Die städtebauliche Entwicklung Lübecks seit 1864 verlief rasant. In jeweils wenigen Jahren hat sich die Stadt stärker als zuvor in Jahrhunderten verändert. Rückblickend lassen sich mit Übergängen wohl vier Phasen unterscheiden: Von 1864 bis zum Ersten Weltkrieg, während der Weimarer Republik bis Palmarum 1942, Wiederaufbau und Stadterweiterung bis in die 1970er Jahre und seither.
Ausgangslage und Bedingungen für den Wandel ab 1864 mini|320px|Lübeck 1872 Das Stadtbild Lübecks ist bis Anfang des 19. Jahrhunderts von großer Kontinuität geprägt. Die im Mittelalter festgelegten Grundstücksgrößen und -formen (Parzellen) mit geringer Breite zur Straße und großer Tiefe, der Mangel an Freiraum innerhalb der Stadtmauern für Neubauten, ein Nachbarrecht, das jedem das Recht gab, Abweichungen von der herkömmlichen Bauform als Minderung des eigenen Besitzstandes zu verhindern, und nicht zuletzt die ökonomische Schwäche und Rückständigkeit der Stadt und ihrer Bürger nach der Reformation verhinderten für lange Zeit große Veränderungen. Durchaus rege Bautätigkeit in Renaissance und Barock beschränkte sich in der Regel auf Umbauten backsteingotischer Substanz anstatt Neubauten und sorgte nur für Veränderungen im Detail, die das Stadtbild in den Augen der Beobachter der Zeit nicht grundsätzlich veränderten. Die Unumstößlichkeit der Brandmauern hatte ihren Grund in der schon im Mittelalter erkannten Notwendigkeit für einen effektiven Feuerschutz, der zum städtebaulichen Dogma wurde.
Bereits Ende des 18. Jahrhunderts werden die Veränderungen erheblicher. Klassizistische Um- und Neubauten (wie das Behnhaus), die gegen das konservative Nachbarrecht durchgesetzt wurden, übergreifen mehrere Parzellen, bringen die ersten traufständigen Häuser oder mindestens einen horizontalen Giebelabschluss durch eine Fassadenblende an die großen Straßen. Auch diese Bauten lockern das Stadtbild jedoch nur auf, ohne es grundsätzlich zu verändern.Zu Kontinuität und Veränderungen in dieser Zeit ausführlich Hasse 1975 und Brix 1981. Brix S. 246 weist illustrierend hin auf die Schilderung des Umzugs von Senator Buddenbrock in die Fischergrube und die Darstellung seiner Motive und derer seines Nachfolgers Konsul Hagenström in der Beckgrube durch Thomas Mann.
mini|links|Der alte Bahnhof in Lübeck, ca. 1865 Mit dieser Beständigkeit unterscheidet sich Lübeck deutlich von den Hansestädten Hamburg und Stettin, in denen der Strukturwandel durch Industrialisierung und Urbanisierung Deutschlands früher einsetzt und zu einem erheblichen Wandel auch des Stadtbilds führt, gleicht aber der Mehrzahl der anderen Städte, bei denen der Strukturwandel erst mit Reichsgründung einsetzt. 1871 gibt es im Reich nur 8 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern.Vgl. Kahns 1956 zum Vergleich Lübecks mit Hamburg und Stettin auch im Hinblick auf Wirtschaftsdaten. Allgemein zur Urbanisierung Reulecke 1985, S. 68 ff. und Tabellenanhang. In Lübeck werden diese Veränderungen in den anderen Hansestädten registriert und es organisiert sich insbesondere in der Gemeinnützigen Gesellschaft unter den Bürgern das Bemühen, auch in Lübeck an den Entwicklungen der fortgeschrittensten Städte teilzunehmen. mini|320px|Bevölkerungsentwicklung Dazu sind jedoch zunächst die Schwächung durch die französische Besetzung und innerer und äußerer Widerstand (insbesondere Dänemarks) zu überwinden. Der Eisenbahnbau 1851 – mindestens 20 Jahre später, als es ohne inneren und äußeren Widerstand möglich gewesen wäre – ist der Auftakt des Wandels. In den 1860er-Jahren dynamisiert sich die Entwicklung: 1864 das Ausscheiden Dänemarks aus der schleswig-holsteinischen Politik durch den Frieden von Wien und der Anschluss an die Verkehrstraße nach Hannover durch die Verbindung Büchen–Lüneburg, 1865 Eisenbahnverbindung nach Hamburg, 1866 Anschluss an den Norddeutschen Bund und Einführung der Gewerbefreiheit, 1868 Beitritt zum Zollverein und 1871 Reichseinheit.
In diese Zeit fällt die Aufhebung der Torsperre in Lübeck 1864. Sie löst sinnfällig die Bremse für den Aufbau der Vorstädte und den Umbau der Stadt innerhalb der Stadtmauern. Während die Bevölkerung der Stadt bis Anfang des 19. Jahrhunderts stagnierte und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis etwa zur Torsperre „nur“ um ca. 50 % zugenommen hatte und damit deutlich hinter den Schwesterstädten Hamburg und Bremen und sogar dem Reich zurückblieb, wuchs sie ab ca. 1867 mit großer Geschwindigkeit von 34.600 bis 1910 auf 98.656 oder 285 %. Solche Bevölkerungszuwächse benötigen Wohnraum, Gewerbe- und Verkehrsflächen. Von dieser Zeit an dominieren Neu- vor Umbauten innerhalb und außerhalb der Stadtmauern. Auch in dieser Phase gehört Lübeck allerdings nicht zur Spitzengruppe der Städte und bleibt noch immer noch deutlich auch prozentual hinter Hamburg (321 %), Bremen (297 %), Stettin (304 %) und vor allem Kiel (663 %) zurück, das erst in dieser Phase Lübeck an Bevölkerung deutlich überflügelt. 33 von 40 Städten Deutschlands, die in dieser Zeit zur Großstadt werden, haben prozentual höhere Bevölkerungszuwächse als Lübeck.Berechnet nach den Angaben in der Tabelle von Reulecke 1985, S. 203 Tabelle 3.
Von 1864 bis zum Ersten Weltkrieg Entwicklungen in der Innenstadt mini|320px|Lübeck (Innenstadt) 1910 „Citybildung“ und „Wilhelminische Großbauten“ des Historismus In Lübecks Innenstadt setzt mit der Aufhebung der Torsperre der Prozess der Citybildung ein. Mit diesem von der Londoner City abgeleiteten Begriff wird die Konzentration zentraler Stadtfunktionen insbesondere des tertiären Sektors vor allem in historischen Stadtzentren bezeichnet. Zunächst werden die im Zentrum für seine Bewohner angebotenen Funktionen auf die Bewohner außerhalb des Zentrums ausgeweitet. Das stößt an Grenzen. Einige Funktionen werden ausgelagert: Sehr schnell werden Schulen und Kirchen in den Vorstädten neu gebaut oder vergrößert. Wo Funktionen weiter im Zentrum wahrgenommen werden, benötigen sie häufig mehr Platz als die im Mittelalter geprägten (und durch Brandmauern eingefassten) Grundstücksparzellen zulassen. Strukturwandel in Handel und Verwaltung begründen darüber hinaus eigenständige Faktoren für den erhöhten Platzbedarf. Einerseits sprengen also die Wohnbedürfnisse der wachsenden Bevölkerung die Grenzen des mittelalterlichen Stadtkerns, andererseits setzt im Stadtkern selbst eine „Entmischung“ der Funktionen ein von der vollständigen Versorgung der Wohnbevölkerung zur Wahrnehmung von Zentralfunktionen für die erweiterte Stadt.Umfassend zu den Prozessen der Citybildung in Lübeck aus Sicht des Anfangs der 80er Jahre Rühsen 1982. Bereits 1921 streicht allerdings Reimpell im Vergleich zu anderen Städten wie Hamburg, Stettin oder auch Kiel zu Recht die Grenzen dieses Prozesses in Lübeck heraus.
Zahlreiche Bauten dokumentieren den Prozess der Citybildung. Fast alle übertreffen in Grundfläche und Höhe die Vorgängerbauten. Sehr viele Bauten errichtete die Stadt durch ihren Baudirektor Adolf Schwiening selbst – ermöglicht durch Einnahmen aus der neuen Einkommensteuer. Als historistische Bauten im Stil der Neugotik dominieren sie auch stilistisch ihre Umgebung: der Umbau der Klosteranlage des Katharinenklosters für das Katharineum zu Lübeck (Stadtbaudirektoren Louis Martiny und Gustav Adolf Schwiening, 1874–1891, Risalite und Dachabschluss 1942 zerstört, modern ersetzt), das Dommuseum (1889–1893, 1942 zerstört), die Hauptturnhalle in der Mühlenstraße (1891) und das Gerichtsgebäude in der Burgstraße (1896). Auch die Körperschaften des neuen Reichs bauten neugotisch das Kaiserliche Postamts am Markt im sogenannten Postpalaststil (1884, nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zunächst in zwei Schritten stilistisch vereinfacht, schließlich abgerissen) und die erste Reichsbankfiliale in der Königstraße Nr. 42 (1894/95, Entwurf: Max Hasak).
Stilistisch eine Ausnahme unter den neuen Großbauten ist das Haus eines privaten Bauherrn, der Deutschen Lebensversicherungsgesellschaft in der Königstraße Nr. 1(1882), das 1907 noch einmal erweitert wurde, im Stil der sog. Neorenaissance.
Diesen Stil bevorzugen auch die kleineren Geschäfts- und Wohnhäuser, die ebenfalls einen deutlichen Wandel zeigen. Beispielhaft für Geschäftsbauten des Einzelhandels, der in dieser Zeit die Stadt erobert, können die Häuser Mühlenstraße 1/3 und 5/7 (1866–1868, Ecke Aegidienstraße) genannt werden. Sie bieten von Anfang im Erdgeschoss Schaufenster – eine Neuerung im Stadtbild seit Mitte des 19. Jahrhunderts – und Platz für den Einzelhandel, was in den älteren Häusern erst einen Umbau erforderte. Auch sie sind deutlich höher als die unmittelbar benachbarten älteren Häuser und bedecken jeweils zwei Parzellen.
Wohnhäuser werden immer häufiger als Mietwohnungen mit abgeschlossenen Etagenwohnungen gebaut, während früher jeder Bürger ein eigenes Haus bewohnte. Auch reine Wohnhausneubauten überragen die älteren Nachbarhäuser oft erheblich und zeigen dabei Brandmauern zu den Nachbargrundstücken. Außerdem sind sie oft überreich mit Gestaltungselementen wie Erkern und Türmchen verziert, die dem bisherigen Stadtbild fremd waren. Der Eingang der Holstenstraße hält eine schwache Erinnerung daran wach.
In der Fischergrube und an der Untertrave übertreffen die neuen Speicherbauten (u. a. der Familie Mann) ihre Vorgänger an Größe deutlich.Zu diesen Bauten Brix 1975, S. 33 ff., ders. 1988, S. 246 ff. und Matthias 1992, 182 ff.
Die rechtliche Grundlage für diese oft gestalterisch dominanten und maßstabssprengenden Bauten bildeten die Aufhebung der nachbarrechtlichen Veränderungssperre 1854 und die Bauordnungen von 1865 und 1881, die in Straßen mit einer Mindestbreite von 11,50 m den Höhen keine Grenzen mehr setzten.
Auch der Bau- und Ausbau der Gas- und Elektrizitätswerke zunächst im Zentrum gehört zu dieser Entwicklung der Zentrumsbildung, auch wenn solche Funktionen sehr rasch an den Stadtrand gedrängt wurden und damit eine Beschränkung der Cityfunktionen auf Dienstleistung und Handel eintritt.
Trendwende um 1900: Heimatschutz- und Jugendstil Obwohl insbesondere Gustav Adolf Schwiening eine Anknüpfung an die lübeckische Tradition der Backsteingotik beabsichtigte, wurden die erheblichen Veränderungen des Stadtbildes durch die Neubauten bald sehr kritisch wahrgenommen. Ein symbolischer Streit wurde um den Erhalt der Löwenapotheke oder die Gestaltung des Burgtors geführt. Ein von der Gemeinnützigen nach dem Vorbild vieler alter Städte ausgeschriebener Fassadenwettbewerb 1901Zu den Fassadenwettbewerben Brix 1985. sollte eine Rückbesinnung auf die Tradition befördern, obwohl auch dieser Wettbewerb z. B. mit einer Fassadenbreite von 16 m ein Maß vorgab, was innerhalb der alten Parzellen nicht umzusetzen war. Der Wettbewerb wurde von dem späteren städtischen Baudirektor Johannes Baltzer gewonnen.
Auch dessen weitere Arbeit ist von dem Bemühen um Anknüpfung und Einpassung getragen und zeigt wie die Arbeiten anderer in Lübeck in dieser Zeit Anklänge an den Heimatschutz,Andresen 1975, Schefftel 2005, 343 ff. so insbesondere der Neubau der Ernestinenschule in der Kleinen Burgstraße (1903/1904)Vgl. zu dem zwiespältigen Vorgang dieses Neubaus Brix 1975, S. 34 f.: Der Abriss der dort vorher vorhandenen Bernstorffschen Kurie stieß auf den Widerstand Lübecker Architekten, die noch mehr altes erhalten wollten. Baltzers Neubau gilt allerdings weithin als gelungene Einordnung in städtische Traditionen. Eine sehr positive Bewertung aus heutiger Sicht bei Matthias 1992, S. 185 ff.. Weiter gehört der Neubau des JohanneumsMatthias 1992, 190 ff. an Stelle des dafür niedergelegten St. Johannisklosters zu den Werken Baltzers. In ähnlicher Weise fügen sich der Gebäudekomplex Breite Straße/Jakobikirchhof und das Verlagshaus von Schmidt-Römhild an der Ecke Mengstraße/Fünfhausen oder das Katholische Gesellenhaus an der Parade in das Stadtbild ein. Sie alle harmonieren häufig besser mit dem Hergebrachten als die Gebäude vor 1900, auch wenn sie sogar noch einmal die Neogotik aufgreifen wie das Possehlhaus 1909.