alternativtext=Das 1902 erbaute Schauspielhaus|mini|Schauspielhaus, Ansicht von 1914 Das Schauspielhaus in Frankfurt am Main war ein 1899 bis 1902 errichteter Theaterbau am Gallustor. Der historistische Bau des Berliner Theaterarchitekten Heinrich Seeling „signalisierte mit exotisch unterfütterter Neorenaissance und einem freien Zitat der Berliner Reichstagskuppel staatstragende Bedeutung, während Jugendstildetails dezent den Willen zur Moderne andeuteten“. In den 1920er Jahren wurde es ein Zentrum des expressionistischen Theaters in Deutschland und zur „Talentschmiede für Autoren und Schauspieler“. Bei einem Luftangriff auf Frankfurt wurde das Schauspielhaus 1944 im Inneren teilweise zerstört, äußerlich blieb die Fassade nahezu vollständig erhalten.

Seit dem Wiederaufbau 1950–1951 diente es als Großes Haus der Städtischen Bühnen der Oper Frankfurt als Spielstätte. 1960 bis 1963 wurden die erhaltenen Fassadenteile ummantelt, teilweise auch abgetragen. Derart entstellt wurde der Bau dann in die Theaterdoppelanlage der Städtischen Bühnen integriert und als Oper umgenutzt. Für das neue Schauspielhaus wurde ein neuer Bau errichtet, das Schauspiel Frankfurt. Beiden Bauten wurde eine 120 Meter lange Glasfassade vorgelegt, hinter der das gemeinsame Foyer beider Bühnen liegt.

Die Städtischen Bühnen sowie die politischen Gremien der Stadt Frankfurt planen einen modernen Neubau anstelle der sanierungsbedürftigen Doppelanlage. Mehrere Initiativen setzen sich dagegen für eine Sanierung des bestehenden Gebäudes bzw. für eine Wiederherstellung des ursprünglichen Schauspielhauses ein.

Geschichte Nach der Eröffnung des prunkvollen Opernhauses 1880 diente das 1782 erbaute Comoedienhaus am Theaterplatz, dem heutigen Rathenauplatz, zunächst weiterhin als Schauspielhaus. Es war bei der Bürgerschaft sehr beliebt, aber zu klein für die seit 1782 von etwa 30.000 auf über 300.000 Einwohner gewachsene Stadt. Überdies entsprach der bescheidene klassizistische Bau nicht mehr den Repräsentationsbedürfnissen der wilhelminischen Epoche.

1899 schrieb die Stadt einen beschränkten Wettbewerb unter zwei damals bekannten Theaterarchitekten aus: Heinrich Seeling aus Berlin und Fellner & Helmer aus Wien. Seeling gewann mit einem üppig mit Skulpturen und Ornamenten geschmückten Entwurf, der an vergleichbare Großbauten wie den 1888 eröffneten Centralbahnhof und das Hauptpostamt auf der Zeil (1891) erinnerte.

Schauspielhaus miniatur|Das noch im Bau befindliche Schauspielhaus mit der Jugendstilfassade im Jahr 1902 mini|Postkarte zum Abschied vom alten Stadttheater, 1902

Am 28. August 1899, Goethes 150. Geburtstag, wurde der Grundstein für den Neubau gelegt. Das Baugrundstück lag im südwestlichen Teil der Frankfurter Wallanlagen, die eigentlich durch die Wallservitut vor Bebauung geschützt waren. Für das Schauspielhaus bewilligten die Stadtverordneten, wie bereits 20 Jahre zuvor für das Opernhaus, eine Ausnahme. Zum von Seeling entworfenen Ensemble gehörten außer dem Schauspielhaus auch ein Restaurationsgarten für das Wein- und Bierrestaurant Faust, der zur Straße mit Kolonnaden abschloss, und drei Wohn- und Geschäftshäuser an der Neuen Mainzer Straße. Für den Restaurations- und Geschäftsbau, der „lediglich zur besseren Verzinsung des Unternehmens dient und hier kein besonderes Interesse bietet“, wurde eines der schönsten klassizistischen Gebäude Frankfurts, das 1820 von Salins de Montfort errichtete Palais Grunelius, abgerissen. Die Baukosten wurden mit 1.900.000 Mark für das Theater und 560.000 Mark für den Restaurationsgarten und die Nebengebäude veranschlagt.

Am 30. Oktober 1902 nahmen die Frankfurter mit einer Aufführung von Iphigenie auf Tauris Abschied vom alten Stadttheater. Intendant Emil Claar hatte einen zwölfstrophigen wehmütigen Epilog auf das Comoedienhaus verfasst, den die Schauspielerin Charlotte Boch nach der Vorstellung vortrug. Darin ging er auch auf den Neubau ein:

Am Samstag, den 1. November 1902 hob sich der Vorhang zum ersten Mal im neuen Schauspielhaus. Auf dem Programm stand ein eigens für die Festvorstellung geschriebenes Vorspiel von Ludwig Fulda, dem der Prolog und der erste Akt von Faust I sowie Wallensteins Lager folgten.Sabine Hock:

In den Zeitungen fand der Neubau differenzierte Anerkennung: „Seeling bedient sich, durch die Modeströmungen nicht beirrt, der ihm eigenthümlichen wohllautenden Sprache, einer Abwandlung der italienischen Hochrenaissance, die unter Vermeidung klassicistischer Gemeinplätze dem Barock zuneigt und bei aller Prachtentfaltung, wie sie dem großstädtischen Theatergebäude zukommt, edles Maß zu halten nie unterlassen wird.“ Ludwig Bernoully erinnerte an den Sturm der Entrüstung, den die Übertragung des Auftrages an die „Theaterfabrik Seeling“ in der deutschen Architektenwelt entfachte und bemängelte die fehlende Originalität des Entwurfes: „Frankfurt stellt sich ein Theater hin, genau so wie andere Seelingsche Theater im deutschen Vaterlande stehen...es berührt mich wie eine Person, die ich wieder treffe und mit der ich mich früher schon einmal sehr gelangweilt habe.“ Ein anderer Kritiker stellte fest: „Der Genius der Hochbesteuerten verkörpert sich darin und nicht das kleinste Teilchen der Erinnerung an einen Semper oder Visconti. Ich möchte freilich denjenigen sehen, der mir den Aufbau und den Aufputz künstlerisch rechtfertigen könnte, so wie er sich an der Seite der Friedensstraße abhebt.“

Abgesehen von Kritik an der Akustik wurde das Haus von den Bürgern gut angenommen. Für Spott sorgte die zu schmal gebaute Vorfahrt, deren Pfeiler nachträglich versetzt werden mussten, damit die Equipagen der Besucher hindurchpaßten. Von 1902 bis 1944 diente der Bau als Spielstätte des Schauspiels Frankfurt, einer Sparte der Städtischen Bühnen. Das Schauspielhaus war Ort zahlreicher Erst- und Uraufführungen, so des Theaterstücks Fiorenza von Thomas Mann am 11. Mai 1907, der Hochzeit von Bertolt Brecht 1926 und der Komödie Zero von Fritz von Unruh 1932. Während der Zeit der Weimarer Republik stand das Schauspielhaus unter der Leitung von Richard Weichert (1920–1929), der ein Schüler Max Reinhardts war, und von Alwin Kronacher (1929–1933). Damals galt das Haus als ein Zentrum des expressionistischen Theaters in Deutschland, unter anderem durch die Bühnenbilder von Ludwig Sievert, und als „Talentschmiede für Autoren und Schauspieler“.

Bei dem schweren Tagesangriff vom 29. Januar 1944 der United States Army Air Forces brannte das Schauspielhaus aus, blieb aber in seiner Rohbausubstanz weitgehend erhalten. Der Bühnenturm war eingestürzt und hatte die gesamte Bühnentechnik zerstört. Galerien und Ränge des Zuschauerraums sowie Garderoben, Gänge und Treppenhäuser waren verwüstet. Lediglich der Malsaal war weitgehend unversehrt geblieben. Am selben Tag wurde auch das Opernhaus so schwer beschädigt, dass kein Spielbetrieb mehr möglich war.

Großes Haus der Städtischen Bühnen mini|Großes Haus nach Wiederaufbau, 1952 oder 1953

Im September 1945 begann das Schauspiel Frankfurt mit einem provisorischen Spielbetrieb in den wenigen unzerstörten Sälen Frankfurts, vor allem im Börsensaal. Bereits im Juni 1946 erklärte Oberbürgermeister Kurt Blaum, dass an einen Wiederaufbau des Opernhauses vorerst nicht zu denken sei. Stattdessen solle die Oper in das bisherige Schauspielhaus verlegt werden, das eventuell später zu einem gemeinsamen Haus für Oper und Schauspiel ausgebaut und durch einen Flügelanbau ergänzt werden könne. Die Opernhausruine könne später, gemäß einem schon im Frühjahr 1946 veröffentlichten Vorschlag, zu einem Kongresszentrum mit einem Konzertsaal für 2000 Besucher umgestaltet werden.Albert Richard Mohr: Das Frankfurter Opernhaus 1880–1980. Kramer, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-7829-0232-7, S. 300–301.

1948 entschied der Magistrat, das Schauspielhaus als Spielstätte für die Oper Frankfurt wiederaufzubauen. Die Stadt konnte und wollte in Anbetracht anderer dringlicher Wiederaufbauprojekte zunächst nur wenig Geld für die Wiederherstellung des Kulturbetriebes ausgeben. Anfang 1950 wurde der Wiederaufbau durch die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung trotzdem gestoppt und beschlossen, den Spielbetrieb der Städtischen Bühnen vollständig einzustellen. Erst nach massiven öffentlichen Protesten (u. a. wurden rund 50.000 Unterschriften für den Erhalt und Wiederaufbau der Städtischen Bühnen gesammelt) fiel im Oktober 1950 der Beschluss zum Weiterbau. Vollständig neu errichtet wurde dabei das Bühnenhaus, das die damals größte Drehbühne Europas erhielt. Auch Zuschauerraum und Innenräume wurden neu gestaltet, während die Fassade zum Theaterplatz weitgehend erhalten blieb. Am 23. Dezember 1951 wurde der Neubau als Großes Haus der Städtischen Bühnen eingeweiht. Die Baukosten betrugen über 10 Millionen DM, anstelle der zuvor veranschlagten 8,15 Millionen. Trotz der dadurch entstandenen öffentlichen Empörung erwies sich das Haus als großer Erfolg, da sowohl Ensemble als auch Publikum eine Aufbruchstimmung nach über 7 Jahren Provisorium verspürten. Eine Vereinbarung sah vor, das Große Haus überwiegend für die Oper und nur an zwei Abenden der Saison für das Schauspiel zu nutzen. Das Schauspiel musste daher weiterhin im Börsensaal spielen.

Theaterdoppelanlage der Städtischen Bühnen mini|Im Innenhof vor dem Bühnenturm sind bis heute Fassadenelemente des ehemaligen Schauspielhauses zu erkennen (2007)

1956 begannen erste Planungen, das Große Haus zu einer sogenannten „Theaterdoppelanlage“ auszubauen, die Oper und Schauspiel unter einem Dach vereinen sollte. Als Standort bot sich das Nachbargrundstück des ehemaligen Restaurationsgartens und der Gebäudetrakt an der Neuen Mainzer Straße an, die seit Kriegsende Ruinen waren. 1960 wurde dort zunächst eine neue Spielstätte („Kleines Haus“) für das Schauspiel errichtet, später noch ein kleines Kammerspiel. Insgesamt boten die drei Spielstätten der Städtischen Bühnen nun Platz für 2540 Zuschauer.

1962 wurden das Portal des alten Schauspielhauses von 1902 abgetragen und beiden Gebäudeteilen ein breites Foyer mit einer 120 Meter langen Glasfassade vorgelegt. Unter der Decke des Foyers hängt – über die ganze Breite des Gebäudes – die Plastik „Goldwolken“ des ungarischen Künstlers Zoltán Kemény (1907–1965). Marc Chagall (1887–1985) malte 1959 im Auftrag der Stadt für das Foyer das Gemälde „Commedia dell’Arte“.

1963 war die neue Doppelanlage fertiggestellt. Im Großen Haus spielt seitdem die Oper Frankfurt, im Kleinen Haus das Schauspiel Frankfurt. Am 12. November 1987 brannte der Bühnenturm der Oper bei einem Feuer, das von einem Obdachlosen verursacht wurde, vollständig aus. In der Zeit, in der das Haus zerstört war, war die Oper im benachbarten Schauspiel beheimatet, und das Schauspiel seinerseits im Bockenheimer Depot. Die Oper wurde in unveränderter Form wieder aufgebaut und 1991 wieder in Betrieb genommen.

Architektur Äußeres mini|Kolorierte Ansicht mit dem Kuppelbau des Bühnenturms, 1906 Das Schauspielhaus erhielt eine in hellem Sandstein ausgeführte Schaufassade zum Gallustor mit zwei Eckrisaliten auf quadratischem Grundriss mit obeliskartigen Hauben. Zwischen diesen Pylonen sprang ein dreiachsiges Giebelportal mit hohen Rundbogenfenstern im Hauptgeschoss vor. Dem Portal war eine Unterfahrt mit Altan vorgelagert, der von dorischen Pfeilern und Säulen getragen wurde. Das Relief im Dreiecksgiebel, eine allegorische Darstellung der Poesie mit ihren Töchtern Tragödie und Komödie, war ein Werk des Frankfurter Künstlers Augusto Varnesi. Die Fassaden der von Schwanenfiguren gekrönten Eckpylone waren mit Büsten von Goethe und Schiller geschmückt, die Simse unterhalb der Dachhauben mit dem Frankfurter Stadtwappen. Die Fassaden der beiden Seitentrakte erhielten Blendnischen, die mit den Rundbügen des Portals korrespondierten. In den Nischen befanden sich Reliefallegorien der Dichtung und der Rhetorik.