mini|250 Jahre TU Braunschweig Deutsche Sonderbriefmarke 1995 Die Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig ist mit etwa 15.600 Studierenden in 84 Studiengängen eine mittelgroße Hochschule in Deutschland. Sie geht auf das im Jahr 1745 gegründete Collegium Carolinum zurück und besitzt damit die längste Tradition unter den Technischen Universitäten in Deutschland. Die Universität ist Mitglied des Zusammenschlusses der neun führenden Technischen Hochschulen Deutschlands (TU9 German Institutes of Technology e. V.).

Das von den Professoren Uhde und Körner entworfene, an der Pockelsstraße gelegene historische Hauptgebäude wurde 1877 bezogen. Die Namensgeber sind der Gründer Karl I. von Braunschweig und Lüneburg sowie der Stifter Herzog Wilhelm.Beate Nagel: Technische Universität (TU) einschl. Collegium Carolinum In:

Geschichte mini|Collegium Carolinum um 1746

Collegium Carolinum (1745–1862) Die Universität geht zurück auf das 1745 gegründete Collegium Carolinum. Mit mehreren Beratern, unter anderem dem Hofprediger J. F. W. Jerusalem, entstand unter dem Gründer Carl I. das Lehrangebot für eine Bildungsinstitution, welche zwischen Gymnasium und Universität einzuordnen war. Die Aufgabe des am Bohlweg angesiedelten Collegium Carolinum war zunächst vor allem die Ausbildung von Beamten sowie die Vorbereitung von Schülern auf ein Universitätsstudium (u. a. Gauß von 1792 bis 1795). Damit stand sie in direkter Konkurrenz zu den Braunschweiger Gymnasien (Vorläufer des heutigen Martino-Katharineums).

Mit der Berufung von Literaturhistorikern wie Johann Joachim Eschenburg und dem Kreis der Bremer Beiträger an das Collegium Carolinum sowie Gotthold Ephraim Lessing an die Herzog August Bibliothek wurde das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für kurze Zeit zu einem intellektuellen Zentrum der Aufklärung in Deutschland.Isa Schikorsky: Gelehrsamkeit und Geselligkeit. Abt Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (1709–1789) in seiner Zeit. Ausstellungskatalog. Braunschweig 1989; Fritz Meyen: Bremer Beiträger am Collegium Carolinum in Braunschweig. in: K. Chr. Gärtner, J. A. Ebert, F. W. Zachariä, K. A. Schmid: Braunschweiger Werkstücke. 26. Waisenhaus-Buchdr. und Verl., Braunschweig 1962. Nach einer zwischenzeitlichen Umwandlung im Jahre 1808 in eine Militärakademie wurde das Collegium 1814 wieder eröffnet.

Zwischen 1745 und 1808 lagen die jährlichen Immatrikulationszahlen bei durchschnittlich 25 und stiegen bis 1835 auf 38, allerdings bei erheblichen jährlichen Schwankungen. Nach kurzfristigen Einbrüchen der Neuimmatrikulationen musste schon 1777 eine Zwangsbesuchsklausel für angehende Studenten des Herzogtums eingeführt werden, aber das Collegium Carolinum verweigerte sich zunächst der vom Handel und Bürgertum geforderten Reform mit mehr kaufmännischen und technischen Unterrichtsinhalten. Zwischen 1814 und 1835 sank der Anteil der technischen Fächer sogar von 16,6 auf 7 Prozent.

1796 wurde zwar von der Ständeversammlung des Herzogtums der Zusammenschluss mit der Landesuniversität in Helmstedt zu einer Technischen Universität beschlossen, aber nicht umgesetzt. Als Gründe dafür werden der Widerstand von Helmstedter Professoren sowie der hohe Finanzbedarf vermutet. Spätestens mit der Schließung der Academia Julia 1810 waren diese Pläne obsolet.

Als 1825 der Sprachlehrer am Collegium Carolinum August Brandes, der Pastor Friedrich Möhle und der Buchhalter Friedrich Süpke ein technisch ausgerichtetes Realgymnasium gründeten (Vorgänger der heutigen Neuen Oberschule), das mit über 60 Schülern sofort starken Zulauf fand, mussten die traditionellen Gymnasien um ihren Bestand fürchten und auch die Immatrikulationen am Collegium Carolinum gingen zurück. Eine eilig einberufene Schulkommission führte 1828 zur Zusammenfassung der Gymnasien zu einem Gesamtgymnasium, ließ aber das Collegium Carolinum außen vor und erhöhte den Reformdruck.

1831 unterbreitete der Mathematik-Professor Spehr in einer zunächst anonymen Veröffentlichung einen Vorschlag zur Weiterentwicklung des Collegiums Carolinum zu einem Polytechnischen Institut, der kontrovers diskutiert, aber nicht umgesetzt wurde, so dass der Zustand eines privilegierten Gymnasiums fortbestand. Um im Konkurrenzkampf insbesondere mit dem Realgymnasium bestehen zu können, mussten die Unterrichtsgebühren gesenkt bzw. komplett erlassen werden. 1835 kam es als Kompromiss zunächst zur Gründung einer technischen und einer merkantilistischen Abteilung. Nach einem kurzfristigen Erfolg und Anstieg der Immatrikulationen auf über 100 jährlich setzte ab 1850 ein erneuter Rückgang auf das alte Niveau ein. So hatte die humanistische Abteilung nur noch etwa 15 Besucher, die merkantilistische 5 und die technische Abteilung 44 Studenten. Insbesondere wegen erbitterter Widerstände der humanistischen Abteilung wurden notwendige Reformen aber noch lange verzögert.

Polytechnische Schule (1862–1878) mini|Das Collegium Carolinum war eine Mischung aus Gymnasium und Universität und gehörte zu den „Hohen Schulen“ (Foto um 1900) 1855 wurden erste Reformschritte durchgeführt, als konkrete Lehrpläne für die Fächer Maschinenbau, Bauwesen, chemische Technik, Pharmazie, Forstwissenschaft und Landwirtschaft eingeführt wurden. Aber erst nach dem Tod des Leiters der humanistischen Abteilung Prof. Petri 1857 und der Entlassung des Staatsministers Schulz 1861 konnte sich das Direktorium auf konkrete Reformpläne nach dem Vorbild der Polytechnischen Schule Karlsruhe verständigen, die am 7. Juni 1862 vom Staatsministerium bestätigt wurden.

Mit Beginn des Wintersemesters 1862/63 wurde das Collegium Carolinum in „Polytechnische Schule“ umbenannt, an der in acht naturwissenschaftlichen Fachgebieten ausgebildet wurde. Die humanistische und merkantilistische Abteilung wurden aufgelöst. Zur Immatrikulation wurde jetzt in der Regel das Niveau der Prima eines Gymnasiums oder der Abschluss eines Realgymnasiums gefordert, wobei zahlreiche Ausnahmen gemacht wurden.

Mit der Umwandlung des Collegium Carolinum in eine Polytechnische Schule war in Braunschweig im Herbst 1862 der Anschluss an die Entwicklung des höheren technischen Schulwesens in Deutschland vollzogen worden. Die Leitung oblag einem vierköpfigen Direktorium, allerdings ohne weitergehende Selbstverwaltungsrechte. Vor allem die Beschränkung auf die Bedürfnisse des Herzogtums stand deren weiterer Entwicklung im Wege. Aber im Gegensatz zu ähnlichen Einrichtungen blieb das Collegium Carolinum zurück, insbesondere aufgrund von Organisationsmängeln, räumlicher Enge und dem Fehlen anerkannter Abschlussprüfungen. In der Landesversammlung beantragte der Wolfenbütteler Abgeordnete Ludwig Köpp sogar die Auflösung der Polytechnischen Schule, da er die Reform für gescheitert erachtete. Der Antrag wurde abgelehnt, aber eine eingesetzte Kommission erarbeitete eine Verwaltungsreform, die 1872 in Kraft trat. Sie setzte einen Direktor an die Stelle des Direktoriums und straffte die Organisation der Abteilungen. Die erfolglosen Fachschulen für Landwirtschaft, Eisenbahn- und Postdienst sowie das Hütten- und Salinenfach wurden geschlossen. mini|Polytechnikum Braunschweig. Foto der Kunstanstalt Zedler und Vogel, Darmstadt (1898) Nach einer stärkeren Zunahme der Immatrikulationen reichte die Kapazität von maximal 138 Besuchern nicht mehr aus und es wurde 1872 ein Ausbau für bis zu 450 Studenten geplant und ein Neubau bewilligt. Kritiker bemängelten weiterhin die mangelhafte Qualität der Ausbildung insbesondere aufgrund der niedrigen Aufnahmebedingungen. Daraufhin wurde eine Aufnahmeprüfung in Mathematik, ersatzweise der Besuch eines halbjährigen mathematischen Vorkurses mit gutem Erfolg verlangt.

Als schließlich die Kosten des Neubaus von 2,25 Mio. DM bekannt wurden, stellte Freiherr von Veltheim 1876 in der Landesversammlung einen Antrag zur kompletten ersatzlosen Schließung der Polytechnischen Schule, dem sich sogar eine eigens eingesetzte Kommission mehrheitlich anschloss. Aber schließlich konnte der Antrag auf Grund der Fürsprache der Landesregierung und der Industrie abgewiesen werden. Daraufhin konnte der Bau vollendet werden und das von den Professoren Uhde und Körner entworfene, an der Pockelsstraße gelegene historische Hauptgebäude wurde am 15. Oktober 1877 bezogen.

Technische Hochschule (1878–1968) mini|Hauptgebäude der Technischen Hochschule Braunschweig. Ansichtskarte um 1900 Beginnend mit der Reichsgründung 1871 nahm auch im Bildungswesen Preußen die führende Rolle ein. So wurde es auch für den Ausbau der Polytechnischen Schule immer wichtiger, dass deren Abschlüsse auch von Preußen anerkannt wurden. Nach längeren Verhandlungen wurden die Braunschweiger Vorschläge am 2. Juli 1877 akzeptiert, so dass schließlich im November 1877 eine Verfassung ausgearbeitet wurde, die eine Gleichstellung bedeutete. Allerdings wurden dabei von Preußen verschärfte Aufnahmebedingungen und vereinheitlichte Normalstudienpläne diktiert.

Parallel wurde aufgrund einer Initiative der Polytechnischen Schule München die Umwidmung aller derartigen Schulen in Deutschland zu Technischen Hochschulen diskutiert, als erster Schritt zu weitergehenden Absprachen. Daher entschloss man sich in Braunschweig, dem Vorbild von München und Darmstadt folgend, am 5. März 1878 zur Umbenennung in Herzogliche Technische Hochschule Carolo-Wilhelmina, der zweite Namensteil nach dem Namen des zu der Zeit herrschenden Wilhelm Herzog von Braunschweig, noch 4 Tage vor der formellen Verabschiedung der neuen Hochschulverfassung.

Die großen Erwartungen erfüllten sich allerdings nicht sofort, denn die Studentenzahlen entwickelten sich zunächst stark rückläufig (z. B. auf 13 Maschinenbau-Studenten im Jahr 1881), insbesondere wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise (sog. Gründerkrise), der verschärften Aufnahmebedingungen, aber auch aufgrund sich fortsetzender Diskussionen um die Anerkennung der ersten Staatsprüfung. So wurde 1882 erneut ein Aufhebungsantrag in die Landesversammlung eingebracht, der aber erfolglos verlief. mini|Altgebäude der TU 2018 Erst mit dem Wirtschaftsaufschwung in der Phase der Hochindustrialisierung setzte auch an der TH ein merklicher Aufschwung ein, so dass bis 1895 die Auslastung auf die ursprünglichen Ziele erreicht werden konnte. Damit ging auch ein Ausbau des Lehrkörpers einher. 1887 konnte schließlich eine einheitliche Staatsprüfung (bestehend aus einer Vor- und Hauptprüfung) im Bauwesen und Maschinenbau etabliert werden.

Im Jahre 1890 erhielt die Herzogliche Technische Hochschule Carolo-Wilhelmina eine Rektoratsverfassung und 1893 wurden Diplom-Prüfungen für die Studenten eingeführt, die nicht in den Staatsdienst eintraten. 1900 folgte die Verleihung des Promotionsrechts. 1909 erfolgte die Generelle Genehmigung des Studiums für Frauen, die auch die Zahl der Immatrikulationen in Braunschweig stark vergrößerte. Ab 1918 mussten zahlreiche neue Institute außerhalb des Hauptgebäudes eingerichtet werden. Teile der Hochschule, insbesondere die Geisteswissenschaften, befanden sich im Braunschweiger Schloss. mini|Ehemalige PH Braunschweig, heute Haus der Wissenschaft und Zentrale Studienberatung