mini|hochkant=1.35|Das Stifterbild des Theophanu-Evangeliars: Äbtissin Theophanu legt das Evangeliar Maria zu Füßen
Theophanu (* um 997; † 5. März 1058 in Essen) war von 1039 bis zu ihrem Tod Äbtissin des Stiftes Essen und ebenso Äbtissin des Stiftes Gerresheim. Sie gilt nach Mathilde als bedeutendste Äbtissin der Essener Geschichte. Theophanu fügte dem Schatz des Stiftes Essen mehrere bedeutende Kunstwerke hinzu, ließ die Essener Stiftskirche erweitern und förderte die Entwicklung der Klostersiedlung zur Stadt Essen durch das Marktrecht, das sie von Kaiser Heinrich III. erhielt.
Familie und Leben vor dem Äbtissinnenamt
Theophanu war wahrscheinlich die zweitälteste Tochter Ezzos, des lothringischen Pfalzgrafen, und seiner Frau Mathilde. Diese wiederum war die Tochter des Kaisers Otto II. und der Theophanu, nach der die Enkelin benannt wurde. Somit gehörte die Enkelin Theophanu zur Familie der Ezzonen und über ihre Mutter auch zur Familie der Ottonen. Auf diese Abkunft legte sie großen Wert. Wo Theophanu erzogen wurde, ist nicht bekannt, es erscheint allerdings möglich, dass dies in Essen geschah. Sie dürfte dann die Äbtissin Mathilde, die 1011 starb, noch kennengelernt haben. Bei Mathildes Tod war sie allerdings zu jung, um die Nachfolge übernehmen zu können.
Aufgrund der politischen Spannungen zwischen den Ezzonen und Kaiser Heinrich II., die sich am Streit um das Erbe der ottonischen Hauptlinie, aus der Theophanus Mutter stammte, entzündet hatten, ist unwahrscheinlich, dass sie vor 1024, dem Todesjahr Heinrichs, unter der Äbtissin Sophia wichtige Aufgaben im Stift Essen wahrgenommen hat. Sophia war eine verlässliche Parteigängerin Heinrichs; zwei Schwestern Theophanus, die unter Sophias direkter Aufsicht in Gandersheim lebten, verließen das Stift Gandersheim kurz nach Heinrichs Tod eigenmächtig, da Sophia sie schlecht behandelt haben soll. Dass Sophia Theophanu besser behandelt hat, ist nicht anzunehmen, allerdings residierte Sophia in Gandersheim und hatte nach dem Tod Heinrichs II. keinen politischen Rückhalt mehr, so dass möglich ist, dass Theophanu, die erst nach Sophias Tod (30. Januar 1039) im Alter von 44 Jahren Äbtissin in Essen wurde, bereits vor diesem Zeitpunkt in Essen deren Aufgaben übernommen hatte.
Auch wenn Theophanu in Essen ihre Verwandtschaft zu den Ottonen betonte, kümmerte sie sich auch um die Angelegenheiten der Ezzonen, soweit dieses notwendig war. Belegt ist ihre Mitwirkung an der Neuordnung des ezzonischen Besitzes am Niederrhein durch eine Urkunde vom 17. Juli 1051, in der Theophanu, ihr Bruder Hermann und ihre Schwester Richeza das ezzonische Hauskloster Brauweiler an das Erzbistum Köln übertrugen. Vorangegangen war ein Rechtsstreit vor dem Kaiser, da diese Übertragung angeblich bereits unter Ezzo selbst geschehen war, dieses hatten die drei noch lebenden Kinder Ezzos angefochten und Recht erhalten. Der Grund für die Übertragung war vermutlich, dass die Zukunft der Ezzonen am Niederrhein nicht mehr gesichert war: Von Ezzos zehn Kindern hatten nur Richeza und der 1047 verstorbene Otto Kinder, die jedoch nicht am Niederrhein ansässig waren.
Wirken als Äbtissin
Theophanu hinterließ in Essen bedeutende Spuren. Dass sie ähnlich wie ihre beiden Vorgängerinnen reichspolitisch gewirkt hätte, ist nicht belegt und angesichts fehlender verwandtschaftlicher Bindungen zu den Regierenden auch eher unwahrscheinlich. Theophanus Bedeutung für Essen gründet sich auf ihre Kunststiftungen, ihre Bautätigkeit am Essener Münster und auf ihren Einfluss auf die Entwicklung der Stadt Essen.
Theophanu und die Entwicklung der Stadt Essen
Um das Stift Essen bestand schon vor Theophanu eine Siedlung von stiftszugehörigen Handwerkern und Bauern. Das Stift erhielt unter Theophanu auf ihre Bitte und die Intervention des Kölner Erzbischofs Hermann, ihres Bruders, hin das Recht, drei Tage vor und nach dem Tag der Stiftspatrone, der Heiligen Cosmas und Damian, einen Markt abzuhalten, dessen Ertrag dem Stift zugutekam. Mit dem Entstehen dieses Marktes war wahrscheinlich auch die Errichtung der Gertrudiskapelle verbunden, deren Nachfolgebau die heutige Marktkirche in der Essener Innenstadt ist. Dafür, dass Theophanu diese Kirche, die erstmals in ihrem Testament belegt ist, gründete, spricht die Auswahl des Patroziniums: Die Verehrung der Heiligen Gertrudis ist vor Theophanu in Essen nicht bezeugt. Die Reliquien dieser Heiligen für ihre Kirchenstiftung konnte Theophanu zudem aus ihrer Verwandtschaft erhalten. Adelheid, eine ihrer Schwestern, war Äbtissin im Damenstift Nivelles, dessen Kirche der Heiligen Gertrudis geweiht war. Markt und Gertrudiskapelle waren wichtige Meilensteine auf der Entwicklung der Stiftssiedlung zur Stadt Essen.
Kunststiftungen Theophanu ergänzte den Essener Stiftsschatz durch einige seiner bedeutendsten Stücke. Das Ensemble aus Theophanu-Evangeliar, Kreuznagel- und Kreuzreliquiar ist durch formale Übernahmen einzelner Gestaltungsmerkmale als Gruppe gekennzeichnet. Vermutlich wurden diese Stücke im Rahmen der Osterliturgie am Karfreitag an Christi Stelle in ein Ostergrab auf der Empore des Westwerks gelegt und in der Osternacht wieder erhoben.Zur Funktion der Objekte in der Essener Osterliturgie: Klaus Gereon Beuckers: Liturgische Ensembles in hochmittelalterlichen Kirchenschätzen. Bemerkungen anhand der Essener Ostergrabliturgie und ihrer Schatzstücke. In: ... das Heilige sichtbar machen. Domschätze in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Schnell + Steiner, Regensburg 2010, ISBN 978-3-7954-2245-5, S. 83–106; Katharina Ulrike Mersch: Soziale Dimensionen visueller Kommunikation in hoch- und spätmittelalterlichen Frauenkommunitäten. Stifte, Chorfrauenstifte und Klöster im Vergleich. V&R Unipress, Göttingen 2012, ISBN 978-3-89971-930-7, S. 55–65, beide mit weiterer Literatur. Möglicherweise wurden diese drei Objekte der Äbtissin auch bei feierlichen Anlässen als Hoheitszeichen vorausgetragen.Klaus Gereon Beuckers: Die Ezzonen und ihre Stiftungen. Lit-Verlag, Münster 1993, ISBN 3-89473-953-3, S. 104. Neben diesen Stücken steht das sogenannte jüngere Mathildenkreuz als Einzelstück. Nicht erhalten ist ein Schrein der Heiligen Pinnosa, den sie laut älterer Forschungsmeinung gestiftet haben soll. Eine Zuschreibung der Stiftung an Theophanu muss wegen fehlender Quellen offen bleiben.Torsten Fremer: Äbtissin Theophanu (1039–1058). Ottonischer Schlußakkord in Essen. In: Günter Berghaus, Thomas Schilp, Michael Schlagheck (Hrsg.): Herrschaft, Bildung und Gebet. Gründung und Anfänge des Frauenstifts Essen. Klartext Verlag, Essen 2000, ISBN 3-88474-907-2, S. 59–70, hier: S. 62; Klaus Gereon Beuckers: Die Ezzonen und ihre Stiftungen. Lit-Verlag, Münster 1993, ISBN 3-89473-953-3, S. 107.
Theophanu-Evangeliar
mini|hochkant|Schmuckvoll gestalteter vorderer Buchdeckel mit zentraler Elfenbeintafel
Das Theophanu-Evangeliar befindet sich heute – Textteil und Buchdeckel getrennt – in der Essener Domschatzkammer. Die Trennung der beiden Teile, von denen kunsthistorisch der Buchdeckel bedeutsamer ist, erfolgte im 18. Jahrhundert. Dass es sich bei dem Evangeliar um eine Stiftung der Theophanu handelt, ist durch ihre Abbildung im unteren Bildfeld des Buchdeckels gesichert. Dort überreicht eine kniende Figur, die nur durch die Beschriftung THEOPHANU ABBA[tissa], als die Äbtissin Theophanu zu identifizieren ist, der thronenden Maria ein Buch.
Der Buchdeckel des Evangeliars misst 35,7 cm in der Höhe und 26 cm in der Breite. Er ist über einem Kern aus Eichenholz aus Gold, Elfenbein und Edelsteinen gefertigt, wobei je zwei aus Goldblech getriebene Quer- und zwei Längsfelder die zentrale Elfenbeintafel umgeben. Bereits in der Wahl der Materialien beginnt das ikonographische Programm des Buchdeckels: Gold steht für die Herrlichkeit, Elfenbein für die Reinheit des Glaubens. Die zentrale Elfenbeintafel, bei der es sich um eine Kölner Kopie einer Lütticher Arbeit handelt, stellt, begleitet von den vier Evangelisten, das Leben Jesu dar: am unteren Rand die Geburt, zentral die Kreuzigung und darüber die Himmelfahrt. Die Darstellung der Himmelfahrt verbindet das Bildprogramm der Tafel mit dem oberen Querfeld, auf dem der im Himmelreich thronende Christus abgebildet ist. Auf den Längsfeldern links und rechts der Elfenbeintafel verbinden Petrus und Paulus beziehungsweise die Essener Stiftspatrone Cosmas und Damian das untere Querfeld mit dem oberen; sie dienen der unten mit abgebildeten Theophanu gleichsam als Vermittler. Das untere Bildfeld enthält schließlich das Dedikationsbild: Theophanu, namentlich benannt, legt der thronenden Maria das Evangeliar zu Füßen, wobei Marias im Handgelenk nach oben abgeknickte Hand Theophanus Bitte an den darüber abgebildeten Christus vermittelt. Neben Theophanu sind zwei Heilige abgebildet, die sie unterstützen. Bei diesen handelt es sich um die Hl. Pinnosa und die Hl. Walburga. Die Darstellung des unteren Bildfeldes charakterisiert das Evangeliar als Gedächtnisstiftung.
Die unter der Signatur Essener Domschatzkammer Hs. 3 geführte Handschrift besteht aus 157 Pergamentblättern, die von einem Schreiber, der möglicherweise in Essen wirkte, sehr sorgfältig mit karolingischen Minuskeln, denen gelegentlich rote Capitalis untergemischt sind, beschrieben wurde. Die Miniaturen, von denen die Evangelisten bemerkenswert sind, gehen auf ältere, unbekannte und unterschiedliche Vorläufer zurück, wie aus der unterschiedlichen Wahl der Perspektiven, Gestaltung der Buchständer und Bildhintergründe geschlossen wird. Bei den Vorbildern könnte es sich um maasländische Arbeiten gehandelt haben. Stilistisch steht das Evangeliar in der Tradition spätantiker und karolingischer Vorbilder.Anna Pawlik: Buchdeckel des Theophanu-Evangeliar. In: Birgitta Falk (Hrsg.): Der Essener Domschatz. Klartext-Verlag, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0200-8, S. 82.
Theophanu-Kreuz
mini|hochkant|Das Theophanu-Kreuz
Beim so genannten Theophanu-Kreuz handelt es sich um das zweitjüngste der vier Essener Vortragekreuze. Es handelt sich um ein lateinisches Kreuz mit querrechteckigen Krücken an den Kreuzenden, dessen Holzkern aus Zedernholz besteht. Zedernholz galt aufgrund seiner Herkunft aus dem Heiligen Land als besonders wertvoll. Das Kreuz ist 44,5 cm hoch und 30 cm breit, eine seitlich umlaufende, nur teilweise erhaltene Inschrift verweist auf die Schenkerin: .
Die insgesamt 18 Emailtäfelchen des Kreuzes stammen aus verschiedenen Quellen; bei den acht Täfelchen auf den Krücken handelt es sich wahrscheinlich um byzantinische Arbeiten, die sechs Täfelchen auf dem Querbalken und dem oberen Teil des Längsbalkens sind leicht gewölbt und gebogen. Von diesen wird angenommen, dass sie zuvor den Heiligenschein der Goldenen Madonna schmückten, der bereits im 11. Jahrhundert entfernt wurde, da er die Krönung der Marienfigur mit der ebenfalls im Domschatz befindlichen Lilienkrone hinderte. Die Tafeln des unteren Längsbalken sind von geringerer Qualität und wurden möglicherweise für das Kreuz geschaffen. Unter dem Kreuzfuß befindet sich ein geschnittener Bergkristall, ursprünglich ein fatimidisches Parfumfläschchen. Das Kreuz besitzt keinen Korpus; an seiner Stelle befindet sich ein mit Goldblech und rotem Samt unterlegter Bergkristall, unter dem zwei kleine, gekreuzte Holzsplitter sichtbar sind, die angeblich vom Kreuz Christi stammen. Das Kreuz ist damit zugleich ein Kreuzreliquiar.
Kreuznagel-Reliquiar mini|hochkant|Das Kreuznagel-Reliquiar