mini|Nez-Percé-Indianer aus der Gruppe von Häuptling Joseph im Frühling 1877, Fotografie aus der Collection Roy BerkDer Krieg gegen die Nez Percé (Nez Perce War, gelegentlich auch Nimipu WarWohl zuerst von John Stuart Wasson: The Nimipu War, in: Indian Historian 3,4 (1970) 5-9 so bezeichnet.) im Jahr 1877 war ein Feldzug der Armee der Vereinigten Staaten gegen eine Gruppe von Indianern des Stammes der Nez Percé. Die Indianer, angeführt von Chief Joseph (Hin-mah-too-yah-lat-keht)Die fortlaufende Benennung der Nez Percé folgt der Literatur und benutzt deswegen für manche Stammesmitglieder englische, für andere indianische Namen. Bei Indianern, die in der Literatur überwiegend mit ihrem englischen Namen bezeichnet werden, wird bei der ersten Erwähnung der indianische Name mit erwähnt; die Schreibweise folgt hierbei Josephy Jr., The Nez Perce Indians and the Opening of the American Northwest. und anderen Häuptlingen, weigerten sich, in das ihnen zugewiesene Reservat zu ziehen und flohen stattdessen aus der Gegend der Lapwai-Reservation in Idaho nach Montana und in Richtung Kanada. Vom 17. Juni bis 5. Oktober legten sie rund 2000 KilometerAngaben über die von den Nez Percé zurückgelegte Länge schwanken; Bruce Hampton, Children of Grace – The Nez Perce War of 1877, University of Nebraska Press, 1994, S. 301f., nennt eine Entfernung von „etwa 1200 Meilen“, das Handbook of North American Indians, Band 12, S. 435, spricht von 1300 Meilen. Weitere Angaben sind teilweise noch höher. zurück und konnten den sie verfolgenden Einheiten der amerikanischen Armee unter General Oliver Otis Howard mehrere Niederlagen zufügen, wurden aber schließlich wenige Kilometer vor der kanadischen Grenze gestoppt und zur Aufgabe gezwungen.

Hintergrund mini|Das traditionelle Stammesgebiet der Nez Percé (grün) Das Stammesgebiet der Nez Percé lag in der Umgebung der Flüsse Clearwater und Snake in den heutigen Bundesstaaten Oregon, Idaho und Washington. Sie waren im Zuge der Expedition von Lewis und Clark 1805 erstmals mit Weißen in Berührung gekommen. Mitte der 1830er Jahre begannen christliche Missionare ihre Tätigkeit im Stammesgebiet der Nez Percé. Besonders der Presbyterianer Henry H. Spalding engagierte sich sehr und übersetzte auch Gesänge und Gebete in die Sprache der Indianer. Allerdings wurden nicht alle Nez Percé zu Christen; die zunehmende Einwanderung weißer Siedler über den Oregon Trail führte auch zu Widerstand, insbesondere bei benachbarten Stämmen. 1847 verübten die Cayuse und Umatilla das Whitman-Massaker und in der Folge wurden Missionsstationen geschlossen. Erst mehr als 20 Jahre später wurde wieder verstärkt missioniert. Zwar blieben die Nez Percé den Weißen gegenüber weiter friedlich, unter den nicht zum Christentum konvertierten Stammesmitgliedern entstand aber der ihnen gegenüber skeptische Dreamer-Kult.Greene: Nez Perce Summer. S. 5f. Mehrere einflussreiche Häuptlinge der Nez Percé wie Lawyer und der als Old Joseph bekannte Tu-eka-kas, Vater von Chief Joseph, blieben dem Christentum allerdings treu und den Weißen gegenüber offen. 1855 wurde zwischen den Nez Percé und anderen Stämmen der Gegend auf der einen Seite und den Vereinigten Staaten auf der anderen Seite ein Vertrag abgeschlossen, der den Nez Percé das Recht auf eine fast 13.000 Quadratkilometer große Reservation in ihrem traditionellen Stammesgebiet in Oregon und Idaho einräumte. Zu den Unterzeichnenden gehörten unter anderem Old Joseph und der als Looking Glass bekannte Allalimya Takanin. Gegen Geld- und Warenlieferung gaben die Nez Percé ihren Anspruch auf weiter östlich, Richtung Bitterroot-Gebirge, und weiter südlich gelegene Gebiete auf. Nach Abschluss des Vertrages kam es zu Kriegen zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Stämmen wie den Yakima, doch die Nez Percé mischten sich nicht ein und unterstützten teilweise sogar die Vereinigten Staaten mit Freiwilligen.Greene: Nez Perce Summer. S. 8ff.

mini|hochkant|links|Old Joseph bzw. Tu-eka-kas (ca. 1785–1871), Zeichnung von 1855

Zu größeren Auseinandersetzungen kam es erst im Jahr 1863, als die Vereinigten Staaten den Indianern einen Vertrag vorlegten, der das ihnen einige Jahre zuvor garantierte Reservat auf rund 10 Prozent der ursprünglichen Fläche reduziert hätte. Diese Reduzierung dürfte deshalb erfolgt sein, weil sich in ihrem Gebiet Gold fand.Robert Marshall Utley: Nez Percé Bid for Freedom, in: Ders.: Frontier Regulars. The United States Army and the Indian, 1866–1891, 1973, Nachdruck New York 1984, S. 296–320, hier: S. 297. Im Mai und Juni 1863 kam es in Lapwai zu langwierigen Verhandlungen zwischen den Nez Percé, von denen zeitweise 3000 anwesend waren, und Calvin Hale, dem leitenden Beamten für Indianerfragen im Washington-Territorium. Unterstützt wurde Hale bei den Verhandlungen von den beiden Indianeragenten Samuel D. Howe und Charles Hutchins, von mehreren Einheiten des Heeres unter Oberst Justus Steinberger sowie von Henry Spalding und Perrin Whitman als Übersetzer. Der Vertrag führte zur Spaltung der Nez Percé: eine Mehrheit der HäuptlingeWood, Chief Joseph, the Nez Perce, S. 135. war von dem Gebietsverlust nicht direkt betroffenSämtliche Häuptlinge der Nez Percé, deren Land innerhalb der neuen Reservation lag, unterschrieben den Vertrag. Von den Gruppen, deren Land außerhalb der neuen Reservation lag, unterschrieben lediglich zwei Indianer namens Jason und Timothy, denen allerdings der Besitz ihrer Häuser gestattet blieb; siehe Josephy Jr., The Nez Perce Indians and the Opening of the Northwest, S. 429. und stimmte dem Verkauf für 265.000 Dollar zu, ein anderer Teil verweigerte die Unterschrift. Zu den Häuptlingen, die den Vertrag nicht unterzeichneten, gehörte auch Old Joseph. Anführer der Gruppe der Unterzeichnenden, und im Vertrag eher willkürlich als Head Chief Nez Perces Nation ausgewiesen, war Häuptling Lawyer.Josephy Jr, The Nez Perce Indians and the Opening of the American Northwest, S. 410–430. Zum Vertragstext siehe den Internetauftritt des Center for Columbia River History: Treaty with the Nez Perce Indians, 9 June 1863. Die Vereinigten Staaten sahen den Vertrag auf Grund der Unterschriften der Häuptlingsgruppe um Lawyer als für den ganzen Stamm bindend an.Carpenter, Sword and Olive Branch, S. 246

Die Gruppe derer, die den Vertrag nicht unterzeichneten, bewohnte den südlichen (unteren) Teil des Stammesgebietes und wurde deswegen Lower Nez Percé genannt. Die Lower Nez Percé weigerten sich auch in den darauf folgenden Jahren ihre Heimat, das Wallowa-Tal in Oregon, zu verlassen.

mini|hochkant|Oliver Otis Howard, Fotografie von Mathew Brady, ca. 1865 Die Vereinigten Staaten beauftragten daraufhin 1877 General Oliver Otis Howard, die Indianer wenn nötig mit Gewalt in das ihnen zugewiesene Lapwai-Reservat zu bringen. Howard, ein Veteran des Sezessionskrieges, der 1872 mit den Apachen unter Cochise zu einem Friedensschluss gekommen war, war zu diesem Zeitpunkt Befehlshaber des Wehrbereichs (Department) „Columbia“, der die Bundesstaaten Washington, Oregon, Alaska und Teile von Idaho umfasste.Carpenter, Sword and Olive Branch, S. 245. Er war stark von christlichen Motiven getrieben, die jedoch seine Vorgesetzten keineswegs teilten. Sie hielten ihn sogar dazu an, das Soldatische von dem „Philanthropischen“ getrennt zu halten. Die Indianer ihrerseits lehnten vielfach die christlichen Vorstellungen ab, selbst dann, wenn sie formal getauft waren. Sie waren noch stark in ihrer eigenen Religion verankert. Dennoch entwickelten einige der Häuptlinge ein gewisses Vertrauensverhältnis in die Verlässlichkeit seines Wortes.Robert Marshall Utley: Nez Percé Bid for Freedom, in: Ders.: Frontier Regulars. The United States Army and the Indian, 1866–1891, 1973, Nachdruck New York 1984, S. 296–320, hier: S. 297f.

Die Indianer, noch unentschieden wie sie darauf reagieren sollten, schlugen am Rande des Reservats ihr Lager auf. Ihre Anführer, unter anderem die Häuptlinge Joseph, White Bird und Toohoolhoolzote, diskutierten, ob sie sich fügen und in das Reservat gehen, oder ob sie um ihre Freiheit kämpfen sollten.

Unterdessen führte eine Gruppe junger Indianer, deren Anführer bei Streitereien mit Siedlern seinen Vater verloren hatte, einen persönlichen Rachefeldzug, in dessen Verlauf mehrere weiße Siedler ums Leben kamen. Damit war das erste Blut geflossen und die meisten Häuptlinge der Nez Percé waren nun überzeugt, dass nach dieser Tat ein Krieg mit den Weißen nicht mehr zu vermeiden sei. Aus diesem Grund gaben sie ihr Lager auf und zogen sich nach Süden an den White Bird Creek zurück.

Das Gebiet der Nez Percé lag aus Sicht des amerikanischen Heeres in der Zuständigkeit des Wehrbereichs Columbia (Department of the Columbia) unter dem Befehl von General Howard. Howards direkter Vorgesetzter war General Irvin McDowell als Befehlshaber der Military Division of the Pacific. Weitere beteiligte Befehlsstellen auf Seiten der Amerikaner waren der Wehrbereich Dakota (General Terry), der der Military Division of the Missouri (General Sheridan) unterstand.siehe auch Green, Nez Perce Summer, S. 108. Oberbefehlshaber des Heeres war seit 1869 General William T. Sherman, unter dem Howard bereits im Sezessionskrieg gedient hatte. Die Stärke der Truppen variierte. Zu Beginn des Feldzuges konnte Howard rund 350 Mann in die Schlacht am Clearwater führen.Greene: Nez Perce Summer. S. 77. Durch Verstärkungen wuchs sein direktes Kommando in der Folgezeit auf rund 730 Mann an, weitere Truppen wurden zur Sicherung der Siedler eingesetzt.Greene: Nez Perce Summer. S. 105. Ein weiteres Truppenkontingent unter Oberst Miles zählte rund 520 Mann.Greene: Nez Perce Summer. S. 250.

mini|links|hochkant|Chief Joseph (ca. 1840–1904), einer der Häuptlinge der Nez Percé, Fotografie des Bureau of American Ethnology, Smithsonian Institution