Ktesias von Knidos () war ein antiker griechischer Arzt und Geschichtsschreiber. Er lebte im späten 5. und frühen 4. Jahrhundert v. Chr. Berühmt wurde er durch die von ihm verfassten, nur fragmentarisch überlieferten Persiká, wegen deren romanhaften Charakters er aber auch bis in die neueste Zeit stark kritisiert wurde.
Leben Ktesias wurde im karischen Knidos geboren (vielleicht um 441 v. Chr.),So Llewellyn-Jones / Robson (2010), S. 11. einer nicht unwichtigen griechischen Stadt an der Westküste Kleinasiens. Er stammte aus einer alten Ärztefamilie, sein Vater hieß Ktesiarchos oder Ktesiochos.Zu seinem Leben und Werk ist Felix Jacobys RE-Artikel immer noch grundlegend: Jacoby (1922). Im byzantinischen Lexikon Suda steht zu ihm:
Diese Informationen, die auf Ktesias’ eigene Angaben zurückgehen, werden von der Mehrheit der Gelehrten akzeptiert. Als Mitglied einer Asklepiaden-Familie war Ktesias’ beruflicher Werdegang demnach im Grunde vorgezeichnet. Er gelangte zu einem unbekannten Zeitpunkt an den Hof des persischen Großkönigs Artaxerxes II. Mnemon, allerdings sind die diesbezüglichen Umstände unklar. Diodor, der im 1. Jahrhundert v. Chr. eine Universalgeschichte schrieb und Ktesias als Quelle benutzt hat, gibt an, dass Ktesias als Kriegsgefangener dorthin kam und 17 Jahre in Persien blieb.Diodor, Bibliothek, 2,32,4. Diodor erwähnt auch dessen medizinische Fähigkeiten, manche Forscher nehmen deshalb an, dass Ktesias regulär an den persischen Hof berufen wurde.Llewellyn-Jones / Robson (2010), S. 12. Die angegebenen 17 Jahre seines Aufenthalts am persischen Hof sind womöglich ebenfalls ungenauJacoby (1922), Sp. 2033 und es waren eventuell nur 7 Jahre.Llewellyn-Jones / Robson (2010), S. 12f. Jan Stronk, von dem die aktuelle Ktesias-Edition einschließlich Übersetzung stammt, nahm weiterhin 17 Jahre für den Aufenthalt an und glaubt, dass Ktesias um 413 v. Chr. in persische Gefangenschaft geriet und 397 v. Chr. den Hof wieder verließ. Neuerdings hält Stronk aber auch einen Aufenthalt von 7 Jahren am persischen Hof für denkbar und dass Ktesias insgesamt 17 Jahre in persischen Diensten stand.Stronk (2010), S. 8f.
Jedenfalls stand Ktesias zum Zeitpunkt der Schlacht bei Kunaxa im Jahre 401 v. Chr. offenbar als Leibarzt des persischen Großkönigs Artaxerxes II. Mnemon in dessen Diensten und heilte diesen Xenophon zufolge.Xenophon, Anabasis 1,8. In seiner Zeit am Hof kümmerte sich Ktesias auch um Mitglieder der königlichen Familie. Er scheint die Gunst von Parysatis besessen zu haben. Die Details sind allerdings unklar, zumal Ktesias seine eigene Rolle am Hof vermutlich übertrieben dargestellt hat, wenngleich er offenbar auch in diplomatischer Mission für den Großkönig unterwegs war. 398/97 v. Chr. ist Ktesias wieder nach Hause zurückgekehrt. Er bereiste auch Griechenland selbst, nach 393/92 v. Chr. ist er verstorben.Zum möglichen Todeszeitpunkt siehe Stronk (2010), S. 11 mit Anmerkung 27.
Ktesias verfasste nach seiner Rückkehr nach Knidos mehrere (vor allem geschichtliche) Abhandlungen, von denen jedoch nur Fragmente erhalten sind (Die Fragmente der griechischen Historiker, Nr. 688).
Zu beachten ist allerdings, dass eine Minderheit innerhalb der modernen Forschung diese Biographie für weitestgehend fiktiv hält und bezweifelt, dass Ktesias dem Großkönig gedient oder überhaupt jemals am persischen Hof war (wie Marco Dorati, siehe unten).
Werke Persiká
Inhalt und Überlieferung
Sein Hauptwerk sind die Persiká („Geschichte Persiens“) in 23 Büchern, die Ktesias in ionischem Griechisch verfasste. Bereits vor Ktesias hatten Griechen spezielle Werke über Persien verfasst, die als Persiká bezeichnet werden. Diese Werke waren offenbar eine Reaktion auf die Neugier der Griechen auf diese für sie fremde Welt und sollten dem griechischen Leser dazu dienen, diese besser zu verstehen.Dominique Lenfant: Greek Historians of Persia. In: John Marincola (Hrsg.): A Companion to Greek and Roman Historiography. Oxford u. a. 2007, S. 200ff. Allerdings sollten die Persiká des Ktesias das wohl berühmteste (und berüchtigtste) Werk dieses Genre werden.
Es handelt sich bei den Persiká des Ktesias um eine Schilderung der altorientalisch-persischen Geschichte, die von der mythischen Zeit des Königs Ninos, die ausführlich behandelt wurde, bis in die von Ktesias erlebte Gegenwart reichte. In den ersten sechs Büchern der Persiká schilderte Ktesias einführend die Geschichte des assyrischen und des medischen Reichs (dieser Teil des Werks war daher auch bekannt als Assyriaká bzw. Mediaká) bis zur Gründung des persischen Großreichs. Dabei wurden historische Personen mit mythischen vermischt und beispielsweise die sagenhafte Königin Semiramis behandelt.Dazu siehe auch König (1972), S. 34ff. Die eigentliche Geschichte Persiens wurde ab dem 7. Buch behandelt und reichte von Kyros II. bis ins Jahr 398/97 v. Chr.Zu den diversen Passagen bei Ktesias siehe Jacoby (1922), Sp. 2040ff.; König (1972), S. 34ff.
Buch 1 bis 3: Geschichte Assyriens von Ninos bis zum Fall Ninives. Ninos errichtet das assyrische Großreich (das nach Ktesias schließlich umfangreicher gewesen wäre als das Perserreich), gründet die Stadt Ninos (Ninive) und heiratet Semiramis. Semiramis gründet Babylon und führt Feldzüge bis nach Indien. Herrschaft von Sardanapalos (wohl angelehnt an Assurbanipal) und Revolte der Meder, Ende des assyrischen Reiches. Buch 4 bis 6: Medische Geschichte von der Herrschaft des Arbakes bis Astyages. Buch 7 bis 11: Kyros II. Erhebung des Kyros gegen Astyages, Sieg gegen diesen und Heirat mit Amytis. Krieg gegen Krösus von Lydien. Letzte Jahre und Tod des Kyros. Buch 12 und 13: Kambyses II. bis Xerxes I. Eroberung Ägyptens, Verschwörungen am Hof und Thronbesteigung von Dareios I. Beginn der Perserkriege, Niederlage der Perser und Ermordung des Xerxes. Buch 14 bis 17: Artaxerxes I. Rebellion in Ägypten, Eskapaden am Hof und Tod des Artaxerxes. Buch 18: Xerxes II. bis Dareios II. Hofintrigen führen zur Ermordung Xerxes’ II. Revolte des Ochos, der als Dareios II. regiert. Erfolglose Rebellionen gegen diesen und erfolglose Verschwörungen am Hof sowie Berichte über weitere Ausschweifungen. Buch 19 bis 23: die ersten acht Regierungsjahre von Artaxerxes II., Tod Dareios’ II. in Babylon, Revolte des jüngeren Kyros gegen Artaxerxes, der jedoch siegreich bleibt. Bericht über Tissaphernes und der Hilfe, die Ktesias dem gefangenen spartanischen Feldherrn Klearchos gewährt, der aber schließlich stirbt. Ktesias wirkt in diplomatischer Mission und kehrt nach Knidos zurück. Als Anhang eine Übersicht über die Entfernung von Ephesos nach Baktrien sowie eine Liste der Könige von Ninos bis Artaxerxes II.
Die Persiká sind zwar als Ganzes verloren gegangen, von dem Werk ist aber ein knapper Auszug (Epitome) in der Bibliothek des mittelbyzantinischen Gelehrten Photios erhalten, der in mehreren Handschriften überliefert ist. Friedrich Wilhelm König nahm an, dass Photios nur die Bücher 7 bis 23 im Original vorlagen; in jedem Fall ist unklar, wie getreu Photios in seinem Exzerpt wiedergab, was er bei Ktesias las.Vgl. auch Stronk (2010), S. 107ff. Ansonsten finden sich, neben einem kurzen Papyrusfragment, Auszüge aus dem Werk bei mehreren anderen Autoren. Eine gewisse Pamphila verfasste bereits im 1. Jahrhundert einen Auszug aus den Persiká in drei Büchern, wovon aber nichts erhalten ist. Einige ausführlichere Fragmente finden sich unter anderem bei Diodor, Athenaios, Plutarch (Vita Artaxerxes’ II.), Nikolaos von Damaskus und Aelian, wobei die Zuordnung der Passagen als Ktesias-Fragmente nicht immer gesichert ist. Das zweite Buch Diodors, der darin die assyrisch-babylonische Zeit schilderte (mit einem sehr geringen Wahrheitsgehalt), ist anscheinend fast ganz aus Ktesias geschöpft. Somit ist es möglich, sich ein recht gutes Bild vom Aufbau und Inhalt des ktesianischen Werks zu machen. Dinon von Kolophon lehnte sich an Ktesias an und schrieb ebenfalls eine persische Geschichte. Offenbar wurde Ktesias noch in der Spätantike und in mittelbyzantinischer Zeit gelesen, bevor seine Werke verloren gingen.Eine Auflistung der Autoren, in deren Werken Auszüge aus Ktesias nachweisbar sind, bietet Llewellyn-Jones / Robson (2010), S. 220–226.
Die Darstellungsform von Geschichte in den Persiká
Ktesias wurde durch seine Persiká bald schon als Autorität für die Geschichte des Orients betrachtet und von zahlreichen Autoren herangezogen. So beliebt die Lektüre der Persiká des Ktesias offenbar war, wenngleich schon in der Antike seine Glaubwürdigkeit nicht unumstritten war, so kritisch wird sein Werk in der modernen Forschung betrachtet (siehe Rezeption unten). Ktesias selbst behauptete, in seiner Zeit am Hof eine umfassende Kenntnis der Verhältnisse des Perserreichs und seiner Geschichte erworben zu haben. Schon aufgrund seines längeren Aufenthalts am persischen Königshof und den daraus gewonnenen intimen Kenntnissen müsste man annehmen, dass die Geschichte des Ktesias besonders zuverlässig und akkurat sei, doch trifft weitgehend eher das Gegenteil zu. Allerdings, und das ist das Hauptproblem bei jeder Beschäftigung mit dem ktesianischen Werk, muss in aller Regel ungewiss bleiben, wie genau die Fragmente das Originalwerk widerspiegeln und welche Fehler letztendlich Ktesias selbst anzulasten sind.Vgl. Stronk (2010), S. 34f.
Ktesias machte den Fragmenten zufolge jedenfalls oft ungenaue (beispielsweise lag ihm zufolge die Stadt Ninive am Fluss Euphrat und nicht, was korrekt gewesen wäre, am Tigris) oder völlig übertriebene Angaben (so zu Heeresstärken); auf chronologische Genauigkeit legte er demnach ebenfalls eher weniger Wert. So verlegte er etwa die Schlacht von Plataiai vor die Schlacht von Salamis.Fragment 13, Auszug bei Photios. Dennoch polemisiert Ktesias gegen andere Autoren, namentlich Herodot.
Schwerpunkt der Handlung bei Ktesias war offenbar der persische Königshof, wobei er ausführlich diverse Hofintrigen und Skandalgeschichten schilderte und wohl wenigstens teilweise reale Verhältnisse reflektierte. Es ist aber keineswegs gesichert, dass Ktesias mit seiner Darstellung die Absicht verfolgte, dem griechischen Leser ein negatives Bild des persischen Hofes und seiner „Dekadenz“ zu präsentieren; möglich ist durchaus, dass er vielmehr die dortigen (nicht immer einfachen) Verhältnisse pointiert darstellen wollte (Lloyd Llewellyn-Jones, siehe Bewertung). Die Schilderung nahm wenigstens stellenweise romanhafte Züge an, wenngleich Ktesias selbst sich nicht als Romancier verstand, sondern als Geschichtsschreiber. Immer wieder betonte er denn auch seine besonderen Kenntnisse, schmückte die Handlung aber literarisch reich aus.Vgl. etwa Jacoby (1922), Sp. 2063f.
In den Assyriaká werden der Mehrheitsmeinung der Forschung zufolge faktisch keine historischen Informationen vermittelt, sondern vielmehr mythische Figuren und weitgehend erfundene Handlungen präsentiert.Jacoby (1922), Sp. 2042ff.; vgl. auch den Überblick bei Stronk (2010), S. 32f. Etwas anders sieht dies jedoch etwa Lenfant, die der Meinung ist, Ktesias habe das Achämenidenreich als Folie benutzt und nach diesem Modell die Darstellung des Assyrerreichs erstellt.Siehe allgemein die Einleitung in Lefant (2004), zusammenfassend S. XLIIf. Des Weiteren nimmt Lenfant an, dass sich in den Assyriaká durchaus einige historische Elemente finden (so hinsichtlich Sardanapalos). Auch König war der Ansicht, dass Ktesias auf einheimische persische Traditionen zurückgriff und diese verarbeitete; so könnte der historische Assyrerkönig Sargon II. mit Ninos gleichgesetzt werden, wenngleich die tendenziösen persischen Berichte, die Ktesias verarbeitete, nicht mit den historischen Taten übereinstimmend seien, sondern nur Teilaspekte widerspiegeln.König (1972), S. 36f. In der Forschung wird der Wert der dortigen Erzählung in der Regel aber wie gesagt als äußerst gering bzw. als nicht vorhanden betrachtet.