mini|Seiten einer Handschrift des Timaios-Kommentars des Calcidius. Vatikan, Vatikanische Apostolische Bibliothek, Codex Reginensis Latinus 1308 (11. Jahrhundert) Calcidius (auch Chalcidius geschrieben) war ein spätantiker Gelehrter und Philosoph. Er lebte im 4. und vielleicht noch im frühen 5. Jahrhundert im Westen des Römischen Reichs.
Als Platoniker wollte Calcidius Platons Naturphilosophie, die in dem Dialog Timaios in griechischer Sprache dargelegt ist, einem gebildeten Lesepublikum, das nicht mehr über hinreichende Griechischkenntnisse verfügte, zugänglich und verständlich machen. Zu diesem Zweck übersetzte er einen Teil des Timaios ins Lateinische und verfasste einen ausführlichen lateinischen Kommentar zu dem anspruchsvollen, erläuterungsbedürftigen Text. Dabei berücksichtigte er auch christliche Vorstellungen. Inwieweit er sich selbst zum Christentum bekannte, ist unklar und in der Forschung umstritten.
Calcidius betonte seine kritische Distanz zu den früheren Platon-Auslegern. Sein besonderes Interesse galt der mathematischen Grundlage der Weltordnung, dem Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Bestandteilen des Universums und der Problematik der menschlichen Willensfreiheit in einer von der Vorsehung gelenkten Welt. Ein Kerngedanke seiner Kosmologie und Anthropologie ist das Konzept der Analogie zwischen dem Kosmos und dem Menschen. Dabei erscheint der Mensch als Abbild des Kosmos, als Welt im Kleinen.
Im Mittelalter wurde das Werk des Calcidius intensiv studiert. Es bildete jahrhundertelang die Hauptgrundlage der direkten Platonrezeption im lateinischen Abendland und gab Impulse zur Verschmelzung von platonischer und christlicher Kosmologie. Seine starke Nachwirkung erstreckte sich auch auf den frühen Renaissance-Humanismus. Die moderne Forschung befasst sich insbesondere mit der Wirkungsgeschichte und der Frage nach den heute verlorenen Quellen, die Calcidius zur Verfügung standen.
Leben
Die Herkunft des Schriftstellers ist unbekannt. Anscheinend nannte er sich Calcidius; die alternative Namensform Chalcidius gilt als nicht authentisch. Der Name ist zwar griechischen Ursprungs (Χαλκίδιος Chalkídios), doch wurde bei der Latinisierung aus dem Ch ein C, die Aspiration wurde nicht beachtet.Jan Hendrik Waszink: Calcidius. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Supplement-Lieferung 10, Stuttgart 2003, Sp. 283–300, hier: 283. Vgl. aber die zurückhaltende Stellungnahme von Paul E. Dutton: Medieval Approaches to Calcidius. In: Gretchen J. Reydams-Schils (Hrsg.): Plato’s Timaeus as Cultural Icon, Notre Dame 2003, S. 183–205, hier: 184 f.
Über das Leben des Calcidius ist fast nichts bekannt. In der älteren Forschung dominierte die Annahme, dass er in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts lebte. Einen Anhaltspunkt dafür schien der Widmungsbrief zu seinem Werk, den er an seinen engen Freund Osius richtete, zu bieten. Dem Brief ist zu entnehmen, dass Osius ein angesehener Gelehrter war, der Calcidius den Auftrag zu der Übersetzung erteilt hatte. In einem Teil der handschriftlichen Überlieferung wird Osius als spanischer Bischof und Calcidius als Archidiakon bezeichnet.Siehe dazu Paul E. Dutton: Medieval Approaches to Calcidius. In: Gretchen J. Reydams-Schils (Hrsg.): Plato’s Timaeus as Cultural Icon, Notre Dame 2003, S. 183–205, hier: 186 f. Tatsächlich gab es einen Bischof von Córdoba namens Ossius (Hosius), der in den 350er Jahren starb. Darauf beruht die früher verbreitete chronologische Einordnung der Tätigkeit des Calcidius. Jan Hendrik Waszink hat jedoch gezeigt, dass die Identifizierung von Calcidius’ Freund mit dem gleichnamigen Bischof unzureichend belegt ist, denn ihre handschriftliche Bezeugung reicht nur bis ins 11. Jahrhundert zurück und keine dieser Handschriften hat eine Beziehung zu Spanien.Jan Hendrik Waszink (Hrsg.): Timaeus a Calcidio translatus commentarioque instructus, 2., ergänzte Auflage, London/Leiden 1975, S. IX–XIV; Jan Hendrik Waszink: Calcidius. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Supplement-Lieferung 10, Stuttgart 2003, Sp. 283–300, hier: 284–286. Es gibt keinen stichhaltigen Beleg dafür, dass Calcidius auf der Iberischen Halbinsel lebte. Somit entbehrt auch die ältere Datierung von Leben und Werk des Timaios-Kommentators einer tragfähigen Basis.
Von diesem Ergebnis ausgehend hat Waszink für eine Spätdatierung plädiert. Hauptsächlich aus sprachlichen Gründen hat er die Hypothese vorgetragen, dass Calcidius den Timaios erst um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert übersetzt und kommentiert habe, als es im Westen des Imperiums auch für Gebildete nicht mehr selbstverständlich war, über profunde Griechischkenntnisse zu verfügen. Dies sei wohl in Italien geschehen. Der Auftraggeber sei vermutlich mit einem aus Mailand stammenden, nur durch seine dortige Grabinschrift bezeugten vornehmen Römer namens Hosius zu identifizieren, der nacheinander die hohen Hofämter des comes rerum privatarum und des comes sacrarum largitionum bekleidete. Calcidius sei wohl in der Heimatstadt seines Freundes tätig gewesen.Jan Hendrik Waszink (Hrsg.): Timaeus a Calcidio translatus commentarioque instructus, 2., ergänzte Auflage, London/Leiden 1975, S. XVI f.; Jan Hendrik Waszink: Calcidius. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Supplement-Lieferung 10, Stuttgart 2003, Sp. 283–300, hier: 286–289. Vgl. zu diesem Hosius John Robert Martindale: The Prosopography of the Later Roman Empire, Bd. 2, Cambridge 1980, S. 572. Für eine Entstehung des Werkes in Mailand haben sich auch Pierre CourcellePierre Courcelle: Ambroise de Milan et Calcidius. In: Willem den Boer u. a. (Hrsg.): Romanitas et Christianitas, Amsterdam 1973, S. 45–53, hier: 49. Christine RatkowitschChristine Ratkowitsch: Die Timaios-Übersetzung des Chalcidius, ein Plato christianus. In: Philologus 140, 1996, S. 139–162, hier: 141. und Béatrice BakhoucheBéatrice Bakhouche (Hrsg.): Calcidius: Commentaire au Timée de Platon, Bd. 1, Paris 2011, S. 8–13. ausgesprochen, der Datierung um 400 hat Eckart Mensching zugestimmt.Eckart Mensching: Zur Calcidius-Überlieferung. In: Vigiliae Christianae 19, 1965, S. 42–56, hier: 55 f. Einwände gegen Waszinks Argumentation hat jedoch John M. Dillon erhoben.John Dillon: The Middle Platonists, London 1977, S. 401 f., 408. In der neueren Forschung gilt die Frage meist als offen; es wird nicht ausgeschlossen, dass die alte Gleichsetzung des Auftraggebers mit dem Bischof von Córdoba doch zutrifft.Gretchen Reydams-Schils: Calcidius. In: Lloyd P. Gerson (Hrsg.): The Cambridge History of Philosophy in Late Antiquity, Bd. 1, Cambridge 2010, S. 498–508, hier: 498; Peter Dronke: The Spell of Calcidius, Firenze 2008, S. 3–7. Vgl. Pier Franco Beatrice: Ein Origeneszitat im Timaioskommentar des Calcidius. In: Wolfgang A. Bienert, Uwe Kühneweg (Hrsg.): Origeniana Septima, Leuven 1999, S. 75–90, hier: 75–77.
Die religiöse Haltung des Calcidius geht aus seinen Ausführungen nicht klar hervor. Ein glühender Christ war er offensichtlich nicht, denn er zeigte keine Präferenz für die christliche Schöpfungslehre gegenüber der platonischen und versuchte nicht, den Timaios zu christianisieren. Auf ein zumindest nominelles Bekenntnis zum christlichen Glauben scheinen Stellen zu deuten, an denen er auf die Bibel und die Exegese der „Hebräer“ Bezug nahm. Ein Beweis für Zugehörigkeit zum Christentum ist das jedoch nicht; es zeigt nur, dass er sich an christliche Leser wandte, zu denen offenbar sein Freund und Auftraggeber Osius zählte. Manche Historiker halten Calcidius für pagan,Anna Somfai: The Eleventh-Century Shift in the Reception of Plato’s Timaeus and Calcidius’s Commentary. In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 65, 2002, S. 1–21, hier: 12; Gretchen Reydams-Schils: Calcidius Christianus? God, Body and Matter. In: Theo Kobusch, Michael Erler (Hrsg.): Metaphysik und Religion, München 2002, S. 193–211, hier: 196–201, 204–209; Gretchen J. Reydams-Schils: Meta-Discourse: Plato’s Timaeus according to Calcidius. In: Phronesis 52, 2007, S. 301–327, hier: 310. andere für einen Christen.Beispielsweise Pier Franco Beatrice: Ein Origeneszitat im Timaioskommentar des Calcidius. In: Wolfgang A. Bienert, Uwe Kühneweg (Hrsg.): Origeniana Septima, Leuven 1999, S. 75–90, hier: 77 und Christine Ratkowitsch: Die Timaios-Übersetzung des Chalcidius, ein Plato christianus. In: Philologus 140, 1996, S. 139–162. Eine mittlere Linie verfolgen Forscher, die meinen, er habe sich in einer Zwischenzone zwischen biblischem Glauben und dem Weltbild des Timaios bewegt, entweder als nomineller Christ, der an der platonischen Kosmologie festhielt,So Claudio Moreschini: Il Commento al Timeo di Calcidio tra platonismo e cristianesimo. In: Maria Barbanti u. a. (Hrsg.): ΕΝΩΣΙΣ ΚΑΙ ΦΙΛΙΑ. Unione e amicizia. Omaggio a Francesco Romano, Catania 2002, S. 433–440; John Dillon: The Middle Platonists, London 1977, S. 402, 408. oder als paganer, aber christlich beeinflusster Philosoph.Gretchen Reydams-Schils: Calcidius Christianus? God, Body and Matter. In: Theo Kobusch, Michael Erler (Hrsg.): Metaphysik und Religion, München 2002, S. 193–211, hier: 209; Christina Hoenig: Timaeus Latinus: Calcidius and the Creation of the Universe. In: Rhizomata 2, 2014, S. 80–110, hier: 93–96.
Übersetzung und Kommentierung des Timaios
Die Timaios-Übersetzung des Calcidius mit Kommentar ist, soweit bekannt, sein einziges Werk. Etwa ein Viertel des Dialogs hatte schon Cicero ins Lateinische übertragen. Auch Calcidius übersetzte nur einen Teil des Timaios, der etwas weniger als die erste Hälfte ausmacht (von 17a1 bis 53c2 nach der Stephanus-Paginierung). Seine Übersetzung unterscheidet sich beträchtlich von der Ciceros, die er möglicherweise nicht kannte. Der Kommentar – der einzige erhaltene lateinische Platon-Kommentar der Antike – bezieht sich nur auf den Text von 31c4 bis 53c3.Claudio Moreschini (Hrsg.): Calcidio: Commentario al “Timeo” di Platone, Milano 2003, S. VIII und Anm. 2; Béatrice Bakhouche (Hrsg.): Calcidius: Commentaire au Timée de Platon, Bd. 1, Paris 2011, S. 21, 120–124.
Nach einleitenden Ausführungen werden im Kommentar 27 Themen aufgezählt, die dem ganzen Inhalt von Platons Dialog entsprechen und deren Erörterung angekündigt wird.Calcidius, In Platonis Timaeum 7. Erhalten sind aber nur die Erläuterungen des Kommentators zu den Themen 1–13, die in dem übersetzten Teil des Dialogs behandelt werden. Ob dies auf Unvollständigkeit des überlieferten Textes zurückzuführen ist oder auf einen Abbruch des Vorhabens, ist unbekannt.Siehe dazu Paul E. Dutton: Medieval Approaches to Calcidius. In: Gretchen J. Reydams-Schils (Hrsg.): Plato’s Timaeus as Cultural Icon, Notre Dame 2003, S. 183–205, hier: 190 f.; Béatrice Bakhouche (Hrsg.): Calcidius: Commentaire au Timée de Platon, Bd. 1, Paris 2011, S. 25–27. Die Darstellung schreitet von einfacheren zu komplexeren Themen fort. Im Widmungsbrief teilte Calcidius seinem Auftraggeber Osius mit, dass er zunächst nur einen Teil des geplanten Werks verfasst habe und diesen nun als Probe übersende; wenn der Empfänger daran Gefallen finde, werde dies ihn, Calcidius, zur Fortsetzung der Arbeit ermutigen.Jan Hendrik Waszink: Calcidius. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Supplement-Lieferung 10, Stuttgart 2003, Sp. 283–300, hier: 289.