Die Stadt hinter dem Strom ist ein 1947 in Berlin erschienener Roman des Schriftstellers Hermann Kasack. Das existentialistische Werk steht in der Tradition von Kubins Roman Die andere Seite und gehört zu den bedeutenden Romanen der deutschen Nachkriegsliteratur. Der Autor erhielt 1949 für dieses Werk den Fontane-Preis. Hans Vogt komponierte nach dem Werk eine Oper in 3 Akten, welche am 3. Mai 1955 in Wiesbaden uraufgeführt wurde.

Handlung

Hauptfigur des Romans ist der Orientalist Dr. Robert Lindhoff, der mit dem Zug in eine ihm noch unbekannte Stadt reist, da er einen Brief der dortigen Präfektur erhalten hat, die ihm eine besondere Stellung innerhalb der Verwaltung anbietet. Eine Brücke spannt sich über den breiten Grenzfluss kurz vor der Endstation. Hier fährt er mit einer Straßenbahn bis zur letzten Haltestelle. Niemand erwartet ihn. An einem Platz füllen Mädchen und Frauen ihre Kannen an einem Brunnen; eine von ihnen bedeutet ihm, ihr zu folgen. Sie erinnert ihn vage an seine Geliebte Anna Mertens, und er begleitet sie zu einer Nische in einem Kellergewölbe, in der er seinen Koffer abstellt. In den Räumen daneben haben sich viele Menschen zu einem Essen versammelt. Unvermittelt trifft er seinen Vater, den er tot geglaubt hatte. Der Justizrat begrüßt ihn freudig und teilt ihm mit, dass er den Scheidungsprozess Mertens gegen Mertens bearbeite, der hier in zweiter Instanz verhandelt werde. Als die schrille Glocke eines Weckers ertönt, wird Robert im Gedränge der Aufbrechenden von seinem Vater getrennt und versucht, sich in dem Labyrinth zurechtzufinden. Schließlich gelangt er zur Präfektur und erfährt von dem Hohen Kommissar, dass ihn hier das Amt eines Archivars und Chronisten erwarte, um die Gebräuche und Eigentümlichkeiten der Stadt und das Schicksal ihrer Bewohner aufzuzeichnen. Ihm wird ein Ausweis ausgehändigt, der ihm überallhin Zutritt gestattet, sowie ein Quartier-, Essens- und Kaufschein. Diensträume befänden sich im Alttor.

Auf seinem Weg zu dem Gasthof, der ihm empfohlen wurde, fällt ihm der marode Zustand der Stadt auf: Es gibt nur wenige intakte Gebäude, die Wände haben Risse, leere Fassaden und nackte Außenmauern mit kahlen Fensterreihen wie nach einem Bombenangriff ragen in die Höhe, die Straßen sind vernachlässigt. Es scheint, als wäre ein Krieg oder eine Naturkatastrophe über die Gegend hereingebrochen. Eine Frau schrubbt mit Hingabe die Bretter, die an Stelle der Fenster eingesetzt waren, als ob es sich um Glasscheiben handelte. Es ist eine sinnlose Tätigkeit ohne erkennbaren Nutzen. Im Gasthof bekommt er ein Zimmer zugewiesen und lässt während des Essens, das aus Suppe und verschiedenen Salaten und Gemüsen besteht, eine langwierige Zeremonie über sich ergehen. Er ist der einzige Gast. In einem der unterirdischen Gänge trifft er unvermutet seinen Jugendfreund, den Maler Walter Katell. Sie begrüßen sich herzlich und Katell erzählt, dass er den Auftrag hat, einige alte Fresken instand zu setzen. Als der Maler jedoch erfährt, dass Robert als Archivar eingestellt ist, wird die Beziehung merklich distanzierter. Die beiden beobachten beim Weitergehen Frauen, die imaginäres Hab und Gut begutachten und die eingebildeten Besitztümer in nicht vorhandene Truhen und Schränke einordnen, bis wiederum ein Weckersignal ertönt und sie sich zerstreuen. Katell, der die rätselhafte Szene in seinem Skizzenbuch festgehalten hat, sagt, dass die Trainingsstunde zu Ende sei.

Am nächsten Tag begibt sich Robert zu seiner neuen Arbeitsstelle im Alttor und wird von Perking, einem der Beamten des Archivs, empfangen. Dieser unterrichtet ihn über den Zweck des Archivs, nämlich Schriftstücke aus allen Zeiten und Kulturen zu sammeln, zu überprüfen und über Wert und Unwert zu entscheiden. Das Urteil spräche sich selbst; so würden Schriften, die nicht genügend Geist oder zu viel Privates und Subjektives enthielten, automatisch aussortiert. Im Alttor befindet sich auch ein Arbeits- und Schlafraum für Robert mit einem geheimen Zugang zu einem der Katakombenwege, der über eine Falltüre erreichbar ist. Für die Chronik erhält er einen dicken Leerband. Aus dem Fenster blickend, gewahrt er einen Zug mit Kindern, gesäumt von vielen Zuschauern, wobei ihm einfällt, dass er in der Stadt nirgends Kinder gesehen hat. Als er Anna vor dem Tor entdeckt, eilt er auf sie zu und geht mit ihr zum Brunnenplatz. Seit ihrer Fahrt ins Gebirge hatte er nichts mehr von ihr gehört. Erstaunt entdeckt er, dass ihr Schatten eine Spur heller ist als seiner. Anna wird daraufhin kurz ohnmächtig. Als er ihren Puls fühlen will, bemerkt er einen dicken Verband an ihrem Handgelenk. Wieder erholt, zieht sie Schuhe und Strümpfe aus und taucht ihre Füße ins kühle Brunnenwasser. Sie verabreden sich für später, wobei Robert ihre Sachen bis dahin verwahren soll. Er betritt einen Dom, in dem Ritter, Fürsten und Heilige unbeweglich auf Podesten stehen. Nach einem Signal löst sich die Starre der Abbilder und sie verlassen das Kultgebäude; es stellt sich heraus, dass Bewohner der Stadt die Figuren in einer „Übungsstunde“ dargestellt hatten. Annas Schuhe und Strümpfe bleiben auf einem Sockel zurück, wo Robert sie hingelegt hat.

Tags darauf richtet er sich im Archiv ein; ein junger Bücherpage hat sein Essen aus dem Gasthof geholt. Am Brunnenplatz trifft er Anna. Sie darf von einem Gemeinschaftsquartier in die Erbvilla ihrer Eltern übersiedeln. Robert begleitet sie dorthin und wird ihren Eltern vorgestellt. Anna bezieht ihr Zimmer und spricht mit Robert über ihr Kennenlernen und ihre jeweiligen Ehepartner: Als Anna mit einem perforierten Blinddarm in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, operierte sie ein Arzt erfolgreich und heiratete seinen „Fall“ praktisch vom Krankenbett weg. Robert war damals oft Gast beim Ehepaar Mertens, er verliebte sich in Anna, und sie sich in ihn. Unvermittelt erscheint Roberts Vater in Annas Zimmer, um den Scheidungsprozess wieder aufzurollen, doch erfährt er, dass sein Sohn und Anna ein Liebespaar waren, wenn auch nur platonisch. Seine Rolle ist damit zu Ende; die Aufenthaltsberechtigung wird ihm entzogen.

Im Gasthof befehligt ein neuer Patron, der alte wurde abgeholt. Robert übersiedelt nun ganz ins Archiv. Dort sucht er den Siegelbewahrer Meister Magus im tiefsten der unterirdischen Stockwerke auf. Dieser befindet sich am längsten hier; ihm sind die geheimen Protokolle anvertraut. Der Archivar bekommt erste Einblicke in die Arbeit des Archivs und insbesondere in die Bewahrungsdauer der Schriftstücke. Er betreibt vorerst private Studien zu seinem ehemaligen Wissensgebiet, indem er sich in alte Überlieferungen, Riten und Legenden vertieft. Der junge Bücherpage Leonhard erinnert ihn von ferne an einen Mitschüler, der im Alter von 17 Jahren im Meer ertrunken war. Das anfangs steife Verhältnis lockert sich allmählich, und der junge Mann steht immer mehr zu seiner Verfügung. Bei einem seiner Erkundungsgänge gelangt er in noch unbekannte Bezirke, wo die Zerstörung größere Ausmaße erreicht hat. Er gerät auf einen Platz mit Magazinen, Kaufhallen und Händlern, die gebrauchte Kleidung und Dinge des täglichen Bedarfs feilbieten. Robert erwirbt einen Spitzenschal für Anna und einen Wanderstock für sich gegen einen Abschnitt seiner amtlichen Kaufkarte. Er beobachtet einen regen Tauschhandel, bei dem eine Jacke gegen Stiefel den Besitzer wechselt; neue Tauschangebote werden gemacht und Robert wird schließlich zum Schiedsrichter bestellt. Schal und Stock werden ihm dabei entrissen, und am Ende befindet sich jeder wieder im Besitz seines alten Stückes. Robert sieht sich um seine Käufe geprellt.

Er trifft Anna, die er lange nicht mehr gesehen hat, in der Erbsiedlung, und sie teilt ihm mit, dass der Reiseverkehr in letzter Zeit zugenommen hat. Am Heimweg entdeckt er in dem Katakombengang den Zugang zu der Falltüre und die Strickleiter, die zu seinen Räumen führt. Er weist Leonhard an, stets zwei Gedecke und eine zweite Kanne Wein bereitzustellen.

Mit Katell besucht er eine Fabrik zur Produktion von Kunststeinen. Sie werden durch die Werkhallen geführt und beobachten das Herstellungsverfahren, wobei der angelieferte Staub zu Brei erhitzt und die Masse in ein Drahtgeflecht gegossen wird. So werden unzählige Steinwürfel hergestellt, deren Verwendungszweck Robert nicht klar ist. Die beiden besichtigen anschließend die Gegenfabrik, in welcher Steine zu Staub zermahlen werden; das Material für die Zerkleinerung erhält die Fabrik von der ergänzenden Hälfte – ein Sinnbild für die Vergeblichkeit allen Tuns und den Erhalt der Materie; die Fronarbeit der Menschheit wird damit versinnbildlicht. Als er zurück ins Archiv möchte, gerät er in eine alte Sackgasse, wo er sich selbst in vielfacher Variation und Verkleinerung findet. Wie in einem Spiegelgefängnis entstehen immer neue Figuren, die das, was er dachte, vollziehen. Schließlich findet er verstört aus dem Labyrinth heraus, wo ihn Katell erwartet und mit ihm in die Stadt zurückgeht. Zwar macht er sich einige Notizen über seine Erlebnisse, reißt jedoch die beschriebenen Seiten wieder aus dem Chronikband heraus. Auf Anregung von Perking hält er Sprechstunden für die Bevölkerung ab und hört sich geduldig persönliche Anliegen oder Beschwerden an. Ein Musiker, der die Aufführung einer seiner Sinfonien anregt, scheitert daran, dass er keine Melodien und keinen Gesang mehr zuwege bringt – in der Stadt gibt es offensichtlich keine Musik. Die gesammelten Werke eines Schriftstellers zerfallen vor Roberts Augen zu Staub.

Bisweilen greift der Protagonist aktiv in das Stadtgeschehen ein, so bei einer Versammlung von misshandelten und gefolterten Menschen, die an Christenverfolgungen, Hexenprozesse und Massenausrottung von Andersdenkenden, Andersgläubigen und fremden Völkern erinnert, vor allem aber an den Holocaust. Schwarzgekleidete Gestalten rechtfertigen ihre Handlungen als Dienst der jeweils herrschenden Regierung im Namen einer Idee und des Glaubens an die Macht des Staats, der Religion oder des Geldes. Nachdem Robert eine Rede gehalten hat, sacken die schwarzen Popanzen in sich zusammen. Als Dank bekommt er eine Schriftenrolle mit Protokollen der Schrecksekunde, die im Augenblick des Todes entstanden sind. Rasende Kopfschmerzen plagen ihn, und wie lange er schon hier ist, weiß er nicht mehr. Er hat jegliches Zeitgefühl verloren. Die Zahl der Ankommenden steigert sich seit einiger Zeit, eine vorzeitige Räumung der Stadt wird erwartet.

Als er Anna wieder trifft, führt er sie über die Falltüre in seine Kammer. Leonhard hatte alles für ein intimes Zusammensein vorbereitet: Wein, Essen, Kerzen. Anna zeigt ihm den Schnitt in die Pulsader, den sie sich bei ihrer Fluchtreise ins Gebirge aus innerem Schuldgefühl und Verzweiflung über ihre Lage beigebracht hat. Nun endlich erfüllen sie sich ihre Liebe. Mitten in ihrer Umarmung schreckt Anna plötzlich hoch und erkennt voller Grauen, dass er im Gegensatz zu ihr lebt und macht ihm damit klar, dass er sich in der Stadt der Toten befindet. Robert entdeckt, dass sie durch ihre Wunde freiwillig aus dem Leben schied und über den Strom kam, der die Lebenden von den Toten trennt. Sie fällt in einen schlafähnlichen Zustand, woraus sie erst am Morgen ermattet erwacht. Beim Frühstück bittet sie ihn drei Mal, sie ins Leben mitzunehmen, wenn er zurückgeht. Er verspricht, sie nach Hause zu begleiten, möchte jedoch vorher im Archiv nach dem Rechten sehen. Anna wartet eine Zeitlang auf ihn, doch er kommt ihr nicht nach. Als sie schließlich ins Erbhaus zurückgeht, wirft sie keinen Schatten mehr. Die Villa ist von fremden Ankömmlingen besetzt und ihr bleibt nur eine kleine Kammer. Nunmehr im Besitz der Wahrheit, erkennt Robert auch in Leonhard seinen ehemaligen Schulkameraden, der 17-jährig hierher kam, und dass die Toten in diesem Zwischenreich verweilen, wenn sie noch eine Funktion zu erfüllen haben oder etwas zu Ende bringen wollen.