mini|Frauenstreik auf dem Berner Bundesplatz, 14. Juni 2019 Die Ursprünge der organisierten Schweizer Frauenbewegung liegen in den lokalen Frauenvereinen, von denen sich viele im Laufe der politischen Kämpfe des 19. Jahrhunderts zusammenschlossen. Diese Vereine waren ursprünglich vor allem in den Bereichen der Fürsorge und der Erziehung engagiert. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen sie – in der Folge der ersten Totalrevision der Bundesverfassung 1874, in der die Frauen und ihre Forderungen ignoriert wurden – ernsthaft zu politisieren und sich in kantonalen und nationalen Dachverbänden zusammenzuschliessen, um ihre Kräfte zu bündeln. Die ersten nationalen Frauenverbände wurden vor allem von Frauen aus der bürgerlichen Bildungselite getragen und waren – aufgrund der mangelnden Basis im Volk – dementsprechend kurzlebig. Diese Verbände machten sich primär für die Gleichstellung der Geschlechter im Zivilrecht und im Arbeitsrecht stark, waren aber insgesamt in ihren Strukturen, Forderungen und Weltanschauungen sehr heterogen.
Die neue, autonome Frauenbewegung hingegen entstand aus den Jugend- und Studentenunruhen von 1968 heraus als Reaktion auf die Stagnation der Ersten Frauenbewegung einerseits und auf die wiederum männerdominierte Neue Linke andererseits. Die neuen Feministinnen kämpften nicht mehr für die Gleichberechtigung der Frauen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, sondern präsentierten auf der Basis feministischer Gesellschaftsanalysen von französischen und US-amerikanischen Theoretikerinnen eine radikale Kritik an der bestehenden Gesellschaft und schlugen neue Gesellschaftsmodelle vor.
Weltanschauliche Grundlagen
Wie auch in der internationalen Frauenbewegung kristallisierten sich auch in der Schweiz zwei grundlegende Auffassungen das Verhältnis zwischen den Geschlechtern betreffend heraus: eine dualistische oder differenzialistische Sichtweise und eine generalistische bzw. egalitäre Auffassung (für Details zu diesen Konzepten, siehe unter Feminismus).
In der ersten Schweizer Frauenbewegung war die dualistische Auffassung dominant: Männer und Frauen haben eine grundsätzlich verschiedene «Natur». Zum weiblichen Aufgabenbereich gehört die Familienarbeit und die moralische Sorge für die Gemeinschaft. Der politisch-gesellschaftliche Einfluss der Frauenverbände jener Zeit beschränkte sich deshalb auch primär auf die Bereiche der «sozialen Mütterlichkeit», welche sie für sich zu monopolisieren wussten.
Der egalitäre Ansatz, der sich in der ersten Welle der Frauenbewegung nur in ihrem linken Flügel durchsetzen konnte, basierte auf den Ideen der Aufklärung. Danach waren alle Menschen gleich, woraus die Forderung nach der Gleichstellung der Geschlechter in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft abgeleitet wurde. Bis in die 1960er Jahre hinein spielte dieser Ansatz in der Schweizer Frauenbewegung nur eine untergeordnete Rolle. Erst mit der radikalen Gesellschaftskritik der Neuen Frauenbewegung und den Forderungen der Feministinnen bekam der egalitäre Ansatz neuen Aufschwung.
Der Konflikt zwischen egalitärem und differenzialistischem Ansatz prägte insbesondere die Beziehungen zwischen der Alten und der Neuen Frauenbewegung in den 1960er und 1970er Jahren.
Erste Frauenbewegung Übersicht Mitte des 19. Jahrhunderts existierten in der Schweiz Hunderte von Frauenvereinen, die sich gemeinnützigen oder sozialen Zwecken widmeten. Sie wurden von Pfarrern, Sozialpolitikern oder Pädagogen geleitet und existierten oft nur, solange der jeweilige Gründer aktiv war. Kaum eine Frau wagte sich in die Politik vor. Mit der Bildung der modernen Eidgenossenschaft 1848 und den Diskussionen um die Totalrevision der Bundesverfassung 1874 änderte sich diese Situation und mehrere Frauen forderten öffentlich die Besserstellung der Frauen im Zivilrecht. In den 1870er Jahren entwickeln sich daraus erste Ansätze einer organisierten Frauenbewegung.
Die ersten regionsübergreifenden Frauenvereine bildeten sich im Kampf gegen die Prostitution (Westschweiz) und rund um gemeinnützige Aufgaben (Deutschschweiz). Diese Vereine wurden insbesondere von Frauen des Bürgertums getragen, da sie diesen eine Möglichkeit eröffneten, öffentlich tätig zu werden, ohne ihre traditionelle «weibliche» Rolle zu verlassen. Erst in den 1890er Jahren gab es in allen grösseren Schweizer Städten Frauenrechtsvereine, welche den Forderungen ihrer Mitglieder nach gleichen politischen und zivilrechtlichen Rechten Gewicht verleihen sollten. Getrennt von diesen bürgerlichen Organisationen entstanden Zusammenschlüsse unter den Arbeiterinnen, die über weite Strecken dieselben Ziele verfolgten.
Gegen Ende der 1890er Jahre standen in der Schweizerischen Politik wichtige Gesetzesänderungen in den Bereichen Zivilrecht, Strafrecht, Kranken- und Unfallversicherungsgesetz auf der politischen Agenda, auf die die Frauen ebenfalls Einfluss nehmen wollten. Eine effizientere Organisation der Interessenverbände drängte sich deshalb auf. Im Gegensatz zu anderen Interessengruppen und -verbänden fehlte den Frauen jedoch ein wichtiges Druckmittel: das Referendum, weshalb die Forderung nach dem Stimm- und Wahlrecht bald zur obersten Priorität wurde. Um dieser Forderung mehr Gewicht zu verleihen, versuchten verschiedene Frauenverbände, sich in einer Dachorganisation zu formieren. Mehrere Versuche diesbezüglich scheiterten jedoch an den unterschiedlichen politischen, konfessionellen und ideologischen Interessen der beteiligten Verbände und Personen.
In den 1890ern sah sich der Sozialstaat mehr und mehr mit den Folgen der Industrialisierung konfrontiert. Deshalb politisierten sich nicht nur die Frauen, sondern auch die Politik fing an, sich für deren Belange zu interessieren, um die schlimmsten Folgen der Industrialisierung auf die Bevölkerung abzufedern. Man wusste die Arbeit der gemeinnützigen Frauenvereine zu schätzen und war bereit, ihnen in gewissem Masse entgegenzukommen und insbesondere ihre Arbeit durch die aktive Partizipation an den Entscheidungen im Bereich Schulwesen, Armenpflege und Kirchenangelegenheiten zu erleichtern.
Gegen die Jahrhundertwende vermischten sich die Grenzen zwischen den verschiedenen Frauenvereinen mehr und mehr. Die Trennlinie verlief nicht mehr entlang konfessioneller Grenzen oder sozialer Klassen, sondern es entwickelten sich zwei Lager, von denen das Progressive die politische und rechtliche Gleichberechtigung forderte, das Konservative jedoch die traditionelle Geschlechterhierarchie nicht infrage stellen wollte.
Die Idee eines Dachverbandes von Frauenorganisationen scheiterte an den unterschiedlichen ideologischen, konfessionellen und politischen Ausrichtungen der Frauenvereine. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs existierten fünf grosse Frauenverbände, deren Verhältnis von gegenseitiger Abgrenzung und Zusammenarbeit von Fall zu Fall geprägt war: Der Schweizerische gemeinnützige Frauenverein (SGF), der Verband deutschschweizerischer Frauenvereine zur Hebung der Sittlichkeit, der Bund Schweizerischer Frauenvereine (BSF), der Verband schweizerischer Arbeiterinnenvereine (SAV) und der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF). Daneben gab es gesamtschweizerische Organisationen mit spezifischer Zielsetzung, wie der einflussreiche Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht (SVF) oder der Schweizerische Lehrerinnenverein. (PDF 67 kB)
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in mehreren europäischen Länder das Frauenwahlrecht eingeführt. Die Schweizerinnen, die gehofft hatten, dass ihr Einsatz im militärischen Rotkreuzdienst und bei der Linderung der Folgen des Krieges durch politische Anerkennung honoriert werden würde, wurden enttäuscht. Im Gegensatz zu anderen Ländern führte dies in der Schweiz jedoch nicht zu einer Radikalisierung der Frauenbewegung. Im allgemeinen internationalen Klima des Klassenkampfes (Russische Revolution 1917, Schweizer Generalstreik 1918) polarisierte und zersplitterte die schweizerische Frauenbewegung für die nächsten Jahrzehnte in zwei Lager. Während die bürgerlichen Frauenverbände sich loyal zum Staat bekannten, wandte sich die Arbeiterinnenbewegung vermehrt der Arbeiterbewegung, den Gewerkschaften und der sozialistischen Parteienlandschaft zu.
Da ihre Bemühungen um politische Gleichberechtigung vergebens waren, konzentrierten sich die grossen Schweizer Frauenorganisationen in den 1920er Jahren vermehrt auf «frauentypische» Themen, insbesondere die Berufsbildung im hauswirtschaftlichen Bereich. Zwischen 1919 und 1921 wurden in sechs Kantonen Abstimmungen zur Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen durchgeführt und überall mit grossen Mehrheiten abgelehnt. Mit der Polarisierung der allgemeinen politischen Lage wagten die Frauenverbände kein offensives Vorgehen mehr und ihr Engagement in der traditionellen Wohlfahrt (Erziehung, Schule, Kirche, Fürsorge) gewann erneut an Terrain. Die progressiveren Verbände wandten ihre Interessen eher der Frauenerwerbsarbeit und Berufsbildung zu. Gleichzeitig fand aber innerhalb der Frauenverbände eine Professionalisierung statt, wodurch sie in der Politik bei «ihren» Themen – ausser der Frauenfrage – an Einfluss gewannen und ernst genommen wurden.
Die Weltwirtschaftskrise und die Bedrohung durch den Faschismus in den Nachbarländern führte im politischen Klima der Schweiz zu einem verstärkten Konservatismus, der sich auch in der Frauenbewegung bemerkbar machte. Progressive Anliegen der Frauen (Gleichberechtigung, wirtschaftliche und soziale Besserstellung, Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs) verloren weiter an Boden. Die angespannte Situation führte dazu, dass sich die Verbände innerhalb der Frauenbewegung wieder annäherten, da sowohl sozialdemokratische als auch bürgerliche Frauen gemeinsam an der Bewältigung der Folgen der Krise und des Kriegs arbeiteten. Die begonnene – bisher erfolglose – Strategie des «beispielhaften Staatsbürgerinnentums» wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit ebenso wenig Erfolg weitergeführt. Mit karitativem Einsatz und weiblicher Berufstätigkeit in Dienstleistungsberufen konnte die Anerkennung der Bürgerrechte nicht erreicht werden. Dies war erst Ende der 1960er-Jahre durch die Radikalisierung und selbstbewusstere Forderung nach Bürgerrechten möglich.
In den Nachkriegsjahren und während der vom Kalten Krieg geprägten 1950er-Jahren waren Frauenanliegen erneut in den Hintergrund getreten. Mit dem Wirtschaftswunder wurden erstmals Einverdiener-Familien für die breite Bevölkerung möglich, und das vorherrschende Frauenbild war dasjenige der gut gepflegten, modernen, technisierten Hausfrau und Mutter, die die Karriere ihres Mannes fachkundig unterstützte und die Begabungen ihrer Kinder intensiv förderte. Dennoch gab es viele berufstätige Frauen, und die schweizerischen Frauenverbände unternahmen grosse Anstrengungen, um der weiblichen Berufstätigkeit sowie ihrer politischen Tätigkeit zu gesellschaftlicher Anerkennung zu verhelfen. Nachdem 1959 das Frauenstimmrecht auf eidgenössischer Ebene abgelehnt worden war, verlagerten sie ihre Anstrengungen auf die Kantone, wo sie in Genf, der Waadt und Neuenburg erfolgreich waren.