mini|Michael Bohnen als Intendant der Deutschen Oper Berlin im September 1945, Porträtfoto von Abraham Pisarekrahmenlos mini|Eine der ersten Schallplatten von Michael Bohnen, Berlin 1913 mini|Der Weltstar auf Reisen: Bohnen an Bord eines Dampfers in den 1920er Jahren mini|hochkant|Michael Bohnen im August 1929 mit Mary Lewis in Berlin mini|hochkant|Die Tänzerin La Jana, Porträtfoto von Alexander Binder, Berlin, 1920er JahreFranz Michael Bohnen (* 2. Mai 1887 in Köln; † 26. April 1965 in Berlin) war ein deutscher Opernsänger. Als Bassbariton brachte Bohnen es in den 1920er und 1930er Jahren zum Weltstar. In Deutschland war er auch als Filmschauspieler populär.
Leben Frühe Jahre Michael Bohnen, Sohn eines Werkmeisters, besuchte eine höhere Schule bis zum Einjährigen. Bei der Vorbereitung auf den Beruf eines Ingenieurs im Eisenwerk Wülfel fiel er durch seine schöne Bassstimme auf. Er begann eine einjährige Ausbildung zum Opernsänger am Konservatorium in Köln unter Fritz Steinbach, gefolgt von 5 Jahren Gesangsstudien bei Richard Schulz-Dornburg (1855–1913). Im Jahr 1910 debütierte er am Stadttheater Düsseldorf als Bassbariton. Im Jahr 1912 holte ihn der Generalintendant der Königlich-Preußischen Staatstheater, Georg von Hülsen-Haeseler, an das Hoftheater Wiesbaden.
Bohnen heiratete 1913 Gertrud Greven (1890–1973), die Tochter eines Gönners. Aus der Ehe gingen die Söhne Wolfgang (* 1914, gefallen 1942 als Feldgeistlicher im Kaukasus) und Marcel (* 1915) hervor.
Als jüngstem Sänger seiner Zeit verlieh ihm im selben Jahr sein Dienstherr in Wiesbaden, König Wilhelm II. von Preußen, den Titel „Kammersänger“. In den Jahren bis 1914 trat Bohnen auch bei den Bayreuther Festspielen und in London auf. Hülsen-Haeseler versetzte ihn 1914 an die Hofoper in Berlin. Bohnen galt bereits als „junger Star mit etwas schwierigem Ruf“.Zitat bei Misha Aster: Staatsoper. Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert. Siedler, München 2017, ISBN 978-3-8275-0102-8, S. 258 im Lebenslauf Bohnens, S. 258 f.; dort auch das Zitat „gewisse fragwürdige Verbindungen“ (unten). Nur kurze Zeit Soldat, wurde er 1915 an die Berliner Hofoper zurückberufen. Nach dem Abschied seines Förderers Hülsen-Haeseler im Gefolge der Novemberrevolution gehörte Bohnen nicht mehr dem Ensemble der Staatsoper an.
Internationaler Star Von 1918 bis 1922 unternahm Bohnen Gastspielreisen durch die Welt, sang an allen großen Opernhäusern Europas. Unter den Gesangspartnern des „deutschen Schaljapin“Zu dem Beinamen siehe Michael Lemke: Vor der Mauer. Berlin in der Ost-West-Konkurrenz 1948 bis 1961. Böhlau, Köln, Weimar. Wien 2011, ISBN 978-3-412-20672-7, S. 462. waren Enrico Caruso, Benjamino Gigli, Heinrich Schlusnus und Marcel Wittrisch. In Berlin hatte Bohnen Richard Strauss kennengelernt, der für ihn Lieder komponierte und in seinen Produktionen einsetzte, so 1925 in der Rolle des Barons Ochs von Lerchenau in der Verfilmung der Oper Der Rosenkavalier. Auch bei den Salzburger Festspielen trat Bohnen auf, ferner in zahlreichen Operetten. Im Jahr 1923 debütierte er in New York in der amerikanischen Uraufführung der Oper Mona Lisa von Max von Schillings und wurde Mitglied der Metropolitan Opera. Dort heiratete er 1927 die Sängerin Mary Lewis (1900–1941), die sich 1930 von ihm in Los Angeles scheiden ließ.Mary Lewis divorced in 10 minutes. Meldung der Star Tribune, Minneapolis, vom 16. August 1930, S. 1. Lange Jahre lebte Bohnen mit der Tänzerin La Jana zusammen, die er 1928 kennengelernt hatte, was für Mary Lewis einer der Scheidungsgründe gewesen war. Im Jahr 1933 ging Bohnen nach Buenos Aires an das Teatro Colón.
In Deutschland hatte Bohnen auch als Filmschauspieler große Popularität erlangt und besaß zeitweilig eine eigene Filmgesellschaft, die Bohnen-Film GmbH (1920–1927)Handelsregister Berlin HRB Nr. 18380. Er spielte in über 30 Filmen, so 1919 im Monumentalfilm Die Herrin der Welt, 1937 im Musikfilm Mutterlied und 1943 im UFA-Jubiläumsfilm Münchhausen. Legendär wurde dabei seine Muskelkraft. Seine Kollegin Lil Dagover beschreibt in ihrer Autobiographie, wie er unter anderem mit einem lebendigen Stier kämpfte oder in August der Starke mit ausgestreckten Armen einen Knaben zum Fenster hinaushielt. Wegen seines über die „traditionell steife Operngestik“ hinausgehenden Spiels galt er als der „einzige singende Schauspieler des deutschen Musiktheaters“.Zitat im Eintrag im Internationalen Biographischen Archiv 45/1985 vom 28. Oktober 1985.
Zu Emil Jannings und Max Schmeling entwickelte sich eine langjährige Freundschaft. 1932 bezog Bohnen eine Mietwohnung in dem luxuriösen Wohnhaus Kurfürstendamm 50 in Berlin-Charlottenburg. Dort wohnte er bis an sein Lebensende.Mietwohnhaus Kurfürstendamm 48-50a. Information des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf aus Dorothea Zöbl: Leben am Kurfürstendamm. Gebrüder Mann, Berlin 2011.
In der NS-Zeit Nachdem er das Angebot eines dreijährigen Filmvertrags für Hollywood ausgeschlagen hatte, kehrte Bohnen 1934 in das nun nationalsozialistische Deutschland zurück. Er sang zunächst in Berlin wieder an der Staatsoper und wurde 1934 Mitglied des Ensembles des Deutschen Opernhauses, das der Propagandaminister Joseph Goebbels seinem Verantwortungsbereich zugeschlagen hatte. Bohnen genoss einige Freiheiten, wie die Möglichkeit, seine Rollen auszuwählen und weiterhin auf Gastreisen zu gehen. Zwar unterhielt er in der NS-Zeit „gewisse fragwürdige Verbindungen“, doch entzog er sich einem politischen Engagement und unterließ im Unterschied zu anderen bedeutenden Ensemblemitgliedern den Beitritt zur NSDAP.Zitat „gewisse fragwürdige Verbindungen“ bei Misha Aster: Staatsoper. Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert. Siedler, München 2017, ISBN 978-3-8275-0102-8, S. 258.
In der Viersektorenstadt Berlin Nach der Eroberung Berlins am 2. Mai 1945 begann die sowjetische Besatzungsmacht sofort unter Rückgriff auf die Gruppe Ulbricht mit dem Aufbau einer „antifaschistischen“ Stadtverwaltung. Zwecks Aufbau des Theaterwesens ernannte der Stadtkommandant Generaloberst Bersarin Heinz Tietjen zum Generalintendanten aller Berliner Bühnen und Orchester. Tietjen war in der NS-Zeit Intendant der Staatsoper Unter den Linden gewesen, die zum Machtbereich des preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring gehörte, der in Hitlers Führungsclique mit Goebbels rivalisiert hatte. Die Konkurrenz der beiden bestimmte auch das Verhältnis der ihnen unterstehenden Opernhäuser. Nach dem Fortfall der Regierungsebenen befürchtete das Ensemble der Deutschen Oper eine gefährliche Machtverschiebung im Berliner Musikleben zugunsten der Staatsoper durch den allmächtigen Tietjen. Es legte sich eine selbständige Leitung unter Bohnen zu, der als Nazigegner gelten konnte, und nicht Tietjens Ensemble der Bayreuther Festspiele angehört hatte.
Bohnen eröffnete als neuer Intendant des in „Städtische Oper Berlin“ umbenannten Hauses am 15. Juni 1945 den Spielbetrieb, wo er Hans Beirer und Josef Metternich zu seinen bevorzugten Schülern machte. Zu dieser Zeit bildete die sowjetische Besatzungsmacht die Kammer der Kunstschaffenden. Zu Mitgliedern des Präsidialrats ernannte sie neben Fritz Erpenbeck, Erich Otto und Eduard von Winterstein auch Michael Bohnen. Die Kammer amtierte als Rechtsnachfolgerin der Reichskulturkammer in deren unzerstörtem Gebäude in der Schlüterstraße 45 und entschied anhand des vollständig vorhandenen Aktenbestands aus der NS-Zeit auf dem Weg der Einzelfallprüfung über das weitere individuelle Fortkommen der Kunstschaffenden bis hin zu ihrer Versorgung mit Lebensmitteln.Zur Kammer der Kunstschaffenden siehe Bärbel Schrader: Die erste Spielzeit und die Kammer der Kunstschaffenden. In: Ursula Heukenkamp (Hrsg.): Unterm Notdach. Nachkriegsliteratur in Berlin 1945–1949. Erich Schmidt, Berlin 1996, ISBN 3-503-03736-5, S. 229–266; dort auch zu Bohnen.
In seiner Doppelrolle fungierte Bohnen als „Galionsfigur“ einer Koalition gegen Tietjen, der sich durch seinen Machtanspruch, verbunden mit rigiden Entlassungen von auch nur nominellen NSDAP-Mitgliedern, unter den Kunstschaffenden zahlreiche Feinde geschaffen hatte.Zitat bei Misha Aster: Staatsoper. Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert. Siedler, München 2017, ISBN 978-3-8275-0102-8, S. 259. Dank der Mitwirkung des Dirigenten Leo Borchard gelang es Tietjens Feinden, ihn Ende Juni 1945 bei Bersarin wegen seiner zwielichtigen Vergangenheit zu denunzieren. Daraufhin setzte dieser ihn ab.
Mit seinen „zweifelhaften Managerqualitäten“ und als „schwierig“ bekannt, wurde Bohnen 1947 zum Opfer einer Intrige im Ensemble der Städtischen Oper.Zitate „der als schwierig bekannte Mann“ und „offenbar durch Intrigen“ bei Michael Lemke: Vor der Mauer. Berlin in der Ost-West-Konkurrenz 1948 bis 1961. Böhlau, Köln, Weimar. Wien 2011, ISBN 978-3-412-20672-7, S. 462; „zweifelhafte Managerqualitäten“ bei Misha Aster: Staatsoper. Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert. Siedler, München 2017, ISBN 978-3-8275-0102-8, S. 259. So forderte der Betriebsrat im Oktober 1946 auf Grund von Äußerungen Beirers aus dem Jahr 1946 ein Entnazifizierungsverfahren für Bohnen. Dem folgte am 5. April 1947 der Magistrat von Berlin, verbunden mit der sofortigen Beurlaubung des „Nazis“ Bohnen vom Amt des Intendanten der Städtischen Oper. Im selben Jahr fand die Kammer der Kunstschaffenden durch politischen Zwistigkeiten unter den Besatzungsmächten ihr Ende. Erst Anfang 1949 erwies sich die Denunziation gegen Bohnen als vollkommen haltlos. Rehabilitiert kehrte Bohnen an die Städtische Oper zurück, wo 1948 der ebenfalls rehabilitierte Tietjen sein Nachfolger als Intendant geworden war. Im Herbst 1950 trat Bohnen wieder an der Berliner Staatsoper auf und erlebte ein kurzes Comeback als Sänger, doch lag der Zenit seines Schaffens hinter ihm. Er musste 1951 aus Gesundheitsgründen von der Bühne abtreten. Bohnen geriet schnell in finanziell prekäre Verhältnisse.
Der „Fall Bohnen“ im geteilten Berlin