mini|hochkant=1.3|Neues Plenargebäude, Entwurf von Behnisch & Partner, 2005
Das Bundeshaus in Bonn ist ein Gebäudekomplex, in dem von 1949 bis 1999/2000 die Plenarsitzungen des Deutschen Bundestages und des Bundesrates stattfanden. Das von 1930 bis 1933 errichtete Kerngebäude diente bis zum Zweiten Weltkrieg als Pädagogische Akademie Bonn der Lehrerausbildung. Nach der Entscheidung der Hauptstadtfrage 1949 zugunsten Bonns wurde es zur provisorischen Unterkunft des Bundestages und Bundesrates umgebaut und bildete den Kern des sich entwickelnden Parlaments- und Regierungsviertels. Der ursprüngliche Plenarsaal des Bundestags wurde 1987 abgebrochen und an seiner Stelle bis 1992 ein Neubau errichtet.
In den 50 Jahren als Sitz der beiden Verfassungsorgane wurde das Bundeshaus mehrfach erweitert und umgebaut, bis die Institutionen 1999 aufgrund des Hauptstadtbeschlusses nach Berlin verlegt wurden. Den Plenarsaal übernahm anschließend das Internationale Kongresszentrum Bundeshaus Bonn, das heutige World Conference Center Bonn, in dem nationale und internationale Konferenzen stattfinden. Die südlichen Gebäudeteile sind seit 2013 als Sitz des Klimasekretariats der Vereinten Nationen Bestandteil des „UN-Campus“, der neben dem Bundeshaus auch das benachbarte ehemalige Abgeordnetenhaus Langer Eugen umfasst.
Lage und Erschließung mini|Luftaufnahme des World Conference Centers und des Bundeshauses, 2011
Das Bundeshaus befindet sich im Zentrum des heutigen Bundesviertels am Platz der Vereinten Nationen (bis 2006 Görresstraße) zwischen Dahlmannstraße im Norden und ehemaliger Hermann-Ehlers-Straße im Süden in unmittelbarer Nähe des Rheins. Während die Haupteingänge der verschiedenen Gebäudeteile am Platz der Vereinten Nationen liegen, sind der Plenarsaal und der Präsidialanbau („Vizepräsidentenanbau“) auch über die Rheinpromenade (Stresemannufer) zugänglich. Erreichbar ist der Gebäudekomplex über die B 9, der direkte Weg führt über die östlich davon abzweigende Heussallee.
Geschichte
Vor 1949: Pädagogische Akademie und Parlamentarischer Rat mini|links|Bundeshaus – die ehemalige „Pädagogische Akademie“, 2006 Der Kern und Ursprung des Gebäudekomplexes wurde von 1930 bis 1933 in den Formen der Neuen Sachlichkeit nach einem Entwurf des Regierungsbaumeisters Martin Witte (1896–1930) als Neubau für die bereits bestehende Bonner Pädagogische Akademie (1926–1933) bzw. Hochschule für Lehrerbildung (ab 1933) errichtet. Die Grundsteinlegung für den Neubau erfolgte am 16. September 1930 – zwei Monate vor dem Tod Wittes. Im Sommer 1931 war der Rohbau fertiggestellt; gegen Ende des Jahres wurden die Arbeiten wegen finanzieller Schwierigkeiten für zwölf Monate eingestellt. Am 2. Oktober 1933 konnte der Neubau feierlich eingeweiht werdenKarl Gutzmer: Chronik der Stadt Bonn. Chronik-Verlag, Dortmund 1988, ISBN 3-611-00032-9, S. 178. und am Ende des Jahres die provisorische Aufnahme des Lehrbetriebs erfolgen. Die Fertigstellung der Innenausstattung und der Einrichtung zogen sich noch bis Jahresende 1938 hin. Der Neubau gliederte sich in ein langgestrecktes Seminargebäude, einen nordwestlichen Vorbau mit Hörsaal und Hausmeisterwohnung sowie dem Eingang, ein dazu rechtwinkliges rheinseitiges Aulagebäude mit innenseitigem Verwaltungstrakt und „Tagesheim“ (Aufenthaltsräume für Studenten) sowie als südöstliche Vorbauten ein weiteres Hörsaalgebäude mit Treppenhaus und eine Turnhalle.Winand Kerkhoff: Bonn verändert sich: Architektur-Akzente als Zeit-Zeichen. In: Bonner Heimat- und Geschichtsverein, Stadtarchiv Bonn (Hrsg.): Bonner Geschichtsblätter. Jahrbuch des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins, Band 55/56, Bonn 2006, , S. 327–360 (hier: S. 339 ff.).Bredenbeck, Moneke, Neubacher (Hrsg.): Bauen für die Bundeshauptstadt (=Edition Kritische Ausgabe, Band 2). Weidle Verlag, Bonn 2011, ISBN 978-3-938803-41-7, S. 25–26.
Nachdem 1948 entschieden worden war, den Parlamentarischen Rat in Bonn tagen zu lassen, wurden geeignete Räumlichkeiten zur Unterbringung des Gremiums gesucht. Die Wahl fiel dabei auf die Gebäude der Akademie, weil sie ausreichend Platz zur Aufnahme des Verfassungskonvents boten. Von September 1948 bis zur Verabschiedung des Grundgesetzes im Mai 1949 tagte er in der ehemaligen Aula der Pädagogischen Akademie. Die Alliierte Hohe Kommission suchte weiter nach einem Sitz für die zukünftigen Staatsorgane der Bundesrepublik Deutschland, auch Bonn bewarb sich und war damit eine Option in der so genannten „Hauptstadtfrage“. Frankfurt am Main, der wesentliche Konkurrent um den Hauptstadtstatus, ließ seit 1949 einen Plenarsaal errichten. Um Frankfurt zuvorzukommen, ließ Bonn durch den Architekten Hans Schwippert innerhalb weniger Monate ebenfalls einen Plenarsaal errichten, der an die zum Foyer umgebaute Turnhalle der Akademie angeschlossen wurde. Das gesamte Gebäude wurde ab Frühjahr 1949 von Schwippert zum Parlamentsgebäude umgebaut. Ende März wurde das Stahlskelett für den Plenarsaal errichtet, am 5. Mai konnte das Richtfest gefeiert werden. Am 10. Mai 1949 erhielt Bonn in geheimer Abstimmung des Parlamentarischen Rates mit 33 zu 29 Stimmen die Stimmenmehrheit und wurde somit zum „vorläufigen Sitz der Bundesorgane“ ernannt. Anfang Juli 1949 war der Plenarsaal bis auf das Gestühl fertiggestellt.
Ab dem 10. August 1949 wurde der erweiterte Komplex der ehemaligen Pädagogischen Akademie offiziell als „Bundeshaus“ bezeichnet.Reiner Pommerin: Von Berlin nach Bonn. Die Alliierten, die Deutschen und die Hauptstadtfrage nach 1945, Böhlau Verlag, Köln 1989, ISBN 3-412-12188-6, S. 172. Provisorisch kamen hier auch Landesvertretungen unter, die jedoch nur wenige Büros in Anspruch nehmen konnten. Am 7. September 1949 fand im Plenarsaal die erste Sitzung des Deutschen Bundestages und in der früheren Aula die erste Sitzung des Bundesrates statt, dessen Büros und weitere Sitzungssäle im 1949 neugebauten Nordflügel des Bundeshauses untergebracht wurden. Am 3. November 1949 wurde die Hauptstadtfrage durch den 1. Deutschen Bundestag endgültig zugunsten von Bonn entschieden.
1949–1999: Deutscher Bundestag und Bundesrat mini|Bundeshaus, 1961 mini|Bundesrat, 1990
Nachdem der Standort der Regierungsorgane abschließend festgelegt worden war, wurde das Bundeshaus als Sitz der Legislative und zweier Verfassungsorgane weiter ausgebaut. Da Bonn nur provisorische Hauptstadt bleiben sollte, wurde bei den Planungsaufträgen auf große Funktionalität und Wirtschaftlichkeit geachtet. Zu der ersten Erweiterung, die noch im Jahre 1949 ebenfalls nach Plänen Schwipperts durchgeführt wurde, zählten der Anbau eines rheinseitigen Restaurantvorbaus sowie die Errichtung eines Nord- und eines Südflügels. 1951 kamen als zweite Erweiterung des Bundeshauses an dessen südlichem Ende auf dem Fundament eines vorhandenen Luftschutzbunkers ein zunächst siebengeschossiges Abgeordnetenhaus (heute „Altes Abgeordnetenhochhaus“) und ein Zwischentrakt hinzu.Karl Heinz van Kaldenkerken, Oberstadtdirektor Bonn (Hrsg.); Friedrich Busmann: Ausbau der Bundeshauptstadt. 10 Jahre Hauptstadtvereinbarung 1975–1985. Bonn 1986, S. 47. Eine dritte Erweiterung im Jahre 1953 durch die Bundesbaudirektion umfasste einen dreiflügeligen Ministertrakt, eine Verlängerung des Plenarsaals sowie einen Fraktionsbau am südlichen Ende des Gebäudekomplexes.Angelika Schyma: »Eine kleine Stadt in Deutschland« – das Regierungsviertel der ehemaligen Bundeshauptstadt. In: Landschaftsverband Rheinland, Rheinisches Amt für Denkmalpflege: Denkmalpflege im Rheinland, , 16. Jahrgang, Nr. 2, 1999, S. 49–62 (hier: S. 53). Erst durch Übereignungsvertrag vom 9. Mai 1953 ging das Bundeshaus vom Land Nordrhein-Westfalen in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland über.Stadt Bonn, Stadtarchiv (Hrsg.); Helmut Vogt: „Der Herr Minister wohnt in einem Dienstwagen auf Gleis 4“: Die Anfänge des Bundes in Bonn 1949/50, Bonn 1999, ISBN 3-922832-21-0, S. 249–251.
1955 wurde der Sitzungssaal der Länderkammer umgebaut. Im Bundestag votierten die Abgeordneten für die bereits von Schwippert für den Plenarsaal vorgeschlagene neuartige kreisrunde Anordnung ihrer Sitze. Dies empfand die Bundesregierung jedoch als zu „modernistisch“; deshalb wurde die ursprüngliche Sitzordnung beibehalten, bei der die Abgeordneten von der Regierung abgetrennt und die Regierungsmitglieder auf einem erhöhten Podest saßen.
1967 war ein Gutachten des Regierungspräsidenten Heinrich Stakemeier, erstellt auf Weisung des Innenministers des Landes NRW, zu dem Ergebnis gekommen, dass die Stadt Bonn seit der Bestimmung zur vorläufigen Bundeshauptstadt 1949 den ihr gestellten Aufgaben, die Funktionen einer Bundeshauptstadt zu übernehmen „nicht gerecht geworden sei und auch nicht gerecht werden konnte.“Peter Stähle: Die ungenügende Hauptstadt., In: Die Zeit, 17. Februar 1967, abgerufen am 11. August 2023.
Der daraufhin erfolgte Wettbewerb Städtebaulicher Entwurf – Bauten des Bundes und ihre Integration in die Stadt Bonn wurde im Jahr 1972 entschieden. Der 1. Preis des bis dato unbekannten Büros Legge-Suwelack aus Lammersdorf, eine abstrakte Rasterstruktur von Neubauten, sah vor, die bislang über den Großraum Bonn verstreuten Ministerien bis 1985 auf zwei Hochhaus-Zentren beiderseits des Rheins zu konzentrieren und mit einer glasüberdachten Fußgängerbrücke zu verbinden.Carl-Christian Kaiser: Bauen für den Bund, Fließband über dem Fluß, in: Die Zeit, 28. April 1972, Ausgabe 17 Die Kosten eines entsprechenden Umbaus der Stadt Bonn wurden von einer Arbeitsgruppe des damaligen Bundesbauministers Hans-Jochen Vogel auf 13 Milliarden Mark geschätzt. Das Ergebnis des Wettbewerbs, an dem auch das Büro des Kölner Architekten O.M. Ungers teilnahm, wurde jedoch nicht umgesetzt.Bundeshauptstadt am Ende. in: Der Spiegel 33/73, 13. August 1973, abgerufen am 11. August 2023.
Stattdessen entwickelte sich eine dezentrale Verteilung der Regierungsbauten über das Bonner Stadtgebiet. Im Zuge der Planungen für einen Neubau von Deutschem Bundestag und Bundesrat sollte auch die „Parlamentsvorzone“ neu geordnet und dabei – dies ergaben städtebauliche Gutachten im Jahre 1978 – nach Vorbild der überbauten Görreswiese eine neue Parkanlage als „Grüne Zone“ geschaffen werden. Die dadurch entstandene lockere Bebauung im engeren Regierungsviertel um Bundeshaus und das durch Egon Eiermann 1969 fertiggestellte Abgeordnetenhochhaus, den sog. „Langen Eugen“Bundeshaus, Behnisch Bau und Langer Eugen Luftaufnahme, Ullstein Bild in: Getty Images, abgerufen am 11. August 2023., beförderte in den achtziger Jahren den Ruf nach einem größeren freien Platz, einer „Grünen Mitte“, für das Bundesdistrikt. „Die Befürworter sahen darin die Möglichkeit für die Bürger, selbst ihren Vorstellungen zur Gestaltung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens und damit ihrer Mitverantwortung für die Gestaltung der Gesellschaft Ausdruck zu geben.“Dominik Geppert: Nation mit "Bundesdorf" - Bonn und Berlin als Regierungssitze., In: Kulturgeschichte Preußens Colloquien 4 (2017), Absatz 33, abgerufen am 11. August 2023.
1986 entschied sich der Bundestag nach jahrzehntelangen Diskussionen und einer Vielzahl immer wieder verworfener architektonischer und städtebaulicher Entwürfe (u. a. von Egon Eiermann und Sep Ruf) zu einem Neubau des Plenarsaals. Trotz intensiver gegenteiliger Bemühungen der Denkmalpflege, einer Reihe von Politikern und engagierten Bürgern und einer Reihe von Gutachten, die den Altbau als sanierungsfähig darstellten, wurde der inzwischen denkmalgeschützte Alte Plenarsaal Schwipperts nach 2.168 dort bis zum 27. Juni 1986 abgehaltenen PlenarsitzungenDeutscher Bundestag: Plenarprotokoll 10/226, S. 17560 (PDF; 1,8 MB) Mitte Oktober 1987Landschaftsverband Rheinland, Udo Mainzer (Hrsg.): Jahrbuch der Rheinischen Denkmalpflege. Band 38, Rheinland-Verlag, Köln 1999, ISBN 3-7927-1700-X, S. 178. abgerissen.
mini|links|Wettbewerb „Parlamentsvorzone Bonn“, Riemann + Roy, 1988