mini|Nazario Nazarini (1725 bis nach 1793): Marco Foscarini, 1763, Öl auf Leinwand, 126 × 94 cm, Museo Correr, Venedig Marco Foscarini (* 4. Februar 1696 in Venedig; † 31. März 1763 in Pontelongo) war der viertletzte Doge von Venedig. Er amtierte von seiner Wahl am 31. Mai 1762 bis zu seinem Tod. Seine Bedeutung speist sich dabei weniger aus seinem nur zehn Monate währenden Dogenamt, als aus rund ein Vierteljahrhundert anhaltenden politischen und gesellschaftlichen Einfluss. Diplomatisch war er als Botschafter in Wien, Rom und Turin tätig. Vor allem aber war er Autor einer Reihe von Schriften; 1735 wurde er zum offiziellen Geschichtsschreiber der Republik Venedig bestellt, die allerdings seit geraumer Zeit keine bedeutende politische Rolle mehr spielte und neutral zu bleiben versuchte.

Foscarini ist einer derjenigen Dogen, bei denen die Wahl zwar als krönender Abschluss eines verdienstvollen Lebens gelten kann, doch dies würde seine dominierende Rolle in der Politik, die er ab 1740 einnahm, unterschätzen. Dabei war er Verfechter einer äußerst konservativen, aus der Kultur- und Institutionengeschichte abgeleiteten Politik, die fast ein Vierteljahrhundert lang die Geschicke Venedigs dominierte, die Vorherrschaft der einflussreichsten Familien mit ihrem Klientelsystem weiter verfestigte, und die den Staatsinquisitoren mit ihren willkürlichen, und oft im Geheimen getroffenen Entscheidungen ein enormes Gewicht verlieh. Die hinter ihm stehenden Familien wehrten fast alle Reformversuche ab, zuletzt 1752, und noch während seiner Amtszeit verhinderte er eine Reform der Universität Padua.

Familie mini|Der Palazzo Foscarini Giovanelli am Canal Grande, unweit der Kirche San Stae, in dem Foscarini ursprünglich lebte Die Familie Foscarini gehörte erst seit dem Ende des 16. Jahrhunderts zu den mit Privilegien, aber auch Verpflichtungen ausgestatteten Patriziern Venedigs, wenn sich die Familie auch nach Roberto Cessi bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Marco Foscarini gehörte zu den Foscarini von S. Stae, die einen Palast in der Nähe der Kirche San Stae am Canal Grande besaßen.

In den 1660er Jahren waren die Foscarini von S. Stae, also die väterliche Seite Marco Foscarinis, dem Untergang nahe. Nicolò, Bruder seines Urgroßvaters, war durch den Rat der Zehn verbannt worden. Er starb im Exil in Mantua. Sein gleichnamiger Großvater war von einem anderen Adligen im Zuge einer Streitigkeit ermordet worden. Doch dem Großonkel Sebastiano Foscarini, der mehrfach als Botschafter tätig war, und dem Vater Nicolò gelang es, das Ansehen der Familie wiederherzustellen. Dies allerdings war nur durch einflussreiche Verwandte zu bewerkstelligen, wie den späteren Dogen Carlo Ruzzini, der ein Bruder der Großmutter väterlicherseits war. Hilfreich war auch das erhebliche Vermögen der Familie. Es hieß, Nicolò sei nur „per soldi“, also mittels Schmiergeldzahlungen, zum Prokurator von San Marco erhoben worden. Nicolò heiratete Eleonora di Marco Loredan aus der Gemeinde San Marcuola.

Leben Ausbildung, erste Veröffentlichungen Marco Foscarini wurde im Februar 1695 more veneto, also 1696, als zweiter Sohn jenes Prokurators von San Marco Nicolò Foscarini und der Eleonora Loredan geboren. Seinen Vornamen erhielt er nach dem Großvater mütterlicherseits.

Die Aufgabenverteilung zwischen Alvise, dem älteren Bruder, und Marco Foscarini wurde frühzeitig festgelegt. Alvise oblag es, die Vermögensverwaltung zu übernehmen und durch eine standesgemäße Hochzeit die Stellung der Familie innerhalb Venedigs abzusichern, während Marco für eine politische Karriere vorgesehen war. Er besuchte das Jesuitenkolleg S. Francesco Saverio in Bologna.

Nach seiner Rückkehr nach Venedig bereitete er sich auf seine politische Tätigkeit vor, indem er traditionsgemäß accademie veranstaltete. Diese Versammlungen geistreicher Männer fanden etwa in der Bibliothek des Vaters statt. Anlässlich eines solchen Zusammentreffens verfasste er einen Discorso sulla necessità della storia e della facoltà di ben dire per gli uomini di Repubblica, den er seinem Vater widmete.Zuerst veröffentlicht unter dem Titel Discorso di Marco Foscarini Doge di Venezia per la prima volta pubblicato nelle nozze Zen e Correr, Picotti, Venedig 1819 (Digitalisat). Darin ging es um die Bedeutung der Geschichte und der angemessenen Ausdrucksweise sowie Redegewandtheit für die Männer der Republik, womit er vor allem die führenden Männer aus den patrizischen Familien meinte. Seine beiden wesentlichen Interessen neben der Politik lagen auf diesen beiden Feldern, nämlich der Geschichte und der Rhetorik. Letztere war im Rahmen der schrumpfenden Führungsgruppe, die die adligen Familien Venedigs darstellten, von besonderer Bedeutung, um überhaupt einen Konsens erzielen zu können. Die Ausrichtung der Politik sollte aber nach den historischen Erfahrungen der Republik Venedig erfolgen, oder, noch weiter gehend, sollte diese Geschichtsschreibung an die Bedürfnisse der Führungsgruppen angepasst werden.

Der Rhetorik wandte sich Foscarini mit einer weiteren Schrift zu, die den Titel Della improvvisa eloquenza trug,Das Werk wurde von Carlo Milanesi im Archivio Storico Italiano, App. V 201–257 publiziert. etwa: Über die Stegreifrede. Er widmete sie Giovan Antonio Marco Ruzzini, der der Familie sehr nahe stand. Allerdings verfasste Foscarini nur den ersten Teil seiner Improvvisa eloquenza.

Foscarini selbst sprach in der Öffentlichkeit und auch in seinen Reden Venezianisch, auch wenn die Sprache, im Gegensatz zum Toskanischen, ungenormt blieb.Rembert Eufe: Rhetorik und distanzsprachliche Mündlichkeit: Marco Foscarinis Della improvvisa eloquenza und der Status des Venezianischen, in: Rita Franceschini, Rainer Stillers, Maria Moog-Grünewald, Franz Penzenstadler, Norbert Becker, Hannelore Martin (Hrsg.): Retorica: Ordnungen und Brüche. Beiträge des Tübinger Italianistentags, Gunter Narr, Tübingen 2006, S. 39–53, hier: S. 40 (Digitalisat). Für ihn war die Rhetorik der Maßstab der inneren Freiheit, das Mittel, um das Volk zu leiten, externe Konflikte zu mildern und die Freiheit Italiens zu schützen, wie er vor dem Senat verkündete.

Ämterlaufbahn, weitere Schriften, Einflüsse Nachdem er im Jahr 1721 das für den Eintritt in den Großen Rat erforderliche Mindestalter erreicht hatte, übernahm er eine der typischen Anfängerpositionen, denn er wurde zum Savio agli Ordini gewählt, eine Position, die schon seit langer Zeit zum Sprungbrett für jede Art von politischer Karriere avanciert war. Seine Schreibtätigkeit gab er aber keineswegs auf. Sein Opus Della perfezione della Repubblica veneziana (das erst 1983 veröffentlicht wurdeLuisa Ricaldone (Hrsg.): Necessita della storia e della perfezione della Repubblica veneziana / Marco Foscarini, Franco Angeli, Mailand 1983.) widmete er Michiel Morosini, dem Neffen des Dogen Francesco, der im Collegio dei savi saß, dem machtvollsten Gremium der Stadt.

Nach dem Frieden von Passarowitz (1718), der den Verlust der Morea, also der Peloponnes, und den endgültigen Verlust der Vorherrschaft im östlichen Mittelmeerraum zur Folge hatte, schrieb Foscarini dieses Fiasko diffusen Vorstellungen politisch unglücklicher Verhältnisse und Ereignisse zu. Seine Grundannahme, dass die Regierungsform Venedigs immer die gleiche und damit die richtige gewesen sei, wurde davon keineswegs erschüttert. Es sei richtig, wie seit jeher, den Gesetzen zu folgen, die regulierte Autorität der Stände aufrechtzuerhalten. Eine wohlgeordnete Ämterstruktur auf der Grundlage der ewigen Tugend der Aristokratie sei weiterhin fundamental, ebenso wie die Gerechtigkeit und die Weisheit, die Ehrenhaftigkeit und vor allem das Wissen um die eigene Vergangenheit. Dabei waren Mäßigkeit und Tapferkeit die wichtigsten Tugenden der Republik. Ihre Neutralität sollte nicht als Schwäche vorgetragen werden, sondern als eine aus der Tugend hervorgehende Entscheidung.

Mit den üblichen zeitlichen Unterbrechungen wurde Foscarini von 1724 bis 1731 ins Collegio als Savio di Terraferma gerufen – er war also zuständig für das venezianische Festland Oberitaliens –, was ihn nicht davon abhielt, eine Reihe weiterer Schriften zu verfassen. Darunter befanden sich Di quanto è opportuno a promuoversi alla corte di Roma per onore e per utile della Repubblica veneta, eine Schrift zum Verhältnis zur römischen Kurie,Nicolò Barozzi (Hrsg.): Marco Foscarini. Di quanto è opportuno a promuoversi alla corte di Roma per onore e per utile della Repubblica veneta, Padua 1863. Sulla difesa degli Stati d’Italia per la parte di mare,Nicolò Barozzi (Hrsg.): Sulla difesa degli Stati d’Italia per la parte di mare, Venedig 1859. Delle franchigie concesse agli ambasciatori esterni residenti in Venezia.Carlo Milanesi (Hrsg.): Delle franchigie concesse agli ambasciatori esterni residenti in Venezia, in: Archivio Storico Italiano, Appendice, IX (1853) 499–537. Diese Schriften wurden ebenfalls erst spät, nämlich zwischen 1853 und 1863 veröffentlicht. Noch später publiziert wurde Sopra le esecuzioni dei dazi agli ambasciatori dei principi stranieri,Biblioteca Marciana, Mss. It., cl. VII, 609. denn sie erschien erst 1983.Luisa Riscaldone (Hrsg.): Necessità della storia e della perfezione della Repubblica veneziana, Franco Angeli, Mailand 1983. Auch verfasste er lateinische Gedichte, wie Coralia. Foscarini wurde von Antonio Conti (1677–1749),Giovanna Gronda: Conti, Antonio, in: Dizionario Biografico degli Italiani 28 (1983). Francesco Algarotti, Carlo Lodoli, dann Samuel von Pufendorf und anderen Geistesgrößen beeinflusst, ebenso wie von Paolo Sarpi und John Locke oder dem ‚Atheisten‘ Francesco Griselini.

Botschafter am kaiserlichen Hof (ab 1732) 1732 reiste Foscarini als Botschafter an den Hof Kaiser Karls VI., eine Aufgabe, auf die er sich anhand früherer Aufzeichnungen akribisch vorbereitete. Auch in dieser Zeit schrieb er, darunter eine Schrift, in der er den dauerhaften Frieden mit den Osmanen rechtfertigte. Dabei wollte er das erste Buch einer Geschichte Kaiser Karls Carlo Ruzzini widmen, doch starb der Doge. So widmete er sein Werk wiederum Karl, dem er auch schon sein Werk über Stegreifreden gewidmet hatte.

Überraschenderweise sollten darin nicht die üblichen Haupt- und Staatsaktionen eine Rolle spielen, sondern ihm schwebte eine Geschichtsschreibung vor, die sich um die Gebräuche des Kaisers drehte, um die ihn umgebenden Männer und die Art, wie sie ihre Aktivitäten umsetzten. Auch hier wollte er den Kontrast zu Venedig mit seinen guten Gesetzen herausschälen.

Staatlicher Geschichtsschreiber (ab 1735) mini|Die Relazione Foscarinis, die er nach seiner Rückkehr aus Turin ablieferte mini|„Relazione di Marco Foscarini al Doge e Senato Veneto“ 1735 wurde er als staatlicher Geschichtsschreiber vom Rat der Zehn eingesetzt, nachdem sein Vorgänger in diesem Amt Piero Garzoni gestorben war. Sogleich machte er sich, nach Rücksprachen mit Antonio Conti sowie drei Briefen an Domenico Passionei, Scipione Maffei und einem weiteren Korrespondenten, an das gewaltige Werk.