoberseite auf, die intensiv rötlich kastanienbraun sind. Die Körperunterseite ist heller mit einer eher gelblichen Tönung. Das zweite Dunenkleid, das Dunenjunge ab der zweiten bis dritten Lebenswoche tragen, ist weniger intensiv und weist rötlich graue Töne besonders an Hals und Bauch auf. Die Iris dist dunkelbraun, der Schnabel ist zunächst rosa-fleischfarben und dunkelt dann nach. Die anfangs hellgrünlichen Beine dunkeln ebenfalls nach. Das erste Jugendkleid tragen sie ab einem Alter von sieben bis acht Wochen.

Das Gefieder des Jungvogels ist am Kopf und Nacken rostbraun, ansonsten hellbraun und grau gefärbt. Die Farbverteilung ist individuell stark variabel, die Iris ist trübblau und die Beine rotbraun. Im ersten Frühjahrskleid sind der Kopf, der Hals und die Körperoberseite bereits weiß mit einem mehr oder weniger großen Anteil rostroter Federn. Die Körperunterseite ist bereits rein-weiß. Im zweiten Herbst-Winter-Kleid weist das Gefieder nur noch einzelne roströtliche Federn auf. Hand- und Armschwingen sind erst im dritten Lebensjahr so gefiedert wie dies für adulte Vögel charakteristisch ist.Potapov & Flint, 1989, S. 241.

Stimme Die Luftröhre ist im Gegensatz zu den meisten ziehenden Kranichen einfach gebaut und nur leicht gekrümmt. Dieses Merkmal teilt er unter anderem mit dem afrikanischen Klunkerkranich. Schneekraniche sind sehr ruffreudig und verfügen über den längsten Doppelruf bei den Kranichen. Dieses auch als unisone Duett bezeichnete gemeinsame Rufen der beiden Partnervögel wird meist vom Männchen eingeleitet. Das Männchen verbeugt sich und stößt dabei ein nasales Jaah! aus. Dann entfaltet es seine Flügel und ruft gemeinsam mit dem Weibchen im Duett Tuudel-luu, tuudel-luu, tuudel-luu. Es steht während des Duetts entweder parallel neben dem Männchen oder ihm gegenüber. Das Weibchen, das eine etwas höhere Stimme hat, ruft dabei tuudel und die Rufe sind zwischen Paaren so synchronisiert, dass sie wie der Ruf eines einzigen Vogels klingen.Matthiessen, S. 149. Während der Zeit des Zuges rufen sie ein helles, glockenklares tuut-tuut-tuut. Das unisone Duett spielt eine große Rolle im Verhaltensrepertoire der Schneekraniche und dient unter anderem der Reviermarkierung. Schneekraniche führen dieses Duett in verschiedenen Situationen und zu verschiedenen Jahreszeiten aus.Potapov & Flint, 1989, S. 247.

Fortbewegung und Verhalten Der Flug des Schneekranichs ist wie bei anderen Kranicharten ruhig und geradlinig mit kräftig ausladenden Flügelschlägen. Vor dem Landen geht der Schneekranich in einen Gleitflug über. Zum Auffliegen muss er zunächst einen kleinen Anlauf nehmen.

Der Schneekranich gilt als einer der am stärksten territorialen und aggressivsten Kranicharten. In seinem Verhaltensrepertoire spielen Aggressionsdemonstrationen daher eine bedeutende Rolle. Das unisone Duett, das im Stimme Abschnitt beschrieben ist, unterstützt die Territorialität in den Brutgebieten. In den Überwinterungsgebieten geht die Territorialität stark zurück. Drohgebärden sind aber auch hier zu beobachten. Sie dienen der Aufrechterhaltung der Hierarchie in der Gruppe.Potapov & Flint, 1989, S. 247. Zu den Aggressionsgebärden gehört auch ein demonstratives Annähern zu einem Rivalen. Dabei ist der Hals gestreckt und der Schnabel gegen den Hals gepresst. Beim Gehen hebt der Vogel das Bein vor dem folgenden Schritt weit aus dem Wasser. Bei einem sehr hohen Grad an Aggressivität zeigen Schneekraniche dieselben einleitenden Gebärden wie beim unisonen Duett. Statt zu rufen, legen sie aber die Schnabelspitzen auf den Rücken, breiten die Flügel aus und lassen ein rollendes Knurren hören, das nur einige Meter weit vernehmbar ist.Potapov & Flint, 1989, S. 249.

Verbreitung, Wanderung und Lebensraum mini|Zugrouten des Schneekranichs; bedeutsam ist nur noch die östliche Population Kraniche gelten grundsätzlich als Reliktvögel, die einem zunehmenden anthropogenen Druck, egal ob dieser direkt durch Jagd oder indirekt durch Lebensraumvernichtung entsteht, nur sehr schlecht widerstehen können. Dies gilt in besonderem Maße auch für den Schneekranich.Matthiessen, S. 133.

Im Pleistozän waren Schneekraniche noch über den asiatischen Tiefebenen mit ihren großen Marschen und Sümpfen verteilt verbreitet. Im 19. Jahrhundert kamen sie nur noch zerstreut in ihren nördlichen Brutgebieten vor. Die Art ist sehr schwierig zu schützen, da sie weit verbreitet brütet und eine lange Zugroute hat, die durch mehrere Länder führt.

Eine östliche Population brütet im nordöstlichen Sibirien und überwintert am mittleren Jangtse. Hauptüberwinterungsgebiet ist hier der Poyang Hu.Ellis et al., S. 273. Dies ist die Hauptpopulation mit bis zu 3.000 Kranichen. Eine westliche brütet südlich des Obs und östlich des Urals und verbringt den Winter im Iran am Südufer des Kaspischen Meeres. Dabei handelt es sich allerdings nur um etwa zehn Vögel.Ellis et al., S. 27. Die Biotope, die von den beiden Restpopulationen genutzt werden, sind sehr verschieden. Die westliche lebt in sehr nassen Niederungs-Moos-Seggen-Wollgras-Tundren mit einer Vielzahl großer und kleiner Seen. Die östliche Population dagegen besiedelt seenreiche weite Sumpfmassive inmitten der nördlichen Lärchentaige und bevorzugen hier Sphagnum-Abschnitte, die in der Nähe von kleinwüchsigen und oft trockenen Lärchenwäldern liegen.Potapov & Flint, 1989, S. 244 und S. 245.

Mittlere Populationen, die in Westsibirien brüteten, sind mittlerweile vermutlich erloschen. Diese sogenannten zentralsibirischen Populationen überwinterten im indischen Gangesbecken, wo ihnen noch um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert zahlreiche Teiche und Monsuntümpel geeignete Überwinterungsquartiere boten. Mit zunehmender Bevölkerungsdichte und einer Ausweitung der landwirtschaftlichen Flächen konzentrierten sich die überwinternden Schneekraniche immer mehr in einem rund 30 Quadratkilometer großen Sumpfgebiet, das 60 Kilometer westlich von Agra liegt. Dieses Gebiet ist mittlerweile ein Nationalpark. Der Keoladeo-Nationalpark bot den Vögeln ausreichenden Schutz in ihrer Überwinterungszeit, was sich auch daran zeigte, dass in den Überwinterungsquartieren nur wenige Vögel starben. Die Zugroute dieser Population führte vermutlich über die Wüste Thar, den Punjab und das Indus-Tal in Pakistan. Von dort flogen sie in nordwestlicher Richtung zum Ab-e-estada-See im Tal von Kabul in Ostafghanistan, dann in nördlicher Richtung über den Hindukusch, um dann Zentralasien in nordöstlicher Richtung zu überqueren. Für die Wanderroute, die die Hochlagen des Himalaya und des Karakorum umgeht, brauchten die Vögel etwa zwei Monate. Da die Schneekraniche weder in ihren Brutrevieren noch auf ihrer Zugroute geschützt waren, nahm ihre Zahl dramatisch ab. 1964 überwinterten noch 200 Schneekraniche in dem Nationalpark. Knapp 10 Jahre später waren es nur noch 76 Schneekraniche.Matthiessen, S. 135. 2002 wurde im Keoladeo-Nationalpark zum letzten Mal ein Schneekranich gesichtet. Damit sind vermutlich die zentralsibirischen Populationen erloschen.

Nahrung Der Schneekranich ist ein Allesfresser, zu dessen Nahrung unter anderem Wurzelknollen, Nagetiere, Fische und Insekten gehören. Tierisches Eiweiß spielt nur eine untergeordnete Rolle. Mit Ausnahme des zeitigen Frühjahrs lebt der Schneekranich fast ausschließlich vegetarisch.Matthiessen, S. 148. Sowohl während der Brutzeit als auch in seinen Überwinterungsquartieren sucht er seine Nahrung ausschließlich in Feuchtgebieten und nur äußerst selten auch in terrestrischen Lebensräumen. Dieses Merkmal hat er nur mit dem afrikanischen Klunker- und dem nordamerikanischen Schreikranich gemeinsam.Ellis et al., S. 3. Zur bevorzugten Nahrung des Schneekranichs gehören Wurzelknollen, die sie bis zu einer Wassertiefe von 60 Zentimetern mit ihren langen Schnäbeln ausgraben. Haben sie Knollen aus dem Wasser heraufgeholt, spülen Schneekraniche den Schlamm mit einem seitlichen Schlenker des Schnabels ab. Sie bevorzugen freies Gelände mit ungehinderter Sicht und verteidigen auch in den Winterquartieren ihre Futterreviere, die sie erst aufgeben, wenn der Winter zu Ende geht und der Zug unmittelbar bevorsteht. Dann beginnen sie in Gruppen nach Nahrung zu suchen.Matthiessen, S. 148.

Fortpflanzung mini|Schneekranich im Zoo von Osaka Der Schneekranich erreicht seine Geschlechtsreife offenbar erst im Alter von sechs bis sieben Jahren. Es handelt sich um monogame Vögel, die eine über mehrere Fortpflanzungsperioden bestehende Paarbeziehung eingehen.Potapov & Flint, 1989, S. 245.

Die westliche Restpopulation trifft an ihren Brutplätzen ein, wenn die Tundra fast noch ganz von Schnee bedeckt ist und nur Südhänge und Steifufer der Flüsse erste schneefreie Stellen aufweisen. Sie sind streng territorial und verteidigen ihre Nestreviere entschieden. Im Westen beträgt der Mindestabstand zwischen den Nestern 2,5 Kilometer, allerdings bleiben zahlreiche geeignete Brutplätze unbesetzt. Im Osten des Verbreitungsgebietes ist der Mindestabstand zwischen den Nestern etwas geringer und beträgt 1,5 Kilometer.Potapov & Flint, 1989, S. 246.

Die Nester werden über mehrere Jahre genutzt. Die Nestbasis ist eine festgestampfte ebene Plattform, die von Wasser umgeben ist. Die Aufpolsterung besteht aus trockenen vorjährigen Stängeln und Zweigen von Seggen sowie grünem Pflanzenmaterial. Das verbaute Pflanzenmaterial stammt aus der unmittelbaren Umgebung, so dass mehrjährige Nester von einer freien Wasserfläche von fünf bis 10 Meter Durchmesser umgeben sind.Potapov & Flint, 1989, S. 246.