Johann Georg Schnitzer (* 1. Juni 1930 in Freiburg im Breisgau; † 3. Dezember 2023 in Friedrichshafen) war ein deutscher Zahnarzt und Sachbuchautor. Er bezeichnete sich selbst als Forscher.Johann Georg Schnitzer: Dr. Schnitzer’s Geheimnisse der Gesundheit – Vorbeugung und Heilung von Krankheiten durch Gesundheit. Friedrichshafen 2012 (Online). Schnitzer war darüber hinaus Entwickler verschiedener Getreidemühlen mit Steinmahlwerk. Seit den 1970er Jahren propagierte er die nach ihm benannte Schnitzer-Kost. Diese rohkostbetonte, vegetarische Diät wurde von Schnitzer mit einem Präventions- und Heilungsversprechen bezüglich diverser Erkrankungen verbunden. Zur Begründung vertrat er alternative Theorien über die Pathogenese und Pathophysiologie dieser Erkrankungen und formulierte zugleich Kritik an der etablierten Medizin. Schnitzer war Gegner von Amalgamfüllungen und Fluoridierung und lag u. a. darüber im Streit mit Standesorganisationen.Heinz Scholz: Geschichten, die Dr. Johann Georg Schnitzers Leben schrieb. In: Textatelier, 2005 (Online).

Leben und Werk Johann Georg Schnitzer wurde als Sohn des Zahnarztes Otto Schnitzer und dessen Frau Frieda (geborene Grösinger) geboren.Johann Georg Schnitzer: Untersuchungen über die Abrasions- und Reinigungswirkung verschieden grober Zahnreinigungsmittel. Inaugural-Dissertation, Freiburg 1956. Er besuchte die Schule in St. Georgen und in Villingen im Schwarzwald, wo er 1950 das Abitur ablegte. Ab 1950 studierte er Zahnmedizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Das Studium enttäuschte ihn insofern, als er dort wenig über den Zusammenhang zwischen der Ernährung und dem Auftreten der Zahnkaries erfuhr. Er beendete das Studium nach vier Jahren mit dem Staatsexamen und arbeitete danach fast ein Jahr in der väterlichen Praxis in St. Georgen. 1955 begann Schnitzer seine Assistenzzeit im schweizerischen Zweisimmen, von wo aus er nach Solothurn wechselte. Die Promotion zum „Dr. med. dent.“ beendete er 1956 mit der Arbeit Untersuchungen über die Abrasions- und Reinigungswirkung verschieden grober Zahnreinigungsmittel. Auf Bitten des Vaters trat Schnitzer 1958 in die väterliche Praxis in St. Georgen ein. Diese Anstellung empfand er jedoch nicht als zufriedenstellend: Er hatte zu wenig Freiheit in der Patientenbehandlung und bekam nur ein geringes Gehalt. Daraufhin begann Schnitzer mit der Entwicklung zahntechnischer Modell- und Abdruckmassen. Die verkaufte er erfolgreich über die 1958 gegründete Firma „Val S. Gallé“. Schnitzer war in erster Ehe mit Waltraud Gallé verheiratet.Jörg Melzer, S. 326f.

Anregung, sich mit dem Zusammenhang zwischen Ernährung, Zahnkaries und Gesundheit im Allgemeinen zu beschäftigen, fand er u. a. in den Büchern von Weston Price, Adolf Roos, Hertha Hafer und Theo Lammers.Johann Georg Schnitzer: Gesunde Zähne ..., 1965, S. 15–28. Sein Vater besaß das 1950 erschienene Buch Der Vollwert der Nahrung von Werner Kollath und hatte sich bereits 1925 in der eigenen Doktorarbeit mit Aspekten der Zahnkaries beschäftigt. Mit dem Schweizer Zahnarzt Adolf Roos, der wie einige andere die Zusammenhänge zwischen Ernährung einerseits und Zahnverfall und allgemeiner Gesundheit andererseits erforschte, entstand ein reger Briefwechsel. In den folgenden Jahren knüpfte Schnitzer Kontakte zu Personen und Organisationen, die im weitesten Sinne der Lebensreformbewegung zugerechnet werden können. Unter anderem nahm Schnitzer im Herbst 1961 an einer Tagung teil, wo er einen Vortrag des Präsidenten der Internationalen Gesellschaft für Nahrungs- und Vitalstoff-Forschung (IVG), Hans Adalbert Schweigart, hörte. Im Januar 1962 wurde er Mitglied in der IVG, der neben Kollath u. a. auch Ralph Bircher, Max Otto Bruker, der Jurist Erich Fechner, Helmut Mommsen, Anton Gordonoff, Linus Pauling und Douw G. Steyn angehörten.Vitalstoffe, Zivilisationskrankheiten. Band 8 (1963) Beim 9. Konvent der Vitalstoffgesellschaft im September 1963 in Lindau präsentierte Schnitzer sein Mönchweiler Projekt im Rahmen der Diskussion zum „Problem der Fluoridierung“,Internationaler Vitalstoffkonvent 1963. In: Vitalstoffe, Zivilisationskrankheiten. Band 8, 1963, S. 82.Johann Georg Schnitzer: Beispiel einer Kariesprophylaxe. In: Vitalstoffe, Zivilisationskrankheiten. Band 8, 1963, S. 230. ein Jahr später auch bei einem Symposium des „Schweizerischen Aktionskomitees gegen Fluorzwang.“Mit oder ohne Fluor gegen Zahnkaries? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24. November 1964, S. 11Johann Georg Schnitzer: Gesunde Zähne..., 1965, S. 54. Ab 1968 wurde Schnitzer als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Vitalstoffgesellschaft gelistet.Vitalstoffe, Zivilisationskrankheiten. Band 13, Heft 1, 1968.

Aktion Mönchweiler Im Jahr 1962 übernahm er die väterliche Zweitpraxis im Nachbarort Mönchweiler und wurde im Rahmen seiner zahnärztlichen Tätigkeit mit kariesbedingten Zahnschäden schon bei Kleinkindern konfrontiert. Unter den Dreijährigen war Schnitzer zufolge „kaum ein Kind ohne Zahnschäden“. Er führte dies auf das „Schlemmerleben“ jener Zeit zurück, wozu er „das feine Essen, weisses Brot, süsses Gebäck, Schleckereien, Eiscreme, Schokolade usw.“ zählte. Damit wollte er sich nicht abfinden.Johann Georg Schnitzer: Wie es zur Entwicklung dieser Vollkornrezepte kam. Friedrichshafen 2003 (Online). Aufgrund des schlechten Gebisszustandes der Dorfjugend führte Schnitzer von 1963 bis 1969 in Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister der Gemeinde Mönchweiler eine Aufklärungsstudie durch – von ihm selbst mit dem Gedanken an überregionale Übertragbarkeit „Gesundheit für unsere Jugend“ genannt,Johann Georg Schnitzer: Der Gesundheit auf den Zahn gefühlt von der Presse als „Aktion Mönchweiler“ bezeichnet.Herbert Warning: „Aktion Mönchweiler.“ In: Reform-Rundschau. Oktober 1963; Wird Mönchweiler in der Zahnmedizin Geschichte machen? In: Südkurier. Nr. 242, 18. Oktober 1963.Jörg Melzer, S. 331. Hierbei bemühte er sich um eine Einschränkung des Angebots an Süßwaren und propagierte auf Anregung Kollaths die Ernährung mit Vollkornprodukten. Auf Vorschlag des Bürgermeisters und nach einem Vortrag Schnitzers stimmte der Gemeinderat der Beilage von Informationsblättern im örtlichen Gemeindeblatt zu.

Die Bezirkszahnärztekammer Südbaden (Freiburg) sah hierin allerdings unerlaubte Werbung für die Zahnarztpraxis von Schnitzer. Knapp vier Wochen nach Verteilung des ersten Blattes der Gesundheit für unsere Jugend genannten Reihe leitete die Kammer ein Berufsgerichtsverfahren gegen Schnitzer ein. Auch dadurch wuchs sein Bekanntheitsgrad, denn Zeitungen, Radio- und Fernsehsender berichteten über die „Aktion Mönchweiler“ und die Reaktion darauf. Mehrere Lebensreformer wandten sich an Schnitzer. Mit dem IVG-Mitglied Werner Kollath kam es zu einem jahrelangen Briefwechsel. Bei der Hauptverhandlung vor dem Berufsgericht im November 1963 trat Kollath als Gutachter auf. Auch Max Otto Bruker, mit dem Schnitzer seit Anfang 1963 in schriftlichem Kontakt stand, und Helmut Mommsen waren anwesend, um ihn im Verfahren notfalls zu unterstützen. Schnitzer erhielt einen Verweis, da manche seiner Äußerungen in Interviews beleidigend gegen die Kammer gewesen seien.Feldversuch Ernährungsaufklärung Dr. Schnitzer, Mönchweiler. Laufzeit 1963–1971. Bundesarchiv Koblenz, B 189 34100. Eine Bestrafung wegen der „Aktion Mönchweiler“ wurde vom Berufsgericht hingegen abgelehnt. Allerdings legte die Bezirksärztekammer Berufung gegen die Entscheidung ein, da sie das Strafmaß für zu gering befand. Das Landesberufsgericht lehnte diesen Antrag im März 1964 ab.Jörg Melzer, S. 330.

Laut Schnitzer hat das Mönchweiler Experiment ergeben, dass die Kost, verbunden mit einer Einschränkung des Konsums von Süßigkeiten, das Risiko von Zahnkaries bei Kindern signifikant verringert.Johann Georg Schnitzer: Zahnkaries-Ursachen. Friedrichshafen 2002 (Online). Erste Ergebnisse veröffentlichte Schnitzer 1965 in seinem Buch Gesunde Zähne von der Kindheit bis ins Alter durch richtige Ernährung, ein Gradmesser allgemeiner Gesundheit, das in mehreren erweiterten Auflagen (1967, 1973, zuletzt 2017 Online) veröffentlicht wurde. Nach der Untersuchung von 220 bis 280 Kindern (auf freiwilliger Basis) berichtete er 1967 Kariesrückgänge von 93 % bei 1– bis 3-jährigen Kindern, von 40 % bei 3– bis 6-Jährigen, von 10 % bei 6– bis 10-Jährigen und von 22 % bei 10– bis 14-Jährigen.Johann Georg Schnitzer: Heilung der Kariesanfälligkeit durch zahnärztliche und Ernährungsmaßnahmen. In: Vitalstoffe – Zivilisationskrankheiten. Band 12, 1967, S. 54–56 und S. 57: Rückgang der Zahnfäule in Mönchweiler im Schwarzwald. In einer Zwischenbilanz nach 5 Jahren teilte er 1969 Kariesreduktionen von 100 % bei 0- bis 3-Jährigen, 86,5 % bei 3– bis 6-Jährigen, von 31 % bei 6– bis 10-Jährigen und 36,5 % bei 10- bis 14-Jährigen mit und erklärte: „Die Mönchweiler Erfahrungen zeigen schon heute, dass es bei geeigneter Aufklärung durchaus möglich ist, einen tiefgreifenden Wandel der Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung zu erreichen. Wer das heute noch bestreitet, hat es selbst entweder überhaupt nicht oder auf untaugliche Weise versucht.“J. G. Schnitzer: Kariesdämmerung – Zwischenbilanz der Aktion Mönchweiler nach 5 Jahren. In: Diaita. Band 15, Nr. 1, 1969, S. 15–18. Eine so radikale Umstellung der Ernährung mit weitgehendem Verzicht auf Süßigkeiten war jedoch nur wenige Jahre erfolgreich. Bald nachdem die Aktion nach 6 Jahren eingestellt worden war, lief die Ernährung in alten Bahnen und der Kariesbefall stieg wieder an.Das ruhmlose Ende der Aktion Mönchweiler. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 63, Nr. 15, S. 706–710. Siehe dazu auch J. G. Schnitzer: Aktion Mönchweiler kein Mißerfolg – aber die Fluorprophylaxe. Gegendarstellung zu den Artikeln von Binder, Wahl und Hippchen in den Zahnärztlichen Mitteilungen. St. Georgen 1973. Seit Beginn der Aktion suchte Schnitzer in einem regen Briefwechsel dem Bundesgesundheitsministerium seine Alternative zur Fluoridierung näher zu bringen, stieß aber u. a. auf den Widerstand von Hans-Diedrich Cremer und Rudolf Naujoks, die vom Ministerium als Experten konsultiert wurden.

Entwicklung von Getreidemühlen Im November 1963 schrieb Schnitzer über die Getreidemühle als das „wichtigste Küchengerät“. Ihre Wichtigkeit beruhe darauf, dass Vollkornmehl „direkt vor der Weiterverarbeitung in der Küche gemahlen werden kann, damit alle die wertvollen Fermente, Mineralstoffe und Vitamine erhalten bleiben.“ Zugleich veröffentlichte Schnitzer Rezepte zur Herstellung von „Frischkorngerichten“, „Vollkornbreien“, „Vollkornküchlein“ und „Vollkorngebäck“. Später kamen Anleitungen für das „Kollath-Frühstück“ und das „Bircher Müsli“ hinzu. Ab 1966 entwickelte Schnitzer eigene Getreidemühlen, die statt des Mahlwerks aus Stahl eines aus Stein verwendeten. So sollte die Oxidation der im Getreide enthaltenen Fettsäuren und Fermente reduziert werden. Unter dem Namen „Gallé-Getreidemühlen“ entstanden eine elektrische und eine Handgetreidemühle für den Hausgebrauch, zudem eine größere elektrische Standmühle für Bäckereien. 1971 wurde unter dem Label „Wir backen Schnitzer“ ein Lizenzsystem für Partnerbäckereien in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingeführt. Seitdem lizenzierte Schnitzer Marke und Rezepturen an selbstständige Handwerksbäckereien, die sich dazu verpflichten, Getreide auf der eigenen Steingetreidemühle frisch zu vermahlen. 1975 nahm Schnitzer das Angebot der Bosch-Siemens Hausgeräte GmbH an, eine Getreidemühle für deren Küchenmaschine zu entwickeln. So entstand die „Bosch Getreidemühle System Schnitzer“, die 100 g feines Mehl pro Minute mahlt.

Sachbuchautor