Henry Odera Oruka (* 1. Juni 1944 in der Provinz Nyanza, Kenia; † 9. Dezember 1995 in Nairobi) gehört zu den großen Vorreitern der modernen afrikanischen Philosophie und wurde vor allem durch sein Projekt der Sage-Philosophy (Weisheitsphilosophie) bekannt. Neben Kwasi Wiredu (Ghana) und Paulin J. Hountondji (Benin) war er es, der neue Wege für die Philosophie in Afrika eröffnete, jenseits einer Gleichsetzung mit traditionellem Denken, Mythologien und Sprichwörtern und damit den Blick frei machte auf das Afrika des 20. Jahrhunderts.

Leben Henry Odera Oruka studierte zunächst Naturwissenschaften in Uppsala (Schweden), was ihm durch ein Stipendium ermöglicht wurde, wechselte dann allerdings auf Philosophie an derselben Universität. Als für seinen weiteren Lebensweg wichtigen Lehrer und Freund beschrieb er den Professor für praktische Philosophie Ingemar Hedenus. Als dieser eine Gastprofessur an der Wayne State University in Michigan (USA) annahm, verschaffte er Oruka an dieser Universität eine Stelle, was diesem erlaubte dort seinen Master abzuschließen. 1970 promovierte er an der Universität Uppsala zum Freiheitsbegriff. Er lehrte von 1970 bis zu seinem Tod an der Universität Nairobi.

Odera Oruka hat sich besonders verdient gemacht um die Schaffung einer philosophischen Infrastruktur in Afrika: Er war Mitbegründer und Gründungsvorsitzender des Philosophischen Instituts der Universität Nairobi (1980–1992) und bis zu seinem Tod Vizepräsident des „Inter-African Council for Philosophy“, sowie Vorsitzender der „Philosophical Association of Kenya“. Außerdem war Odera Oruka Mitglied im Exekutivkomitee der FISP (Fédération Internationale des Sociétés de Philosophie) und der WFSF (World Future Studies Federation). Beide Organisationen lud er 1991 bzw. 1995 zur Weltkonferenz nach Nairobi ein.

Odera Oruka gehört zu den wenigen Philosophen, die vom „International Institute of Philosophy“ (Paris) in die berühmte Reihe „Philosophers on Their Own Works“ (Bd. 14, Nr. 1, 1991) aufgenommen wurden. 1993 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Uppsala verliehen.

Neben seiner philosophischen Arbeit trat Odera Oruka wiederholt als Kritiker des Arap Moi Regimes in Kenia in Erscheinung. In vielen seiner Artikel, z. B. „The Philosophy of Liberty“ hat er sich explizit mit den Zuständen in Kenia auseinandergesetzt. Dies brachte ihm u. a. Hausarrest und Publikationsverbot ein.

Am 9. Dezember 1995 wurde er an einer der Hauptstraßen Nairobis von einem Lastwagen überfahren und tödlich verletzt. Inwieweit der Unfall dieses regimekritischen Denkers von anderer Seite verursacht wurde, konnte nie aufgeklärt werden. Fest steht, dass er in der letzten Zeit vor seinem Tod unter Druck gesetzt worden ist, aller Voraussicht nach von der kenianischen Regierung.

Philosophie Odera Oruka begann seine philosophische Arbeit und Lehrtätigkeit Anfang der 1970er Jahre in einer Atmosphäre, die geprägt war von Vorurteilen gegenüber und Abwertungen der afrikanischen Gesellschaften, Kulturen und ihrer Träger. Die Möglichkeit originärer Philosophie in Afrika wurde weithin abgesprochen. So schildert Odera Oruka, wie er 1971 als junger Assistent vom damaligen Leiter des „Department of Philosophy and Religious Studies“ an der Universität Nairobi Rev. Prof. Bischof Stephen Neill, ein Brite, mit der Meinung konfrontiert wurde: „I do not think that logic is really a subject for the African mind. We in the West are familiar with it right from the days of Aristotle. The African mind, I believe, is intuitive, not logical.“ („Ich glaube nicht, dass Logik wirklich ein Thema für den afrikanischen Geist ist. Wir im Westen sind seit den Tagen von Aristoteles damit vertraut. Ich glaube, der afrikanische Verstand ist intuitiv, nicht logisch.“) [Odera Oruka, (1990), S. 3]

Während einerseits den Afrikanern die Fähigkeit zu logischem Denken abgesprochen wurde bzw. eine „Geschlossenheit traditionellen Denkens“, d. h. eine Alternativlosigkeit zum etablierten weltanschaulichen System, behauptet wurde, versuchten andererseits die Négritude und die so genannte Ethnophilosophie den Abwertungen der afrikanischen Kultur durch das positive Besetzen von Elementen wie der Intuition oder der Kollektivität zu begegnen. Diese hält Odera Oruka für eine Art naive Flucht in die vorkoloniale Vergangenheit. Er entschloss sich, den Kampf gegen die These von der Geschlossenheit afrikanischer Denksysteme, ihrer Gemeinschaftlichkeit und ihrer radikalen Verschiedenheit vom westlich-rationalen Denken, die er als Teil einer rassistisch-kolonialen Tradition betrachtet, aufzunehmen, ohne dabei den Weg der Ethnophilosophie zu gehen, der seiner Meinung nach in eine Sackgasse führt und die Entstehung einer eigenständigen philosophischen Tradition in Afrika eher behindert als befördert.

So lassen sich in Odera Orukas philosophischem Schaffen zwei zentrale Anliegen festmachen: die Befreiung der Philosophie in Afrika von ethnologischen und rassistischen Vorurteilen und die Wiederherstellung der weisheitlichen Dimension der Philosophie, die laut Odera Oruka in den letzten Jahrzehnten eher verloren gegangen ist.

Sinn der Philosophie Diese weisheitliche Dimension besteht für Odera Oruka vor allem im ethischen Engagement der Philosophen, d. h. in dem Bemühen, ihre Philosophie zum Wohle der Gemeinschaft nutzbringend anzuwenden. Der Gedanke, dass Philosophie keine Wissenschaft im Elfenbeinturm ist, sondern beitragen müsse zu einer Verbesserung der Lebenssituation der Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten Odera Orukas. Mit Hilfe der Philosophie wollte er sozio-ökonomische Benachteiligung, rassistische Mythologien und täuschenden Schein bekämpfen. Der Ethnophilosophie wirft er unter anderem vor, dass sie diesem Anspruch nicht gerecht wird. Eine Gleichsetzung zwischen Philosophie und Mythos hält er für kritisch, da diese dazu dienen könnte die derzeitigen Lebensumstände in Afrika zu rechtfertigen, obwohl es seiner Ansicht nach das Ziel sein muss diese zu verändern.

Bewahren von Traditionen Ein zentrales Anliegen seiner Arbeit war es die Traditionen Afrikas zu analysieren um herauszufinden was erhalten werden soll und was zugunsten des Fortschritts beiseite geschoben werden muss. Vor allem für die Traditionen seines eigenen Stammes (den Luos) trat er immer wieder ein, was ihm unter anderem von feministischer Seite auch Kritik einbrachte. So sagte er bei einem Gerichtsprozess als Experte über die Luo Tradition aus, dass der Leichnam des Verstorbenen nicht nach dem Wunsch von dessen Witwe bestattet werden solle, sondern den traditionellen Luo Bestattungsregeln zu folgen sei. Laut ihm lag in diesem Fall kein Indiz dafür vor, dass der Verstorbene ein umfangreiches neues Weltbild adaptiert hätte, was ihn von den Luo Traditionen befreien würde.

Auch verteidigte er die Praxis von „ter“, was oft als Frauen Vererben bezeichnet wird. Nach dem Tod des Mannes zieht die Frau nach dieser Praxis zu einem engen Verwandten von diesem der sich um ihre Versorgung kümmern kann. Laut Oruka sei dies keine zu starke Einschränkung der Frau, da es dieser jederzeit frei stünde einen anderen Bruder oder Cousin des Verstorbenen zu heiraten. Er begründete die Legitimität der Praxis damit, dass laut der Luo Tradition die Ehe nicht mit dem Tod eines Partners endete und dies ein Weg sei dem Verstorbenen Respekt zu zollen. Wer einen Luo heirate müsse verstehen, dass damit zu einem gewissen Teil die Gemeinschaft geheiratet wird. Von einigen wird diese Tradition als wertvolles Auffangnetz gesehen, während andere sie als eine überholte patriarchale Struktur kritisieren und auch darauf Hinweisen, dass „ter“ zu erhöhten Raten von HIV in der Region führt.

Bestrafung Wie auch Hedenus stand Oruka dem Konzept der Bestrafung sehr kritisch gegenüber und trat dafür ein, dass Gesellschaften versuchen sollten Kriminellen zu helfen. Bei der Debatte warum Individuen kriminell werden, ging er sogar noch weiter als sein Hedenus, für den Umwelteinflüsse zentral waren, der aber auch noch eine individuelle Verantwortung verortete. Oruka hingegen behauptete, dass man die Kriminalität allein durch Umwelteinflüsse erklären könne.

Religion Vor allem während seiner Universitätsjahre gehörten Bertrand Russell und Ingemar Hedenus zu den zentralen Einflüssen auf sein Denken, weshalb er eine sehr religionskritische Haltung einnahm. In Orukas Augen war die Religion etwas gefährliches, dogmatisches, das auf Dauer durch Philosophie ersetzt werden sollte, um die Lebensumstände für die Menschen wirklich verbessern zu können.

Einteilung der Philosophie Afrikas Odera Oruka schlug die heute einflussreichste Einteilung der afrikanischen Philosophie vor und nimmt diese anhand von folgenden Strömungen vor.

Die professionelle Philosophie: Sind akademisch ausgebildet, nutzen logisches sowie rationales Denken und sehen Philosophie als etwas an, das dem Individuum zugehörig ist. Die Ethnophilosophie: Rekonstruiert eine bereits in afrikanischen Gemeinschaften vorhandene Philosophie. Beschäftigt sich viel mit Sprichwörtern, Werten/Normen und Märchen. Meist wird die Ideengeschichte Afrikas als etwas Gleichbleibendes angesehen, das nur von der Kolonialisierung unterbrochen wurde. Die national-ideologische Philosophie: Staatsmänner, die zusätzlich Philosophie betreiben. Die Weisheitsphilosophie: Siehe unten. 1990 erweiterte Odera Oruka die Liste um zwei weitere Einträge:

Die afrikanisch hermeneutische Strömung: Untersuchung des philosophischen Horizontes afrikanischer Begriffe. Die literarische Philosophie: Als Beispiel nannte er Wole Soyinka.

Weisheitsphilosophie Sein Gegenentwurf zur Ethnophilosophie ist sein Projekt der „Sage-Philosophy“ (Weisheitsphilosophie), in dem das Denken afrikanischer weiser Männer und Frauen (sages) auf der Grundlage eines modernen, an argumentative Kritik und subjektive Begriffsbildung gebundenen, Philosophiebegriffs dokumentiert wird. Im Rahmen dieses Projektes, das ihm auch internationale Beachtung einbrachte, versucht er das Wissen afrikanischer Weiser philosophisch nutzbar zu machen.

Das Projekt der Weisheitsphilosophie bietet Odera Oruka die Möglichkeit, auf die kolonialen Vorurteile bezüglich der Unterlegenheit der afrikanischen Kulturen bzw. auf den Mythos vom kommunalen Denken der Afrikaner zu reagieren, in dem er einzelne kritisch denkende Individuen innerhalb afrikanischer Gemeinschaften identifiziert und ihre Ansichten aufzeichnet und dokumentiert. Sein Projekt grenzt sich damit dezidiert ab von Versuchen, einen Volksglauben zu systematisieren und dann als philosophisches System zu präsentieren. Odera Oruka geht dabei von einem klar umrissenen Philosophiebegriff aus, der Philosophie als eine kritisch-reflexive Denkbewegung, die stets an Individuen gebunden ist, versteht.

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