Die Geschichte Ladakhs umfasst etwa 1100 Jahre seit der Entstehung eines unabhängigen Königreiches. Sie ist eng an die Geschichte Tibets geknüpft, das der Region seine heutige kulturelle Prägung verlieh. Gleichwohl war Ladakh stets auch Einflüssen aus Zentralasien und Indien ausgesetzt.
Ladakh ist ein Gebirgsland im äußersten Norden des indischen Subkontinents. Im weiteren, nach geographischen und historischen Gesichtspunkten definierten Sinne umfasst es das Gebiet um den mittleren Oberlauf des Indus im westlichen Himalaya mit den heutigen indischen Distrikten Leh und Kargil, dem pakistanischen Baltistan sowie dem durch China besetzten Aksai Chin. Im engeren, kulturellen Sinne umfasst es nur den noch heute dem tibetisch-buddhistischen Kulturkreis zuzuordnenden Distrikt Leh einschließlich Aksai Chin sowie die Landschaft Zanskar in Kargil. Die folgende Darstellung konzentriert sich auf Ladakh im engeren Sinne.
mini|hochkant=1.7|Aktuelle Karte Kaschmirs einschließlich Ladakh, Baltistan und Aksai Chin
Frühe Geschichte (bis 10. Jahrhundert n. Chr.) Über Ladakhs frühe Geschichte bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts n. Chr. ist wenig bekannt. Felszeichnungen und archäologische Funde legen nahe, dass Teile der Region schon in der Bronzezeit von nomadischen Viehzüchtern, vermutlich aus den zentralasiatischen Steppengebieten, bewohnt waren. Später wanderte ein unter dem Namen „Mon“ bekanntes indogermanisches Volk, das sich zum Buddhismus bekannte, aus Nordindien ein. Es wurde im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. durch indoiranische Darden verdrängt oder von diesen assimiliert.
Verlässliche schriftliche Quellen für die Frühgeschichte Ladakhs existieren kaum. In chinesischen, tibetischen und arabisch-muslimischen Chroniken finden sich lediglich vereinzelte Hinweise auf das karge, trockene Gebirgsland am Westabhang des Himalaya. Die ladakhischen Chroniken übernahmen ausschließlich die Geschichtsschreibung benachbarter Staaten. Erst ab dem 10. Jahrhundert bieten sie zuverlässige Angaben über die regionale Entwicklung. Aus tibetischen Quellen wird jedoch ersichtlich, dass Ladakh im 7. Jahrhundert von den Tibetern erobert wurde. Das aufstrebende Königreich Tibet war in erbitterte Kriege mit China verwickelt. Ladakh kam im Streit um das chinesisch dominierte Turkestan eine bedeutende strategische Rolle dazu, da viele Pässe zwischen dem Hochland von Tibet und dem nordwestlich gelegenen Turkestan dort hindurch verliefen. Zur Zeit der tibetischen Eroberung hatte der Buddhismus in Ladakh längst Fuß gefasst, wurde aber vom schamanistisch-animistischen Bön-Glauben der Tibeter teilweise zurückgedrängt.
Zusätzlichen Druck auf China übten ab dem frühen 8. Jahrhundert die Araber aus, die aus dem heutigen Pakistan nach Nordindien und auch das damals buddhistische Kaschmir vorstießen, welches sich daraufhin mit China verbündete. Baltistan im nördlichen Ladakh wurde zum Mittelpunkt der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Chinesen, Kaschmirern, Tibetern und Arabern. Chinesische Soldaten waren zeitweise in der Region um Gilgit stationiert, mussten sich aber 751 den Arabern geschlagen geben, die sich nun nach Turkestan ausbreiteten. Tibet nutzte die Schwäche der Chinesen, um auch Baltistan in Besitz zu nehmen. Ladakhs Bedeutung während dieser Zeit beschränkte sich auf seine strategisch günstige Lage als Durchzugsland. In Friedenszeiten blieb das dünn besiedelte Gebiet von den damaligen Reichen, allen voran Tibet, weitgehend unbeachtet.
Ladakh als unabhängiges Königreich (um 930 bis 13. Jahrhundert) Im 9. Jahrhundert befand sich das tibetische Königtum auf Grund innerer Streitigkeiten im Niedergang. Nach dem Tode König Langdarmas im Jahre 842 zerbrach es in mehrere Einzelstaaten. Um 900 floh Kyi-de Nyi-ma-gön, ein Nachkomme eines Zweiges des alten tibetischen Herrscherhauses, aus Zentraltibet in den Westen des Landes, von wo er seinen Machtbereich innerhalb kurzer Zeit auch auf Ladakh, Zanskar, Lahaul und Spiti ausdehnte. Nach seinem Tod um 930 teilten seine drei Söhne das Reich unter sich auf. Ladakh, einschließlich des heute in Westtibet im Grenzgebiet zu Indien gelegenen Rutog, wurde unter Kyi-de Nyi-ma-göns ältestem Sohn zum selbstständigen Königreich.
Erstaunlicherweise ging mit der Abspaltung von Tibet, wo sich seit der Mitte des 8. Jahrhunderts der Buddhismus etabliert hatte, die „Tibetisierung“ von Kultur, Gesellschaft und Religion einher. Ladakh hatte bis dahin noch starken Einflüssen des indoarischen Kulturkreises in Nordindien unterlegen, die sich mit tibetischen Zügen vermischten. Mit der Errichtung einer Dynastie, die ihre Herkunft unmittelbar auf das alte Königtum Tibets zurückführte, setzte sich die tibetische Kultur jedoch durch. Nach 1000 veranlassten die Feldzüge der muslimischen Ghaznawiden in der Gangesebene viele indische Buddhisten und Hindus zum Rückzug in den Himalayaraum, was den kulturellen Austausch zwischen Ladakh und Nordindien noch einmal belebte. Die regelrechte Auslöschung des Buddhismus in Indien durch die Ghuriden um 1200 setzte dem indischen Einfluss auf Ladakh jedoch ein Ende. Im 14. Jahrhundert wies Ladakh endgültig eine vollständig tibetische Prägung auf. Wirtschaftlich blieb es jedoch weiterhin eng an seinen Haupthandelspartner Kaschmir gebunden.
Die ladakhischen Chroniken geben wenig Aufschluss über die politischen Entwicklungen jener Zeit. Sie beschränken sich zumeist auf Herrschernamen. Lediglich König Utpala, der etwa zwischen 1080 und 1110 regierte, wird besonders hervorgehoben. Er erweiterte als erster ladakhischer Herrscher das Gebiet seines Staates wesentlich. Das Reich Nun-ti (heute Kullu im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh) musste sich zu Tributzahlungen an Utpala verpflichten. Auch Teile Westtibets gerieten unter seine Kontrolle.
Politische Umwälzungen und wechselnde Fremdherrschaften (13. bis 16. Jahrhundert) Tibet wurde ab Mitte des 13. Jahrhunderts bis 1354 unter mongolischer Oberhoheit von den Äbten der Sakya-Klöster verwaltet. Gleichwohl blieb der mongolische Einfluss auf Tibet beschränkt. Aus ladakhischen Quellen geht nicht hervor, ob auch Ladakh die Mongolenherrschaft anerkannte. Da das Land jedoch kaum die Kraft besessen haben dürfte, sich den mongolischen Großkhanen zu widersetzen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass es sich zumindest nominell Kublai Khan und dessen Nachfolgern unterstellte.
Im 15. Jahrhundert wurde Ladakh Schauplatz bedeutsamer religiöser Umwälzungen. Das benachbarte Kaschmir wurde seit 1339 von einer muslimischen Dynastie beherrscht, die 1405 Baltistan im Norden Ladakhs eroberte und dessen Bevölkerung zur Annahme des Islam zwang. Seitdem wird Baltistan nicht mehr zum ladakhisch-tibetischen Kulturkreis und damit Ladakh im engeren Sinne gerechnet. Von Zentraltibet aus verbreitete sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Lehre des buddhistischen Reformators Tsong-kha-pa, dessen Anhänger als Gelugpa oder „Gelbmützen“ bekannt sind, in die umliegenden buddhistischen Reiche. In den 1420er Jahren erreichte sie schließlich auch Ladakh. König Trak-bum-de (Regierungszeit etwa zwischen 1410 und 1440) nahm die Regeln der neuen Sekte an und ließ alte schamanische Praktiken, beispielsweise Tieropfer, verbieten. Ladakh sah sich jedoch einer immer größeren Bedrohung durch seinen aggressiven muslimischen Nachbarn gegenüber. Unter Zain-ul-Abidin (reg. 1420 bis 1470) unternahm Kaschmir mindestens zwei Feldzüge gegen Ladakh und den westtibetischen Staat Guge. Nachdem diese sich der nominellen Oberhoheit Kaschmirs unterstellt hatten, zogen sich die Truppen zurück.
Um 1470, unmittelbar nach dem Tod Zain-ul-Abidins, setzte Lha-chen Bha-gan, ein Prinz aus einer Nebenlinie des ladakhischen Herrscherhauses, den rechtmäßigen König Lo-trö-chok-den ab. Lha-chen Bha-gan nutzte die Schwäche Kaschmirs nach dem Tod seines Königs aus, um den ladakhischen Marionettenkönig zu stürzen und die Unabhängigkeit des buddhistischen Reiches wiederherzustellen. Er nahm den Namen Nam-gyal („der Siegreiche“) an, welcher sich auf die von ihm begründete Dynastie übertrug. Ein erneuter Unterwerfungsversuch Kaschmirs etwa zehn Jahre später scheiterte.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts stießen turkestanische Truppen unter mongolischem Kommando aus dem zentralasiatischen Kaschgar nach Baltistan vor. Zunächst blieb es bei gelegentlichen Raubzügen gegen Ladakh, doch 1517 drang ein von Khan Mir Mazid geführtes Heer ein, das allerdings König Tra-shi Nam-gyal unterlag. Einer neuerlichen Invasion unter Khan Abu Sayed Mirza im September 1532 vermochte Ladakh nichts mehr entgegenzusetzen. Tra-shi Nam-gyal musste sich Kaschgarien beugen. Nur mit Mühe gelang es den neuen Herren, einen Aufstand im darauffolgenden Jahr zu unterdrücken. Tra-shi Nam-gyal wurde hingerichtet und sein Neffe Tshe-wang Nam-gyal (reg. 1533 bis 1575) auf den Thron erhoben. Zum Verhängnis wurde den mongolischen Eroberern ein Kriegszug nach Tibet 1533/34, auf dem der Khan verstarb. Sein Nachfolger Mirza Haider zog sich nach Badakhshan im heutigen Afghanistan zurück. Im Bündnis mit dem nordindischen Großmogul Babur kehrte er jedoch schon bald nach Kaschmir zurück und unterwarf 1548 abermals Baltistan und Ladakh. Beide Gebiete wurden unter die Verwaltung muslimischer Gouverneure gestellt. 1551 ermordeten schiitische Rebellen Mirza Haider. Das wiederhergestellte, aber schwache kaschmirische Königtum war nicht in der Lage, Ladakh zu halten.
Ab den 1550er Jahren konnte sich Ladakh rasch erholen. Nachdem es den wechselnden Fremdherrschaften widerstanden hatte, fühlte es sich stark genug, selbst nach Baltistan und Westtibet zu expandieren, was auch gelang. König Tshe-wang Nam-gyal starb 1575, ohne einen Sohn zu hinterlassen. Der Nachfolgestreit zwischen seinen beiden jüngeren Brüdern schwächte das Reich. Seine Vasallen gewannen ihre Selbstständigkeit zurück. Aus dem Thronstreit ging schließlich Jam-wang Nam-gyal als Sieger hervor. Beim Versuch, die alte Machtposition Ladakhs wiederherzustellen, wurde er von den Truppen Ali Mir Khans, Herrscher auf dem Thron des muslimischen Baltistan, gefangen genommen. Die folgende Invasion brachte eine Welle religiös motivierter Gewalt über die buddhistischen Bewohner Ladakhs. Klöster wurden zerstört und religiöse Schriften vernichtet. Jam-wang Nam-gyal musste Ali Mir Khans Tochter ehelichen, die Söhne seiner buddhistischen Frau wurden nach Zentraltibet verbannt. Bis zu seinem Tode um 1595 unterstand sein Reich Baltistan. Dennoch schlug die versuchte Islamisierung fehl, nicht zuletzt dank der Bemühungen Jam-wang Nam-gyals, die verwüsteten Klöster wiederaufzubauen.
Bedrohung durch die Moguln (17. Jahrhundert) mini|Der Königspalast in Leh wurde unter der Regentschaft von Sen-ge Nam-gyal (ca. 1595–1645) errichtet.