Theophrastus redivivus (deutsch: „der wieder lebendig gewordene Theophrastus“) lautet der Titel eines umfangreichen religionskritischen Kompendiums, das ohne Autorenangabe in vier neulateinischen Handschriften überliefert ist. Das Werk wird um das Jahr 1659 datiert. Es ist bisher in keine moderne Sprache übersetzt worden.Die deutschen Übersetzungen der nachfolgenden lateinischen Zitate stammen von verschiedenen Wikipedia-Autoren.
Der italienische Philosoph Gianni Paganini, Mitherausgeber des lateinischen Theophrastus redivivus, bestimmt den Rang des Werks in der Philosophiegeschichte wie folgt:
Titel und Umfang
Der Titel ist eine Anspielung auf eine verlorene Schrift des Aristoteles-Schülers Theophrastos von Eresos, Περì Θεῶν (Über die Götter), in der Theophrastos alle antireligiösen Argumente, die jemals vorgetragen worden waren, zusammengestellt haben soll.Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik des 17. und 18. Jahrhunderts. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1998, 2. Auflage mit einem neuen Nachwort versehen, 2012, ISBN 3-7728-2608-3, Anhang § 2, S. 404.
Der vollständige Titel des Traktates lautet:
Der anonyme Autor sieht sich als einen Redivivus, einen geistigen Nachfolger des Theophrastos von Eresos. Er möchte ein zweiter Theophrastos sein und ein neues Kompendium schaffen, das alle Argumente enthalten soll, die seit der Antike gegen Religionen vorgetragen worden sind.
Er veröffentlichte sein monumentales freigeistiges Kompilat, das 1.090 Folio-Seiten in den überlieferten Handschriften, 931 Seiten in der Erstedition von Guido Canziani und Gianni Paganini umfasst, anonym, wegen dessen Subversivität und der Gefahr für Leib und Leben, die einem öffentlich bekannten Autor eines so gearteten Kompilates in der damaligen Zeit gedroht hätte. Die Schrift konnte nur klandestin, also unter der Hand, verbreitet werden.Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik des 17. und 18. Jahrhunderts. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1998, 2. Auflage mit einem neuen Nachwort versehen, 2012, ISBN 3-7728-2608-3, S. 404.
Gliederung und Thesen Gliederung des Werkes mini|Titelblatt (Pariser Handschrift) BnF Cote : Latin 9324
Die Darstellung gliedert sich nach einem Proömium in sechs Abhandlungen („tractatus“), auch Bücher („libri“) genannt. Ein jeder der sechs Traktate ist wiederum in mehrere Kapitel („capita“) unterteilt.Siehe zum Beispiel Tractatus primus, Caput 1-6 Tractatus primus qui est de Diis – Über die Götter Tractatus secundus qui est de Mundo – Über die Welt Tractatus tertius qui est de religione – Über die Religion Tractatus quartus qui est de anima et de inferis – Über die Seele und die Hölle Tractatus quintus qui est de contemnenda morte – Über die Verachtung des Todes Tractatus sextus qui est de vita secundum naturam – Über das naturgemäße Leben
Thesen des Anonymus Das Werk vertritt als philosophische Position einen materialistischen Atheismus.
Im Proömium heißt es:
Der Anonymus möchte alle Argumente vortragen, die seit der Antike gegen den Gottesglauben und gegen Religionen hervorgebracht worden sind. So zitiert er in seinem Kompilat antike atheistische Philosophen: den gleichnamigen Theophrastus von Eresos, Protagoras, Diagoras von Melos, Euhemeros, Theodorus Atheos („Theodorus der Gottlose“), Lukrez, Sextus Empiricus, sowie freigeistige Autoren von der Renaissance bis ins 17. Jahrhundert: Pietro Pomponazzi, Lucilio Vanini, Michel de Montaigne, Machiavelli, Pierre Charron und Gabriel Naudé.
Der freidenkerische Autor vertritt die These, Politik und Religion betrögen die Menschen, und präsentiert den Topos von den drei Betrügern De tribus impostoribus, den auch der atheistische Priester Jean Meslier in seinem Mémoire sowie der Traité des trois imposteurs zu Anfang des 18. Jahrhunderts wieder aufgreifen wird.
Er zitiert ein häretisches geflügeltes Wort, das dem Stauferkaiser Friedrich II. zugeschrieben wird:
Weiter hält der Theophrastus redivivus die Vernunft für unvereinbar mit den Mysterien des Glaubens, wie Wunderglaube, Transsubstantiation, Trinität. Anders als Moses und die Schöpfungsgeschichte der Genesis es behaupten, habe die Welt auch keinen Anfang und keinen Ursprung, sie sei vielmehr ewig, habe immer schon bestanden und sei unzerstörbar.
Überlieferungsgeschichte Die kritische Erstausgabe von Guido Canziani und Gianni Paganini, die den entscheidenden Impuls zur Herausgabe einer kritischen Edition durch Tullio Gregorys Studien zum Text des Theophrastus redivivus erhielten,Theophrastus redivivus. Edizione prima e critica a cura di Guido Canziani e Gianni Paganini. La Nuova Italia Editrice, Florenz 1981, Band 1, p. XI. basiert auf der Kollation der bis dato (1981) bekannten vier Manuskripte des Theophrastus redivivus, die im Folgenden mit den jeweils verwendeten Sigeln vorgestellt werden:Theophrastus redivivus. Edizione prima e critica a cura di Guido Canziani e Gianni Paganini. La Nuova Italia Editrice, Florenz 1981, Band 1, p. LXXIII–LXXVIII: Descrizione dei manoscritti.
W: Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Manuskript W (Cod. 11451); H: Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Manuskript H (Cod. 10405–10406); P: Bibliothèque nationale de France, Paris, Manuskript P (lat. 9324, XVIII. Jhd.),Bibliothèque nationale de France: Beschreibung der Handschrift „P“; L: Manuskript L, Lennik, Belgien, Sammlung von Prof. Dr. Jérôme Vercruysse.
Diese Manuskripte blieben bis ins 20. Jahrhundert verborgen und unveröffentlicht. Nur wenige Intellektuelle wussten von der Existenz des Traktats und seinem Frontalangriff auf Religionen und Kirche. Selbst Ira O. WadeIra O. Wade: The Clandestine Organization and Diffusion of Philosophic Ideas in France from 1700 to 1750. Erstauflage 1938, New York 1967, welche 1938 den Geisteswissenschaften den entscheidenden Impuls zur Erforschung klandestiner Literatur gab, glaubte noch, das Werk sei verschollen. Durch Zufall entdeckte Stanislaus von Dunin-Borkowski die Wiener Manuskripte; der britische Romanist John Stephenson Spink war schon 1937 bei neulateinischen Recherchen in der Französischen Nationalbibliothek auf das 1090 Seiten umfassende Manuskript des Theophrastus redivivus gestoßen.
Hypothesen zur Autorschaft
Die Überlieferung sprach vom klandestinen Autor des Theophrastus redivivus stets als dem Anonymus und hielt es für nahezu unmöglich, den wahren Verfasser jemals identifizieren zu können. In der heutigen Forschung wurden jedoch Hypothesen über die Autorschaft aufgestellt.
Der italienische Philosophiehistoriker Gianluca Mori (2022)Gianluca Mori: Athéisme et dissimulation au XVIIe siècle: Guy Patin et le "Théophrastus redivivus". Honoré Champion, Paris 2022, ISBN 978-2-7453-5791-5.Jean-Pierre Cavaillé: Guy Patin, auteur du Theophrastus redivivus. Note critique au sujet de Gianluca Mori, Athéisme et dissimulation au siècle. In: La Lettre clandestine (ISSN 2271-720X), n° 32, 2024, La littérature philosophique clandestine et l’Allemagne, S. 187–202, Classiques Garnier Verlagsseite. vermutet den französischen Arzt und Schriftsteller Guy Patin als Verfasser des Theophrastus redivivus, während die französische Philosophin Nicole Gengoux (2017)Nicole Gengoux: Et si l’auteur anonyme du Theophrastus redivivus, était…un La Mothe le Vayer ? In: Christelle Bahier-Porte, Pierre-François Moreau, Delphine Reguig (Hrsg.): Liberté de conscience et arts de penser (XVIe–XVIIIe siècle). Mélanges en hommage à Antony McKenna. Honoré Champion, Paris 2017, S. 242–264, ISBN 978-2-7453-4819-7 den libertinen Freigeist François de La Mothe le Vayer als möglichen Autor vorschlägt.
Beide Zuschreibungen stützen sich auf textliche, ideengeschichtliche, biographische und computerphilologische Indizien. In der Literatur werden sie als wahrscheinlichkeitsbasiert und innovativ, aber nicht als allgemein anerkannt angesehen.Adam Horsley: Review of Athéisme et dissimulation au XVIIe siècle: Guy Patin et le 'Theophrastus redivivus' par Gianluca Mori. In: French Studies: A Quarterly Review, vol. 77, no. 4, 2023, S. 638–639, brief excerpt – Project MUSE.
Kritische Erstedition Theophrastus redivivus. Edizione prima e critica a cura di Guido Canziani e Gianni Paganini. La Nuova Italia Editrice, Florenz 1981–1982, zwei Bände, volume primo: introduzione – nota storico-critica – tratti I–II, ISBN 88-221-0013-1, volume secondo: tratti III-VI – bibliografia – indici, ISBN 88-221-0031-X.
Sekundärliteratur Hélène Bah-Ostrowiecki: Le "Theophrastus redivivus", érudition et combat antireligieux au XVIIe siècle. Honoré Champion, Paris 2012, ISBN 978-2-7453-2370-5. Rezension von Jean-Pierre Cavaillé, in: Revue Philosophique de la France et de l’Étranger, vol. 206, no. 2, 2016, S. 292–293, . Olivier Bloch: Theophrastus redivivus. In: Jean Pierre Schobinger (Hrsg.): Die Philosophie des 17. Jahrhunderts. Bd. 2/1. Schwabe, Basel 1993, ISBN 3-7965-0934-7, S. 258–261. Nicole Gengoux: Et si l’auteur anonyme du Theophrastus redivivus, était…un La Mothe le Vayer ? In: Christelle Bahier-Porte, Pierre-François Moreau, Delphine Reguig (Hrsg.): Liberté de conscience et arts de penser (XVIe–XVIIIe siècle). Mélanges en hommage à Antony McKenna. Honoré Champion, Paris 2017, S. 242–264, ISBN 978-2-7453-4819-7. Nicole Gengoux: Un athéisme philosophique à l'Âge classique. Le "Théophrastus redivivus", 1659. Honoré Champion, Paris 2014, ISBN 978-2-7453-2603-4. Rezension von Gianni Paganini, in: Les Études Philosophiques, no. 4, 2017, S. 587–591. . Tullio Gregory: Theophrastus redivivus. Erudizione e ateismo nel Seicento. A. Morano, Napoli 1979. Jonathan I. Israel, Martin Mulsow (Hrsg.): Radikalaufklärung. Suhrkamp Berlin 2014, ISBN 978-3-518-29653-0, Google Books. Gianluca Mori: Athéisme et dissimulation au XVIIe siècle. Guy Patin et le «Theophrastus redivivus». Honoré Champion, Paris 2022, ISBN 978-2-7453-5791-5. Jean-Pierre Cavaillé: Guy Patin, auteur du Theophrastus redivivus. Note critique au sujet de Gianluca Mori, Athéisme et dissimulation au XVIIe siècle. In: La Lettre clandestine (ISSN 2271-720X), n° 32, 2024, La littérature philosophique clandestine et l’Allemagne, S. 187–202, Classiques Garnier Verlagseite. Adam Horsley: Review of Athéisme et dissimulation au XVIIe siècle: Guy Patin et le 'Theophrastus redivivus' par Gianluca Mori. In: French Studies: A Quarterly Review, vol. 77 no. 4, 2023, S. 638–639, brief excerpt – Project MUSE. Hélène Ostrowiecki: Le Jeu de l’athéisme dans le ‘Theophrastus redivivus.’ In: Revue Philosophique de la France et de l’Étranger vol. 186, no. 2, 1996, S. 265–277. . Gianni Paganini: The First Philosophical Atheistic Treatise: Theophrastus redivivus (1659). In: Gianni Paganini, Margaret C. Jacob, John Christian Laursen (Hrsg.): Clandestine philosophy: new studies on subversive manuscripts in early modern Europe, 1620–1823. University of Toronto Press, Toronto, 2020, ISBN 978-1-4875-0461-8, Part One, chapter 2, S. 37–83, Volltext auf Open Library. Gianni Paganini: Wie aus Gesetzgebern Betrüger werden. Eine philosophische Archäologie des radikalen Libertinismus. In: Jonathan I. Israel, Martin Mulsow (Hrsg.): Radikalaufklärung. Suhrkamp Berlin 2014, S. 49–54, ISBN 978-3-518-29653-0, Google Books Marcelino Rodríguez Donís: El Theophrastus Redivivus y la eternidad del mundo. In: Éndoxa: Series filosóficas (UNED, Madrid) n° 34, 2014, S. 425–452, online Marcelino Rodríguez Donís: Materialismo y ateísmo. La filosofía de un libertino del siglo XVII. Editorial Universidad de Sevilla, Sevilla 2008, ISBN 978-84-472-1124-1. Rezension von J. M. G. Valverde, in: Bruniana & Campanelliana 15 (1), 2009, S. 204–207, . Marcelino Rodríguez Donís: El ateísmo en el „Theophrastus Redivivus“. In: Thémata. Revista de filosofía, Número 21, 1999, S. 243–261, online.